[Texte vom alten PC und Handschriften – müssen noch eingegeben werden] W. Cz. 25.09.2014
Von mehreren Aufzeichnungen ist mir zurzeit nur das folgende Tagebuch leicht zugänglich:
Südchile
Im Zug von Santiago nach Puerto Varas,
Donnerstag, 14. Januar 1995, nach 18.15 Uhr:
Bis zum Moment der Abreise herrscht wildeste Hektik, danach eine entspannte Gleichgültigkeit. Nicht nur die Angelegenheiten, von denen man weiß, daß man sie zu bewältigen haben würde – die sechs oder acht Briefe, die vor der Reise noch unbedingt hinausmüssen, und die Besorgungen für die lange Fahrt -, vor allem das Unvorhergesehene – Faxe und Anrufe, auf die noch schnell zu reagieren ist – halten mich bis zum letzten Moment in Atem. Rasende Einkäufe bei mehr als 30 Grad Hitze, den schweren Koffer mit den Wintersachen – ich werde sie im extremen Süden trotz des Hochsommers brauchen – in die Metro wuchten und wieder hinaus, die 62 Stufen hoch zur Straße und von dort auf den Bahnsteig des Südexpress.
Ein Abteil für mich, und was für eins! Die Waggons sind 50 oder 60 Jahre alt, die Schlafwagenabteils innen holzverkleidet, jedes mit eigenem Waschbecken, Wasserhähnen aus Messing und Lampen mit geschwungenen Milchglasscheiben wie vom Pariser Flohmarkt. Unterm Waschbecken ist Raum für meinen großen Koffer. Auf drei breiten Polstersitzen aus grüngoldnem Plüsch – einer neben dem Waschbecken, zwei gegenüber – kann ich mich erst einmal ausstrecken.
Für 45.000 Pesos – keine 180 Mark – kann man hier über eine Strecke von 1.200 Kilometern das teuerste Schlafwagenabteil für sich alleine mieten (oder eine ganze Familie unterbringen), wofür man in Deutschland bestenfalls einen reservierten Sitzplatz im Großraumwagen vom Ruhrgebiet nach Frankfurt (ein Viertel der Entfernung Santiago – Puerto Montt) bekäme.
Ich strecke alle Viere von mir, als sogleich ein Zeitschriftenverkäufer mit den verbreitetsten chilenischen Gesellschafts- und Modeheften hineinschaut. Wenn sich der Zug mit mehreren Rucks – pünktlich! – in Bewegung setzt, steigt er wieder aus und überläßt den weiteren Service dem Schlafwagenpersonal, das nach und nach die Handtücher und die Seife bringt, den Ventilator anstellt, das Funktionieren der Lichtschalter demonstriert und die Fahrkarten kontrolliert.
Als der Zug sich einmal einige Meter über dem Level der Straße befindet, schließe ich die Abteiltür, wechsle mein Hemd und mache vom fließenden Wasser Gebrauch. Wieviel Platz man doch hat, im Vergleich zum Flugzeug oder Reisebus!
Ausgetrocknet, wie ich bin, suche ich den Speisewagen und genieße auf dem Weg dorthin einige Anblicke, die das Herz eines jeden Eisenbahnliebhabers (der ich bisher noch niemals war) höher schlagen lassen: geräumige Badezimmer mit Duschen; Salonwagen, ebenfalls holzvertäfelt und mit viel Plüsch; mehrfach unterteilte Fenster wie ein Mondrianbild; schwenkbare Messingkleiderhaken über jedem Sitz und überall diese Pariser Flohmarktslampen in den verschiedensten Rundungen. Der Zugang zum Speisewagen erfolgt durch einen schmalen Gang mit gewölbter Holzdecke, dessen Eingang bildet eine Schwingtür aus Holz und Glas, ebenfalls mit einem Rundbogen. Dahinter öffnet sich ein breiter Raum: der Salon. Rechts erhebt sich über einer sattblauen Tischdecke ein Buffet mit Früchten (Melonen, Pfirsichen, Maraschinos, die in Chile „Guindas“ heißen), verschieden geformten Weinflaschen (hauptsächlich Rotweine), plastikblauen Trinkhalmen in einem Wasserglas (farblich auf die Tischdecke abgestimmt – Zufall?), Mayonaise, Ketchup, Ají chileno (die klassischen Drei). Später, denke ich, zum Essen, werde ich eine dieser Bocksbeutelflaschen von Undurraga bestellen. Aber zunächst gilt es, den durchs Kofferschleppen entstandenen Flüssigkeitsverlust aufzufüllen. Der Zug wackelt so, daß die Pepsi Cola quer im Hals stecken bleibt. Die Gleise sind in schlechtem Zustand. Fast überall in Lateinamerika sind die von Europäern gebauten Eisenbahnen längst von den Reisebussen verdrängt worden. Eine Busgesellschaft zu betreiben ist weitaus weniger kostenaufwendig als das Streckennetz einer Eisenbahn zu unterhalten. Und die süd- und mittelamerikanischen Staaten sind zu bankrott, um so etwas subventionieren zu können. Oft bin ich diese Strecke in den Süden mit dem Auto gefahren. Hinterm Zugfenster aber tun sich ganz andere Perspektiven auf: auf versteckte Landhäuser tief hinten auf ihrem Fundo, die von der Straße aus verdeckt sind, auf die vielen Weingärten, auf badende Kinder in den steinigen, flachen Flüssen, die wir überqueren. Und vor allem tut es wohl, diesmal nicht auf den aggressiven Auto-, Bus- und Lastwagenverkehr achtgeben zu müssen. Auf diesem Gleis ist der Zug konkurrenzlos.
Das Wackeln freilich behindert das Schreiben, und allein aus diesem Grund bleibt während der Fahrt in der Abendsonne manches Schöne unnotiert. Aber beim Autofahren hätte ich noch viel weniger schreiben können.
Im Abteil: Der Ventilator wendet seinen Kopf unaufhörlich von links nach rechts und zurück, ruckartig, wie ein um sich blickender Truthahn. Eine massive Metallstange spannt das Abteil von einer Trennwand zur anderen. Daran schlenkert an einem Samtband in der Farbe der Sitze ein wuchtiger Kleiderbügel aus festem Holz. Drei Haken in der Form verbogener Hufeisen ragen in den Raum. Auf jedem steckt eine kegelförmige Spitze mit einem breiten Knauf, wie eine schlanke Dame auf einem Schachbrett – für den Hut. Alles ist Holz und Samt und Messing. Messing die Umrandung der Lichtschalter, das Waschbecken, der Schwenkhebel, mit dem die Tätigkeit der Heizung mehr aus- und eingekippt als -geschaltet wird. Samt die ausziehbaren Sitze mit ihren gebogenen Armstützen und die schweren Vorhänge. Holz in einem Palisanderton alle Wände, die Tür, der Waschtisch, die viertelwalzenförmige Unterseite des in einer Schiene herunterkippbaren Etagenbetts, das an einer mechanischen Kettenkonstruktion hängt, welche, über eine Rolle laufend, hinter einer Metallschüssel verschwindet, die ihr als Verbrämung dient. Das rötliche Holz des Fensterbretts buchtet sich an einer Stelle aus, geeignet, dort ein Weinglas abzustellen. Das Fenster ist in seiner Breite dreigeteilt. Rechts und links befindet sich jeweils eine Scheibe im Ton naturtrüben Birnensafts. Das Mittelfeld teilt sich horizontal in zwei Teile, wovon sich der obere herunterschieben läßt. Hinter ihrer Schnittfläche erscheint die Landschaft wie durch eine gelbgetönte Brille. Darin erstrahlt gegen 20.30 Uhr der im Südwesten hinter den Hügeln verschwindende Sonnenball.
Das Kippen eines Schalters, und in einer kleinen Nische am Kopfende des Bettes leuchtet hinter trübem Glas eine schwache Glühbirne auf. Das Kreuz der Deckenbeleuchtung mit seinen vier schüsselförmigen Lampenschalen, die paarweise an- und auszuschalten sind, blickt ins Abteil hinab. Über der Tür eine Gepäckablage.
Ein Erlebnis ist das Badezimmer. Man schwenkt den Metallriegel herum und hat ein Reich für sich. Die Toilette ist aus schwerer weißer Keramik, Klobrille und -deckel aus einem edlen Holz. Die Konstruktion der Rohre, die zu den Hähnen für heißes und kaltes Wasser hinführen, ist vielfach verzweigt und fachmännisch, aber sichtbar zusammengeschweißt. Auch hier sind die Wände aus einem rötlichen Holz, dem die Feuchtigkeit offenbar nichts anhaben kann.
Rasieren will ich gar nicht erst ausprobieren. Im Waschbecken schwappt das Wasser von einer Seite auf die andere und über den Rand.
Schwer hat es am nächsten Morgen auch im Speisewagen der Kellner, heißes Wasser auf den Teebeutel oder den Nescafé in den Tassen zu gießen. Einiges geht daneben. Beim ersten Blick aus dem Fenster sind wir schon auf der Höhe von Valdivia. Antilhue heißt der kleine Umsteigebahnhof, an dem der Zug hält. Landleben schlägt einem entgegen und ein ruhigerer Rhythmus. Die Fahrt verläuft durch das Flußtal des Calle Calle. Weizenfelder, Kartoffelanbau, Bombeerhecken, orangeleuchtende kelchartige Blüten, die hier Orquídeas silvestres genannt werden. Dahinter Wiesen mit weidenden schwarzbunten Holsteinern, die sich gerne unter einem Rauli-Baum gruppieren.
Puerto Montt, 13. Jan.,
ein Freitag.
Ich kenne die Stadt und hatte auf meinen vorigen Besuchen nicht den besten Eindruck von ihr. Aber heute ist sie trotz des leichten Regens schöner. Auch sauberer. Ich bekomme auf Anhieb alles was ich will: Das richtige Medikament gegen meine aufgekratzte Hautallergie, die mich in der letzten Nacht wieder besonders quälte; Filme für Farbabzüge und Dias; eine Gymnastikhose für den Sport an Bord; eine Kassette mit Mapuche-Musik; einen Obelisken aus Lapislazuli, den mein Vater sich schon lange gewünscht hat und den ich nie zuvor in Chile sah. Beim Abendspaziergang leuchtet ein Streifen grüngelbes Feld hell auf, und plötzlich steht das gesamte Stadtpanorama im orangenen Abendlicht: die grünen Hügel mit den bunten Holzhäusern. Dann wandert die Sonne von ihnen ab und färbt nur das graue, ruhige Wasser der Bucht an einer Stelle silbern. Außerhalb, in Angelmo, sehe ich mein Schiff. Die „Puerto Edén“ ruht in der Ebbe, auf beiden Seiten der Bucht vertäut. Ein Tau spannt sich quer übers Wasser. Kleine Jungen in Booten rudern stehend hindurch, indem sie ihre Holzruder nach vorne drücken.
Erst um 10 Uhr abends ist es dunkel – eine Stunde später als im 1.200 Kilometer nördlicher gelegenen Santiago.
An Bord der Puerto Edén, 14. – 17. Januar ’95
Meine Kajüte „Armadores“ nennt sich „Suite“ und ist auch eine – die einzig mietbare mit Blick nach vorn. Über mir die Kommandobrücke, links neben mir die Offiziersmesse und in der rechten Ecke die Wohnung des Kapitäns. Meine Suite in der linken Ecke der Brücke hat fünf Fenster, von denen sich drei mittels dicker Schrauben öffnen lassen; drei der fünf (rechteckigen) Fenster blicken nach vorn, zwei zur linken Seite. Vor den Fenstern, durch die man in Fahrtrichtung blickt, steht mein Schreibtisch, aus zwei Holzarten, fest im Boden verschraubt; ein überstehender Rand hält die Glasplatte und verhindert das Hinabgleiten von Gegenständen bei Schieflagen des Schiffs. Sofort baue ich meine Bordbibliothek auf: Alberto Maria De Agostini: Zehn Jahre im Feuerland, E. Lucas Bridges: Uttermost Part of the Earth, Gunther Plüschow: Silberkondor über Feuerland, W. H. Hudson: Idle Days in Patagonia, Siegfried Martin Winter: Südamerikanische Wanderjahre. Fahrten durch Patagonien und den wilden Westen Argentiniens, Hugo Weber: Als Pelzjäger im Feuerland, Francisco Coloane: El témpano de Kanasaka (Sammlung), R.E. Latcham: Die Kriegskunst der Araucanos, Evelyn Waugh: Gilbert Pinfolds Höllenfahrt, Bruce Chatwin: In Patagonien, Rae Natalie Prosser Goodall: Tierra del Fuego. Nun kann die Fahrt losgehen! Nicht alles ist für die Reise mit diesem Schiff gedacht; ich habe ja noch eine zweite Schiffsreise und einige Wartezeit dazwischen vor mir. Das ist natürlich keine erschöpfende Feuerland/Patagonien-Bibliothek, aber vieles habe ich auf meinen vorigen Landfahrten durch Patagonien und Feuerland bereits gelesen (Darwin, Pigafetta, Otto Schreiber, Max Junge, A. F. Tschiffely) oder zur Vorbereitung auf diese Reise.
In der Kajüte stehen drei Betten, ein normales, in dem ich schlafe, und ein Etagenbett, von dessen oberem Teil ich tagsüber im Liegen besser durch die Fenster aufs Wasser und die Landschaft blicken kann. Toilette mit Waschbecken und eine andere Kabine mit einer perfekten Dusche (sowohl die Stärke des Wasserstrahls als auch die Temperatur ist regelbar – in Chile muß das erwähnt werden!), eine fünfteilige Polstersitzecke vor einem Fernseh- und Videogerät, zu dem sechs Video-Cassetten mit Informationen über die Eisfelder des Südens, die (ausgerotteten) Einheimischen, die Flora und Fauna Patagoniens und Feuerlands, den Torres del Paine-Nationalpark, das Kap Hoorn und andere Kurzvideos bereitgestellt sind. Ein Kleiderschrank, ein Kühlschrank, von dem ich keinen Gebrauch mache, eine Ablage für meinen Koffer, funktionierende Nachttisch- und Deckenbeleuchtung, zwei Stühle aus hellem Holz und schönen Polsterbezügen, Vorhänge und an allen Innenwänden Holzvertäfelung (die Reihenfolge der Aufzählung gibt Auskunft über die Wichtigkeit, die ich den Gegenständen beimesse).
Außer den Aufenthalten in der Kajüte ist das Flanieren auf den verschiedensten Decks ein Erlebnis, besonders, da immer wieder die Sonne durch die Wolken scheint. Selbst in Puerto Montt bei der Abfahrt hatten wir das Glück. Alle Passagiere waren auf den Decks versammelt. Als ein Zeichen des Aufbruchs erschien es, als beim Auslaufen aus dem Hafen die Schiffssirene durchdringend tönte. Dreimal. Dreimal wurde ihr von einem kleineren Schiff geantwortet: der M/S Evangelista, ebenfalls zur orange-weißen Flotte von Navimag gehörend, die wenige Stunden später, in der ersten Etappe auf gleichem Kurs, zur Laguna San Rafael ablegen wird – dem nördlichsten der patagonischen Binnengletscher. Nochmals dröhnte unsere Sirene, einmal. Einmal, aber leiser und schwächer, wie ein kleines Tier einem großen, erwiderte die Evangelista dieses Signal.
Die Inselwelt zwischen der großen Insel Chiloe und dem Festland beherrschte den ersten Tag. Die Mahlzeiten waren gut. Die Lektüre von S. M. Winter, der über die patagonische Pampa schreibt, unterbreche ich und lese Evelyn Waughs Roman The Ordeal of Gilbert Pinfold nach sechseinhalb Jahren zum zweiten Mal (auf deutsch), aber erstmals lese ich diese, eine Schiffsreise erzählende Geschichte auf einem Schiff.
Am nächsten Morgen beim Aufwachen befindet sich das Schiff im Moraleda-Kanal, auf der Höhe von Puyuhuapi, und wird vor dem Meer von der Gruppe der Chonos-Inseln geschützt. Zur Kommandobrücke haben die Passagiere in den meisten Teilen der Strecke Zugang und können die Position genau erfragen. Zwei der delphinähnlichen Toninas verfolgen den Bug des Schiffes ein Stück weit. Später, beim Einbiegen in den Kanal Pulluche, dem offenen Meer entgegen, entdecke ich auch Seelöwen im Wasser. Der Dampfer laviert zwischen den Kanälen um enge Kurven herum, die nahen Berge sind bewaldet, steil und eindrucksvoll, das Inlandeis aber ist in eine Wolkendecke gehüllt. Die Wellen werden höher. Es ist sieben Uhr abends, am Ausgang zum Meer wird der Seegang unangenehm spürbar. Ich bin vor dem Golfo de Penas gewarnt, esse nicht zu Abend und trinke wenig. Francisco Coloanes gleichnamige Kurzgeschichte über diesen Golf habe ich tagsüber gelesen und mich in meiner Lektüre wieder der patagonischen Pampa zugewandt, aber noch vor acht Uhr abends schwankt das Schiff bereits so stark, daß ich das Buch beiseitelege und alle Vorbereitungen treffe, ins Bett zu gehen. Vorbereitungen, das heißt heute auch: alle Gegenstände, die umfallen könnten, absichern. Ich liege mit geschlossenen Augen und lasse mich schaukeln. Der Seegang ist wirklich enorm, aber, wenn man liegt, erträglich. Ich werde jedenfalls nicht seekrank. Ich schlafe hinreichend, wenn auch mit Phasen des schaukelnden Wachliegens. Gegen Morgen ist der Golf überwunden: wir sind im Canal Mesier. Auf diesem Breitengrad beginnt schon das riesige Feld des südlichen Inlandeises. Der schönste Teil dieser Strecke ist das s-förmige Lavieren um die Insel, welche die Angostura Inglesa bildet. Nach einer Stunde links plötzlich ein Holzsteg, seit vielen hundert Kilometern das erste Zeichen von Zivilisation, ein Holzschuppen, an dem weiß „Edén“ geschrieben steht, und rechts daneben eine Baracke. Der Ort Puerto Edén aber liegt auf der anderen, der rechten Seite des Kanals (wenn man südlich fährt). Viele kleine grüne Inseln liegen in der Bucht. Puerto Edén hat eine eigene Friedhofsinsel, verfügt über zwei Satellitenantennen (kann also vermutlich die Deutsche Welle empfangen), eine graue Giebeldachkirche aus Holz mit einer kleinen Hütte, die vom Schiff aus wie eine Hundehütte aussieht, aber wahrscheinlich eine Marienstatue beherbergt; vom Schiff aus habe ich 71 Holzhäuser und -schuppen gezählt, vier Bootsstege aus Holz (den auf der anderen Wasserseite mitgerechnet), aber vermutlich sind es viel mehr. Ich ärgere mich, gerade in diese Moment nicht Coloanes Erzählung Rumbo a Puerto Edén zur Hand zu haben (konzentrierte mich wohl beim Packen nur auf Golfo de Penas). Das Schiff ankert einige hundert Meter vor dem Ort, mehrere gelbe Holzboote rudern oder brausen mit Motor schnell herbei. Waren werden ausgetauscht, vom Schiff in die Boote und umgekehrt. Ausgeladen werden Leuchtstoffröhren (für das Kreuz der Kirche?, das vermutlich wegen des Winds nicht auf dem Dach der Kirche, sondern davor auf dem Boden aufgebaut ist), Wassermelonen (Sandías), Orangen gegen Skorbut und viele Kisten und Gepäckstücke, deren Inhalt nicht sichtbar wird. Aufs Schiff geladen werden andere Kisten und mehrere Rucksäcke. Passagiere, klein und dunkel, steigen ein, andere steigen aus. Von nun an gibt es drei Klassen von Passagieren auf dem Schiff. Bisher gab es neben der Cabin Class, die einen geräumigen Speise- und Aufenthaltssaal hat, nur die Economy Class im Rumpf des Schiffes, ohne Fenster, 48 Personen in zwei Räumen mit jeweils acht eisernen Drei-Etagenbetten. Nun ist eine neue kleine Gruppe von Parias dazugestoßen, Bewohner des abgeschiedenen Puerto Edén, die nach Puerto Natales wohl nicht zum Vergnügen reisen. Wir haben eine Nacht vor uns. Wo werden sie schlafen? Die Economy-Class ist restlos belegt. Sie sehen zwar nicht danach aus, an Bequemlichkeiten gewohnt zu sein. Trotzdem würde ich gern wissen, was sie für ihr Ticket bezahlen mußten und welche Ecke des Schiffs man ihnen zuweisen wird. Das Schiff, das den Namen ihres Ortes trägt, scheint ihre Hauptverbindung mit der fernen Welt zu sein – Puerto Natales, Puerto Montt gar.
Die Fahrt geht durch den Canal Wide, der sich zum Canal Concepción hin weitet. Wir fahren durch vornehmlich graue Landschaft. Tiefe weißgraue Wolken, das Wasser, das zuvor stellenweise die türkisfarbene Gletschertönung angenommen hatte, ist nun silbrig grau. Dunkelgrau in allen Nuancen die Felswände rechts und links der Fahrstraße. Tiefe Sicht in die Fjorde hinein, deren Transparenz mit der Entfernung zunimmt, wo die Hügel Stück für Stück in einem immer helleren Grau erscheinen. Links liegt über der Einmündung eines Wasserarms ein tiefer Nebel, aus dem Eisschollen hinaustreiben in den Kanal – nicht die durchsichtig-hellblauen Eisberge, sondern kleine weiße Schollen, fast Schaum. Überall stürzen Wasserfälle herab. Gegen sechs Uhr nachmittags werden wir deswegen von einer Ansage an Deck gerufen. „Paso del Abismo“ hieß dieses Stück, das durch fast senkrechte, enge Felswände hindurchführte. Die Schneegrenze ist hier nur wenige hundert Meter hoch. Von dort bilden sich überall Rinnsale, die, vielfach verästelt, sich ihre Fallschneise durch Fels und niedriger grüner Vegetation gebildet haben. Die Farbe ist verschwunden, als stünde die Nacht unmittelbar bevor. Aber es ist erst Viertel nach acht – in diesen Breiten im Januar mindestens noch zwei Stunden helle Gräue (oder graue Helle).
17. Januar
Beim Aufwachen im Estrecho Esteban oder schon im Estrecho Smith? Auf der Brücke liegen heute keine Seekarten aus, und ich mag nicht fragen. Die Haarnadelkurve, mit der das Schiff in den Canal Kirke einschwenkt, entgeht mir nicht. Mittags sind alle Passagiere mit ihren Kameras auf den Decks versammelt, wenn es durch das Nadelöhr geht, das „Paso Kirke“ heißt und das ich erstmals bei Plüschow beschrieben fand (Segelfahrt ins Wunderland).
Am Vormittag die patagonische Pampa des Siegfried Martin Winter noch einmal zurückgeschoben. Jeder Schauplatz fordert seine eigene Lektüre. In alle Bücher hineingelesen und dann bei Hugo Weber hängengeblieben: Pelzjäger im Feuerland. Im Feuerland sind wir zwar noch lange nicht, aber das Buch beginnt in Punta Arenas, und das ist nach Puerto Natales meine nächste Station, falls sich der Upsala-Gletscher im nördlichen Arm des Lago Argentino nicht in den dreieinhalb Tagen bis zur Abfahrt meines nächsten Schiffs besichtigen läßt. 800 Kilometer, Hin- und Rückweg zusammengerechnet, das wird knapp, wenn ich Samstag mittag in Punta Arenas sein muß.
El Calafate, 18. Januar
Die Organisation funktionierte bis jetzt vorzüglich, aber das Wagnis bringt auch die Sorge mit sich, daß auch weiterhin keine zeitlichen Verzögerungen eintreten, sonst sind 3.000 Dollar und die vorerst einmalige Gelegenheit, den De Agostini-Fjord und den westlichen Beagle-Kanal zu sehen, verloren.
Zwar war gestern, wie angekündigt, der Hafen von Puerto Natales um vier Uhr nachmittags zum Greifen nahe, doch konnten wir durch das langwierige Einparken und die nicht minder langen Polizeikontrollen das Schiff erst nach sechs Uhr verlassen. Angesichts der späten Uhrzeit war es fast ein Wunder (und viel Glück), was dann noch alles organisatorisch gelang. Seit das internationale Schiedsurteil hinsichtlich der Laguna del Desierto zugunsten Argentiniens ausgefallen ist, gibt es keine regelmäßige Verkehrsverbindung mehr zwischen dem chilenischen Puerto Natales und dem argentinische El Calafate. Wochenlang las ich in den Zeitungen von den Protesten konservativer Politiker, die auf eine Revision des Urteilsspruchs drängten. Während dies zunächst nicht fruchtete, sannen chilenische Behörden nach anderen Möglichkeiten, ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Staatlicherseits gibt es nun aus Santiago eine Verfügung, die den Tourismus in Patagonien extrem behindert: Es sollen an den Grenzstationen dieser Region nicht mehr Argentinier nach Chile hineingelassen werden, als Chilenen nach Argentinien reisen. Wegen des wirtschaftlichen Ungleichgewichts gab es im chilenischen Torres del Paine-Nationalpark immer weitaus mehr argentinische Touristen als umgekehrt Chilenen am argentinischen Perito Moreno-Gletscher oder am Fitz Roy. Der Linien-Busverkehr kam dadurch zum Erliegen. Nach vielem Herumfragen fand ich eine Agentur mit einer Sonderkondition, die in Zusammenarbeit mit einem argentinischen Counterpart jeweils mit einem Bus an die Grenze fährt, wo der Kollege des Nachbarlands wartet und die Passagiere übernimmt. Allerdings nur an drei Tagen in der Woche. Das Glück wollte es, daß mittwochs vormittags ein solcher Kleinbus (es waren 7 Fahrgäste) in Puetro Natales abfährt und freitags morgens von El Calafate aus die Rückfahrt möglich ist. Außerdem konnte ich über die gleiche Agentur (der einzigen von zahlreichen Reiseanbietern in dem kleinen Ort) für den Donnerstag eine Schiffstour zum Upsala-Gletscher reservieren. Anschließend besorgte ich mir für den Freitag nachmittag ein Busticket nach Punta Arenas, wo Samstag die „Terra Australis“ ablegt.
Die erste Panne passierte in El Calafate, als mein Name nicht auf der Busliste für meine Rückfahrt am Freitag morgen stand und der Bus voll war. Man setzte meinen Namen hinzu, als ich auf jenen Anruf aus Puerto Natales verwies (an den sich niemand erinnern konnte) und meinte, ich solle mich nicht beunruhigen. Aber behaglich fühlte ich mich dabei nicht. Außerdem konnte die Schiffspassage für den Lago Argentino noch nicht ausgestellt werden, da das entsprechende Reisebüro zu der Zeit geschlossen hatte.
Nun, immerhin sitze ich beim gemütlichen Spätnachmittagskaffee, der nicht mit Instantpulver, sondern mit der Espressomaschine bereitet ist, in einem Straßencafé, habe ein gutes Hotel und ein argentinisches Steak am Abend zu gewärtigen. Das Wetter ist traumhaft. Schon bei der Abfahrt in Puerto Natales stand nicht nur der 2.000 Meter hohe Balmaceda klar sichtbar auf der anderen Seite der Bucht, sogar der große Paine im fernen Nationalpark zeigte sich in ganzer Schönheit – selten liegt sein Gipfel frei. Auf dem Weg, der im ersten Stück mit der Schotterstraße zum Nationalpark identisch ist, entdeckte ich bald auch seine Nachbarn, rechts den Almirante Nieto und dazwischen einige scharfe Türme, die aber nicht die berühmten Torres sind, sondern drei „Cuernos“ (Hörner). Die drei Torres wurden von der argentischen Seite aus sichtbar, als wir von Norden her auf das Painemassiv blickten. Andere gezackte und gezinnte Berge tauchten weiter nördlich auf. Einwärts ging die Fahrt dann in die Pampa, die Kordillere im Rücken, halbwegs bis Río Gallegos an der Atlantikküste, wo der Erdweg bei der Estancia La Esperanza in die Asphaltstraße einbiegt, die El Calafate und Río Gallegos verbindet. Mehr als fünfzig Kilometer vor El Calafate waren die Berge wieder deutlich zu sehen: der Gebirgszug, aus dem der Perito Moreno-Gletscher hervorgeht, und viel weiter nördlich, schon hinter dem Lago Viedma, ragt einsam die steile Spitze des Monte Fitz Roy über den Horizont.
20. Januar, nachmittags
Wieder in Puerto Natales. Ich sitze an der Uferpromenade und blicke auf Schwarzhalsschwäne und badende Kinder. Ein warmer Sommertag. Wer sich an einem solchen Tag von der Pampa aus der Ultima Esperanza-Bucht nähert, kann die Probleme nicht verstehen, die Gunther Plüschow hatte, diese Strecke zu fliegen. Der große Paine zeigt nicht nur für wenige Sekunden sein schönes Haupt, sondern entblößt schon seit Stunden seinen gesamten grauweißen Körper. Rechts die endlose Fläche des südlichen Kontinentaleises. Bei der Abfahrt in El Calafate wie bei der Annäherung an Puerto Natales ist ein riesiges Stück der hohen Kordillere zu sehen, jeder Gipfel deutlich zu unterscheiden, vom Fitz Roy bis zum Eingang der Bucht Ultima Esperanza. Mir gegenüber steht der gewaltige Balmaceda mit seinen zwei Gletschern, und ein zehntel Kreisbogen weiter links schauen am Horizont die Eisspitzen der Cordillera Sarmiento hervor, gigantische, schroffe weiße Blöcke. Könnte doch nur das Objektiv meines Fotoapparats sie so nah heranholen, wie ich sie durch mein kleines Fernrohr sehe! Oder auch nur, ohne alle Hilfsmittel, in natura! Alles, was ich hier sehe und zeichne ist noch gar nichts im Vergleich zu der Sicht, die man heute von der Anhöhe aus hat, wenn man Puerto Natales Richtung Süden verläßt. Die Spitzen der Cordillera Sarmiento wachsen hoch über den dunkleren Vordergrund hinaus, weitere Gipfel werden sichtbar: das große Festlandeis – ich blicke ihm nach, bis es nach einem weiteren Hügel aus der Sicht verschwindet und der Bus nun beschleunigt auf Punta Arenas zufährt, hinein in die chilenische Pampa. Die Erzählung „Cabeza del Mar“ von Coloane hatte ich kurz vor meiner Abfahrt in Santiago gelesen. Nun streift die Straße diese tiefblaue Bucht in der rotbräunlichen Pampasteppe. Das alles im Abendlicht. Gegen halb zehn erreicht der Bus die Stadt noch im Hellen. Hell ist es auch noch, wenn ich eine Stunde später, nachdem ich mich im Hotel „Tierra del Fuego“ einquartiert habe, ins Restaurant gehe. Ein Hotel „Cóndor de Plata“ existiert auch (als Reminiszenz an Plüschow?). Ich überlege, ob ich nur wegen des schönen Namens auf Bequemlichkeit verzichten will, und entscheide mich für den Komfort des „Tierra del Fuego“. Lammbraten in mehreren Variationen ist die Spezialität des Restaurants „Mesón del Calvo“. Da ich aber bereits mittags in Puerto Natales Lamm gegessen habe, frage ich nach Meeresfrüchten. Die Jakobsmuscheln (ostiones) sind frisch. Statt der üblichen Zubereitung, mit Käse überbacken, was man hier „a la parmesana“ nennt, aber wenig mit Parmeggiano zu tun hat, bestelle ich nur eine einfache Cilantro- (Korianderblätter-)Tunke. Köstlich! Und zuvor eine Knoblauchsuppe, ebenfalls gut, wenn auch – wie meistens – kräftig nachgesalzen und gepfeffert werden muß („Die chilenische Küche neigt dazu, den Dingen ihren Eigengeschmack zu belassen“). Brot mit „Chancho en piedra“ dazu (Tomaten, Zwiebeln, Cilantro, Öl) macht das Mahl perfekt. Überhaupt kann ich mich auf dieser Reise über die chilenischen Restaurants nicht beklagen (was ich sonst seit viereinhalb Jahren bei fast jeder Gelegenheit tue). Sogar meine Argentinienerfahrungen fielen diesmal in kulinarischer Hinsicht dagegen etwas ab; aber El Calafate ist ein Provinznest, und immerhin gab es, anders als auf der großen „Puerto Edén“, sogar auf dem kleinen Katamaran zum Upsala- und Spegazzinigletscher Kaffee aus der Espressomaschine und Brötchen mit rohem Schinken. Ich kann es nicht lassen, die beiden Länder permanent miteinander zu vergleichen, weil das eine mein gewolltes Leben ist und das andere mein gelebtes.
Punta Arenas, 21. Januar
Ich habe meine Bordkarte für die „Terra Australis“, habe meinen Flug nach Santiago für den 29sten rückbestätigt, mit Jörg und meinen Eltern telefoniert und sitze wieder einmal im Café Garogha. Die Tageszeitungen aus Santiago treffen erst um 15 Uhr ein. Der Himmel ist bewölkt. Kaum merklich regnet es gelegentlich ein paar Tropfen. Ich wünsche mir schönes Wetter für den De Agostini-Fjord, jetzt und hier darf das Wetter sein, wie es will. Plüschows „Silberkondor“ habe ich beendet und von neuem begonnen, denn das erste Mal las ich mich erst um Seite 140 hinein, vor der argentinischen Küste.
Auf dem Weg zum Friedhof kaufe ich einen Blumenstrauß, den ich auf dem Grab des unbekannten Ona-Indianers mit einer tiefen Verbeugung niederlege. Dunkelrot, wie das vergossene Blut, und weiß ist mein Strauß. Beim andächtigen Vorbeigehen an anderen Gräbern fällt mir die schöne Bepflanzung oder auch Wildwuchs auf, teilweise mit niegesehenen Blumen. Einmal entdecke ich die „Orquídea silvestre“, die seit Weihnachten auch im Blumenkasten vor meinem Eßzimmer prunkt. Mit solchen Blumen einst auf meinem Grab – stelle ich mir vor – würde ich doppelt so gerne verfaulen.
Abendspaziergang Puerto Williams, Navarino, 22.30 Uhr
Spielende Kinder. Teilweise sind Yaghan-Einflüsse in ihren Gesichtern zu erkennen. Das einzig blonde Mädchenspricht mich an: „Vienes de la terra?“ Ob ich von der Erde komme? Ich denke, sie meint damit das Festland oder die große Insel Feuerland. In jedem Fall bejahe ich. Wir unterhalten uns über ihre Schule, über die Langeweile auf Navarino und was es zu sehen gibt. Erst später fällt mir auf, daß terra wahrscheinlich ihre Kurzform für „Terra Australis“ ist, das Schiff, dessen Passagier ich bin.
Die Wirbelknochen eines Wals geben ein schönes Sitzmöbeldesign ab und laden zum Verweilen ein. Vor dem Museum Martin Gusindes. Friedliche Abendstimmung. Aber die Bucht ruht voller Kriegsschiffe. Das Spielzeug ist längst am Ende der Welt, war es schon bei seiner Entdeckung.
22.50 Uhr. Eine „Virgen“, mitten in der Einsamkeit der Insel Navarino am Ende der Welt, nachts, von unten mit Kerzen beleuchtet. Bäurische kurzgliedrige Indiohände halten einen Rosenkranz, das einzige Detail, das nicht aus bemaltem Gips ist. Die andere Hand stützt unter einem weißen Kleidchen einen Jesus, der eine Königskrone trägt. Auf dem Boden stehen bemalte Tonfiguren: ein gefesselter Jesus und eine komplette (kleinere) Krippenausstattung. Eine winzige Ton-Madonna ist der großen Gipsstatue gewidmet, sowie ein Jesuskopf mit einer Dornenkrone, der an der Holzwand hinter der großen blauäugigen Statue aufgehängt ist. Acht der Opferkerzen brennen noch zwischen den Massen von heruntergelaufenem Wachs. Stoffblumen stecken in Porzelan-Blumenvasen oder Trinkgläsern. Auch ein Mayonnaisenglas steht dazwischen, Marke „Hellmanns“. Hätte der Spender nicht aus Pietät das Etikett ablösen können?
Resümee der Reise mit der „Terra Australis“: Ich gelangte mit dem Schiff südlich bis Puerto Toro auf der Navarino-Insel und mit dem Flugzeug von Puerto Williams aus bis hinter das Kap Hoorn. Die Bodensicht war klar, Cabo Deceit (das „falsche Kap Hoorn“), die L’Hermit-Insel und natürlich das Kap Hoorn selbst, an dem die Maschine bis dicht über die Meereswellen hinunterging, waren deutlich unter und vor mir. Was mir im vorigen Jahr nicht vergönnt war, gelang nun auf Anhieb. Gunther Plüschow wird sich an dieser Stelle noch ganz anders gefühlt haben. Doch unabhängig aller Rekorde, die äußersten Zipfel Land zu sehen, beeindruckte die Schönheit von so vielem, was auf der Strecke lag: Z. B. der De Agostini-Fjord bis in einen seiner Ausläufer hinein: den Seno Hyatt mit dem Videla-Gletscher. Ein Landgang dort am Sonntag, während riesige Eismassen ins Wasser brachen. Vorbei am Monte Sarmiento, an dem eine kleine Gruppe von Passagieren, zu denen ich gehörte, mit Ferngläsern und Kameras die Erregung des Voyeurs verspürten; auf das Weitertreiben der Gipfelwolken mußten wir ungeduldig warten, während das Schiff beharrlich seinen Kurs verfolgte, der uns immer weiter von diesem schönen Berg entfernte. Montag das Kap Hoorn mit dem Flugzeug, abends das kleine Puerto Williams auf Navarino. Dienstag zum zweiten Mal Ushuaia, wieder mit traumhaftem Wetter. Im Museum Fin del Mundo ließ ich mir die Plüschow-Akte bringen und sah erstmals Fotos von seinem und Ernst Dreblows Leichnam und den Trümmern des Flugzeugs im Lago Argentino. Mittwochs nochmals Harberton und bis ans Ostende des Beagle-Kanals, wo die Inseln Picton, Lennox und Nueva liegen. Donnerstag der Garibaldi-Gletscher aus der Nähe und Landgang über die Insel Pirincho. Alle Gletscher des Beagle-Kanals und das Ende der Welt, und doch ersetzte es nicht die Fahrt mit dem Katamaran durch den Nordarm des Lago Argentino, wo an der Mündung des Upsala-Gletschers solche Eisberge schwammen, daß ich mich bereits in der Antarktis glaubte – Brocken von über hundert Metern (allein über der Oberfläche). Heute die Pinguinkolonie auf der Magdalenen-Insel und fast schon wieder in Punta Arenas. Ursprünglich hatte ich diese Reise für meinen vierzigsten Geburtstag vorgesehen. Da aber war schon alles ausgebucht, und ich feiere ihn illegalerweise heute – genau eine Woche zu früh. Die Pinguine wahrten vollkommen die Etikette. Aber eine Feier war jeder Tag. Vorgestern abend, noch einmal an Ushuaia vorbeifahrend, warf ich auf dem Heck mein halbleeres Whiskyglas über Schulter und Reling ins Wasser und wünschte mir wiederzukommen.
Punta Arenas, 28. Januar
Wiederkommen – da wäre noch die Geschichte der Calafatebeere. Auf meinen Spaziergängen in argentinischen „El Calafate“ und auf dem Weg dorthin, in der Pampa, hielt ich diesmal vergebens nach dem gelbblühenden, stacheligen Strauch mit den violettblauen Beeren Ausschau. Ebenso beim Kraxeln am Videla-Gletscher, auf der Insel Pirincho im Garibaldi-Fjord oder in der Nähe von Puerto Williams auf Navarino. Die Harberton-Farm hatte zwar einen einsamen Strauch dieser Art vorzuweisen, aber der trug keine Beeren. In diesem Jahr nicht von der Calafate naschen?
Zur Abrundung der Reise heute im „Mesón del Calvo“ in Punta Arenas bestellte ich einen patagonischen Lammbraten. Die Soße? Knoblauch schlug der Kellner vor. Aber den hatte ich schon in der Suppe. Rosmarin? Aber der wächst ja bei mir zuhause auch – im Blumenkasten. Und dann unverhofft: Calafate. Eine Soße aus den Beeren? zum ersten Mal nach viereinhalb Jahren auf diesem Kontinent ist mir das angeboten worden. Ich griff sofort zu. Die Wiederkehr ist gesichert.
[Weitere Reise nach drei Tagen Santiago zwischendurch, um mein Postfach zu leeren und sieben Briefe zu schreiben:]
Puerto Varas, 2. Februar ’95
Mögen die Varmontt-Busse die bequemsten sein, die Chile zu bieten hat – an den Komfort eines Zuges reichen sie bei weitem nicht heran. Bei einundzwanzig Personen in einer Kabine ist es unmöglich, daß nicht ein Schnarcher dabei ist. Wieviel Hosen nimmt man auf eine Reise mit? Zwei? Drei? Eine Nacht in einem Bus in seiner Kleidung genächtigt, und ein Hemd und eine Hose sind hinüber, zerknautscht, für die restliche Reise unbrauchbar. Dann kam das Absurdeste: Der Bordkellner legte ein Kissen auf den Schoß eines jeden Passagiers, legt ein Deckchen darüber und darauf ein heißes Plastiktablett mit mittelmäßigem Essen. Wer sich bei dieser wackligen Angelegenheit beim Zerlegen des knorpeligen Hühnchens nicht das Hemd mit Fett bespritzt, ist ein erfahrener Busreisender. Mir fehlt bei jeder Speise in Chile die Würze, speziell der Pfeffer. Erwartungsgemäß war in dem Plastiktütchen mit Messer, Gabel, übergroßem Löffel (wozu, wenn’s keine Suppe gibt? – nicht geben kann bei dem Gewackel) zwar ein Papierserviettchen und Salz mitabgepackt, aber kein Pfeffer. Vorsorglich halte ich ein kleines Portionspäckchen davon griffbereit in meiner Tasche.
Beim Schneiden muß man die Ellbogen nah an seinen Körper halten, links ist die Fensterscheibe, und rechts läuft der Kellner unentwegt im Gang hin und her. Doch ist beim Essen die Freiheit noch groß im Vergleich zum anschließenden Zähneputzen in einem Kabuff, in dem man sich nicht umdrehen kann. Das Waschbecken hat die Größe einer Tafel Schokolade, und der Wasserstrahl spritzt nur aus dem Röhrchen, solange man mit einer Hand einen Knopf runterdrückt. Einhandwaschen in Temuco. Papierhandtücher, die sich zwischen den Bartstoppeln auflösen.
Mein Zugabteil letztens, auf der gleichen Strecke, war kaum mehr als doppelt so teuer, bot aber ein Vielfaches an Bequemlichkeit. Ich wollte auch dieses Mal wieder mit der Bahn fahren, dort aber waren alle Einzelabteils schon auf Tage ausgebucht. Um meinen 40. Geburtstag nicht in Santiago verbringen zu müssen, blieb mir nur der Bus, und Varmontt, sagte man mir, sei Spitzenklasse.
Es geht mir aber auf einer solchen Reise nichts über ein abschließbares Zugabteil, das ich für mich allein habe, auch wenn es noch so sehr wackelt. Man kann seinen Schlafanzug anziehen oder auch nicht anziehen, hat ein Waschbecken für sich, das in einer breiten Konsole eingelassen ist, zwei geräumige Samtpolster-Sitzbänke und ein gemachtes Bett. Das Zugrestaurant ist nicht nur schön, es gibt auch Auswahl, und überdies steht auf jedem Tisch ein Gestell mit Öl und Essig, Salz und – Pfeffer! Da fängt der Urlaub schon an der Zentralstation in Santiago an, und morgens beim Frühstück zwischen Osorno und dem Llanquihue-See bin ich bereits erholt. Das Frühstück im Bus habe ich glattweg abgelehnt, als ich die Tabletts auf den Schößen meiner Mitreisenden sah: die Brötchen wirkten wie feuchte Pappe (obwohl ein Mikrowellenherd zur Busausstattung gehört), der Kaffee wird, wie fast überall in Chile, aus einem Tütchen mit Pulver aufgebrüht. Um sieben Uhr bereits riß der Kellner mit einem Ruck die Vorhänge auf. Das Licht der tiefstehenden Sonne biß grell in die beschlagenen Fensterscheiben und schmerzte selbst noch durch die geschlossenen Augenlider. Acht Uhr Osorno (deshalb mußten die anderen so früh frühstücken). Im Zug dagegen schlief ich bis neun, und es war noch immer reichlich Zeit bis zur Ankunft in Puerto Varas. Im Zug kann man (schwankend) spazierengehen und wartet nicht darauf, daß der Vordermann endlich seine Sitzlehne hochklappt.
Ich bin kein Eisenbahnfanatiker, war es jedenfalls in Europa nie. Aber ich denke, bestimmte Institutionen – öffentliche Bibliotheken, staatliche Universitäten, städtische Theater oder ein landesweites Eisenbahnnetz – sollten mit Steuergeldern subventioniert werden, um ein gewisses Lebensniveau zu halten. Kurz: Es geht um die Überlegenheit der sozialen Marktwirtschaft gegenüber der freien.
Petrohué, 2. Februar
Spaziergang auf den Osorno zu. Der Wald, der den Vulkan säumt, ist undurchdringlich. Wo sich aber die abschmelzenden Schneemassen ihren Weg gebahnt haben, ist der Boden schwarz und porös-steinig. Ich stiefle über Schutt und Asche. Wo es geht, weiche ich auf den Moosteppich aus, der stückweise die Ränder des Gletscherabflusses begleitet.
Der Osorno ist wolkenfrei und steht weiß, schwarz und grün in aller Pracht vor mir. Wenn ich zurückblicke, liegt dort türkisfarben der Todos-Los-Santos-See mit der Margariten-Insel, dahinter eine Felswand, und links vom See ragt die zerknautschte Spitze des Puntiagudo steil auf.
Da es abzusehen ist, daß ich an diesem Nachmittag ohnehin auf keine repräsentative Höhe mehr gelangen kann, ändere ich nach einer Stunde meine Richtung. Nun gilt es, ein breites Feld aus anthrazitfarbenem Lavageröll zu überqueren, das gar kein Ende nehmen will. Plötzlich steht mitten in dieser Mondlandschaft ein einzelner kahler Baumstamm, den der Strom nicht hat entwurzeln und mit sich reißen, wohl aber entlauben können. Wie ein Wunder ragt sein heller, glatter Stamm über dem schattigen Steinfeld auf, ein Relikt des Lebens. Ich laufe auf die bewaldete Bergwand zu, vor der ich die Petrohué-Wasserfälle vermute. Ein abzweigendes Lavafeld scheint einen Zugang zu der Straße zu bahnen, die am Petrohuéfluß entlangführt. Ich folge ihm. Und stehe wenig später in undurchdringlichem Wald. Der Lärm der Wasserfälle ist gut lokalisierbar, aber das trockene Flußbett, auf dem ich bis hierher gefunden habe, führt nicht weit genug ins Tal hinab. Ich muß zurücklaufen und probiere einen abzweigenden, breiteren Lavaschuttweg aus, der tiefer in den Wald hineinführt. Aber auch er versiegt im Gebüsch. Ich gehe weit zurück und wähle jetzt den Hauptstrom. Tief hat er sich eingefressen. Die Erdwände rechts und links, auf denen der Wald steht, steigen an. Aber mein jetziger Weg führt weit hinab und verspricht, auf die Straße zu führen und über sie hinweg bis zum Petrohuéfluß. Der Osorno, den ich zuletzt im Rücken hatte, verschwindet hinter einer Biegung. Wie mag sich jemand fühlen, der vom Flußlauf, von der Straße kommend, in umgekehrter Richtung wandert und die weiße Majestät nach einer Biegung unvermittelt vor sich stehen sieht? Den Wasserfall höre ich nun ganz nahe. Dort unten muß die Straße liegen. Und das tut sie! Aber sie liegt sehr tief unten. Mein Flußbett führt nicht nur zu ihr hin – es fällt auf sie hinab. Senkrecht. Man sieht die Wirbel, die der reißende Strom in den Stein gefressen hat. Glattgeschliffen ist der Fels, wo sich das Wasser durch die Enge gepreßt hat, um im Bogen auf die Straße zu stürzen. So blankgeputzt die Steine, daß ich auf dem Hosenboden durch diese Höhlung hinabrutschen könnte, in meinen Tod. Durch den hohen Wald beiderseits der Schlucht ist kein Ausweichen. Notgedrungen belasse ich es diesmal beim bloßen Hören der Wasserfälle und steige das schwarze Aschental wieder an, um über ein immens weites Lavaschuttfeld im rechten Winkel abzusteigen in Richtung des Sees und des Hotels.
3. Februar
Mein vierzigster Geburtstag. Um Mitternacht lasse ich mir einen Eiskübel mit einer Sektflasche auf mein Zimmer bringen, schiebe eine Sakamoto-Cassette („Sweet Revenge“) in mein kleines Diktaphon, öffne das Fenster, hinter dem sich, nachdem der Stromgenerator des Hauses abgestellt worden ist, eine dunkle Nacht mit einem leuchtenden Sternenhimmel breitmacht, lasse den Korken knallen und proste meinen Lieben in allen Teilen der Welt zu. Immer mehr Menschen kommen mir in den Sinn, die ich im Laufe meiner ersten vierzig Jahre kennengelernt habe und die ich, ohne ihr Wissen, an meiner Feier teilnehmen lasse. Ich tanze und segne die Luft und das Vordach des Hotels mit den Sektresten der nicht leergetrunkenen Gläser.
Am nächsten Morgen die Fahrt mit dem Dampfer über den Todos-Los-Santos-See, Pause auf der anderen Seite beim Hotel Peulla, dann ein Stückchen Busfahrt. Wo der dichte Urwald einen Ausblick freigibt tauchen die Gipfelgletscher des mächtigen Tronador auf. In Puerto Frías endlich die argentinische Grenze. Ich atme auf. Ich bin am Ziel. Eine große Gelassenheit erfüllt mich. Alles Weitere ist paradiesisch: ein Spaziergang vorbei an dickstämmigen Urwaldriesen und dicht wuchernder Colihue, eine Bootsfahrt über den Lago Frías mit seinen senkrechten Felswänden, die nach einer Biegung den Gipfel des Tronador verstecken. Wieder ein Stückchen Landweg in einem sehr alten, gemütlichen Bus von Puerto Alegre am Nordende des Sees bis Puerto Blest am Lago Nahuel Huapi und wieder eine Fahrt im Katamaran, ähnlich dem auf dem Lago Argentino, Kaffee aus der Espressomaschine, Glück. Das Zauberberghotel Llao Llao ist mein Geburtstagshotel auf argentinischer Seite. Ich genieße den Swimmingpool, den Fitneßraum und eine Massage, bevor ich mich zum Abendessen ins Restaurant begebe. Ein gutes Fleisch mit einer frischen Pilzsoße, was will man mehr! Als ich kurz vor Mitternacht in mein Zimmer zurückkehre, hat der aufmerksame Hotelmanager für mich eine Flasche Champagner und eine kleine Geburtstagstorte auf die Konsole stellen lassen. So muß ich denn wohl den Tag ebenso beenden, wie er begonnen hat, nur besser. Ich öffne das Fenster zum Nahuel-Huapi-See, denke noch einmal trinkend an alle meine Lieben und schleudere die Champagnerreste in Richtung des Sees.
Am nächsten Vormittag eine Kanufahrt vom hoteleigenen Bootssteg auf dem Lago Moreno. Nachmittags ein ausgedehnter Spaziergang über die Halbinsel. Ein rundum schöner Tag: Ein gut gepflegter Wanderweg führt durch wildesten Urwald. Baumriesen mit Stämmen von drei Metern Durchmessern liegen über dem Weg, in manche hat die Naturparkverwaltung Stufen hineingeschlagen, Die dichte, bambusähnliche Colihue bildete einen lindgrünen, schattigen Tunnel. Ein Hain mit den blanken, rötlich-glatten Stämmen des Arrayán, eine Myrtenart: Ich habe noch nie solch einen Wald gesehen. Auf dem Weg zum Lago Escondido und zurück verspüre ich stark den Wunsch, lange zu verweilen, mich vielleicht sogar einmal endgültig in der Gegend des Nahuel Huapi niederzulassen.