Einführung

DIE GEBURT DES FIRWITZ’

In der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 1977, wenige Stunden nach der Einnahme von etwa 50–80 Mikrogramm, stand mir klar vor Augen, was ich zu tun hatte. Ich meine, für den Rest meiner Tage zu tun haben würde. Das Wort „Firwitz“ tauchte unvermittelt auf. Ob in meinem Kopf oder durch einen äußeren Reiz hervorgerufen, weiß ich nicht. Ebenso wenig, ob ich es in einem akustischen Sinne „hörte“ (woher kommen Eingebungen?). So ungefähr stellte ich mir telepathische Kommunikation vor. Aber Telepathie mit wem? Es war niemand im Raum, oder doch? Das Wort war augenblicklich da, als Antwort auf mein Experiment. „Firwitz“ war mir so noch nicht begegnet, doch ich wusste, dass ich die Variante in der Schreibweise F-i-r-w-i-t-z in den mir daheim zur Verfügung stehenden Wörterbüchern nicht zu suchen brauchte. Stattdessen würde ich das Gesuchte unter „Fürwitz“ oder „Vorwitz“ finden.

Das Grimmsche Wörterbuch verzeichnete unter beiden Schlagworten veritable Begriffsgeschichten, die buchstäblich bei Adam und Eva beginnen: „si folget ir bosen furwitz und tët dar in einen biz“ – nämlich Eva in die Frucht vom Baum der Erkenntnis (so in der Millstätter Genesis). Fürwitz war es auch, was Doktor Fausten antrieb, seinen Geist Mephostophilem herbeizurufen (so im Volksbuch von 1587), der Drang nach Erkenntnis mit unerlaubten Mitteln. Vorwitz brachte Renaissance-Helden zur Erkundung des Erdkreises weit über den theologisch vorgegebenen Rahmen hinaus. Astronomie war die vorwitzigste aller Beschäftigungen, das Eindringen in einen Bereich, der einer Gottheit vorbehalten war. Das konnten auch Göttinnen sein, die über den Erdball wandelten und in Quellen badeten, Diana, von einem fürwitzigen Jäger belauscht.

Beim Voyeurismus blieb es nicht. „Verschämtes Kind, der Vorwitz trieb mich an, / Den losen Arm um deinen Hals zu werfen“, dichtete Johann Christian Günther, und sein barocker Kollege Hoffmann von Hoffmannswaldau: „Die brunst zog meinen geist / der fürwitz trieb die hand // Zu suchen / was sich hier in diesem zirck beweget.“ (Der „zirck“ ist in diesem Fall die weibliche Brust. In einer späteren Hofmannswaldau-Ausgabe gibt es einen hübschen Druckfehler. Dort heißt es: „Die Brust zog meinen Geist“.) In seiner Geschichte vom „Unzeitigen Fürwitz“ lässt Miguel de Cervantes einen jungen Adligen mit Hilfe seines besten Freundes die Treue seiner Ehefrau testen, mit dem voraussehbar negativen Ausgang. Solcher Fürwitz zerstört Ehe und Freundschaft. Diese und hundert weitere Entdeckungen, die sich mir nach und nach auftaten, steckten in dem Augenblick der Eingebung im Dezember 1977, als mir klar wurde, dass ich dem Firwitz nicht nur geschichtlich nachzuspüren, dass ich ihn zu leben, ihn wieder in die Welt zu bringen hatte.

Sechs Jahre später schlug ich meinem Chef an der Universität Essen und ausersehenen Doktorvater das Thema für die Dissertation vor. Eine philologische Studie lehnte der Vergleichende Literaturwissenschaftler ab und war auch für meinen Versuch, es zu einer motivgeschichtlichen Forschung über den „bestraften Vorwitz“ abzuwandeln, nicht zu begeistern. Er wollte, dass ich mich mit der galanten Dichtung des Barock beschäftigte. Wie ich bald entdeckte, hatte Giambattista Marino einen „Atteone“, einen Aktäon, erdichtet, und über diesen curiosus war ich wieder mitten in meinem Thema angelangt.

In der Nacht vom 1. zum 2. Dezember „den Firwitz konstruiert“, steht in meinem Tagebucheintrag, und das galt keineswegs bloß für die begriffs- oder motivgeschichtliche Studie. Der Untertitel meines Werks, „Ein Abriss in 256 Teilabrissen“, war mir noch in gleicher Nacht mitgegeben. Das kalauernde Spiel mit der Zahl vier im Firwitz tobte bereits in seiner Geburtsminute. Aus 256, vier hoch vier, Teilabrissen musste sich der „Abriss“ zusammensetzen, ein Abriss der Welt im doppelten Sinne. Die kurze, prägnante Darstellung ebenso wie der alles in Frage stellende Kahlschlag. Dabei war auch klar, dass die Grenzen der Literatur gesprengt werden mussten. Die 256 Teilabrisse konnten nicht nur Texte sein. Wo die Wörter nicht hinreichten, kamen Graphiken, Zeichnungen, Fotos zum Einsatz.

Doch nicht alle Dinge lassen sich angemessen durch Wörter oder Abbildungen repräsentieren. Daher habe ich frühzeitig Objekte in das Werk einbezogen, die in verschiedenen Teilabrissen als „Paraphernalien“ auftauchen. Der Begriff bezeichnete ursprünglich den zur Aussteuer hinzukommenden persönlichen Besitz der Braut (der meistens vom Ehemann verwaltet wurde). Die Übertragung des Worts auf Grabbeigaben lag nicht fern, und im Mausoleum Firwitz, welches das zur Schrift gewordene Fleisch aufnimmt, sind Paraphernalien plausibel. Kleine und flache Gegenstände wie meinen ersten Leseausweis der Stadtteilbibliothek Essen-Rüttenscheid, der mich unter „Beruf“ als „Kind“ ausweist, oder der „Reisende“ aus der Serie „Menschen am Bahnsteig“, das einzig übriggebliebene Requisit einer Modelleisenbahn, die ich nicht besessen habe, nur die kleinen Menschlein an einem selbstgebauten oder erdachten Bahnsteig, an dem kein Zug fuhr und dessen letzten Überlebenden ich später einsam in eine Kunstlandschaft einsetzte, solch kleine Dinge ließen sich in ein Unikat bleibendes Werk einbauen. Wie aber der echte Chevrolet Impala aus dem Jahr 1959, den ich in Chile fuhr und für dessen Größe mir in Deutschland kein Raum zur Verfügung stünde, selbst wenn er noch nicht verschrottet wäre? Seinesgleichen erweitert die Dingwelt um die nicht mehr wiederbeschaffbaren Objekte und verdeutlicht die Unmöglichkeit meines Werks. Aber selbst wenn mein schöner Amischlitten noch existierte, selbst wenn ich ihn hertransportieren könnte und meinem Kunstwerk ein genügend großer Raum gegeben wäre, um ihn aufzunehmen, was wäre gewonnen? Würde der Gegenstand einem Betrachter etwas darüber verraten, wie es war, das gutgefederte Fahrzeug durch die Schlaglöcher Santiaguiner Vorstadtstraßen zu steuern, das schwebende Wippen, das Geräusch beim Zuschlagen der massiven Eisentür nach dem Einparken und Aussteigen, das Öffnen des riesigen Kofferraums, die vielen Details am Wagen und in seinem Inneren und meinen spontanen Kauf, weil mich der Anblick an eines meiner verlorenen Spielzeugautos erinnerte – das New Yorker Yellow Cab der Marke Corgi Toys? Die persönliche Beziehung würde sich nicht übertragen, und daher mussten Qualia ins Werk.

Qualia gehören zu den zentralen Herausforderungen der Philosophie des Geistes, eben weil sich die subjektiven Erlebnisgehalte eines mentalen Zustands bisher nicht mit den Mitteln der Neuro- und Kognitionswissenschaften erklären lassen. „What is it like“ (Thomas Nagel) … to be in a certain state of mind? Oder die in letzter Zeit oft gehörte deutsche Quasi-Übersetzung: Wie fühlt sich das für dich an? David Hume stellte bereits 1739 in seinem „Treatise on Human Nature“ fest: Wir können uns keinen Begriff vom Geschmack einer Ananas bilden, ohne diese tatsächlich gekostet zu haben.

Könnte ich allein mit literarischen Möglichkeiten vermitteln, was es für ein Gefühl war, 1996 im offenen Cabrio zur Musik der damals noch recht neuen Formation „Air“ oder zu den Beats von Dimitri of Paris die Küstenstraße zwischen Cannes und Saint-Raphaël entlang zu fahren, in Fréjus-Plage in einer Disco mit Terrasse zum Meer zu tanzen, umgeben von den bestaussehenden jeunes filles en fleurs? Für bestimmte Philosophen sind Qualia gänzlich unbrauchbare Begriffe, und es hat sich eine Strömung des Qualiaeliminativismus herausgebildet. Für den Philosophen Daniel Dennett beispielsweise können Qualia im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts abgeschafft werden, ähnlich den Begriffen Hexe oder Phlogiston. Für Literaten hingegen sind und waren Qualia seit jeher das Kerngeschäft von Poesie und Prosa. Qualiabasiertes Schreiben beschwört nicht erst seit Marcel Prousts Madeleine den Geschmack der Kindheit anhand der sich zugleich einstellenden Erinnerungen an die konkreten äußeren Umstände. Der Firwitz aber will über ein qualiaorientiertes Schreiben hinaus zu den Qualia selbst vordringen. Das Skizzieren einer Idee, die Aufforderung zu einer Handlung, Concept Art standen von Jugend an Pate für mein Schaffen. Fahren Sie aber bitte nicht im Rover-Cabrio meine Tour von 1996 mit den genannten Musik-Samples nach. Als Verfechter subjektiven Erlebens möchte ich Sie zum Wagnis selbstgewonnener Erlebnisgehalte ermuntern. Das gewährt einen ganz eigenen Genuss.

Während der Firwitz Qualia in Reinform aufgenommen hat, kommen Hexen in ihm nicht vor (diejenigen, denen ich begegnet bin, sind es nicht wert). Das Phlogiston möglicherweise, unmittelbar neben dem Paraliproptikon (von dem ebenfalls niemand weiß, was es sein soll). Hexen nicht, andere Frauen schon. Wie in vielen Gesamtkunstwerken, Junggesellenmaschinen und Merz-Bauten wurden auch meine Frauen in den Nischen meiner Kathedrale des erotischen Elends eingemauert. Literarisch überformt ruhen sie im Firwitz-Bau, jede Frau eine Mappe. Meine beiden Urgroßfreundinnen, meine Großgeliebte. Vor physischer Präsenz flüchtend, den ihrerseits fluchtfreudigen, fast materiefreien Gespenstern jedoch nachjagend, verehrte auch ich wie Breton eine „Nadja“ (die anders hieß und mir keine langen Briefe schrieb), mit der jede ungeplante Begegnung beglückend verlief, Verabredungen aber grundsätzlich scheiterten; falls sie nach zwei oder drei Stunden doch noch auftauchte, meinte sie, auf die Verspätung angesprochen, heiter lächelnd: „Stimmt, ich habe getrödelt.“ Solche Glücksgeschöpfe muss man einfach für schlechtere Zeiten archivieren, ebenso wie die ansehnliche Galerie der Beinahe-Geliebten, der Vierprozent-Ehen, Um-ein-Haar-Abenteuer, amori minori, Poussagen und Krösken.

Das Archiv ist überlebenswichtig. Schließlich lebt man nicht, um am Ende zu sterben. Diese Pointe aus dem unergründlichen Humor meines Schöpfers hat mich nie erheitern können. Ich lebe, um zu bleiben. Das Fleisch wird Wort, genauer gesagt, Schrift. Doch Schrift allein genügt nicht. Das haben alle Erfinder von Gesamtkunstwerken begriffen. Zu Lebzeiten können noch vorwitzige Handlungen den Charakter bestimmen. Wie Kurt Schwitters, der im Zuge der Vermerzung der Welt auch eine Merz-Bühne schuf, habe ich mich gefragt, ob ich eine Firwitz-Bühne ins Leben rufen muss, den Ansatz aber wieder verworfen. Die Firwitz-Bühne ist die Welt.

Nicht alles funktioniert. Manches kann gar nicht funktionieren, und doch gehört es dazu. Der „Firwitz“ ist seit seiner Konzeption im Dezember 1977 auch ein unmögliches Werk, und zwar eines, welches das Unmögliche als solches respektiert und nicht zu ermöglichen versucht. Kein falscher Heroismus. Wie ich Gespenster liebe, so hoffe ich auch, mich meinerseits einmal in eines zu verwandeln.

 

[Erstveröffentlicht in: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur. Herausgegeben von der Akademie der Künste (Berlin). 67. Jahr / 2015 / 2. Heft (März/April), Seiten 278–281; erster mündlicher Vortrag am 18. September 2014 im Theatermuseum Düsseldorf in der Reihe „Die Inspiration des Augenblicks“]