195 – Zirkus Salimba (Erzählung)

Zirkus Salimba (Erzählung)

veröffentlicht in der Schweizer Literaturzeitschrift orte, No. 218, Themenheft. Zirkus

[Der eingesandte Text (ohne die redaktionelle Bearbeitung):]

Zirkus Salimba

Was machen denn deine beiden Liebhaber, der alte und der junge, frage ich meine Mutter.

Och, die habe ich auf Schwung gebracht, die fetzen sich richtig, sagt sie. Das sind aber schon mehr als zwei. Sie beginnt vom Umstellen der Möbel zu reden. Rollstühle mussten aus dem Weg geräumt werden, aus der Schmuddelecke. Da habe der Opa mit der Warze auch mitgeholfen.

Ist dir dein Jüngster denn weiterhin treu? Der hat doch hier so viel Auswahl.

Sie lacht und blickt verträumt: Wir haben uns verschmust. Wie soll ich sagen, nicht ver… ver… (sie ballt die Hände zu einem Knäuel, findet das richtige Wort nicht), eben verschmust. Wir lieben uns.

Dann ist sie wieder beim Umstellen der Möbel in der Sitzecke im Aufenthaltsraum, beim Opa mit der großen Warze, dem älteren ihrer „Liebhaber“, der sicher nicht älter ist als sie, und bei einer Frau, die immerzu popelt. Die wollten wir alle nicht haben. Und die haben wir jetzt praktisch eingebaut. Die Popelige, du wirst die alle noch kennenlernen, später.

Warum mussten die Möbel umgestellt werden?

Sie weiß es nicht.

Der Zirkus Salimba war da, ruft uns ein Pfleger im Vorbeigehen zu.

Der Zirkus war da, frage ich meine Mutter.

Ach, der war schön, sagt sie mit strahlendem Gesicht. Dann wird sie nachdenklich, lächelt unsicher.

Die Zimmerdecke hat die übliche Höhe eines Betonbaus aus der Nachkriegszeit. Unter den Neonröhren können Trapezartisten nicht ausschwingen; ebenso wenig ließe sich hier ein Hochseil spannen. Allenfalls eine Slackline dicht über dem Boden, ein vorgetäuschter Abgrund rechts, ein Abgrund links, ein Clown mit Regenschirm, der erst so tut, als ginge es ihm auf dem Seil nicht viel anders als manchen Heimbewohnern, wenn sie auf dem Weg zum Speisesaal mal kurz ihre Gehhilfe loslassen, der dann aber plötzlich auf dem Seil eine Rolle vorwärts und eine rückwärts macht und den Regenschirm dabei schön oben hält.

War denn auch ein Clown dabei, mit ausgebeulten Hosentaschen?

Natürlich, sagt sie mit einem entzückten Lächeln. Den Clown Grock, den habe ich ja noch in Frankfurt gesehen, in den Ferien bei den Großeltern.

Nit möööööglich! Aber der hier im Altenheim war doch sicher auch lustig. Was hat der denn für Späße gemacht?

Der Clown, der hier war, wiederholte sie nachdenklich. Ja, was hat der gemacht? So im Einzelnen, weißt du … Sie redet nicht weiter.

Und Tiere frage ich. Haben die Zirkusleute auch Tiere mitgebracht?

Auf dem Linoleumboden mit dem Schweißgeruch alter Schuhe eine Manege voller Sägespäne und eine junge Prinzessin im Tutu, die auf dem Rücken eines im Kreis laufenden Ponys voltigiert und dem Publikum eine Kusshand zuwirft.

Selbstverständlich, sagt meine Mutter in einem etwas indignierten Tonfall. Ein Zirkus ohne Tiere, das geht ja gar nicht.

Ein dressierter Bär in Offiziersuniform, der die Trommel schlägt? Oder stand ein aufblasbares Wasserbecken in der Mitte, in dem sich junge Seehunde die Bälle mit ihren Schnauzen zuspielten? Mutter, lach doch mal! Was für Tiere haben euch denn besucht?

Sie versinkt in Gedanken. Hunde. Nach einer Weile fügt sie hinzu: keine Raubtiere.

Hunde. An der Glastür des Eingangs klebt ein Schild, das Hunde im Altenheim verbietet. Aber für den Zirkus Salimba wurde sicher eine Ausnahme gemacht.

Was machten die Hunde denn so für Kunststücke?

Sie überlegt, lächelt unsicher. Ach eigentlich, weißt du …

Sind sie durch einen Reifen gesprungen? Hat der Pudel auf dem Hocker einen Handstand gemacht?

Ich glaube nicht. Die Petra, weißt du, die bringt ja auch manchmal ihr Hündchen mit. An dem haben wir viel Freude.

Prima, welche Petra?

Die Petra, die kennst du doch. Die, die auch Bauchtanz macht.

Oh, là, là, die wäre mir doch aufgefallen. Eine Pflegerin?

Meine Mutter denkt nach. Nicht in dem Sinne. Nicht direkt Pflegerin. Aber … na ja, du wirst die alle noch erleben.

War die Petra denn auch beim Zirkus dabei mit ihrem Bauchtanz?

Nein, das macht sie doch schon lange nicht mehr. Meine Mutter wirkt enttäuscht, weil ich so etwas nicht weiß. In Frankfurt, sagt sie, da waren auch Löwen.

Klar, in Frankfurt, sage ich, da gab es auch den Elefanten, der mit einem Bein auf dem Brustkorb seines Dompteurs balancierte und mit dem Dampf aus seinem Rüssel einen bunten Wasserball in der Schwebe hielt.

Sie sieht mich böse an. Mach dich nur lustig über mich.

Aber nein, ich versuche mir nur vorzustellen, wie ein Zirkus in diesem Raum ausgesehen haben könnte.

Zwischen den Betonwänden mit ihrem unauslöschlichen Untergeruch nach Harninkontinenz; mit einer Glasfront zu der stark befahrenen Töpferstraße, auf der auch jede halbe Stunde ein Bus hält. Jongleure können ihre Bälle und Kegel in dem Aufenthaltsraum nicht halb so hoch werfen wie ihre Kollegen hinter der roten Ampel an der Einfallstraße zur Stadt. Was ist der Zirkus Salimba? Ein Familienbetrieb, ein Gewichtheber mit grimmigem Gesicht, der dann doch nur Schaumstoff stemmt. Sind es einstmals in der Zirkuswelt gefragte, nun aber verbrauchte Artisten, die ihre Biegsamkeit vor den noch weitaus morscheren Knochen der Altenheimbewohner beweisen dürfen? Bemalte Münder, abplatzende Theaterschminke auf welken Wangen und ausgeblichene Handschuhe. Oder im Gegenteil: Nicht der traurige Endpunkt einer Karriere, sondern ihr Anfang. Die Gelegenheit für Nachwuchskräfte, öffentlichen Proben vor dankbaren Zuschauern abzuhalten, deren schwache Augen über manchen Schönheitsfehler hinwegsehen? Mit einer begabten Bodenturnerin, die ein Rad schlägt, den Flickflack sauber ausführt und ihre Show vor den geschwollenen Fußgelenken der Patientinnen in der ersten Sitzreihe mit einem schreckenerregenden Schraubensalto abschließt? Künstlerinnen und Künstler, die alles geben, als ginge es um weit mehr, als den alten Herrschaften die Wartezeit auf die nächste Mahlzeit zu verkürzen. So wie sich der König einen Hofnarren hält als Remedium für Melancholie und Raserei. Wie auch ich Woche für Woche herkomme im guten Vorsatz, meine Mutter aufzuheitern, und oftmals selbst der Aufheiterung bedarf. Mühselige Arbeit an der guten Laune. Also weiter. Meistens funktioniert Musik.

Hatten die denn auch ein kleines Orchester dabei, frage ich, das jeden Höhepunkt mit einem Trommelwirbel vorbereitete und nach bravouröser Vollendung einen Tusch spielte?

Da kommt das Leuchten in ihre Augen zurück. Ja, das Orchester, das schönste Orchester, das ich je gehört habe. Und ich habe mitgespielt.

Du hast mitgespielt?

Und wie!

Sie schlägt mit der Hand gegen die Fläche ihrer anderen Hand. Immer immer, ach mir fällt wieder nicht ein, wie es heißt.

Tamburin, frage ich. Hast du das Tamburin gespielt? Ich teile ihre Begeisterung. Haben deine Kolleginnen und der Opa mit der Warze auch in dem Orchester mitgespielt?

Ja … sagt sie nach einer Weile. Aber nicht so schön wie ich.