001 – Zwei Särge

Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ – 1. Teilabriss

ZWEI SÄRGE

Wenn ich einmal eine etwas größere Wohnung habe – mit einem leeren Zimmer – dann stelle ich in dieses Zimmer nichts als zwei gleiche Särge, die ich beim Bestattungsunternehmen „Wort­berg“ auf der Rüttenscheider Straße kaufe.

Der eine Sarg ist für mich bestimmt. Sein Deckel bleibt an die Wand gelehnt, bis jemand meinen willfährigen Körper in den Sarg hievt und ihn im Erdboden versenkt.

Der andere Sarg ist der interessantere von beiden. Er soll nach meinem Tod über der Erde bleiben, der Deckel aufgelegt, aber nicht vernagelt.

Schon richte ich diesen Sarg ein. Meine Bücher – vielleicht nicht alle – bekommen dort mit einem strikten Leitfaden zu ihrer Benutzung einen Platz zugewiesen. Sie sind einer von mehreren Ariadnefäden durchs Labyrinth. Da sie bereits außerhalb ihres hölzernen Mantels eine Lebensform gefunden haben, bleiben sie in meinem Sarg illustratives Beiwerk.

Eines der Kernstücke bildet das „Blauversiegelte“. Das sind jene kleinen Taschenkalender (die ersten von ihnen waren Werbegeschenke der Firma Siegel & Co. – einem guten Kunden meines Vaters), in denen ich seit 1971 Tag für Tag mein Leben verzeichne.

Mehrere Notizbücher mit legendären Zeichnungen, die ich heute nicht mehr zustande bringen würde, befinden sich ebenfalls im offenen Sarg. Nicht zum wahllosen Blättern zufälliger Besucher bestimmt, denn das Grafit des Bleistifts löst sich ab und verwischt den hohen Unsinn des Dargestellten. Muss ich damals Zeit gehabt haben für die der Langeweile entsprungenen Geistesblitze bei Kaffee und Ricard im „Click“ und andernorts (gern auf Reisen)!

Briefe, ganz wenige, historische, erhellende und verdunkelnde, lebensentscheidende, aber keine indiskreten, keine, die anderen Menschen schaden könnten. Im Original, mit Umschlag und belächelnswerten Briefmarken. Stockhausens Antwort, aber nicht die jugendliche Handschrift meiner Fragen voller Neugier und Protest. Später meine von fremder Hand geführten Briefe, die eine erste fragwürdige „Karriere“ einleiteten. Nur nicht darin herumkramen.

Fotos, wenige von mir. Frauen. Der mit ihrem Einverständnis bereinigte Rest meiner Trophäensammlung. Drehpunkte meiner Biographie. Susan in New York. Wenige gute Freunde. Reisen: Das Beste nicht oder unvollkommen festgehalten. Objekte haben eine größere Aura. Mein One-Way-Ticket nach Nairobi 1980. Ein Kofferaufkleber der “Terra australis”. Der Alligatorschädel und so weiter. Manches aus meinem kleinen Kellerkabinett dadaistischer Kuriositäten möchte ich in den Sarg dazulegen. Aus der jugendlichen Erweckung einen Katalog der „Szene Rhein-Ruhr“ 1972 in den Hallen der späteren „Messe Essen“. Der als Kind verschenkte Chevrolet Impala als Yellow Cab der Marke Corgi Toys muss wiederbeschafft werden.

Bücher, die ich gelesen habe? Mein verliehenes, nicht zurückerhaltenes Exemplar von Hesses „Siddharta“ gehörte hierher. Nabokovs „Transparent Things“, Graham Greenes „Comedians“, Gombrowicz’s „Trans-Atlantik“, Salters „A Sport and a Pasttime“, Georg Kleins “Libidissi”? Zu früh für solche Fragen.

Ganz sicher aber müsste mein „Reisender“ einen Ehrenplatz erhalten – das etwa einen Zentimeter große Männchen von der Märklin-Eisen­bahn, die ich nie besessen habe –, das spätere Fotomodel des Firwitz Verlags. Habe ich überhaupt schon erwähnt, dass es sich bei dem Sarg um die seit dreißig Jahren geplante Firwitz-Kiste handelt?

Wohin mit meinem Zweitsarg, dem einzig zählenden, wenn meine noch gar nicht angemietete größere Wohnung von meinen mit einer noch nicht gefundenen Frau noch nicht gezeugten Nachlassverwaltern gekündigt werden muss? Welches Museum wollte ihn haben, welches Literaturarchiv ließe ihn sich mit guten Worten aufschwatzen, welches Auktionshaus wollte ihn für wie wenig Geld versteigern? Bis die Ant­wor­ten gefunden sind, bleibt mir keine Wahl als weiterzuleben.

[Datei vom 04.03.2006, später korrigiert und variiert]