003 – Osterei zeichnen

Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ – 3. Teilabriss

Osterei zeichnen

An meinem ersten Schultag erkannte ich, was Schule bedeutete. Auch wenn ich es als Sechsjähriger nicht so gut hätte auf den Punkt bringen können – meine Befürchtung war deutlich.

Damals erfolgte die Einschulung zu Ostern. Wir waren mit Schiefertafeln und weißen und farbigen Griffeln ausgestattet und bekamen bereits am ersten Schultag eine Hausaufgabe erteilt. Wir sollten auf unserer Tafel ein schönes Osterei zeichnen.

Das tat ich am Nachmittag. Ich gab mir Mühe, das Ei groß und eiförmig zu zeichnen und so, dass die Linie nach dem beschriebenen Oval wieder auf ihren Ansatzpunkt traf. Nachdem der Umriss festgelegt war, malte ich das Ei mit den Farbgriffeln aus, Reihe für Reihe in variationsreichen Mustern, so akkurat ich konnte. Nach mehreren Versuchen war ich mit meiner Arbeit zufrieden. Ich zeigte das Osterei der Mutter, die mich lobte, und ich wischte die Tafel aus.

Mutter fragte, warum ich die Zeichnung wieder auslösche; ich müsse sie doch am nächsten Tag der Lehrerin vorzeigen.

Da beschlich mich eine düstere Vorahnung. Die Schule war ein System, um mich zu kontrollieren. Mein Wort, ich habe ein schönes Osterei gemalt, würde der misstrauischen Lehrerin nicht genügen. Sie wollte einen Beweis meiner Leistung sehen. Mutter hatte mir immer alles geglaubt; in Zukunft würde ich es mit einer argwöhnischen Welt zu tun bekommen. Mit der Kritik von Fremden, die mich nicht kannten, nicht verstanden.

Schlimmer – auch alle anderen Kinder in der Klasse zeichneten auf den Wunsch der Lehrerin ihre Ostereier. Man würde vergleichen. Ich war nicht mehr wie zu Hause der Einzige, war nicht mehr tonangebend, musste die Demütigungen des Wettbewerbs ertragen. In der Schule würde ich nicht der Mittelpunkt sein, da waren ungefähr dreißig andere Kinder in meinem Alter und mit unterschiedlichen Begabungen.

Nach der Vorfreude, mit dem Beginn der Schulzeit nicht mehr zu den ganz Kleinen zu gehören, erfuhr ich schon am ersten Tag die Zurücksetzung. Ich war kleiner als je zuvor, war plötzlich einer von Mehreren und musste den Vorstellungen einer mir vorgesetzten Lehrperson entsprechen.

Warum ich das erste gelungene Osterei gleich wieder ausgelöscht hatte? Ich fand, dass ich nach getaner Pflicht das Recht hatte, auf der Tafel nun wieder zu zeichnen, was ich wollte, Autos oder sonst etwas nach meinem Geschmack.

Missmutig machte ich mich am Nachmittag des ersten Schultags daran, ein zweites Osterei zu zeichnen, das längst nicht so schön wie das erste wurde und für das ich von der Lehrerin bei weitem nicht so viel Lob erhielt wie von meiner Mutter für das nun unsichtbare Resultat Nummer eins.

 

[13.07.2013,
nach verschiedenen Varianten,
unter anderem in den Stoyke-Fragmenten,
wo das Erzählte dem Protagonisten zugeschrieben wird]