Ich habe nie eine elektrische Eisenbahn besessen und bin deswegen nicht traurig. Meine Mutter meinte, das sei ein Fass ohne Boden. Bekäme ich zu Weihnachten eine Lokomotive geschenkt, würde mir das bald schon nicht mehr genügen, und ich würde ewig unzufrieden sein. Das Wesentliche des Wünschens und der enttäuschenden Realität, das Prinzip des Kapitalismus womöglich, hat meine Mutter richtig erkannt, aber das soll hier nicht das Thema sein, sondern die Frage, womit ich als Kind stattdessen gespielt habe: Der Ersatz für die nicht vorhandene elektrische Eisenbahn, der Plan B meines Spielens.
Eine dünne Pressspanplatte – die Unterseite mit rauer Struktur, die obere Seite weiß -, auf die ich mit Plakafarbe Straßen aufmalen konnte, dazu Häuser, teilweise aus dem üblichen Zubehör elektrischer Eisenbahen, teilweise auch aus bedruckten Papierbögen ausgeschnitten und zusammengeklebt, kleine Menschenfigürchen, etwa aus der Serie Wartende am Bahnsteig, das war die preiswertere Alternative, und ich hatte ja meine kleinen Autos. So baute ich eine Stadt, mit allem, was dazugehört, aber ohne dass am Bahnhof jemals ein Zug ankam. Nicht ewig warteten die Menschen am Bahnsteig, ich ließ sie die Straßen entlanglaufen und simulierte vielerlei Alltagsszenen.
Romane werden gern als Modelle der Wirklichkeit angesehen.
[… Es folgt eine Romantheorie mit den Stichworten: notwendige Reduktion in den Details, Verkleinerung, Übersichtlichkeit, Ökonomie in der Anzahl der Personen, Repräsentanz komplexerer Zusammenhänge in der Vereinfachung, das Exemplarische, Personen als Stellvertreter …]