Entstehender Roman; Stand: 04.06.2026
Beginn:
Wolfgang Cziesla:
„Das Entstehende“ führt den Fürwitz auf
(Alternativ: Das Entstehende bringt den „Firwitz“)
Neben mir sagt eine unbekannte Frau: Der Tag mit seinen Spielen und Reden ist vorbei, jetzt kannst du. Nie weiß ich, ob Frauen es so meinen, wie ich sie gern verstehen würde. Noch während ich den Mund zu einer Frage öffne, stecken wir in einer wilden Knutscherei. Wir sind nicht die Einzigen in der Matratzenlandschaft. Sobald die Spiele und die Debatten ruhen, füllt sie sich mit schmusenden und gegenseitigen streichelnden Körpern; manche greifen auch fester zu. Unter dem Kopfkissen liegt eine Nussschale, größer als eine Haselnuss und glatter als eine Walnuss, eine dunkelbraune Halbkugel. Die Frau beginnt, ausführlich mein Ohr zu lecken, oder ich lecke ihres, das weiß ich nicht, wie ich überhaupt kaum etwas weiß. Durch einen hohlen Baum gelangen wir tief ins Erdreich. Sie, in der Remise neben dem verfallenen Posthotel ein nur geduldeter Gast wie ich, möchte, dass ich unseren Gastgeber umarme. Er sagt, der Ort sei ja vor allem wegen seines Schwitzschachtes bekannt, eine Attraktion, um die uns alle Thermen der Welt beneideten. Die meisten Gäste übernachteten hier nur, um einmal in den Schwitzschacht zu steigen. Wörtlich sagt der uns beherbergende Herr Johann: „So pflegt auß allen benachbarten Dörffern, Thälern vnd Gebirgen, mit einem Wort alles gemein, vnnd lauffige Gesinde, theyls Gesund, theyls Lust vnd Furwitz halber, herbey zukommen, in die Badschwämme, einzusitzen, vnnd die gantze Nacht, darinn wachtsamb zuzubringen. Er redet weiter, manche trieben superstition und Aberglauben – ohne zu erläutern, worin für ihn der Unterschied zwischen den beiden Wörtern besteht, – tauchten in dem schwer zugänglichen Schwitzschacht ihre Hemden in das Badwasser und zögen sie an – so unser Gastgeber wörtlich – „mit mainung, einer mit sich hinweg tragenden großen gefunden Krafft.“ Vielleicht sagte er auch „gesunden Krafft“, aber es klang wie „gefunden Krafft“.
Ich bezweifle, dass unsere Zeit für solche Erfahrungen ausreichen wird, denn am Morgen wollen wir mit unseren Übungen auf dem Hochplateau weitermachen.
Beim Frühstück fragt Alain, hat er wirklich „Furwitz halber“ gesagt? Der diese Frage stellt, gab gestern den Alain Leroy aus Le Feu follet (Das Irrlicht). Unsere bürgerlichen Namen kennen wir alle nicht voneinander, aus gutem Grund. Kommt jemand und sagt, Hallo, ich bin der Paul, wollen wir‘s nicht wissen. Andere Namen als die unserer Rollen sind unnötig, sie ändern sich von Tag zu Tag und manchmal auch mehrfach in ein und derselben Trainingssession. Oft werden wir zu einer Figur mit dem was wir sagen, indem wir jemanden zitieren, mitunter nur für den einen Satz.
Sofort sind flinke Finger auf der Spur des Wortes „Furwitz“. Hier, sagt Ipomoea als Erste und liest von ihrem kleinen Bildschirm ab: „si folget ir bosen furwitz und tët dar in einen biz“.
Quelle, fragt Alain.
Nach versuchsweisem Wischen nach oben und unten, nach links und rechts, hat es Ipomoea gefunden: Millstätter Genesis.
Dann möchte ich heute Eva sein, sagt die, die gestern noch Sophie war. Fragt sich nur, wohinein sie ihren Biss tät.
Unwahrscheinlich, dass am Baum der Erkenntnis ein trivialer Apfel wuchs, meint Albert, der Pharmakologe.
Ein Pilz vielleicht, schlage ich vor, oder ein beträufeltes Stückchen Löschpapier.
Du meinst?
Ich meine, sagt Adam – wir nennen ihn jetzt einfach Adam, weil seine Frau, die gestern Sophie war, jetzt Eva heißt –, ich meine, irgendwie müssen die Leute den Schauplatz Garten Eden erahnen können. Nur öffentlich einen Apfel zu essen, dafür bleibt keiner stehen.
Schon diskutieren wir einzelne Szenen rauf und runter, während normalerweise die Stunde der Philosophen erst am Abend schlägt, Kritik und Deutung immer retrospektiv, mit besseren Vorsätzen für den nächsten Tag.
Erst tun, dann nachdenken, sagt Albert mit einem spöttischen Zug in den Mundwinkeln, der sich mit dem ergebnislosen Abbruch des Gesprächs nicht zufriedengibt.
Wir proben keine Stücke ein; vieles entsteht in dem Moment, in dem wir es tun. Wir spielen immer, Tag und Nacht. Wir wollen nicht im Verborgenen etwas vorbereiten, was wir dann irgendwann öffentlich präsentieren. Unsere „Proben“ – wobei das Wort unzutreffend ist, denn alles ist Spiel – sind nicht geheim. Wer immer es will, soll den Entstehungsprozess nachverfolgen können. Auch Ergebnisse wären immer nur vorläufig. Der Prozess ist das Eigentliche. Alles wird zu unserer Bühne, jeder Gehweg, jeder Marktplatz, jede Bushaltestelle, Rasenflächen in den Parks, das eine oder andere Foyer öffentlicher Gebäude und gestern der Platz vor dem einstmals für die Postbus-Reisenden gebauten und inzwischen einsturzgefährdeten Großhotel. Aktionen im öffentlichen Raum, nicht angemeldet, überraschend wie ein Flashmob, scheinbar spontan. Über soziale Plattformen müssen wir uns nicht verabreden, wir sind Tag und Nacht beisammen, eine Kerngruppe um die fünfzehn Personen, die nicht zwischen Leben und Schauspiel unterscheiden wollen. Mit den Durchreisenden, die sich uns für kürzere Zeit anschließen, kommen wir manchmal auf zwanzig oder gar fünfundzwanzig.
Wer bei uns mitmacht, verlässt sein bisheriges Leben, darf sich aber jederzeit wieder verabschieden. Wir sind das große Welttheater des Dramatikers Calderón de la Barca im Goldenen Zeitalter Spaniens. Oder auch die Gesellschaft des Spektakels, wie von den Situationisten im Vorfeld des Mai 1968 beschrieben. Wir wissen, alles ist inszeniert. Als Gruppe nennen wir uns Das Entstehende. Diesen Namen verwenden wir fast ausschließlich intern – wenn gruppendynamische Gespräche nötig sind – und extern nur, falls uns jemand fragt, wer wir sind. Wir malen oder drucken keine Plakate. Werbung würde unseren Absichten entgegenwirken. Wüssten die Leute, aha, das ist jetzt Theaterspiel, wäre die Überraschung dahin. Außerdem sind wir uns selbst nicht sicher, ob wir es Theater nennen möchten oder lieber Happening, Aktionskunst, Performance, was auch immer. Interessant ist vor allem das, wofür es noch keine Bezeichnung gibt.
Auch Das Entstehende ist ein Name, der sich durch den Gebrauch ergeben hat. Wenn wir uns, je nachdem, wer dabei ist, auf Englisch unterhalten, nennen wir uns auch The Emergence oder The Emerging oder The Emerging Idea. Wir sind kein eingetragener Verein oder dergleichen, als gemeinnützig verstehen wir unsere Aktionen dennoch. Seit wir uns ein rigoroses Kommerzialisierungsverbot auferlegt haben, keine Förderanträge stellen und nicht einmal mit dem Hut herumgehen, sind wir von mehr Schaulustigen umgeben als zuvor. Aber wir verstehen uns nicht als Laientheater. Ich selbst konnte viele ernüchternd-lehrsame Erfahrungen mit den professionelleren Spielarten dieses Gewerbes sammeln. Früher hat man uns als eine marginale Gruppierung angesehen, nun sind wir über den Rand hinausgetreten. Wir kämpfen nicht mehr für, sondern gegen unsere Interessen und nicht für die Interessen Einzelner, nicht für die Arbeiterschicht, das Prekariat, die Schwulen, Lesben, Queeren, wobei natürlich alle diese Rollen besetzt werden können. Wir haben keinen Chef, keinen Regisseur oder Intendanten. Naturgemäß gibt es auch in unserer Truppe unterschiedliche Begabungen. Da sind zwei wahre Akrobaten mit vollendeter Körperbeherrschung, Muskelmenschen sondergleichen und sehr kräftig, andere sind eher die Denker und Forscher und arbeiten immerzu an Konzepten, während manche von uns nur improvisieren können, das aber wirklich können. Aus dem Stegreif reihen sie Reimkaskaden, zu flott und worterfinderisch, um sie zu notieren, aber natürlich wollen wir keine der schon existierenden Sprachen benutzen.
Besondere Aufmerksamkeit erregt die überragende Schlangenfrau. Ipomoea, die große, schlanke, war durch eine Erzählung von Sophie (heute Eva) auf ihren Namen gekommen. Sie hatte kurz überlegt, sich Calystegia zu nennen, da die Zaunwinde in der Kindergeschichte, die wir aufführen wollten, botanisch nicht näher bezeichnet ist; den Namen Ipomoea findet sie aber schöner. In Ipomoea schlummern Mutterkornalkaloide, sagt sie.
Sophie hatte sich erst Schneider nennen wollen, denn sie wusste sicher, dass es sich um ein „Schneider-Buch“ gehandelt hatte, in dem sie als Kind, gerade erst des Lesens mächtig, der Geschichte begegnete. Mehrere von uns redeten ihr den Namen Schneider aus, da wir einen Schneider erst kurz zuvor im Zusammenhang mit den Heinzelmännchen verwendet hatten („Neugierig war des Schneiders Weib“). Mit etwas Recherche fanden wir den Namen der Autorin heraus. Es war eine Sophie also, die uns von der vorwitzigen Zaunwinde erzählte. Die Handlung ist simpel. Empörend simpel: Eine Zaunwinde wächst schneller als alle anderen, die Sehnsucht treibt sie, als Erste über den Zaun zu blicken in den Garten des Nachbarn hinein, aus dem sie unerklärliche Laute hört. Dort hält der Nachbar eine Ziege, die, als sie die hochgewachsene Winde über den Zaunspitzen entdeckt, sie frisst. Für Sophie – nicht die Autorin, sondern die Frau aus unserer Truppe, die heute Eva sein will – war die erste größere Leseanstrengung ihres Lebens eine herbe Enttäuschung. Sie verstand nicht, sie erinnerte sich sogar, als damals Sechsjährige im Stillen protestiert zu haben, dass jemand, nur weil er eifrig in die Höhe schießt, für seine Leistung als Schnellwachsender mit dem Tode bestraft wird. Für Sophie zog die Geschichte, wie sie meinte, zwei Konsequenzen nach sich, erstens, sie fand lange Zeit keinen Gefallen am Lesen, und zweitens, sie wuchs nur bis 1,58 Meter.
Eine unverantwortliche Moral hat die Geschicht‘, sagte Ipomoea, rank und schlank, ich spiele morgen die Zaunwinde, wer ist die Geiß, wer will mich fressen? Sie lachte spitzbübisch, herausfordernd. Niemand meldete sich und so verzichteten wir darauf, die Szene nachzuspielen. Aber die Struktur, das Muster des bestraften Vorwitzes, wollten wir in allen Variationen zu unserem Thema machen.
Wird denn der Vorwitz nicht auch manchmal belohnt, fragt Giordano.
So weit sind wir noch nicht, sagt Augustinus. Wir sind noch mit der Vertreibung aus dem vermeintlichen Paradies beschäftigt und allem, was sich theologisch und pädagogisch daraus ergeben hat.
Lasst uns hinausgehen, schlägt, ungeduldig geworden, der Zürcher vor. Andere stimmen ihm zu. Viele Worte schon für eine Kunst, die am liebsten wortlos agieren möchte.
Die beiden Pantomimen eilen voraus, andere – wie Adam, Eva, Augustinus oder Sloterdijk – verlassen etwas behäbiger den Frühstückstisch, ein auf Steinen aufgebocktes Türblatt neben dem Matratzenlager in der alten Postkutschen-Remise. Da wir mindestens noch eine weitere Nacht hierbleiben dürfen, lassen wir den Hanomag stehen und gehen zu Fuß los, nicht wieder zu der gleichen Stelle wie gestern, nie zweimal am selben Ort. Alles, was wir an Requisiten benötigen, tragen wir bei uns. Viel ist es nicht. die beiden Pantomimen können alles Gewünschte in der Vorstellung des Publikums entstehen lassen.
Hinter jeder Biegung ergeben sich wunderbare Ausblicke. Vielleicht durch einen außergewöhnlichen Föhnwind hervorgerufen, erscheinen alle Felsformationen heute besonders konturiert, die Schatten violett.
Wir wissen nicht, worin sich die Millstätter Genesis von anderen Versionen des Garten Edens unterscheidet. Was unseren Spieltrieb aber nicht mindert. Ipomoea übernimmt die Schlange, das liegt nahe, möchte aber nicht Schlange genannt werden und ihren vorigen Namen noch eine Weile behalten. Wenn ich lange genug über den Boden gekrochen bin, will ich vielleicht an einem imaginären Zaunpfahl in die Höhe ranken, auch ohne, dass mich die Ziege frisst. Lasst euch überraschen.
Lass du dich überraschen, sagt Adam.
Am Hotel Edelweiss biegen wir links ab, hinauf ins Dorf.
Ich habe mal eine Rüttenscheider Genesis geschrieben, sagt einer, der sich uns seit kurzem angeschlossen hat.
Und was soll Rüttenscheider sein?
Rüttenscheid, führt er aus, heiße das Viertel, in dem er aufgewachsen sei, in einer Stadt, die ihm insgesamt zu wenig Identifikation anbiete, als dass er ihren Namen übernehmen möchte. Die Stadt habe keine Identität, sie sei das Ergebnis bürokratischer Entscheidungen über Eingemeindungen und Grenzziehungen ohne Rücksicht auf historische und regionale Traditionen. Teile von Westfalen, des Rheinlands und des Bergischen Landes, mitsamt ihren Bewohnern, seien zusammengewürfelt worden, und mit der Industrialisierung habe die Massenzuwanderung begonnen, vor allem aus den östlichen Provinzen Preußens und aus Polen, später auch aus Süd- und Südosteuropa. Er definiere sich als Rüttenscheider oder aber als Bewohner der Ruhrregion insgesamt, aber nicht als Bürger innerhalb der politisch ausgehandelten Stadtgrenzen. Und nun, sagt er, lese ich euch aus meinem Notizbuch ein paar Sätze der Rüttenscheider Genesis vor:
… und sie wurden gewahr, dass sie dumm waren. Nach der Einnahme schon einer kleinen Menge der Frucht vom Baum der Erkenntnis erkannten sie, was ihnen fehlte: Intelligenz. Die Fähigkeit des schnellen Lesens, des exakten Memorierens, des Findens von Abkürzungen auf den gewundenen Bahnen ihrer Schlussfolgerungen, aber letztlich neben der Geistesstärke auch das, was der Volksmund Herz nennt, ein Herz für Tiere, ein Herz für Kinder, ein Herz für Kranke …. Intelligenz mit Herz – das brauchten sie mehr als Geld und alle Güter. An fehlender Intelligenz und fehlendem Herzen zeigte sich ihre Blöße.
Ihr habt es im Ruhrgebiet aber gewaltig mit dem Herzen, sagt der Mitspieler, der eine kleine Trittleiter trägt. Sein Akzent verrät eine Zürcher Herkunft, und deswegen nennen wir ihn bis auf weiteres nach der Stadt. Ich bin vor Jahren einmal zum Umsteigen nur für eine Stunde im Ruhrgebiet gewesen, erzählt er, und schon in Bahnhofsnähe gleich dreimal dem Wort Herz begegnet: Im Herzen des Ruhrreviers, eine Stadt mit Herz und noch etwas mit Herz.
Ja, so sind wir, sagt Rüttenscheider, dir hängt ein Herz in deiner Brust, das darfst du nie verlieren. Aber das ist Ringelnatz.
Hängt es, das Herz?
Es hängt schwer und zieht den Gang des Homo Ruhrgebietensis nach unten, aber es schlägt wie ein Dampfhammer.
Wir gehen bergauf, vielleicht daher das Dampfhammerherz, und dabei noch vorlesen. Wen will der Rüttenscheider mit der Erkenntnis mangelnder Intelligenz treffen? Uns? Sich selbst? Oder sollte seine Einlassung nur ein witziges Gegenstück zur Millstätter Genesis sein, die uns als Vorlage unserer Improvisationen dienen wird?
Vor der Kirche – weißgestrichen, der Turm mit großer Uhr, sein Dach eine flache Pyramide – gibt es rechts und links der Straße einen Parkstreifen. Die drei Autos, verteilt auf beide Seiten der Dorfstraße, lassen uns genügend Raum.
Das Besondere unseres Spiels ist im Grunde nicht zu beschreiben. Was für unsere Arbeit das Wesentliche ist, liegt außerhalb des Artikulierbaren. Wir machen schließlich kein Sprechtheater. Kommt doch einmal ein Wort hervor, hängen ihm Spuren des Vorsprachlichen an. Es verflüchtigt sich nicht so schnell, als wäre es in eine Rede eingebunden. Jedem Wort seine Nachgeburt.
Ipomoea rekelt sich auf dem Asphalt, dass einige der Dorfbueben Stielaugen kriegen. „Sich rekeln“ ist eine despektierliche Bezeichnung für ihre präzise Körperbeherrschung, es ist ein überaus kunstvolles Rekeln. Als hätte sie zwischen Taille und Schulterblättern fünfundzwanzig Gelenke, die sie nach Belieben hin und her bewegen kann, richtet sie sich Wirbel für Wirbel vom Boden auf und bleibt in jeder Phase ihres Sich-Aufrichtens minutenlang unbeweglich. An ihre Zunge hat sie eine sich gabelnde Verlängerung angeklebt, vielleicht aus Pflanzenfasern oder Spargelschalen, mit der sie sich züngelnd wie eine Schlange am Geruch zu orientieren versucht. Sie erkennt Eva, nackt vor ihr, gebannt wie das redensartliche Kaninchen. Wir alle starren auf Evas monströses Schamhaartoupet. Um ein solches muss es sich handeln, denn ich kann nicht glauben, dass ein solcher Bär natürlich wächst. Adam, der sich nun von der Seite nähert, hat sich eine Lockenperücke über seine Scham gehängt. In dem abgelegenen Bergdorf müssen wir nicht durch Exhibitionismus glänzen.
Der Zürcher Kollege ist auf die kleine Trittleiter gestiegen, spielt den Baum und wedelt mit dem Apfel, den er vom Frühstückstisch mitgenommen hat. Die Schlange züngelt nun in Richtung der Frucht. Eva blickt sorgenvoll, doch andererseits erleichtert, weil die Schlange sich von ihr abwendet und den Apfel zu pflücken versucht, den der Zürcher jetzt noch ein Stück höher hält, um Ipomoea zu ärgern, oder damit die uns aus vorsichtiger Entfernung beobachtenden Dörfler sie in ihrer ganzen Körperlänge bewundern können. Dann lässt er sie von der angeblich Verderben bringenden Frucht abbeißen. Die gespaltene Schlangenzunge kreist um das Maul, und mit ihren Augen und Bewegungen gibt die Schlange Eva zu verstehen, es handele sich um eine ausgesucht köstliche Frucht, die sie unbedingt probieren sollte. Eva erwartet, dass die Schlange jeden Moment elendig verendet, hat sie doch gehört, wer von der verbotenen Frucht koste, dem winkt der Tod. Doch die Schlange lebt förmlich auf, setzt zu einem temperamentvollen Solo an, das selbst noch Salomes Tanz der sieben Schleier in den Schatten stellt, steigert sich in immer entrücktere Bewegungen hinein, gerät in Ekstase, und nun kann auch Eva nicht an sich halten und greift nach dem Apfel. Adam springt auf sie zu und schlägt ihr die Frucht aus der Hand. Es kommt zu einem pantomimischen Streit, wohl einem expressionistischen deutschen Stummfilm nachempfunden, mit wüster Gestikulation. Der bewegungsreiche Disput mündet in einer Umarmung und einer überzeugenden Verführungsleistung durch Eva, der sich Adam am Ende ergeben muss. Als sei er bereit, für sie den Liebestod zu sterben, hebt Adam theatralisch den restlichen Apfel vom Asphalt des Parkplatzes auf und beißt mutig in ihn hinein. Beide reißen die Augen auf und zeigen gegenseitig auf ihre bärtige Scham. Alain, der vorgestern Das Irrlicht war und heute mit Pappschwert den Erzengel verkörpert, packt beide am Genick und stößt sie auf die wenig befahrene Straße.
Albert schüttelt den Kopf. Auf dem Weg hierher hatte er ständig seinen kleinen Bildschirm vor Augen gehabt und Suchbegriffe eingegeben. Nur kurz hatte er aufgeblickt, als der Rüttenscheider in seiner eigenen Genesis von einer kleinen Menge der Frucht vom Baum der Erkenntnis sprach, und hatte zustimmend genickt.
Als wolle er etwas Gewichtiges sagen, hebt er nun zu sprechen an: Aus der Zurückhaltung des Naturwissenschaftlers einmal heraustretend, laute sein Urteil: lächerlich. Damit meine er nicht die schauspielerische oder tänzerische Leistung, die sei großartig gewesen, vor allem die tanzende Schlange. Aber der Apfel sei einfach lachhaft. Auf dem Weg habe er „psychoaktive Pflanzen in Mesopotamien“ eingegeben. Mit unbefriedigenden Ergebnissen: Schlafmohn. Davon gingen niemandem die Augen auf, sondern zu. Und die anderen, Bilsenkraut und Alraune, hätten zwar je nach Gebrauch halluzinogene Effekte, wüchsen aber nicht auf Bäumen. Die Liste von Pflanzen mit psychotropen Wirkstoffen sei lang, sehr lang, aber grenzten wir die Suche ein, erstens nach Bäumen, zweitens nach Alter Orient, Naher Osten, Kleinasien, wie immer man die biblische Ursprungsregion nennen wolle: Fehlanzeige. Erst ab Indien werde es wieder interessant.
Analysieren könnten wir die Experimente später, sagt der Zürcher, wenn nach der Abendmahlzeit die Stunde der Philosophen eingeläutet wird. Jetzt sollten wir die erreichte Höhe nutzen, um noch höher zu steigen. Vielleicht ließe sich dort von der Kuppe schon auf das Oberengadin blicken. Wer wolle mitkommen? Die Leiter hole er auf dem Rückweg ab, den Landmenschen könne man vertrauen.
Unsere Gruppe teilt sich. Wer sich der Wanderung anschließt, sind nicht die, die ich als die sportlicheren eingeschätzt hätte. Ipomoea, die beiden Akrobaten und Albert wollen zurück zum Matratzenlager. Adam und Eva ziehen sich Hemd, Hose und ihre Wanderschuhe an. Der Zürcher und der Rüttenscheider sind schon vorausgegangen, zunächst fast unmerklich, dann zunehmend entschlossener bergauf. Das Irrlicht / der Erzengel wirkt unentschieden, ob er den beiden Gipfelstürmern hinterhereilen oder auf Adam und Eva Rücksicht nehmen möchte, bleibt dann in der Nähe des alten Paares, das mit Wanderschuhen und in karierten Flanellhemden nicht mehr biblisch wirkt.
Bei Adam ist die größte Veränderung seines Lebens nicht wie bei mir durch den Verlust des Arbeitsplatzes ausgelöst, sondern durch die Kündigung der gemeinsamen Wohnung mit Eva. Er war Beamter auf Lebenszeit, schlug sich herum mit Zahlen und Zahlungsunwilligen, und hätte bis zur Pensionierung auf seinem Sessel kleben bleiben können. Aber sein Vermieter verwies die beiden aus ihrem Paradies und klagte auf Eigenbedarf. Nach vielen frustrierenden Versuchen, eine ähnlich passende Wohnung zu finden, gaben sie es auf, verkauften alles, schafften sich einen Campingbus an und sind seitdem auf Reisen durch Westeuropa. Wir trafen sie, vielmehr: sie trafen uns, in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, als wir auf dem Platz vor der Kirche eine Szene zu einer Sage aus dem Allgäu probten, deren Titel Geistende Hirten uns neugierig gemacht hatte.
Adam und Eva haben uns angesprochen. Das sei genau das, was sie schon immer haben machen wollen. Eva sagte, sie sei Künstlerin, Malerin und Bildhauerin, sie mache auch Skulpturen aus Metall und könne uns sicher nützlich sein. Und Adam wollte einfach etwas Neues beginnen. Ihr Wohnmobil stand auf einem Campingplatz am Rande von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer. Gerade gestern, sagte Adam, habe ihn ein Interessent gefragt, ob er das Fahrzeug verkaufen wolle. Da er ohnehin im nächsten Monat zur TÜV-Abnahme nach Deutschland gemusst hätte, mit ungewissem Ergebnis, konnten sie den Campingbus ebenso gut jetzt verkaufen, zumal das Angebot nicht schlecht war. So kam es. Wieder ließen die beiden Globetrotter alles zurück wie Hans im Glück und schlossen sich uns mit nur zwei Koffern und zwei Reisetaschen an. Was können wir der Welt noch geben, fragten sie.
Sicher einiges. Aber Schauspieler sind sie beim besten Willen nicht. Für die kleine Szene in dem Bergdorf vor dem Julierpass hat ihr Talent gereicht, um einen Apfel zu essen und einen Streit zu simulieren, und Evas Idee mit den übertriebenen Schamhaarperücken war originell. Wie die meisten aus der Gruppe aber könnten sie einen Grundkurs im Theaterspielen und wochenlanges Training gebrauchen.
Ich gehe los, die Mitte haltend zwischen den Vorauseilenden und den Nachzüglern. So bekomme ich weder mit, worüber sich die einen, noch worüber sich die anderen unterhalten. Das Licht des späten Nachmittags lässt die Natur noch prächtiger erstrahlen. In ungezählten Kehren führt die schmale Straße weiter bergauf. Mauern aus großen Feldsteinen schützen auf der Hangseite die Fahrbahn vor herabrutschendem Geröll oder Schlamm; in den engen Serpentinen sollen niedrige Steinmauern zum Tal hin den Fahrzeugen etwas Sicherheit bieten. Schon nach wenigen Metern haben wir eine grandiose Sicht auf die Firnfelder in den Felsgipfeln, die die vorderen bewaldeten Bergkuppen überragen. Hinter jeder Biegung ergeben sich neue Ausblicke, jedoch noch nicht ins Tal des Engadins mit seinen beiden großen Seen und Sils Maria. Das Untere des Bildes ist abgeschnitten von der Böschung, unter der sich grünschwarzes Wasser angesammelt hat, als wolle die Landschaft unseren Blick nach oben lenken, auf die scharfkantigen Felsen im Sonnenrot. Wo der asphaltierte Weg auf einen Park- und Wendeplatz abbiegt und geradeaus nur Traktoren oder andere landwirtschaftliche Fahrzeuge ihre Spurrinnen in die Bergwiese gezeichnet haben, möchten Adam und Eva umkehren, lassen sich vom Zürcher dann aber doch überzeugen, auf den nächstgelegenen Hügel zu steigen, von dem er sich eine weite Fernsicht erhofft. Die Eisfelder, meint der Zürcher, markierten schon die Grenze zu Italien, auf der anderen Seite des Tals. Eine Wolke schiebt sich vor den höchsten Gipfel, schwebend wie ein Stein, ein Felsen, unten abgeflacht, als wolle sie den Berg enthaupten. Der Zürcher versucht, die markante Silhouette des Bernina auszumachen, an dem er, wie er sagt, vor Jahren einmal mit der Bahn vorbeigefahren sei. Dort, die Bäuerin mit dem Strohhut, folgt der Linie der Feldmarkierungen.
Wo?
Da, links neben den kubistisch rosafarbenen Hausdächern, dieses Ensemble eines Gehöfts, wo die schwarzen Silhouetten schwatzen …
Seh ich nicht.
Der Zürcher streckt Arm und Zeigefinger aus. Da, Söhne und Töchter der Alpen, in den hell funkelnden Eisflächen der Gaul mit dem Schlitten, eine Spanne unter den drei Zacken am Horizont, das ganze feste Gerippe des Hauptkamms, die Luft in einer Klarheit, von der wir hier unten bestenfalls eine blasse Ahnung abbekommen.
Ich habe mehr als nur eine blasse, ich habe eine Ahnung in kräftigen Farben, sagt Eva, dass die anderen nicht ewig lange im Hotel Edelweiss auf uns warten wollen. Lasst uns doch bitte versuchen, vor der Dunkelheit dort zu sein.
Wir alle sind von unserer Arbeit besessen und möchten mit Nahrungsaufnahme möglichst wenig Zeit verlieren. Als noch lästiger betrachten die meisten von uns, was außerdem damit verbunden ist: Einkaufen, den Tisch decken, Essen zubereiten, hinterher der Abwasch. Bezeichnenderweise sind diejenigen, die dem Essen am wenigsten Aufmerksamkeit widmen möchten, zugleich die, die sich am längsten damit aufhalten. Sie reden und kauen und kauen und reden, und wenn alle längst aufgegessen haben, ist ihr Teller noch immer mehr als halbvoll. Wo es möglich ist, setzen wir uns in einen Gasthof. Geld haben wir.
„Mir fließen Zins und Renten zu“.
Einige reden gern in Zitaten. Die anderen blicken dann eingeweiht, als wüssten sie, woher das stammt, oder sie wissen es wirklich, oder sie tun so, als interessiere sie die ganze Gelehrsamkeit nicht. Die meisten, die sich uns anschließen, haben einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, distanzieren sich aber gern davon. Erst wenn sie in Gefahr geraten, als tatsächlich ungebildet zu gelten, heben sie ihr ganzes Wissen hervor und geben damit an, was sie schon alles gelesen, geschrieben, geforscht und geleistet haben. Herkunft ist fast immer Hassliebe. Eigentlich möchten wir voneinander nichts wissen und unsere Aufmerksamkeit ganz auf die Rollen richten. Wir wollen Ausschnitte der Welt und ihrer Geschichte zur Aufführung bringen, nicht uns selbst. Der Kollege, dem Zins und Renten zufließen, stellt sich uns als „Hugo“ vor; natürlich sei das nicht sein wirklicher Name.
Von Ipomoea wollte Sophie/Eva erfahren, wie sie zu ihrer enormen Gelenkigkeit gelangt sei, und sie erzählt uns, sie habe, nachdem sie als Turnerin etliche Meisterschaften gewonnen hatte, erst im vorigen Jahr ihre Sportkarriere beendet. Zu alt für die Aussicht auf weitere Siege und Medaillen, wolle sie über die Ausführung der schönen Form hinausgehend ihren Bewegungen mehr Bedeutung verleihen und habe sich gedacht, in unserer Truppe könne sie etwas lernen.
Traurig, mit gerade einmal dreißig Jahren zu alt für etwas zu sein. Andererseits ein Gewinn für die Kultur und die Welt der Gelehrsamkeit. Entsprechend hängt sich die junge Turnerin an Albert, Jünger, Hugo oder den Zürcher, um alles Wissen aus ihnen herauszuquetschen. Die soignierten Herren antworten ihr gern.
Nur den Rüttenscheider scheint sie nach dem ersten Kennenlernen zu meiden, vielleicht, weil er unübersehbar danach lechzt, seine Gelahrtheit ungefragt an jede und jeden weiterzugeben. Über ihn wissen wir biografisch schon mehr, als wir für unsere Arbeit benötigen. Keine Gelegenheit lässt er aus zu erwähnen, was er in seiner Vergangenheit alles erlebt hat. Zum Beispiel sei er als Dreizehnjähriger im Urlaub mit seinen Eltern einmal auf der Kärntnerstraße in Wien spaziert. Dort habe er gesehen, wie eine Frau einen normalbürgerlich gekleideten Mann, der auf allen Vieren kroch, am Halsband durch die Stadt führte. Die beiden erregten Aufsehen, Passanten beschimpften sie, drohten, gaben ihnen zu verstehen, was man noch vor nicht langer Zeit mit solchen wie ihnen gemacht hätte. Ihn, Rüttenscheider, aber habe die Aktion belustigt. Jahre später, als er von einem beleseneren Freund auf den Wiener Aktionismus gestoßen wurde, sei ihm klargeworden, dass es die Künstlerin Valie Export war, die ihren Partner, den späteren Professor für Kunst und Medien, Peter Weibel, zur Hundigkeit verleitet hatte.
Wien sei auch die Stadt gewesen, fährt Rüttenscheider fort, in der er sieben Jahre später einige Mitglieder des Living Theatre kennengelernt habe. Sie hatten sich ebenso wie er in der Rienößlgasse bei einem Schauspieler vom Dramatischen Zentrum einquartiert, einem Zwanzigjährigen mit kahlgeschorenem Schädel und einer engen Verbindung zur AA-Kommune Otto Mühls. Solche Erlebnisse, von denen er noch viele aufzählen könne, das Bread and Puppet Theatre in London beispielsweise oder Jean-Louis Barrault auf dem Burgplatz seiner Heimatstadt, ja, in solch einzelnen Momenten sei er sogar bereit, über die Rüttenscheider Grenzen hinaus Ansätze von Einverständnis mit der Ruhrgebietsstadt zu empfinden, solche Erlebnisse und natürlich die Lektüre von Artauds „Theater der Grausamkeit“ seien es, die ihn veranlasst haben, von Rüttenscheid in die Schweiz zu reisen und diese Truppe zu suchen, an die er ähnlich große Erwartungen habe wie an die Legenden seiner Jugend.
Wie hast du in deinem Rüttenscheid überhaupt von uns erfahren, fragt Hugo.
Menschen, die zueinander passen, finden sich und erkennen sich, sagt Rüttenscheider.
Du klingst, als sei es ein Verdienst, alt zu werden, sagt Alain, das Irrlicht und heute der halbstarke Verweiser aus dem Paradies.
Das ist es, sagt Rüttenscheider. Es ist mir gelungen, siebzig Jahre in dieser Welt zu leben, ohne mich umzubringen.
Könnte man das auch so formulieren, fragt Alain: Dir ist es siebzig Jahre lang nicht gelungen, dich umzubringen?
Kommt, sage ich, wir sind die letzten Gäste, die Kellnerin möchte Feierabend machen. Wir verlegen die heutige Stunde der Philosophen in unser Nachtquartier.
Zwischen Spielen und Nicht-Spielen unterscheiden wir nicht – alles ist Spiel. Aber zwischen den stummen, oft von Musik begleiteten Improvisationen in der Öffentlichkeit und dem, was man im erweiterten Sinne als Sprechtheater bezeichnen könnte, markieren wir normalerweise eine deutliche Zäsur. Restaurants sind ein Zwischending, einerseits öffentlich, wenn auch nicht so öffentlich wie die Straße. Andererseits erlauben wir uns in einem Hotelrestaurant wie dem Edelweiss mitunter die Privatheit, aus unseren Rollen zu fallen und die weitere Reise zu besprechen, Szenen und ihre Orte zu planen oder uns zu streiten. Im Grunde aber sollten die Reiseplanung und alles Organisatorische ebenso ein Teil unseres Spiels sein.
Kaum sind wir wieder alle zusammen in der Remise, beginnt die Stunde der Philosophen. Sie ist stärker ritualisiert als unser freies Spiel und tatsächlich auf genau eine Stunde begrenzt. Die Rolle des Schiedsrichters übernimmt heute Adam. Mit der Pfeife im Mund und dem Blick auf die Uhr spielt er eine Art Moderator und pfeift, wenn ihm ein Redebeitrag zu lang erscheint wie ein böses Foul. Die Meinungsverschiedenheiten tragen wir überzogen aus, spielen den Streit mehr, als dass wir uns streiten. Jeder nennt kurz seinen neuen oder alten Rollennamen und sagt, was er zu sagen hat.
Augustinus, Beruf: Kirchenvater, sagt der bisherige Hugo. Wenn wir chronologisch fortfahren wollen …
Das wollen wir nicht. Gestatten, Dr. Faustus, der Faustus aus dem Volksbuch von 1587, nicht der von Goethe.
Adam pfeift.
Das war kein Foul, sagt Dr. Faustus, der kurz zuvor beim Essen noch Albert war. Ich habe den Ball korrekt erobert.
Chronologisch, fährt Augustinus unbeirrt fort, wäre nun zu erwähnen, wie der Fürwitz oder Vorwitz, lateinisch die curiositas, in dem von mir aufgestellten Katalog der Laster vorkommt. Ich habe in meinen Confessiones den Fürwitz gleich neben die superbia, den Hochmut, und die concupiscentia, ein heftiges Verlangen, eine Begierde, die Neigung des Menschen zum Bösen oder zur Sünde platziert. Das hat den kirchlichen und staatlichen, den moralischen Umgang mit dem Vorwitz über viele hundert Jahre bis in die Gegenwart bestimmt. Auch die moralisierten Ovid-Adaptationen, die das Mittelalter prägten, wären nun an der Reihe. Ist Fulgentius anwesend? Fulgentius, Fabius Planciades, der Mythograph, der lange nach mir kam?
Niemand meldet sich, vermutlich, weil niemand ihn kennt.
Christine de Pisan vielleicht?
Augustinus schaut der Reihe nach die Frauen an, Eva/Sophie, Ipomoea, Tirili und Tirila. Sie alle trauen sich die Rolle der Christine de Pisan nicht zu oder möchten nicht in ihrer Haut stecken.
Kann ja auch von einem Mann gespielt werden, sagt Augustinus.
Als sich auch jetzt niemand meldet, fährt Augustinus fort: Schon bei Tertullian, dem ich nur mäßig viel verdanke, erscheint curiositas als das Gegenteil der Rechtgläubigkeit, als der Ausdruck eines übermäßigen Verlangens nach Wissen, das nicht durch den Glauben geleitet wird. Denn Vorwitz ist es, die Ratschlüsse Gottes ergründen zu wollen, ganz im Sinne des Ersten Korintherbriefes. Das Weltwissen …
Schiedsrichter Adam pfeift. Redezeit abgelaufen.
Goethe, sagt der, den die meisten von uns, besonders die später zu uns gestoßenen, unter dem Namen Jünger kennen, und beginnt als Goethe zu sprechen: Alle diese Schriften sind zweifellos sehr folgenreich gewesen, wir aber halten keine Predigten und lesen unseren Zuhörern keine Traktate vor, wir spielen Theater, Straßentheater. Wie sollen wir den Lasterkatalog in Szene setzen, wie einen Kirchenvater so auf die Bühne bringen, dass Passanten uns nicht für die Zeugen Jehovas halten?
Augustinus öffnet den Mund, aber Goethe schneidet ihm das Wort ab: Besonders, wenn wir ohne Sprache auskommen wollen. Meinen Faust und meinen Mephisto erkennt jeder. Da muss sich nur jemand wie Gustaf Gründgens schminken, ein anderer den Doktorhut aufsetzen oder auch Stummfilmszenen mit Emil Jannings als Mephisto und Gösta Ekman als Faust nachspielen, falls die noch jemand kennt, und Camilla Horn, Camilla Horn, das vollendete Gretchen! Er gerät ins Schwärmen.
Deinen Faust! Sagt D. Johann Fausten, der weitbeschreyte Zauberer und Schwarzkünstler, vormals Albert. Da sei das Volksbuch vor, ein Bestseller über mein Leben, in dem das Wort „fürwitzig“ gleich viermal auf den ersten Seiten vorkommt, schon auf der Titelseite der Erstausgabe von 1587: „Historia von D. Johann Fausten / … allen hochtragenden, fürwitzigen und gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel … Sein Fürwitz, Freiheit und Leichtfertigkeit stach und reizte ihn also, daß er auf eine Zeit etliche zauberische vocabula, figuras, characteres und conjurationes, damit er den Teufel vor sich möchte fordern, ins Werk zu setzen und zu probieren ihm vornahm.“ Dieses Volksbuch über mich hat in der englischen Übersetzung von 1588 Christopher Marlowe als Vorlage für sein Theaterstück The tragical history of Doctor Faustus gedient, mehr als zweihundert Jahre vor deinem Faust, erster Teil.
Hokuspokus, Alchymie und christliche Frömmelei, antwortet Goethe, da musste erst ich kommen, um mit allem aufzuräumen und den Faust zu einer wirklich modernen Figur zu machen.
Hugo, den Kirchenmann mimend, Albert als Johann Faustus und Jünger als Goethe lassen ihre Figuren auferstehen, als hätten sie nie etwas anderes gespielt. Dabei bemerkt niemand, auch nicht der strenge Schiedsrichter, wie ich mir von Alberts beträufelten Papierchen ein briefmarkenkleines Stück wie eine Oblate auf die Zunge lege und schnell den Mund schließe. Es lässt sich nicht leicht herunterschlucken, ich spüle mit Wasser nach. Dann lehne ich mich zurück und klinke mich entspannt in die Diskussionen der Gelehrten ein.
Apuleius, sage ich, Autor des Asinus aureus, „Der goldene Esel“, da der eigentliche Titel „Metamorphosen“ nur zu Verwirrung wegen des gleichnamigen Werks von Ovid führen würde. Die Magie hat doch ihren Charme. Wie Lucius zum Goldenen Esel wird, das gehe ohne Zaubermittel nicht, und es sei seine Neugier, die curiositas, der Lucius seine Tiergestalt verdanke.
Eva/Sophie stellt sich nun als Regisseurin vor. Drehten wir einen Film, sagt sie, könnten wir für die Zauberei alle Tricks und Machinationes verwenden, die uns die digitale Welt und die künstliche Intelligenz anbieten. Wie aber ohne Technik, mit nur einer überschaubaren Menge an Requisiten, ohne ein geschneidertes Eselskostüm den Esel darstellen?
Einer der beiden Athleten fragt: Läuft hier in den Bergen kein Esel herum, den wir einfangen könnten? Täte es auch ein Steinbock.
Und golden anstreichen, fügt sein Partner hinzu.
Nun fühle ich mich berufen, da ich schon bei einer Aufführung des Landestheaters im Sommernachtstraum den Bottom verkörpert habe. Meine Verwandlung in einen Esel haben wir damals recht elegant gelöst. Ich will der Truppe erklären, wie wir das gemacht haben. Aber die Stimme, die aus mir herauskommt, ist nicht meine. Anstelle von Wörtern bilden sich heisere, tierisch klingende Laute in meiner Kehle, als würde jemand rhythmisch auf einen Blasebalg mit einer defekten Tröte treten. Falls das Wörter sein sollen, verstehe ich mich selbst nicht, doch weiß ich noch sehr gut, wer ich bin.
Hör auf damit, sagt Ipomoea. Das ist ja gruselig. Wir glauben dir, dass du ein guter Schauspieler bist. Sie scheint sich Sorgen um meine Gesundheit zu machen.
Er wird zum Tier, sagt Eva/Sophie, die Regisseurin, und mir scheint, in seiner Hose wächst auch etwas Tierisches.
Die beiden Frauen starren gebannt auf meinen Hosenlatz. Ich kann den Prozess nicht stoppen, als sei ich völlig besessen von dem tierischen Wesen, womöglich für den Rest meines Lebens.
Solche Experimente sind nicht ohne Gefahr, sagt Jünger/Goethe. Wer einmal vorüber ist an der Zollstation, findet nicht so leicht in unsere vertraute Welt zurück.
Ich verstehe ihn und will ihm antworten, ich sei durchaus noch bei ihnen, nur hinter einem dichten Vorhang, einem transparenten, aber undurchdringlichen Schleier, und es gehe mir nicht schlecht, nur könne ich mich ihnen nicht verständlich machen. Irgendwann nach vielen Bemühungen, kommen nicht nur dünne, heisere Laute aus meinem Maul, sondern gar keine mehr.
Ipomoea ähnelt jetzt der Elfenkönigin Titania bei der Aufführung im Landestheater. Sie sagt: Nach einem langen und heilsamen Schlaf wirst du sicher deine alte Form wiederfinden.
Obwohl, sagt die Regisseurin, sein unterer Teil darf gern so bleiben.
Schiedsrichter Adam und blickt misstrauisch auf seine Frau im bürgerlichen Leben, die jetzt die Regisseurin spielt.
Wie immer die Geschichte enden mag, sagt D. Johann Fastus, vormals Albert, mit einem Esel allein ist noch nichts gewonnen. Wir brauchen einen intelligenten Esel, einen mit Bewusstsein, der seine Geschichte erzählen kann, die Geschichte, wie die Magd der Hexe die beiden Zaubersalben verwechselt hat, woraufin die – zweifellos amüsante – Tragödie ihren Lauf nimmt.
Gegen den Tiger Meskalin ist LSD eine Hauskatze, sagt Goethe – jetzt scheint er, ohne es selbst zu merken, wieder in die Rolle Ernst Jüngers gefallen zu sein.
Auch Albert vergisst seine Rolle und ist plötzlich wieder ganz der Pharmakologe, als den wir ihn kennen. Das liege an der Dosierung, sagt er, die 0,05 mg beim ersten Versuch seien zu schwach gewesen.
Einer der Pantomimen gibt Zeichen, die an Gebärdensprache erinnern.
Kannst du auch sprechen, fragt Augustinus alias Hugo.
Pantomime I, sagt der Pantomime, auch Sprechender Pantomime I genannt. Bewusstsein ja, Sprache nein. Wir bleiben dabei, unsere Geschichten ohne Wörter zu erzählen. Gleich hinter dem Malojapass seien wir Italien, und irgendwann sicher auch wieder in Frankreich und in Flandern. Wir wählen die Kunst, die überall verstanden wird.
In Apuleius‘ Märchen, erinnert sich Albert oder Faustus, gebe es doch auch die Geschichte mit Amor und Psyche, ebenfalls ein Beispiel der bestraften Neugier, das ließe sich doch anschaulich erzählen. Ipomoea, hör auf, da hin zu schauen. Möchtest du Psyche sein?
Ein Doppelpfiff aus Adams Pfeife. Der Abpfiff. Adam zeigt auf seine Armbanduhr. Die Stunde ist um. Nun werden wir zum Nachtvolk.
In dieser Nacht hätten noch manche Ideen geboren werden können, was vor Goethes Auftritt noch alles hätte drankommen sollen. Aber die Philosophie darf nicht zu Lasten der Matratzenlandschaft gehen. Ab jetzt geben wir uns einem stummen, körperlichen Ausprobieren hin, bis uns vor Müdigkeit die Augen zufallen. Wie beim Essen, möchten wir auch auf den Schlaf wenig Zeit verschwenden. Wir spielen bis zum Einschlafen, verstehen auch unsere Träume als Teil des großen Spiels und sind beim Aufwachen gleich wieder in einer Rolle, und wenn wir nur den Unausgeschlafenen spielen.
Jünger sieht am nächsten Morgen in der Rolle Goethes nicht glücklich aus, so, als hätte er die halbe Nacht wachgelegen und sich geärgert. Wir sind akademischen Ruten doch entwachsen, sagt er missmutig.
Hugo besänftigt ihn. Von seinem Faust würden wir einige Szenen aus der Tragödie, Zweiter Teil, einstudieren, die Helena vielleicht, und, noch besser, wie Faust durch Mephistos Einflüsterungen den Kaiser dazu bringt, das Papiergeld zu erfinden: Ein Stück Papier, auf das sich ein beliebiger Betrag schreiben ließe, mit der Unterschrift und dem Siegel des Kaisers. Weiteres Gold war gar nicht nötig. Ob das Gold in seinem Tresor oder unter der Erde liege, was mache das für einen Unterschied? Das Land, unter dem es schlummere, gehöre ja ebenfalls dem Kaiser. Ein genialer Streich des Teufels, sagte Hugo, auf den die gewitzten Finanzjongleure unserer Zeit gut aufbauen könnten. Das war damals weit vorausblickend von dir, sagte Hugo zu Goethe/Jünger, das lässt sich ohne viel Worte in Szene setzen.
Goethe fühlte sich geschmeichelt.
Wir arbeiten gleichzeitig an verschiedenen Ecken und Enden des Stücks. So machen wir es immer, springen in den Jahrhunderten und Epochen, greifen weit vor, um eine Vorstellung zu entwickeln, worauf das alles hinauslaufen könnte. Zugleich gibt es große Beharrungskräfte. Beim Frühstücken in der Remise erinnert uns Albert, jetzt wieder voll und ganz Albert, man könnte meinen, ganz er selbst, wenn wir einem solchen Selbst nicht abgeschworen hätten, er erinnert uns daran, dass wir noch immer nicht die entscheidende Frage in der Garten-Eden-Szene geklärt haben. Ob wir statt des Apfels nicht besser etwas anderes nehmen sollten? Wir merken, wie sehr ihm an der Beantwortung der Frage gelegen ist. Wenn kein Apfel, was dann? Eine Glasmurmel? Etwas Leuchtendes?
Jünger geht auf seine Frage ein: Der Apfel, den die Kunst, übrigens erst im späten Mittelalter, aus der biblischen „Frucht“ gemacht habe, erscheine auch ihm allzu banal. Das Gefahrvolle müsse deutlich werden. Etwas, das den Geist öffnet, wie Ihre Entdeckungen, Herr Hofmann.
Albert fühlt sich ertappt und gleichzeitig richtig verstanden. Dankbarkeit spricht aus ihm, als er antwortet: Ja, ein psychoaktives Gewächs. Der Sündenfall als metaphorischer Akt einer Bewusstseinserweiterung. Viele Kulturen hätten halluzinogene Pflanzen genutzt, um das Göttliche zu erfahren. Vielleicht sei es ein Pilz wie der Claviceps purpurea, bekannt als Mutterkorn gewesen, aus dem er einst LSD-25 synthetisierte. Oder die Amanita muscaria, die in Sibirien rituell verwendet wurde und noch wird.
Jünger wendet ein: Wenn wir in Metaphern reden, muss die Frucht nicht realistisch sein. Immerhin sei der Apfel ein mächtiges Symbol, der Griff nach ihm ein Griff nach der Macht. Der Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches, ein Herrschaftszeichen, als Weltkugel stehe er für das weltliche Wissen. Die Süße der Erkenntnis, die zugleich Bitterkeit berge. Der Durchbruch aus dem unschuldigen Paradies ins Bewusstsein schaffe Leiden und Qual. Aber egal, ob Frucht oder Pilz: Es gehe um den Bruch zwischen Natur und Geist.
Albert greift den Gedanken auf: Gewiss! Die Genesis sage, dass Adam und Eva „ihre Nacktheit erkannten“ – ein plötzliches Erwachen wie auf einem psychedelischen Trip. Die Frucht als ein Entheogen, das Tor ins Unbewusste. Der „Apfel“ sei lediglich eine spätere Vereinfachung, um das Mystische in ein dogmafreundliches Bild zu zwängen.
Eva macht einen Ansatz zu protestieren, aber Jünger, ob als Jünger oder noch einmal als Goethe sei dahingestellt, redet weiter: Da sind wir beim Faust. Die Alchemisten haben ihr Wissen ebenfalls in Symbolen kaschiert. In dem Baum verberge sich ein uraltes Wissen um enthüllende Substanzen – wie er, Hofmann, sie erforscht habe. Aber ob Apfel oder Pilz: Der Mensch bezahle die Erkenntnis mit dem Verlust der Unschuld.
Albert ruft jetzt emphatisch aus: Darin liegt die Schönheit des Mythos! Vielleicht sollte ich die Exaktheit, zu der ich mich als Wissenschaftler verpflichtet fühle, beiseitelassen und der konkreten Frucht weniger Bedeutung beimessen. Es gehe um den Preis des Wissens. Ob durch einen Biss in die Frucht oder einen psychedelischen Rausch: Der Mensch habe die Fähigkeit erlangt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – und seither trage er an der Last des Urteilens.
Wir anderen wollen oder können uns in den sich zwischen Jünger und Albert entspinnenden Dialog nicht einmischen und hören, wie Jünger jetzt sagt: Betrachten wir den Baum der Erkenntnis nicht als ein botanisches Rätsel, sondern als einen Spiegel unserer Existenz, als Versuchung, Grenzen zu überschreiten – selbst um den Preis des Paradieses.
Albert: Genau dieser Drang ist der Fürwitz.
Jünger erinnert sich, in Mérigny – das liege in der Region Val de Loire, etwa eine Autostunde westlich von Poitiers – gebe es eine, meistens geschlossene, Kapelle mit einem Fresko des Garten Edens, auf dem der Baum der Erkenntnis als ein riesiger Fliegenpilz dargestellt ist. Abgesehen von seiner baumhohen Größe weicht die Darstellung vom realen Fliegenpilz botanisch durch mehrere Äste ab, die wiederum in Pilzköpfen endeten. Feigenbäume oder palmähnliche Gebilde seien ja aus frühen Darstellungen des Paradieses bekannt, aber der Riesenpilz in einer christlichen Kapelle dürfte einmalig sein.
Alle horchen auf. Ipomoea ist wieder die schnellste an ihrem Gerät und hat Mérigny gefunden. Chapelle de Plaincourault, sagt sie, und zeigt uns allen das Bild des Wandfreskos.
Wenn wir die Szene vor dem Hintergrund dieses Freskos aufführen, sagt Albert, und es gleichsam als gemalte Kulisse benutzen würden, könnten wir uns alle weiteren Erklärungen ersparen.
Öffnungszeiten nur sonntags von 14–18 Uhr, liest Ipomoea vor, an allen anderen Tagen geschlossen.
Ich vermute, sagt Adam, in den vier sonntäglichen Stunden wird die Geistlichkeit den Raum der Kapelle für sich beanspruchen und nicht gerade eine heidnische Truppe wie uns dort auftreten lassen in unserer naturgegebenen Schönheit.
Mit Schambehaarung, deren Länge die Bärte sämtlicher Ayatollahs übertrifft, wirft Alain ein.
Das Loiretal wäre ja auch ein bisschen weit von hier, sagt Eva.
Trotzdem, die Vertreibung aus dem Paradies vor dem Bühnenbild mit dem Fliegenpilzbaum finden einige von uns reizvoll, zumindest für ein kurzes mit dem Smartphone aufgenommenes Video, das wir ins Netz stellen könnten. Mit künstlicher Intelligenz ließe sich das machen, sagt Ipomoea.
Unerlaubte Mittel, sagt Hugo, jetzt wieder als Kirchenlehrer Augustinus; Fürwitz, curiositas, Todsünde.
Wie man’s nimmt, sagt Jünger, aber nicht die Technik, sondern die Persönlichkeit erzeugt die Wirkung.
Nun ist Alberts Frage immer noch nicht beantwortet. Keine inhaltliche Einigung finden wir auf die Schnelle, nur eine pragmatische Theaterlösung. Eva bietet an, aus einem großen Stück Pappe eine Apfelform auszuschneiden und knallrot anzumalen. Dann sei die Künstlichkeit wenigstens offensichtlich. Ein Pappapfel sei etwas anderes als ein Naturapfel. Wir könnten ja noch Glitzer drübersprühen oder gleich Leuchtfarben verwenden.
Es wird höchste Zeit, den Frühstückstisch aufzulösen und hinauszugehen ins Offene.
Von dem Ort, in dem wir schon zweimal übernachtet haben, haben wir außer dem Posthotel mit seiner Remise noch kaum etwas gesehen. Wir gehen, lassen uns leiten von der Idee nach dem idealen Ort, an dem wir spielen wollen. Der Berg am Ende der Straße wirkt wie von Vallotton gemalt.
Die beiden Pantomimen schreiten unserer Prozession voraus, heben bei jedem Schritt das gestreckte Bein in einem Neunzig-Grad-Winkel. Sie sind die einzigen, die weiße Theaterschminke aufgelegt haben, und sie lassen, wenn es sich nicht ohnehin längst im weiten Radius herumgesprochen hat, keinen Zweifel, dass wir eine Theatertruppe sind. Aber es ist niemand auf der Straße, der uns sehen könnte. Niemand, den wir sehen.
Ein niedriges Feldsteinhaus, abbröckelnder Putz und eine ausgeblichene Schrift: Scola. Juli und August ist vermutlich auch in Graubünden die Zeit großer Ferien. Aber das Gebäude sieht aus, als habe es schon länger kein Kind in sich aufgenommen.
Einer der Athleten schiebt einen Riegel zurück und drückt die Klinke herunter. Die Tür gibt willig nach, Rost rieselt aus dem Schloss. Einer der beiden Pantomimen legt den Zeigefinger auf den Mund und still, auf Zehenspitzen dringen wir nacheinander in die Zwergschule, gespielt ängstlich uns umschauend wie die Sieben Schwaben in Erwartung eines Ungeheuers.
Schulbänke, in denen sich der Holzwurm wohlfühlt. Ein einziger Raum. Wer hier Lehrer war, dürfte alle Stufen der Grund- und Hauptschule gleichzeitig unterrichtet haben. Der vorausgehende Pantomime zieht mit einem Finger das untere Augenlid herunter, beugt sich vor, Beine und Oberkörper im rechten Winkel, dreht den Kopf zu uns, die wir ihm folgen, streckt den Arm aus, als wolle er uns auf etwas sehr Bedeutsames hinweisen, mindestens eine Schatzkammer, die er soeben entdeckt hat. Er reißt die Augen auf, sieht uns wieder an, legt den Finger auf den Mund. Nein, wir verraten nicht, dass wir nichts anderes sehen als einen Wandschrank aus morschem Holz. Vorsichtig öffnet er die Tür nur einen Spalt weit, äugt hinein, spielt geräuschlos einen heftigen Hustenanfall, ausgelöst durch eine unsichtbare Staubwolke. Er traut sich, einen zweiten Blick in die Wandnische zu werfen, reißt dann mit einem Schwung die Schranktür auf und hält einen Schulzirkel in der Hand. Die älteren von uns könnten einen solchen großen Holzzirkel noch aus der Schulzeit kennen, der eine Schenkel mit einem Saugnapf, um ihn an die Wandtafel zu heften, der andere Schenkel mit einer Kreidespitze, um perfekte Kreise an die Tafel zu zeichnen, deren Umfang und Flächeninhalt wir Schüler ausrechnen mussten. Einen halbkreisförmigen Winkelmesser aus hellem Holz und ein Lineal, einen Meter lang, mit einem Holzblock als Griff. Der Pantomime tippt sich an die Stirn, hat eine Idee, bricht ein Stück Kreide ab, zerbröselt es zu Pulver und reibt es sich in die Haare. Er zieht sein langes weißes Hemd über die Hose und öffnet es ein Stück weit. Wen will er darstellen? Einen weißhaarigen Mann aus der Antike? Einen Römer, einen Griechen, einen Ägypter? Es gelingt ihm nur ungefähr. Die passenden Kleidungsstücke sollten wir heute Nacht aus einem Bettlaken schneiden. Den Zirkel richtet er nach oben, als wolle er die Zimmerdecke vermessen. Den Himmel? Seinem Kollegen, dem anderen Pantomimen, gibt er Lineal und Winkelmesser zu halten. Dann winkt er uns, ihm nach draußen zu folgen, auf die menschenleere Dorfstraße.
In unserer Nähe plätschert ein Bach. Vereinzelt ein Vogelruf, sonst nichts als Stille. Der Pantomime klemmt den Zirkel unter den Arm, zieht einen fiktiven länglichen Gegenstand unter dem Hemd hervor und hält ihn vors Auge, als suche er am Firmament nach Sternen. Mit dem Finger zeigt er auf zwei Planeten, die er entdeckt zu haben scheint, drei, und steckt das Fernrohr zurück unters Hemd. Seinem ernst blickenden Kollegen gibt er den Zirkel zu halten und nimmt ihm Winkelmesser und Lineal ab. Diesen kleinen Austausch sperriger Gegenstände spielen die beiden schön clownesk, halten sich so lange damit auf, dass es komisch wird. Natürlich sind auf dem fast wolkenfrei blauen Himmel keine Sterne zu sehen. Er tut so, als sei es Nacht, betreibt seine Messungen und Berechnungen sehr gewissenhaft, sehr exakt. Als hätte er die Vertiefung am Straßenrand nicht bemerkt, stolpert er, legt sich lang. Auch das führt er kunstvoll, akrobatisch aus, streckt beim Fallen Winkelmesser und Lineal in die Höhe, benutzt nicht die Hände, um seinen Sturz abzufangen, sondern rollt sich gekonnt ab. Das Messinstrument ist ihm wichtiger als ein paar Schürfwunden. Eva lacht. Sie ist in diesem Augenblick nicht Eva, sie ist die thrakische Dienstmagd, die Platon erwähnt und an die uns Hans Blumenberg in seinem Buch über die theoretische Neugierde erinnert. Die Magd lacht und verspottet den Sternengucker. In doppelter Hinsicht. Warum interessiert er sich auch für Dinge, die keine Relevanz für unser Leben haben, und warum sieht er nicht das Naheliegende, das zu sehen ihm das Leben retten oder ihn zumindest vor schmerzhaften Verletzungen schützen könnte?
Es sei billig, sich über Thales lustig zu machen, sagt Jünger, der sich als Hans Blumenberg ausgibt: Immerhin gehöre Thales von Milet zu den Sieben Weisen der griechischen Antike, und so, wie Platon die Geschichte erzähle, nobilitiere sein guter Ruf die auf den Kosmos gerichtete wissenschaftliche Neugier.
Dann mag er nobel in die Grube fallen. Eva / die thrakische Magd verkörpert die Frau aus dem Volke, und das macht sie überzeugend. Ihre Bodenständigkeit hat kein Erbarmen mit nutzloser Theorie. Seit Universitäten und Eliten in Misskredit geraten, liegt ihre Aktualität auf der Hand. Das Volk erobert sich seinen Platz in den Parlamenten, auf der Straße und im weltweiten Netz, mit teilweise rohen Mitteln, mit Wikingerhörnern, Keulen und Messern und mit scharfer Polemik in den sozialen Medien. Die Dienstmagd aus Thrakien, die über den vorwitzigen Weltweisen spottet, verkörpert den gesunden Menschenverstand, eine Ahnherrin der Elitenhasser folgender Zeiten.
Der Riss in der Gesellschaft geht auch durch unsere Gruppe. Das macht niemand so deutlich wie der Rüttenscheider. Du hast den Homo ludens nicht verstanden, gibt er der ungebildeten Sklavin aus Thrakien zu verstehen.
Ich bin zu alt, um nur zu spielen, verteidigt sie sich.
Das hätte ich sagen müssen, sagt Goethe/Jünger.
Oder ich, sagt Faustus/Albert.
Wir sind alle im richtigen Alter, um zu spielen, ob zwanzig, fünfundvierzig oder siebzig, sagt Hugo.
Im richtigen Alter mag ich sein, sagt die Magd, aber mein Herr lässt mir keine Zeit für irgendeine Beschäftigung, die er für unnötig hält.
Heimlich protestieren, sagt einer unserer Begleiter, der sich vorgestern mit dem Namen Washington bei uns eingeführt hat. Spielen ist subversiv. Spielerisch gegen das uns von anderen zugedachte Los aufbegehren. Stille Verweigerung, passiv aggressiv nennt meine Freundin das.
Gut, wir haben genügend Themen, sagt Hugo. Wollen wir das Tableau noch einmal durchspielen? Schaut, da kommen Leute. Vielleicht lacht bei Thales‘ nächstem Sturz ja mal eine echte Bäuerin.
Niemand lachte, als der Pantomime die Szene ein zweites Mal zum Besten gab, obwohl er den Forscherdrang des alten Philosophen noch überzeugender ausspielte und den Sturz noch tollpatschiger. Im Gegenteil, die Leute gingen stumm, grußlos an uns vorbei, und die wenigen verstohlenen Seitenblicke, die wir auffingen, wirkten keineswegs wohlwollend, eher feindselig. Als sie vorüber waren, drehte sich ein bärtiger Mann um und rief uns hinterher: Igls utensils purtez pero puspe anavos an scola, u betg?
Der Zürcher aus unserer Truppe verbeugte sich und antwortete höflich: Ja naturalmeng, mir bringed d’Grät scho wieder id Schual zrügg.
Sein sprachlicher Ausweis als Landsmann verfing nicht. Er war kein Graubündener und schlimmer noch: Er war ein gebildeter Mann. Ein Städter. Ihm war zu misstrauen.
Das war Surmeirisch, Surmiran, was hier im Oberhalbstein gesprochen wird, sagte der Zürcher zu uns. Verstehen kann ich es einigermaßen, sprechen nicht. Aber wenn sie wollen, verstehen sie uns.
Der bärtige Mann und eine kleine Frau schauten sicherheitshalber im Schulgebäude nach, ob da außer Zirkel, Winkelmesser und Lineal noch mehr fehlen könnte.
Die beiden Pantomimen brachten alles mit übertriebener Schnelligkeit zurück. Unser Spieltrieb aber war fürs erste erloschen.
Ein Stück weiter fanden wir nahe dem Bach einen Halbkreis aus Holzbänken im Schatten mehrerer Lärchen, wie sie für die Landschaft hier oben charakteristisch sind. Hier ließen wir uns nieder zu einer unvorhergesehenen Krisensitzung.
Offenbar hat die kleine Anekdote von Thales und der thrakischen Magd ein enormes Potential, begann der Zürcher. Das Zeug zu schönstem Slapstick. Darüber hinaus ist sie aber auch soziologisch, politisch brisant.
Es ist lange her, sagte Jünger, dass ich den Theaitetos gelesen habe. Ich erinnere mich aber, dass Platon gleichermaßen gnädig mit denen umgeht, denen die Muße gegeben ist, sich frei von Fragen der Nutzanwendung und losgelöst von egoistischen Zwecken ausufernden Gesprächen hinzugeben, wie auch mit denen, die durch ihren Stand zur Unfreiheit verurteilt sind und müßigen Spekulationen nichts abgewinnen können. Ungnädig, wie wir es von ihm kennen, geht er auch im Theaitetos vor allem gegen jene vor, die ihre erlernten Fähigkeiten missbrauchen: den Rhetoren, den Gerichtsrednern, den Wortverdrehern und Sophisten.
Wie mögen wir auf die Leute wirken, sagte Washington nachdenklich. Wir können ja froh sein, dass noch nicht alle die Dörfer hier oben verlassen haben. Dass immer noch einige Bauern dem Boden seine geringen Erträge abringen.
Die werden von der Kantonsverwaltung subventioniert, sagt der Zürcher. Für jeden Höhenmeter gibt es ein paar Franken mehr. Aber reich wird man auch auf dreitausend Metern Höhe nicht.
Ipomoea blickt von ihrem Bildschirm auf. Ich habe gerade nachgesehen: Sechzehn Personen waren es im vorigen Jahr in diesem Dorf, darunter nur ein Kind, ein Mädchen, neun Jahre.
Die wird wohl täglich mit dem Postbus zur Schule fahren, sagt Hugo, aber lasst uns mal überlegen, wie wir weitermachen.
Die Pantomime war nicht schlecht, sage ich. Morgen mit Chiton und Himation, überhaupt sollten wir viel mehr mit Tüchern machen, mit Masken, mit Trommeln und Gesang, mit Rhythmus. Wir sind eine sehr traurige Theatertruppe, das muss sich ändern.
Tirili und Tirila stimmen einen Gesang an, ohne Text, ohne Wörter, mit Lauten, die der Umgebung entnommen sind, den Vogelrufen, dem murmelnden Bach, einer Improvisation, der sie auch einige unheimlich klingende Töne beimischen, dämonische Drohungen. Der Rüttenscheider beginnt, mit den Händen auf der Bank zu trommeln, er sollte es lieber lassen, er ist stockunmusikalisch, merkt das selbst aber nicht.
Die beiden Athleten stellen sich Schulter an Schulter nebeneinander, bilden eine Mauer. Die Hände halten sie vor ihren Bäuchen verschränkt, mit den Handflächen nach oben, wie eine Aufforderung an jemanden von uns, sich über eine Räuberleiter auf ihre Schultern zu stellen. Nicht der Pantomime, der den Thales gespielt hat, sondern sein Gehilfe, der andere Pantomime, nähert sich ihnen mit gespieltem Respekt, beugt sich über die verschränkten Finger des rechten Athleten, prüft, als traue er seinen Augen nicht, ihre Festigkeit, rüttelt auch an dessen Unterarmen, die ihm ebenso stabil erscheinen, nimmt Anlauf, aber nach zwei Schritten verlässt ihn der Mut. Er schaut sich zu uns um. Hugo, Adam und Eva applaudieren, ermutigen ihn. Er nimmt noch einmal Anlauf, springt mit einem Fuß in die Handflächen des rechten Athleten, der Rüttenscheider trommelt einen Tusch, der Pantomime lässt sich in einem Salto zurückschleudern und landet auf seinen Beinen. Wir klatschen. Der Pantomime lächelt uns kindisch glücklich zu. Er peilt nun den linken der beiden Athleten an, nimmt noch einmal Anlauf, landet in seinen Händen, lässt sich hochheben und steigt auf die breiten Schultern, einen Fuß auf jedem der beiden Athleten, die unbewegt dastehen. Der Pantomime aber schwankt wie ein ungeübter Seiltänzer, hält sich am Kopf des linken Athleten fest und macht dann auf dem kahlen Schädel einen Handstand. Applaus. Der Pantomime lässt sich langsam herab in eine Grätsche und setzt sich auf die Schultern des Athleten. Sein Kollege fordert mit einer Geste den anderen Pantomimen zu einem ähnlichen Kunststück auf. Der aber will nicht. Er ziert sich nicht nur gespielt, er scheint wirklich nicht zu wollen, noch immer enttäuscht vom Desinteresse der Einheimischen. Der Athlet wirft Ipomoea einen fragenden Blick zu. Sie kommt näher, befühlt die Armmuskeln des Mannes und sagt: Ich habe so etwas noch nicht gemacht. Ich bin Bodenturnerin. Das müssen wir erst einmal zwischen den Matratzen üben.
Kommt, lasst uns was essen, sagt Hugo. Ich lade euch ins Edelweiss ein. Der linke Athlet setzt den Pantomimen vorsichtig im Gras ab. Wir verlassen den Ort.
Beim Essen bekennt sich der Rüttenscheider freimütig zur Bildungselite und legt damit ein riskantes Geständnis ab. Neben seiner Leidenschaft für Aktionskunst, Happenings und Straßentheater habe ihn noch ein weiterer wichtiger Grund zu uns getrieben. Seit seiner Doktorarbeit vor vierzig Jahren über den antiken Jäger Aktaion, sammle er Quellenbelegen zu den Wörtern Firwitz, Fürwitz, Vorwitz und ihren Adjektivableitungen firwitzig, fürwitzig, vorwitzig – ein seitdem gepflegtes Steckenpferd. Einen vollen Karteikasten mit Textstellen zu diesen Wörtern könne er über uns ausgießen, sagt Rüttenscheider.
Jünger zeigt sich von solch philologischem Sammlerfleiß unbeeindruckt. Geister erster Ordnung sind im Besitze des Hauptschlüssels, sagt er. Sie dringen mühelos in die einzelnen Kammern ein, sehr zum Ärger der Leute vom Fach, die ihre Registraturen mit einem Schlage außer Kraft gesetzt sehen.
Jüngers Lachen ist zwar dezenter als das der thrakischen Magd, aber er amüsiert sich sichtbar über den akademischen Streber.
Einer der beiden Athleten regt an, das Ausleeren des Zettelkastens beim Wort zu nehmen, aber nicht über uns, sondern über die Zuschauerinnen und Zuschauer könnten wir Zettel mit verschiedensten Vorwitz-Zitaten ausschütten.
Wenn welche da sind, sagt sein Zwillingsbruder.
Mit Suchmaschinen, sagt Ipomoea, lässt sich Rüttenscheiders jahrzehntelange Sammeltätigkeit in wenigen Sekunden durchführen. Schon ist sie dabei. Seht mal, im Rätoromanischen wird der „Vorwitz“ mit „curiusità“ übersetzt, ganz ähnlich dem Lateinischen. Wir lassen einen Chor aus Engadiner Sennerinnen ein Lied singen, in dem die „curiusità“ beschworen wird.
Viel Spaß bei der Suche, sagt einer der Athleten. Bis wir einen solchen Chor zusammengestellt haben, singen wir selbst. Nicht auf Latein, nicht auf Rätoromanisch, sondern wie uns der Schnabel gewachsen ist. dabei blickt er Tirili und Tirila an.
Jede und jeder findet bald seinen eigenen Ton, sagt Eva, wir hätten doch sicher alle schon mal Erfahrungen mit dem Summstein gemacht. Ein Rhythmus stelle sich dann wie von selbst ein.
Zurück in der Remise, wartet dort unser Gastgeber, Herr Johann, auf uns. Das sei nun unsere letzte Nacht. Er benötige die Remise sofort für andere Zwecke. Morgen früh sollten wie weiterziehen.
Das ist sein gutes Recht. Niemand soll lange unser Gastgeber sein. Wir werden nicht protestieren und wollen ihn um nichts bitten. Es entspricht völlig unserem Konzept, überall nur kurz zu bleiben, wenn wir auch noch keine Vorstellung haben, wo wir morgen übernachten. Soweit alles gut, aber dann dreht sich Herr Johann im Weggehen noch einmal um und ruft uns nach, nichts als ehrlose Gaukler seien wir.
Ipomoea kann Hugo gerade noch zurückhalten, als der schon auf Herrn Johann losgehen will. Adam, Eva und der Zürcher scheinen ebenfalls empört zu sein, sagen aber nichts. Einer der Pantomimen macht ihm eine lange Nase, als sich Herr Johann schon abgewandt hat und auf dem Weg hinaus durchs Tor ist. Jünger und Albert sehen sich belustigt an. Jünger sagt etwas wie: Der Stallknecht erkennt immer nur den anderen Stallknecht und nie den Gutsherrn.
Die beiden Athleten waren gerade dabei, weitere Matratzen aus dem Hanomag zu holen. Bei ihrem Anblick wäre Herr Johann vielleicht etwas vorsichtiger gewesen. Obwohl auf sie und auf die beiden Pantomimen der Begriff Gaukler am ehesten zutrifft – ehrlos aber nicht. Die meisten von uns kommen aus angesehenen Berufen. Der Zürcher war bis vor kurzem Redakteur beim Schweizer Fernsehen. Ein Naturwissenschaftler wie Albert genießt ohnehin ein hohes Ansehen, und sein spezielles Forschungsgebiet innerhalb der Pharmakologie verraten wir nicht jedem. Und eigentlich könnte auch der Rüttenscheider mit seiner akademischen Karriere sehr zu unserem respektablen Ruf beitragen, klängen die Selbstaussagen zu seiner illustren Vergangenheit nicht allzu oft nach Hochstapelei. Auch jetzt will er wieder mit seinem Wissen glänzen:
Unser lieber Gastgeber, meint Rüttenscheider, habe, wahrscheinlich ohne es selbst geahnt zu haben, genau das richtige Wort gewählt, als er uns als Gaukler bezeichnet habe. Viele Bedeutungen althochdeutscher Wörter wüssten wir ja nur durch verschiedene Glossen – Glossen, nicht in dem Sinne, wie wir es heute meistens verwenden, als kleine humoristische Zeitungstexte, sondern als Randnotizen oder Interlinearglossen, also zwischen den Zeilen Geschriebenes, mit denen mittelalterliche Mönche die lateinischen Texte kommentiert oder für sich selbst übersetzt haben. Und da steht an einer Stelle das Wort gougarari. In althochdeutschen Wörterbüchern taucht es auch als gougalāri auf und bedeutet Gaukler, Umhertreibender, Zauberer, Possenreißer oder Schauspieler, also Personen wie wir. Das wäre nicht erwähnenswert, würde nicht eine dieser Glossen mit dem Wort gougarari eine Stelle des Kirchenvaters Hieronymus kommentieren, in der er von unserem Thema, dem Fürwitz, schreibt, genauer: curiositate non licita, also mit unerlaubter Neugier, mit anmaßendem Fürwitz. Es ist eine Stelle in einer Epistel, in der sich Hieronymus auf den Turmbau zu Babel bezieht. curiositate non licita, mit nicht legitimem Vorwitz hätten Menschen zu Gottes Höhe vordringen wollen: volentes curiositate non licita in ipsius – gemeint: Gottes – alta penetrare. Genug der Wörterbücher, wir haben Gaukler unter uns, und wir Spielen Szenen, die die curiositas, den Fürwitz illustrieren. Also lasst uns unsere beiden Athleten nutzen und den Turm zu Babel nachstellen.
Wenn die sich nutzen lassen, sagt einer der beiden Athleten, die, ohne dass der Rüttenscheider sie bemerkt hatte, hereingekommen sind.
Wart ihr beiden, bevor euer Wanderzirkus bankrottging, nicht die Basismännern akrobatischer Pyramiden aus Menschenkörpern, fragt Rüttenscheider rechthaberisch.
Hugo, im Ton diplomatischer, findet die Idee ebenfalls gut. Da könnt ihr endlich mal eure Kräfte zeigen, sagt er, man merkt euch doch lange schon an, dass ihr es nicht dabei bewenden lassen wollt, den Hanomag zu steuern.
Wir haben aber nicht darauf gewartet, dass uns ein Rüttenscheider sagt, wann unser Einsatz zu sein hat.
Sein Zwillingsbruder sagt: Kommt, wir bauen einen Turm bis in den Himmel.
Solch eine Menschenpyramide muss gut geplant sein und immer wieder geübt werden. Wir alle sind keine Akrobaten. Hugo und der Zürcher flankieren die beiden Basismänner rechts und links. Für Ipomoea ist es nicht schwierig, auf die Schultern eines der beiden Athleten zu steigen. Wer wäre der zweite? Soll ich es wagen, neben Ipomoea?
Ich klettere auf die dritte Stufe, sagt Alain.
Das würde an Selbstmord grenzen, hält Hugo ihm entgegen.
Alain wirft Hugo einen missbilligenden Blick zu.
Hugo weiß selbst, dass er übertreibt. Einen Sturz aus drei Meter fünfzig Höhe würde Alain überleben, wenn er nicht unglücklich aufschlägt. Das Wort Selbstmord hat er absichtsvoll gewählt, um Alains Reaktion zu testen.
Wir haben uns zwar vorgenommen, alles Private und Persönliche außen vor zu lassen und uns nur mit unseren jeweiligen Rollen zu beschäftigen. Psychologie soll keine Rolle spielen. Trotzdem gerät immer wieder jemand in Versuchung, mehr über ein anderes Gruppenmitglied herauszufinden. Alain ist jemand, den ich nicht einschätzen kann, schweigsam, rätselhaft, und in seinen wenigen Äußerungen überwiegend sarkastisch. Als wir ihn in Digne-les-Bains getroffen hatten, spät abends, war er fünfunddreißig Kilometer in die Stadt gelaufen, von der abgelegenen Stelle aus, an der ein Germanwings-Pilot seine Maschine mit 150 Insassen absichtlich gegen eine Felswand gesteuert hatte. Hatte Alain eine solche Wallfahrt unternommen, um der Opfer zu gedenken, die von dem geisteskranken Flugzeuglenker in einen viel zu frühen Tod mitgerissen wurden, oder hatte er dem verwirrten Selbstmörder huldigen wollen? Darauf ist er uns die Antwort schuldig geblieben, er erzählte stattdessen, da er schnell erfasste, dass die meisten von uns aus Deutschland kamen, erst im vorigen Sommer habe er in Berlin den Gedenkstein für Kleist und Henriette Vogel am Kleinen Wannsee besucht. Ipomoia hatte ihn gefragt, ob er bei der Gelegenheit auch auf dem Selbstmörderfriedhof Grunewald-Forst war, für sie einer der idyllischsten Friedhöfe Berlins. Alain sagte, er habe zu spät von dem Friedhof erfahren. Ipomoea hatte ihn daraufhin frei heraus gefragt, ob er ebenfalls suizidale Gedanken hege, und Alain antwortete abermals mit einem Zu-spät. Er habe es leider versäumt, rechtzeitig dem Klub 27 beizutreten.
Wollen wir nicht die Matratzen von der Ladefläche holen, fragt Adam.
Nein, wir wollen nicht, denn gerade jetzt bilden sich so viele Schaulustige um uns herum wie selten. Vermutlich, weil es schon im Ansatz gefährlich aussieht, was wir da machen.
Nachdem Herr Johann uns vor die Tür gesetzt hat, frühstücken in einem Hotel auf dem Weg zum Julierpass. Wieder zahlt der, dem Zins und Renten zufließen, für uns alle: Hugo. Es wird ein längeres Arbeitsfrühstück. Alle sammeln auf ihren mobilen Telefonen Zitate, in denen der Vorwitz oder eine seiner historischen Varianten vorkommt. Die Ergebnisse senden wir an das Gerät des Zürchers, der alle Fundstücke in einer Datei bündelt, dann steht er auf und spricht mit der jungen Frau an der Rezeption. Er verhandelt sehr lange, schafft es aber schließlich mit seinem Altherren-Charme, die zunächst Misstrauische und Ängstliche einzuwickeln. Sie verschwindet für ein paar Minuten in einem Büro hinter der Empfangstheke und kommt mit einem kleinen Stapel Papier zurück. Nun müssen wir uns nur noch eine Schere ausleihen, um die Zitatsammlung in kleine Zettel zu zerschneiden. Eva ist erstaunt, wie viele Sprichwörter und Redensarten es mit dem Wort Fürwitz gibt. Einige liest sie uns beim Ausschneiden vor:
Fürwitz will das Ding wissen und erfahren.
Fürwitz verursacht Irrthumb.
Fürwitz bestehet wie Schnee an der Sonn‘.
Fürwitz brach den Hals.
Fürwitz drehet das Rad vngebetten.
Fürwitz hat eine große Freundschaft.
Fürwitz hat manch rein Hertz vergifftet.
Fürwitz hat manchen Helt im Krieg und sonst gefelt.
Fürwitz hat viel Brüder und Schwestern.
Fürwitz macht böse Megde.
Fürwitz macht die Jungfern rar.
Fürwitz macht die magdt teuwer.
Fürwitz macht Dina bald zur Concubina.
Fürwitz macht Gelagsschwester, Fidelelsen, Metzen, Huren und Ammen gar gemein.
Fürwitz macht Hurerey.
Fürwitz und vntrew strafft Gott.
Das wollen wir doch nicht unter die Leute bringen, sagt Ipomoea. Die glauben noch, wir meinen das ernst.
Eva liest nicht weiter, starrt auf das Papier. Was soll denn das bedeuten: „Das macht mein Fürwitz, Daß ich auf dem Igel sitz.“ Sie hält inne. Ihr schwant Fürchterliches. Quelle: Auf einer Schautafel für die Besucher der Burg Leuchtenberg: Wegen ihrer Neugierde wurde die Schloßfrau zur Strafe des „Igelsitzens“ verurteilt.
Eva ist bleich geworden. Dem muss ich nachgehen, stammelt sie.
Ned jetz, sagt Hugo. Ma san scho spat dran, und wer waß, wia long des Wedda hoidt.
Der Hanomag ist unerlässlich, nicht so sehr zu unserem eigenen Weiterkommen als für den Transport der Ausrüstung. Mit den Matratzen, Decken und Kissen ist die Ladefläche fast schon ausgefüllt; dann passen lediglich noch unsere Rucksäcke und Taschen darauf sowie die wenigen Requisiten, die wir bei uns führen. Drei Personen, eventuell vier, passen ins Führerhaus, das ist neben dem Fahrer meistens das ältere Ehepaar Adam und Eva. Die anderen wandern oder nehmen das Postauto, wie die gelben Busse in der Schweiz genannt werden. Aber dieses Mal muss auch für mich eine Lösung gefunden werden, denn ich fühle mich außer Stande zu laufen. An einer Stange über der Ladefläche, die für die Plane vorgesehen ist, hänge ich mich mit den Kniekehlen ein und lasse den Oberkörper baumeln. Mir schießt das Blut in den Kopf, und ich genieße das sanfte Pendeln während der Fahrt. Nie habe ich mich für einen bedeutenden Luftakrobaten gehalten. Trotzdem möchte ich meine Turnstange nicht verlassen. Wie ich hier hänge und mich nun auch mit den Händen an der Stange festhalte, das dürfte nicht elegant aussehen. Als habe das Zweifinger-Faultier – meine schon seit längerem erklärte Sehnsuchtsfigur – endlich von mir Besitz ergriffen. Doch irgendwann muss ich mich in eine andere, entspanntere Lage bringen.
An der höchsten Stelle des Julierpasses hat vor wenigen Jahren noch ein ungewöhnlicher Theaterbau gestanden. Ein Turm auf dem Grundriss eines zehnstrahligen Sterns mit einer Apsis an jedem Ende der kurzen Strahlen. Manche Reisende fühlten sich bei dem überraschenden Anblick an die Burg des Stauferkaisers Friedrich II. in Apulien erinnert, doch die Ähnlichkeit wäre sehr oberflächlich. Hinter den Bogenfenstern waren Galerien, die an die Shakespearebühne oder das barocke Logentheater anspielten. Auf fünf Etagen ragte der Bau dunkelrot über die unbebaute Umgebung mit dem kleinen türkisfarbenen Bergsee. Die Einbindung der rauen Bergwelt ins Bühnenbild und bei der Wahl des Programms war das erklärte Ziel des Planers und Intendanten des Musik- und Tanztheaters. Die Zuschauer hat man mit Shuttle-Bussen zu den Aufführungen gefahren. Sechs Jahre nach seiner Errichtung wurde der mit einem Architekturpreis ausgezeichnete Turm abgerissen, das Holz seiner Wände geschreddert. Wenn wir es zwar versäumt haben, beim Festivalleiter vorstellig zu werden, solange das Gebäude noch den Julierpass schmückte, erhoffen wir uns doch eine unterstützende Wirkung vom genius loci. Der Plafond an der höchsten Stelle der Passstraße scheint dem Theaterspiel wohlgesonnen.
Heute proben wir einige Szenen zum Faust. Das scheint uns passend zum Ort. „Bald sticht ihn der Fürwitz, fordert seinen Geist Mephostophilem, mit dem wollte er ein Gespräch halten“, liest Rüttenscheider von einem Zettel ab. Augustinus ergänzt: Schon in seiner Vorrede zum Volksbuch von 1587 warnt der Buchdrucker Johann Spies, der Fürwitz sei „eine gewisse Ursach des Abfalls von Gott.“
Wir kommen zur Rollenverteilung. Noch einmal Adam? Adam und Faust von derselben Person gespielt? Jünger widerspricht: Als Adam sei Adam entschuldbar gewesen, aber für Faust benötigten wir einen unserer Gelehrten. Wenn wir auch ohne verbale Sprache auskommen wollten, könnten wir doch beim Lateinischen als Lingua franca der mittelalterlichen Welt eine Ausnahme machen, besonders in einer Gegend, in der das Rätoromanische, genauer: das Bündnerromanische, als Abkömmling des Lateinischen Amtssprachen sei. Ein Pharmakologe wie Albert solle den Faust übernehmen, notfalls auch er selber, Jünger.
Er sei kein Schauspieler, sagt Albert.
Des is umso besser, meint Hugo. Albert is jetz Faust. Då muaß ea ned groß spuin.
Und Mephisto? Alle schauen auf Alain, das Irrlicht. Der will nicht. Muss aber. Selbstmörder, Erzengel, Mephistopheles – die meisten von uns sind überzeugt, satanisch wie er gibt sich kein anderer von uns. Helena – keine Diskussion. Der Famulus? Rüttenscheider, sagt Jünger. Kommt nicht in Frage, sagt Rüttenscheider, ich wäre eher ein Faustus.
Als Lehrling muss man immer sechzehn bleiben, sagt Jünger.
Eva, die gern spielt, übernimmt die Figur des Wagner in einer Hosenrolle.
Auf dem Parkplatz der Passhöhe halten nach und nach einige Autos. Einige der aussteigenden Personen scheinen über das unverhoffte Theaterspektakel erfreut und sind neugierig, obwohl sie uns nicht einordnen können. Den anderen sind wir vor dem Bergpanorama nur im Weg für ihre Selfiefotos.
Während Faust einen Kreis aus mittelgroßen Steinen auf dem Boden ausgelegt, tänzeln die beiden Pantomimen um das Publikum. Ihr Tanz greift den Sternenhimmel des Thales auf und ergänzt ihn mit Entdeckungen der modernen Astronomie. Pulsare. Die Pantomimen treten einen Takt, genauer: jeder von ihnen einen Takt unterschiedlicher Frequenz. Mit ihren Körpern erzeugen sie Wellen, schnelle kurze Wellen, langsame lange Wellen, und dabei rotieren sie um die eigene Achse. Sehenswert diese Gleichzeitigkeit von Rotation, Puls und Wellen, in verschiedenen Geschwindigkeiten.
Hugo zieht eine Mundharmonika aus der Innentasche seines Sakkos und spielt dazu eine melancholische, dünne Melodie, von fern an Spiel mir das Lied vom Tod erinnernd, aber doch ganz anders, atonal, aber nicht falsch. Zum ersten Mal hören wir Hugo Mundharmonika spielen. Auf unsere Frage, wie er das bezeichnen würde, was er da spiele, sagt er, das sei Swamp Blues aus Louisiana, nur als Stockhausen und dann siebzig Jahre nach vorne entwickelt.
Was ist der Körper im Klang? Ein riesiges biologisches Wesen. Gesichtsfeldauflösung, Fülle der Stille. Den Klang entkörperlichen, sagt Hugo, arabische Aromen. Bigband-Sounds aus dem Jenseits, goldene Zeiten in Cordhosen.
Faust hat inzwischen mit Steinen einen Teil der Fläche markiert, auf der wir den Standort des ehemaligen Theaterbaus vermuten.
In diesem Kreis soll der beschworene Geist erscheinen. Noch in der Nacht haben die Künstlerinnen unter uns, vor allem Eva, einige alchymistische Symbole wie Pentakeln oder das Zeichen für den Planeten Saturn ausgeschnitten und schwarz oder weiß lackiert. Faust platziert sie so, wie er sie braucht. Die hagere Figur hat einen dunklen Gelehrtenmantel übergeworfen. In einer unserer größeren Müslischalen zündet er ein Feuer an und breitet die Arme aus. Woher er auf die Schnelle das Grimoire mit vergilbten Seiten besorgt hat, ist uns ein Rätsel. Als trage er ein solches Lehrwerk der schwarzen Künste seit Jahrhunderten mit sich. Er spricht: Per ignem et aquam, per umbram et lumen! Spiritus obscuri, audite vocem meam!
Die Bäuerin auf der Stufe vor einer einstmals rot gestrichenen Flügeltür mit rostigem Eisenriegel haben wir zunächst nicht bemerkt. Die gefalteten Hände knetend sitzt sie da, das kantige Gesicht mit einer ausgeprägten Nase im Schatten eines hellblau gemusterten Kopftuchs, ein bodenlanger weißer Rock und neben ihr auf der Stufe etwas wie ein Napfkuchen. Sie hat uns zugehört und meint: Mir han zwar kei Römer mehr, aber eusi Wörter sind au Schatz!
Ipomoea nickt ihr zu.
Mit einem Male liegt einer der Gipfel, der die ganze Zeit noch klar und scharf von dem blauen Himmel abstach, in einer Wolke. Das Befürchtete scheint einzutreten. Haben wir zu lange diskutiert beim Frühstücken, zu lange mit dem Drucken und Zerschneiden der Zettel aufgehalten? Es ist müßig, darüber nachzudenken. Da hilft auch keine Wetter-App. Zwei Stunden früher oder später – das Wetter in den Bergen bleibt unberechenbar. Aber vielleicht ist Alberts schwarze Magie uns dienstbar? Jetzt taucht urplötzlich an anderer Stelle ein spitzer Gipfel auf, sehr ähnlich dem nun verschleierten, oder derselbe, als wollten uns die Berge um uns herum die Orientierung rauben. An verschiedenen Punkten erscheinen Bergspitzen und verschwinden wieder in Wolken. Um uns wird es grauer und grauer. Insgesamt zieht sich der Himmel immer mehr zu.
Komm hervor, Geist der verborgenen Künste! Zeig dich mir, wie einst den Weisen Salomonis, ruft Faustus. Per pactum aeternum, exaudi me!
Er wirft eine Handvoll Pulver in die Schale. Die Flamme züngelt grünlich.
Als antwortete der Himmel auf das menschengemachte Feuer, durchzieht ein weitverzweigter Blitz das Grau über dem Horizont im Westen.
Ästhetik der Unwetter, sagt Jünger.
Ein Grummeln von oben, zuerst denken wir, ein Flugzeug befinde sich in den Wolken auf dem Weg nach Milano, aber es ist Donner, der von mehreren Gipfeln widerhallt. Ein Trommelwirbel. Na bitte, sagt Faust: Donnernder Applaus. Die Elemente spenden Beifall, weil wir nicht weichen.
Erste Tropfen fallen, wir lassen uns nicht unterbrechen, spielen mit heiligem Ernst, als würden wir dafür bezahlt. Es ist angenehm kühl in dieser Höhe. Doch die Nässe macht die Steine glatt. Fausts flache Straßenschuhe sind jetzt von Nachteil. Wanderschuhe, wie Adam und Eva sie tragen, wären geeigneter, aber die Betrachter sollen sich vorstellen, Faust sei in seiner Studierstube.
Im Westen leuchtet der Himmel. Von dort kommt heftiger Wind auf. Blitze ädern das Grau. Das Gewitter zieht in unsere Richtung. Aus dem flachen Gebäude in unserer Nähe ragt eine Antenne, auch andere Masten sind da, die einen Blitz von uns ablenken würden, und eher noch dürfte die Hochspannung einen der Felsen spalten.
Sollten wir nicht besser aufhören, fragt Eva.
Jünger, dem ehemaligen Internatsschüler, wie er betont, war frühzeitig eingetrichtert worden, das einmal Begonnene immer zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Mein Hauptmann hätte mich als einen Schlappschwanz bezeichnet und noch verletzendere Worte gefunden bei einer Niederlage kurz vor dem Ende der Szene.
Einige der Zuschauenden, die eben noch um uns herumstanden, haben sich in ihre Fahrzeuge zurückgezogen. Den Hanomag hat der Fahrer netterweise so abgestellt, dass ich von meiner Turnstange über der Ladefläche den Schauplatz im Blick habe. Doch als jetzt ein heftiger Hagelschauer einsetzt, wird es auch für mich ungemütlich. Golfballgroße Körner schlagen ein. Die Akteure gehen in Deckung, pressen sich dicht an die Wand des Kiosks – bis auf Albert und sein Freund Jünger. Die beiden recken ihre Arme in die Höhe, als hätten sie eine Wette abgeschlossen, wer von ihnen zuerst vom Blitz getroffen wird. Den Blitz auf sich lenken. Der menschliche Blitzableiter erinnert an eine Aktion von Timm Ulrichs, über die Rüttenscheider vermutlich besser Bescheid weiß, aber niemand von uns will ihn fragen.
Was immer Albert in der Gestalt des Doktor Faustus seinem Dämon zuruft, die Menschen, geduckt vor einer Wand oder in ihren Autos sitzend, hören es nicht. Jetzt wirft Albert eine Handvoll Zettel mit Vorwitz-Zitaten in die Höhe. Sie werden von einer Böe erfasst und über das Plateau gewirbelt wie ein Schneegestöber. Einige der Zettel bleiben kurz an Windschutzscheiben kleben, bevor sie von den Scheibenwischern weggewischt werden. Alles wirbelt. Brocken fliegen, Erde, Dreck, Pflanzenteile. Sturmböen zwingen uns, die Augen zu schließen. Schnell sind alle, ganz gleich, was sie anhaben, bis auf die Haut durchnässt. Ein Kälteschauer durchzuckt mich. Ein Muskel im rechten Oberschenkel zittert wie verrückt. Ich sollte mich auf die Matratzen fallen lassen, aufstehen und die Plane herablassen. Doch solch klare Handlungsanweisungen an mich selbst sind nichts als Erinnerungen an die Spielregeln meines früheren Lebens. In meinem inneren Jenseits gefangen, gehorchen mir die Beine nicht, wie mir die Stimme nicht gehorcht und mein gesamter Körper zum Körper eines anderen geworden ist.
Die beiden Athleten stehen mit beiden Beinen im Leben. Blitzschnell erfassen sie, was zu tun ist, rennen durch den Hagel zu ihrem Hanomag, verschnüren die Plane am Boden der Ladefläche. Dass die Matratzen, die Decken und Kissen trocken bleiben, ist wichtiger. Menschen trocknen schneller. Nun ist es dunkel. Ich bin besser geschützt als alle da draußen, sehe aber nicht mehr, was passiert.
Mit dem Postauto fährt unsere Truppe nach Sils Maria. Schon durch die Fensterscheiben des Busses sehen wir über dem Ort auf einer Anhöhe im Wald sich einen prachtvollen weißen Hotelbau erheben, mächtig wie eine Burg.
I mecht jo gern oamoi im Hotel Waldhaus überna‘, sagt Hugo. Wer do scho ois gwohnt hat: Hermann Hesse, Thomas Mann, Adorno, Albert Einstein, Visconti, Thomas Bernhard, Max Liebermann … A Bekannter hod’s ma verzählt, wias er dort g’schlafn hot, hot beim Frühstück ein paar Tische weiter Gerhard Richter gsessn.
Ich hätte ihn gar nicht erkannt, sagt Adam.
Die Buchung eines Zimmers, fährt Hugo fort, gleiche einem Bewerbungsschreiben, in dem man seine Motivation darlegen müsse. Besser noch, man lasse sich von einem der Stammgäste empfehlen.
Dort werden wir sicher nicht übernachten, auch wenn einzelne von uns es sich leisten könnten. Die gemeinsamen Nächte in der Matratzenlandschaft sind uns wichtig. Wo wir uns betten können, ist noch ungeklärt. Manches Mal ergibt es sich aus unserem Spiel, ob und wohin wir eingeladen werden. Seinem Namen verpflichtet, hält das Postauto vor der Post neben dem Hotel Post.
Kimm! Jetzt ess ma‘ a bisserl wos, sagt Hugo. Ich lade euch alle ins Stüva de la posta ei.
Seine noble Absicht scheitert daran, dass wir keine Tische reserviert haben. Der Ort ist voller Besucher. Dann halt wieder Käsebrote, sagt Adam.
Haben wir Zeit fürs Nietzsche-Haus, fragt der Rüttenscheider.
Wir beide schon, sagt Adam etwas beleidigt, für uns gibt es heute ja keine Rollen.
Wir anderen laufen ans Ufer des Silsersees. Ipomoea hat übers Internet herausgefunden, dass es dort eine kleine Bühne auf einem Floß gibt, auf der Halbinsel Chastè, auf der Nietzsche eine Hütte bauen wollte. Das Floß sei für die sogenannten Wasserzeichen-Konzerte gebaut worden, aber vielleicht hätten wir ja Glück, und dort sei gerade niemand. Sie sendet eine Nachricht an die beiden Athleten, die mit Quirx auf der Ladefläche und Eva auf dem Beifahrersitz mit dem Hanomag gekommen sind. Athlet_zwei, wie die von ihm gewählte Adresse lautet, schreibt kurz darauf zurück, der Lastwagen habe nicht durch die Einfahrt des zentralen Parkhauses gepasst und er habe nun einen Campingplatz am Seeufer Richtung Maloja angesteuert. Dort könnten wir über Nacht bleiben, allerdings nur unter freiem Himmel. Ipomoea checkt die Wetteraussichten und bestätigt.
Die Bühne, wenn auch klein, ist viel zu schön gelegen für die Szene in Fausts dunkler Studierstube. Der Blick über den See mit den gepuderten Bergen dahinter weckt andere Wünsche.
Hätte der Rüttenscheider nicht ins Museum laufen müssen, sagt einer der Pantomimen, könnten wir ihn bitten, aus seinem Zettelkasten ein passendes Zitat von Nietzsche herauszusuchen.
Der ganze Mensch Nietzsche ist ein einziger Vorwitz, sagt Jünger. Wir können fast alles von ihm nehmen.
Besonders Die fröhliche Wissenschaft, ergänzt Albert.
Das ist doch eine einsame Rolle, sagt der zweite Pantomime, nachdem er einen Bissen seines Käsebrotes heruntergeschluckt hat.
Vorwitz ist einsam, sagt Albert. Egal, ob jemand alchymistische Rezepte ausprobiert oder höher fliegende Ambitionen pflegt.
Nun mischt sich ein junger Mann ein, von dem wir bisher kaum etwas wissen. Seinen Vornamen gibt er mit Washington an, Washington Post. Wir müssen mehr in die Gesellschaft hineinstrahlen, sagt er. Es bringe doch niemandem etwas, nur zuzusehen, wie einsame Männer oder vorwitzige Frauen an ihren Leidenschaften zugrunde gingen. Wir sollten endlich zusammen etwas Aufsehenerregendes in Angriff nehmen.
Albert schaut sich um. Spektakulär ist hier vor allem die Landschaft. Was du willst, kannst du besser in Washington realisieren, oder in Moskau, oder Teheran, oder in Budapest, Berlin nicht zu vergessen, Paris auch.
Dem jungen Washington ist seine Ungeduld anzumerken. Wir sind ein gutes Team, sagt der zweite Pantomime. Wir werden etwas finden, wie wir uns alle mit unseren unterschiedlichen Talenten einbringen können. Aber nun lasst uns auf diesem angeketteten Floß unsere währschaften Brote genießen.
Schon seit dem Rheintal in der Nähe von Thusis begleiten zwei junge Frauen unsere Truppe: Tirili und Tirila. Sie zwitschern, als könnten sie sich in der Sprache der Vögel unterhalten; Frage und Antwort, Interjektionen und kurze, manchmal sarkastisch klingende Kommentare in schrillen Pfiffen; vor allem aber wirken sie verliebt. Das weckt die Zweige der Zirbelkiefer, und auch der Stamm der Rotfichte beginnt zu atmen. In ihrem fragenden Trillii-triiil, auf das die andere mit freudigem Krrr-krrr-krrr… Tiu-tiu antwortet, geflötete Töne, rhythmische Rufe, begleitet von angedeutetem Flügelschlagen und schnellem Kopfnicken, versinkt der Gesang im Wollgras. Silben wie Fir-witz und fir-wit-zig, ssiu-siiu, sii-u-siui, pfeifend oder schnurrend wie eine Amsel – wiiiu-wiiiu… prrrt-prrrt – legen sich auf den Fieberklee. Dann jagen sie einander, finden sich, trennen sich wieder. Ihre erfundenen Laute mit federspreizenden Tanzbewegungen malen ein faszinierendes, geheimnisreiches Konzert vor die Kulisse des Sees. Sie erzeugen sich in diesem Moment, besingen sich, als wollten sie ihre Gefühle und Erwartungen erzwitschern. Antworten kommen aus den Baumwipfeln, und sie antworten vom Boden zurück. Wir können kaum noch unterscheiden, ob die Liebenden die Vögel imitieren oder die Vögel die beiden jungen Frauen. Als ob nun auch im Gesträuch die Wasseramsel ihren Schnabel aufreißt im Verlangen nach dem Liebsten, weil völlig außerhalb der Paarungszeit vor Glück eine plötzliche Lust sie überkommt, und das unerwartete Frühlingserwachen mitten im Hochsommer sich auf den Tannenhäher überträgt, der nicht verzichten will, alle zusammen sind Teil eines aufblühenden Lebens, das Geschenk durchreisender Gäste.
Der Schatz am Silsersee, sagt Hugo.
In diesem Moment kommen Adam und der Rüttenscheider aus dem Museum zurück. Der Friede ist dahin. Adam strahlt eine leicht gelangweilte Zufriedenheit aus, aber der Rüttenscheider explodiert vor Mitteilungsdrang: Zettel hin oder her – das gesamte Werk sei ein einziger Vorwitz. Gerade jetzt lohne es sich, Nietzsche wieder zu lesen. Nie zuvor sei jemand mit solcher Gründlichkeit der Frage nachgegangen, wie Werte und Moralvorstellungen historisch entstanden seien. Aber wenn man denn unbedingt einen Quellennachweis haben wolle, bitteschön: In Nietzsches Genealogie der Moral werde eine Person mit „mein Herr Vorwitz und Wagehals“ angeredet. Tausche man in der Genealogie der Moral nur ein paar Begriffe aus, das Römische Reich etwa gegen die Wirtschaftsimperien unserer Zeit im Westen oder Osten, die aus der Sklavenmoral hervorgehenden Ressentiments gegen die Bezeichnung „Wutbürgertum“, sei das Werk auch für uns heute aufschlussreich wie kaum ein anderes. Ja, man dürfe sich über seinen, Rüttenscheiders, Zettelkasten lustig machen, doch letztlich ginge es ihm um weit mehr als eine philologische Studie zur Wortgeschichte eines heute kaum noch verwendeten Begriffs. Sein Zettelkasten sei für ihn die Eintrittskarte in die Welt des Wissens. Der Vorwitz eröffne ihm ein Verstehen, was die Menschheit sei je angetrieben habe. Neugier als Motor aller Entwicklung. Gerade die Variante des verbotenen Vorwitzes spiegele die Geschichte der Macht- und Emanzipationskämpfe, den Ungehorsam seit Adam und Eva.
Gut gebrüllt, sagt Jünger und hebt eine Augenbraue. Er, der dem akademischen Heißsporn schon mehrfach Paroli geboten hat, widerspricht ihm dieses Mal nicht. Statt seiner ist es Washington, der Rüttenscheider attackiert. Nietzsche habe keinen einzigen korrupten Präsidenten abgesetzt und keinen Diktator an den Galgen gehängt. Ihr Philosophen habt uns unser Denken immer nur erklärt; es kömmt darauf an, es für die Menschheit nutzbar zu machen.
An welchen korrupten Diktator denkst du, fragt Jünger. Niemand von uns gebe sich der Illusion hin, eine Theateraufführung könne die Welt verändern. Die Frage sei, was passiert im Mikrobereich? Dabei haben wir nicht den Ehrgeiz die Materie millimeterweise nachzuerzählen.
Nicht ewig kann und will ich wie ein Faultier leben. Es wird Zeit, von meiner Stange herunterzusteigen. Die Beine steif, das Gehen funktioniert noch nicht, aber das ist eine Frage der Umgewöhnung. Ich bin wieder da. Die neuen Freunde haben mir regelmäßig etwas zu essen hingestellt, Schüsseln mit Obst und gekochtem Gemüse, Nahrung, die ich kaum angerührt habe, in meiner Versunkenheit das Essen und Trinken vergessend.
Alles hat mit einem tiefen Fall begonnen. Unaufhörlich bin ich in mich hineingestürzt, ein nicht endender Sturz in einen tiefschwarzen Schacht. Dabei habe ich nicht einmal den Aufschlag auf einen harten Boden befürchtet. Nur das schwindelerregende ewige Fallen und die Sorge vor einer Ohnmacht, aus der es kein Erwachen mehr gibt. Immer mehr hüllte mich das Schwarz ein, Schwärze um mich und in mir, bis ich verschwunden sein würde. Ich habe Stimmen aus einer anderen Welt gehört, mich zwischen Wesen bewegt, die uns Menschen normalerweise verborgen bleiben. Die fremden Klänge ließen mich eine Sprache ahnen, die andere Wesen möglicherweise klar verstehen. Ein Chor. Das Wort Harpyien tauchte auf. Wie kam ich auf die Idee, dass es sich um Harpyien handelte, die mich im Sturz unsichtbar umschwebten? Oder waren es Sirenen, deren verführerischer Gesang mich lockte? Weich, nur allzu lieblich, erotisch, todbringend. Auf sie eingehen? Einen sanfteren Tod gäbe es wohl nicht, als mich aufzulösen in perfekter Harmonie. Harmonie der Sphären, Ewigkeit, wie nah war ich ihr. Hätte ich dagegen meine Ohren verstopfen sollen? Sie sangen zu schön, sie begleiteten meinen Übergang. Wenn ich mich nur hätte bewegen können. Das waren keine Stimmen aus der Welt, die ich soeben verließ. Soeben verließ? Wollte ich das wirklich? Ich schlug die Augen auf. Vor mir stand eine Szene wie aus dem realen Leben. Ich sah einen Rentner, wie er seiner Frau in den Becherverschluss der Thermoskanne Tee eingoss, und die Frau, ähnlich der, die ich einmal als Eva oder vorher noch als Sophie kennengelernt hatte, aber doch eine andere, vielmehr: in einem anderen Zusammenhang, auch sie und ihr Mann aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen, als Bild, als Gemälde eingefroren, in übersteigerten Farben. Leuchtend, alles bedeutete noch etwas anderes, Philemon und Baucis, das ewige Paar, ich lachte, und wieder fielen mir die Augen zu, ohne dass ich es hätte verhindern können, und ich stürzte tiefer in mich hinein, sah Muster in allen Grautönen, Schichten, die sich überlagerten und zu Wolken verdichteten, ein Grauweiß, das zugleich funkelte, als müsse die Materie erst noch überlegen, als was sie sich materialisieren möchte. Die sich rasch verändernden Wolkengebilde forderten meine Konzentration und Auffassungsgabe heraus. Fasziniert starrte ich auf das Schauspiel der Flecken, die allmählich farbiger und leuchtender wurden, als seien sie jeden Moment bereit, ihren Vorhang für mich zu öffnen. Stattdessen schnitten sie mir Grimassen. Einige Stellen verdunkelten sich zu Augen und verschwanden ins Unbestimmte, wenn ich sie ansah. Da musste sich kein Vorhang auftun, das Geschehen spielte sich auf dem Vorhang ab, der Vorhang war die Story. Aus den Wolkenschichten tauchten immer mehr Augen auf, ich wurde von allen beobachtet wie ein Eindringling, ein blinder Passagier, ohne irgendeine Berechtigung, das alles sehen zu dürfen. Nasen dazwischen formten hässliche Gesichter, Masken, Karikaturen. Einer der Köpfe in einem energischen Profil trug einen Helm, daran zwei Flügel. Ich erkannte ihn, den Boten, und während die Konturen seines Gesichts zerliefen, tauchten die anderen auf. Matronenhaft die Göttergattin, daneben ein kühner Gesichtsausdruck über einem silbernen Brustpanzer. Die Fruchtbarkeit. Die Schönheit, und imposant mit seinem Dreizack der ewige Bewohner des Meeresgrunds. Ich kannte sie alle wie gute Nachbarn, die Hundebesitzerin, auf der Wolkendecke mit schlanken kräftigen Jagdhunden. Der Mann mit dem Schmiedehammer reckt seinen Arm, und in der Mitte ein Greis mit rauschendem Bart, die Brauen zu den Seiten gespitzt. Ich erschrak, aber mich traf weder ein Blitz noch eine dreigezackte Harpune. Den Herrschaften war es anscheinend egal, ob ich sie sah oder nicht sah. Für sie spielte ich keine Rolle. Jetzt sahen sie mehr nach Comicfiguren aus, von einem genialen Zeichner auf die Wolkenwand hingeworfen. Indem ich blinzelte, konnte ich die Details scharf stellen, sehr scharf, schärfer und detailtreuer, als ich jemals etwas gesehen hatte. Dort, wo eben noch die Götterkarikaturen thronten, erschienen nun andere Gesichter, alltäglichere, wie mir schien, aber wem stand eine solche Einteilung zu? Vielleicht waren sie auf ihre Art genauso schrullig wie griechische Götter. Alle sehr eigentümlich. Kein bisschen wolkig mehr schwebten sie jetzt vor mir, sondern standen klar und bunt in einem überirdischen Licht. In manche der Gesichter hatten sich Narben eingefressen, Kraterlandschaften, Nahaufnahme des Mondes, sehr nah, überdeutlich. Eine solche Fähigkeit des Sehens kannte ich nicht bei mir. In jeden Krater hätte ich tief hineinzoomen können, nur um festzustellen, dass in jeder Pore ein Universum steckte, und jedes einzelne Universum durfte ich erkunden, so lange ich wollte. Es gab keine Zeit. Ich ermahnte mich: Hier, wo ich war, mochte es keine Zeit geben, aber wo ich herkam, gab es sie. Wenn ich mich in diesen vielen Universen verlor, wenn ich weiter ihre Filamente zu entwirren, die Superstrukturen der Materie zu verstehen versuchte, verpasste ich den Anschluss an die Truppe. Ich zoomte hinaus, sah jetzt andere Figuren. Ein breites Panoramabild, das allmählich in Bewegung geriet. Eine lustige Parade wie ein Wanderzirkus. Ein Koloss von einem Mann, gutmütig trottend und sich am Rücken kratzend wie Balu, der Bär, führt an einer Leine ein Gespann aus einer blauschwarzen Füchsin und einem Dachs; auf dem Dachs reitet ein zweijähriges Kind. Ihnen kommt ein Esel entgegen, auf dem ein Affe hockt; der Esel wird von einer Frau geführt, der Affe springt auf den Boden. Die Tiere beschnuppern sich und besteigen einander in allen physisch möglichen Kombinationen. Der Kraftprotz und die Frau wollen mit ihren Tieren und dem Kind schnell aneinander vorbei, müssen aber die Prozedur abwarten, bis die Tiere ihren Rang geregelt haben. Der starke Mann, in dem ich jetzt einen der beiden Athleten aus unserer Theatertruppe erkenne, muss aufpassen, dass das Kind nicht in den beidseitigen Begattungsanbahnungen vom Dachs fällt. Dem Esel mit dem Affen ist ein Pferd gefolgt. Das Pferd könnten wir in unserer Truppe gebrauchen. Die Frau, die den Esel führt, deutet auf das königliche Wappen, das dem vornehmen Reittier in seiner Flanke eingebrannt ist. Es dürfe nur an die Spanische Krone verkauft werden, sagt sie; mit dem Brandmal habe sich der König das Vorkaufsrecht gesichert. Umso besser. Wir hätten es uns ohnehin nicht leisten können. Ach ja, es gab sie noch, die Welt mit ihren Alltagssorgen. Warum bauen wir solche Bilder nicht in unsere Spiele ein? Nun bin ich ihm enthoben, dem früheren Leben. Falls es so etwas wie Chronologie je gegeben hat. Enthoben? Welch pathetischer Ausdruck. Anmaßend. Nur, weil ich im Bunde mit Dämonen bin. Guten Geistern? Bösen Geistern? Wer weiß das schon, und was soll Gut und Böse bedeuten? Sie sind, wie sie sind, gleichgültig, kalt. Während ich mich mit Geistern und Dämonen aufhalte – fällt mir mit Schrecken ein – könnten meine Kollegen längst gestorben sein.
Sie waren noch da. Nur eines Wimpernschlages hatte es bedurft, um die Welt zu wechseln. Eva setzt den Becher mit dem heißen Tee an den Mund. Adam wartet, bis sie getrunken hatte und ihm den Becher zurückgibt. Sich die gold’nen Becher reichen, woran erinnert mich das? Irgendetwas stimmt nicht. Es wird mir wieder einfallen. Ein rührendes Paar, Adam und Eva, Philemon und Baucis, Abaelard und Heloisa. Silberne Hochzeit, goldene Hochzeit, eiserne. Was kommt danach? Marmor, Stahlbeton. Auf jeden Fall war schon die unterste Stufe etwas, das ich nie erreicht hatte: Teil eines Paares zu sein. Ich war immer ein Einzelwesen. Sollte ich die beiden beneiden? Ach, was. Neid wäre ein unangemessenes Denken für das, was ich vor mir sah. Wer weiß, was sie dachten. Über sich, über mich, über die anderen. Die anderen, es gab sie noch. Die beiden Studentinnen in ihren Semesterferien, waren sie es, deren Gesang meinen Sturz begleitete? Die Harpyien? Diese bezaubernden Wesen? Ich lachte. Ich liebte sie. Alle beide, und noch andere als nur die beiden. Liebe zu den Menschen füllte mich aus. Nie gekanntes Glück durchströmte meinen Körper. Ich liebte sie alle, die Menschen. Nun, da ich sie verlassen hatte. Ich liebte Adam und Eva, das traute Rentnerpaar, ich liebte den Zürcher, der seine letzten Aufnahmen auf einem viel zu kleinen Bildschirm anschaute, ich liebte den wohlhabenden, spendablen Hugo und den eifrigen Zitatesammler, den Rüttenscheider, aus dem kein Hochschulprofessor geworden war. Ich liebte sie alle, alle auf ihre Art, auch die beiden Athleten, die meiner Liebe nicht bedurften, waren sie doch so viel tüchtiger als ich. Meine Geschöpfe. Nein, das war jetzt überheblich von mir, vorwitzig dahingesagt. Ich war einer von ihnen, wenn auch eben noch in der Gesellschaft von Geistern und Götterkarikaturen. Hatten sie mich verlassen, die Geister, die Comicfiguren, die Kobolde, Gnomen, Aliens? Ich schloss die Augen, und da waren sie wieder. Aber sie waren zugleich die Bekannten. Als hätte jede und jeder aus unserer Gruppe eine zweite Existenz, eine sogenannte reale und eine vielleicht symbolisch zu nennende. Oder weit mehr als nur zwei Existenzen, wer wusste das? Ich sollte mich entscheiden, denn ich konnte nicht ewig gleichzeitig in zwei Welten leben. Warum nicht? Irgendwann würde es schwächer werden, die Wirkung würde nachlassen. Und wenn nicht? Ich wusste jetzt, es gab diese geheime Gesellschaft verborgener Wesen. Sie waren kalt, abweisend, überlegen. Der Wärmeaustausch fand bei uns statt, in unserer bizarren Truppe, unserem Matratzenlager.
Der Camper in Jogginghose und T-Shirt gehört nicht zu uns. Barfuß schleicht er nachts um uns herum, zwischen den Matratzen, deckt hier ein Stück Brust auf, dort ein paar Zentimeter Schenkel. Nicht die komplette Nacktheit ist es, was er sucht, er will jagen, Einblicke, Unterblicke, Perspektiven, Positionen. Augenlust lässt ihn sich verrenken. Ich winke mit dem Zeigefinger, flüstere vor mich hin „du, du“ und denke, was für armselige Geschöpfe solche Kerle doch sind. Wie einsam muss er sein in seiner erotischen Not. Eva und Ipomoea bemerken ihn, etwas belustigt, kaum empört, schlafen sie weiter. Die Männer nehmen entweder keinen Anstoß an den verstohlenen Blicken des unziemlichen Voyeurs oder bemerken ihn nicht. Einzig Shakespeare wacht aus dem Halbschlaf auf und will ihn zur Rede stellen: Unmannerly intruder as thou art. Er redet den Eindringling mit „Actaeon“ an. Actaeon, Aktaion, hatte nicht der Rüttenscheider diesen Namen genannt? Ihn zu fragen, hieße, eine lange Belehrung zu riskieren. Alles, was wir wissen müssen, finden wir schnell selbst heraus. Der Mythos des Jägers Aktaion, römisch: Actaeon, der unverhofft die Jagdgöttin Artemis, die römische Diana, beim Baden erblickt, bildet seit der Ovid-Rezeption des Mittelalters bis weit ins Barock hinein das Urbild des Voyeurs und des neugierigen Menschen schlechthin, des Curiosus‘ im Sinne der Kirchenväter und der frühen Neuzeit. Für Shakespeare liegt es auf der Hand, ihn mit diesem Namen anzusprechen. In mehrere seiner Werke hat er den Unglücklichen eingebaut. Nach Dianas Zaubergeste war Aktaion ein Hirschgeweih gewachsen, und seine Hunde haben ihn dann nicht mehr als ihren Herrn erkannt. Shakespeare war unter seinen Zeitgenossen nicht der einzige, dem die von Ovid erzählte Geschichte vertraut war. Im 16. und 17. Jahrhundert galt Aktaion als Synonym für den unstatthaften Voyeur und vorwitzigen Eindringling. Von Shakespeares scharfer Ansprache aufgeschreckt, flüchtet der ungebetene Gast aus unserem Matratzenlager.
Tirili zieht die Schultern hoch, als wolle sie den Kopf unter einem ihrer Flügel verstecken. Ihr dabei ausgestoßenes Tchii-tta-tt, tchii-tta-tt weckt Tirila, deren Arm auf ihrer Taille liegt. Zurr-zurr-krr, zurr-zurr-krr, macht Tirila und nickt mehrfach schnell mit dem Kopf.
„Was ich verborgen hielt, will Fürwitz doch ergründen“, sagt Ipomoea. Eva meint, der Voyeur sei sicher impotent, und scheint ihn sogar etwas bedauern zu wollen.
Zum Frühstück lädt Hugo uns alle in ein Hotel mit reichhaltigem Frühstücksbuffet ein. Mit seinem mobilen Gerät hat unser spendabler Gönner herausgefunden, woher Ipomoea das Zitat hat, und redet sie an mit „mein Abschatz“. Dann liest er uns einige Zeilen aus dem Gedicht vor, das beginnt mit „Ich bin das reine Glaß/ das noch kein Staub befleckt“.
Ein Langgedicht, das sich aus vier Sonetten zusammensetzt. Hans Aßmann von Abschatz der Autor, Zweite Schlesische Schule, so wie Lohenstein oder Hoffmannswaldau. Für euch wie für mich, sagt Hugo, wäre es ermüdend, nun diese sechsundfünfzig Zeilen in Gänze vorzulesen. Zusammengefasst: Aus der Perspektive einer jungen Frau namens Julinde wird metaphernreich ihre Jungfernschaft zu Grabe getragen. Die ersten vierzehn Zeilen variieren die Eingangszeile mit dem reinen Glas durch zahlreiche Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenreich, „Die Lilje/ welche noch die Bienen nicht besessen“, aber auch der menschlichen Zivilisation, Müntzhauß, Festung, sofern man das Kriegswesen zur Zivilisation rechnen muss, und das muss man leider. Um das Thema ganz deutlich zu machen, enden drei der vier Sonette mit dem Wort „Jungfrauschafft“. Das zweite Sonett leitet den Wendepunkt mit der Frage ein „Wie geht mirs aber nun?“, und man erfährt, dass die edle Jungfrauschaft – wen wunderts – bedrängt und bestürmt wird. „Cupido will bey mir den Jungfern-Honig finden“. Es folgt die Zeile, die du, Ipomoea, zitiert hast, „Was ich verborgen hielt/ will Fürwitz doch ergründen“, was sich reimt auf „Die Liebes-Presse sucht aus mir den Safft zu winden“.
Klingt brutal, sagt Tirila, ausgepresst wie eine Zitrone.
Ja, sagt Hugo, symbolisch stirbt Julinde. „Die Knospe platzet auff/ der Schatz wird mir gestohlen“ … „Und endlich stirbt dahin die edle Jungfrauschafft“.
Tirila wendet ihren Kopf ab und macht eine flatternde Bewegung mit der rechten Hand.
Man sollte meinen, damit hätt’s ein End, sagt Hugo, aber wir sind erst auf der Hälfte des Gedichts angekommen, denn hinter „Jungfrauschafft“ steht ein Doppelpunkt. Es folgt ein Räsonieren im Leid, in dem auch Rache mitschwingt, wieder sehr metapherngesättigt, ihr Blut, des Siegers Schweiß, doch am Ende des dritten Sonetts vergibt sie ihrem Mörder:
Ist gleich mein Helden-Tod nicht ohn Empfindlichkeit/
Ich will doch meinen Feind und Mörder nimmer hassen.
Jetzt ist aber gut, sagt einer der beiden Athleten, wir wollen doch hinaus und endlich anfangen.
Fast, sagt Hugo, fehlt noch der Knüller: Julinde sagt sich, dass sie ohnehin irgendwann gestorben wäre, auch ohne diese Erfahrung und ohne etwas an ihre Mitmenschen weiterzugeben. Das Gedicht, „mit steiffem Griffel“ geschrieben, endet, in dem Epitaph
In was? fragt der Athlet.
In der Grabinschrift: Hier liegt/ was mühens werth/ Julindens Jungfrauschafft.
Die Frauen schauen genervt oder verärgert, die Männer gelangweilt. Tirila stöhnt ganz unvogelhaft auf: Ich kann die vor Liebesverlangen schmachtenden Männer nicht mehr hören. Schon lange nicht mehr.
Eva meint, für die Zeit und von einem Mann geschrieben sei das Gedicht doch „nicht ohn Empfindlichkeit“. Der Dichter nehme einigermaßen feinfühlig die Perspektive von unten ein.
Es ist doch eine Vergewaltigung, sagt Tirili. Könnte es sein, fragt Tirila, dass der Fürwitz nur ein anderes Wort für die Übergriffigkeit lüsterner Männer ist?
Im Barock, sagt Rüttenscheider, vermehrten sich tatsächlich die Beispiele ähnlicher Männerphantasien. Aus meinem Zettelkasten könnte ich euch als Beispiel das folgende Sonett vorlesen, und er beginnt unaufgefordert:
ALS ich die Lesbie nechst in der kammer fand /
Da sie sich überhin und schläffrig angeleget;
So schaut ich eine brust / die schöner äpffel traget / …
Nein, bitte nicht, ruft Tirili. Ich kann’s nicht hören.
Passt aber zu gleich zwei unserer Themen, sagt Rüttenscheider. Einmal im Zusammenhang Trieb und Fürwitz:
Die brunst zog meinen geist / der fürwitz trieb die hand
Zu suchen / was sich hier in diesem zirck beweget.
Und zweitens zu Alberts Frage nach dem Apfel im Garten Eden; und er zitiert noch einmal:
Dieweil ich allzukühn und mehr als sichs gebühret /
Die mir verbotne frucht der äpffel angerühret /
So stößt ein engel mich ietzt aus dem paradieß.
Ich hätte ihn nicht nur verstoßen, sagt Tirili, krrr-psss, krrr-psss, zirri-zirri-snipp.
zirri-zirri-snipp, antwortet ebenso empört ihre Freundin. Ich hätte ihn verklagt.
Besser als eine Privatklage, meint Ipomoea, sei es, die Sache öffentlich zu machen. Ob sich noch einige von uns an den Grapschkasten der Aktionskünstlerin Valie Export erinnerten? Mit den beiden Eingriffslöchern vor ihrer Brust. Da seien nicht die Brüste enthüllt gewesen. Bloßgestellt, nackt und ungeschützt waren vielmehr die Gesichter der Grapschenden. Das verhaltene Drängeln männlicher Passanten, die alle gern mal die Brüste angefasst hätten, sich aber vor der Kamera dann doch nicht so recht trauten. Die Neugier und die Empörung der Zuschauenden, ihre Kommentare seien in den Filmaufnahmen gut eingefangen.
Wenn die Brunst den Geist zieht, wie es in dem Sonett heißt, sagt Albert, haben wir keine Erkenntnis zu erwarten. Es sei denn, das genau sei die Erkenntnis. Er blickt zu Boden, als hänge er noch einem Gedanken nach. Womöglich, sagt er, wurde der Apfel am Baum der Erkenntnis nur erfunden, um frivolen Barockpoeten die Gelegenheit zu geben, sich durch die Apfel-Metapher an Frauenbrüsten zu erregen. Denn biochemisch spreche alles dagegen, dass jemandem vom Verzehr eines Apfels buchstäblich die Augen aufgehen.
Zu schade, sagt Tirila, ein solch schönes Frühstück mit solchem Schweinekram zu verderben.
Der „Schweinekram“ heißt in der Literaturgeschichte „Galante Poesie“, sagt der Rüttenscheider.
Die Rechtfertigung solcher Übergriffe füllt Bibliotheken, antwortet Hugo, der sich in diesem Moment in einen Sänger verwandelt und zur Gitarre greift. Hier. Johann Christian Günther; er singt:
Verschämtes Kind, der Vorwitz trieb mich an,
Den losen Arm um deinen Hals zu werfen;
Du aber willst mir das Gesetze schärfen,
Du klagest, daß ich dir zuviel getan.
Tirili und Tirila wehren sich mit einem Geschrei, als wolle der Fuchs das Gelege der Singvögel plündern, sodass Hugo, immer noch Gentleman, alles Weitere abkürzt und nur auf die beiden Schlusszeilen hinweist:
So laß mich auch hinfort auf deinen Anmutsgründen
Noch eine Handvoll Glück durch einen Freigriff finden!
Warum schreiben Männer so etwas, fragt Tirili. Als Entschuldigungsbrief oder als Rechtfertigung ihrer Straftat?
Vor einem Tribunal aus Frauen, sagt Hugo.
Aber doch wohl für Männer geschrieben, sagt Tirila. Oder gab es auch Frauen in den Dichterzirkeln.
Catharina Regina von Greiffenberg, weiß Rüttenscheider. Ausnahmen.
Zwei gegensätzliche Dichter, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau und Johann Christian Günther, die sich doch als Männer einig sind, sagt Jünger alias Goethe. Das müssen wir dramatisch gestalten: Der Hofpoet und der, aus dem, von Pech und eigenem Verschulden gehindert, kein Hofpoet geworden ist und der nach einem lausigen Vagantenleben hochbegabt mit siebenundzwanzig stirbt. „Er wusste sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.“ Das sollte doch ein Thema für uns sein, resümiert Goethe. Bevor aus mir ein Geheimrat und später sogar ein Staatsminister wurde, war ich selbst manchmal der Verwahrlosung bedrohlich nahe. Das feuchtfröhliche Studentenleben. Mein Leipzig lob’ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute, zitiert unser weißhaariger Mitspieler, der Ernst Jünger spielt, der vorübergehend die Rolle Goethes übernommen hat, der sich selbst zitiert.
Du möchtest wirklich nicht, dass wir uns an den Kosten für das üppige Buffet beteiligen, frage ich Hugo.
Hugo blickt streng: Wenn ich dabei bin, spricht man nicht über Geld.
Der Aktaion, der zwischen unseren Matratzen herumgeschlichen ist, hatte es beim Sehen belassen und ist nicht handgreiflich geworden. Getrieben von ästhetischer Neugier.
Lust der Augen, sagt Augustinus, die ich cupiditas oculorum genannt habe.
Nach Shakespeares strenger Ansprache war er verschwunden. In der Ferne haben wir noch seine Hunde bellen hören, die er mitgenommen hatte auf die Jagd. Jetzt aber fehlt uns ein solcher Curiosus für unseren Plan, auch seinen Fürwitz auf die Bühne zu bringen. Wir sagen immer noch „Bühne“, obwohl klar ist, dass es sich um gewöhnliche Orte handelt, die erst durch unser Spiel ungewöhnlich werden. Ernst Jünger sinniert: Es heißt, dass dem Aktaion dabei „nichts Menschliches als das in solcher Lage Entsetzlichste, die Besinnung, blieb“. Höchst wunderbar an diesem großen Mythos sei nun die Art, auf die Chiron, Lehrmeister auch des Aktaion, die Hunde beruhigt habe. Er habe ein Bild von ihm aufgestellt, um das sie dann friedlich versammelt gewesen seien. Das berühre die Aufgabe des Künstlers, des musischen Menschen, des Wissenden in Zeiten, in denen die Hunde ledig geworden sind, sagt Jünger.
Die Hunde ledig, ihr Herr zerfleischt von ihnen selbst. Sie erkennen ihn nur durch sein Bild. Das Kunstwerk, sagt Jünger, wirke nicht nur als Schicksalsweisung in die Zukunft – es deute, sühne und befriede auch das Vergangene.
Eine Weile sind wir sprachlos, lassen Jüngers Einsicht in uns nachklingen. Bis Eva merkt, dass er etwas eher Simples, etwas Selbstverständliches gesagt hat: Mit der Kunst möchte sich jemand nicht nur unsterblich machen, er möchte auch das Vergangene in seinem Sinne zurechtbiegen.
Albert, als hätte er sie nicht gehört, schüttelt den Kopf. Mit vierundsiebzig noch einmal 0,15 mg. Welcher Wagemut. Synthetische Stoffe, auch nur Bausteine, die wir hin- und herschieben.
Da mischt sich, längst überfällig, Sloterdijk ein und extemporiert eine Weile über Giordano Bruno. Die Hunde verkörperten Aktaions Leidenschaften, von denen er schließlich zernagt wird. Sein Antrieb aber sei geistiger Natur. Die Gottheit zu schauen, sie unverhüllt zu erforschen, sei das spirituelle Verlangen, den Himmel zum Sprechen zu bringen. Die Mühen, die Aktaion auf sich nehme, das Verlassen der bekannten Wege, sich einen Pfad zu suchen durch das Dickicht, das vor ihm nie jemand betreten hat, das seien für Bruno die heroischen Leidenschaften.
Das Buch, in dem Giordano Bruno Aktaion zu einem Helden der Neuzeit erklärt, Degli eróici furori, finden wir nicht im Netz; eine öffentliche Bibliothek liegt nicht in der Nähe, und wenn, warum sollte sie das nicht einmal bekannteste Buch Giordano Brunos in ihrem Bestand haben. So hören wir Sloterdijk zu, wie er so wunderbar geistreich und belesen die Bedeutung der Neugier für die Entwicklung vom späten Mittelalter zur Aufklärung darlegt und sich oft auf Hans Blumenberg bezieht. Sind wir nun ausreichend gerüstet, um die Figur Brunos auf den Marktplatz zu tragen und ihn dort anzuzünden?
Den Malojapass kann man nicht zu Fuß zurücklegen. Karawanen von Touristen in beide Richtungen, zwei Wagenschlangen, herauf und hinunter, Reiseverkehr, dazwischen Busse und Lastwagen, die sich in den engen steilen Kurven dicht aneinander vorbeischieben, die im ersten Gang bergauf keuchen, während die Entgegenkommenden den Fuß nicht von der Bremse lassen. Keine Gehwege; ein Fußgänger würde entweder gegen die Steinmauern am Berghang gedrückt oder müsste in den Abgrund springen. Das sei aber nicht der Ursprung des Begriffs Maloja-schlange, scherzt Hugo.
Albert lacht. Ein Naturwissenschaftler, dem unsere Gruppe nicht zu kindisch zu sein scheint. Mit dem Wort Malojaschlange kann er etwas anfangen. Wenngleich er kein Chemiker sei und kein Meteorologe, könne er uns das Wetterphänomen erklären. Die sogenannte Malojaschlange sei ein in dieser Gegend spezielles Wolkenphänomen. Es entstehe durch die schnellere Erwärmung der steilen Berghänge am Morgen, während die wesentlich kältere Luft im tief eingeschnittenen Tal des Bergell nach oben steigt. Dieser Wind sei stark genug, um auf dem Malojapass den niedrigen Talabschluss zwischen Bergell und Engadin zu überwinden und im Oberengadiner Tal weiter zu wehen. Die Wolken kröchen als dichter Nebel über den Pass, während darüber meistens die Sonne scheine.
Ich habe mal den Film Die Wolken von Sils Maria gesehen, sagt der Zürcher. Der Film handele von Textproben zu einem Theaterstück, hier in den Bergen von Sils Maria. Das Stück, das geprobt wird, heißt Maloja-schlange. Wir sind also nicht die ersten, die hier Theater spielen.
Er wendet sich an Hugo: Gedreht wurde unter anderem in Hotel Waldhaus. Zu den von dir genannten Gästen können wir hinzufügen Juliette Binoche, Kristen Stewart, Angela Winkler, Hanns Zischler, und ich kann sie gar nicht alle aufzählen. An Hugo gewandt, sagt er, der Film zeige übrigens auch Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm Das Wolkenphänomen von Maloja von Arnold Fanck aus dem Jahr 1924.
Der Zürcher ist unglücklich, weil die Truppe durchs Bergell mit dem Bus fahren und sich dort nicht aufhalten möchte. Der Ort Stampa, durch den wir bald nach den Serpentinen kämen, sei die Heimat der Künstlerfamilie Giacometti. Ja, man solle sich nicht täuschen lassen, wenn einem in einem Schweizer Museum, das wisse er aus Zürich nur zu gut, eine im post-impressionistischen Stil gemalte Berglandschaft begegne, die so gar nicht zu den leptosomen, drahtigen Figuren des Bildhauers Alberto Giacometti zu passen scheine. Solche Landschaftsbilder seien von seinem Vater, Giovanni. In Giovannis Wohnhaus und Atelier in Stampa hätten die vier Kinder den besten Nährboden für eine künstlerische Entwicklung gefunden. Ihm selbst sei es leider nicht vergönnt gewesen, Alberto, den ältesten Sohn und bekanntesten Künstler aus der illustren Familie, rechtzeitig zu besuchen und für ein Interview im Schweizer Fernsehen zu gewinnen, bevor er 1966 starb. Damals sei er, der Zürcher Filmemacher, noch nicht vom Fernsehen mit solch ehrenvollen Aufträgen bedacht worden. Später habe er mehrfach versucht, den zweitältesten Sohn, Diego Giacometti, Atelierpartner und wertvoller Helfer seines älteren Bruders, vor die Kamera zu bekommen. Aber bald nach Albertos Tod sei Diego aus dem Schatten seines berühmten Bruders getreten und mit Aufträgen überschüttet worden. Er besitze eine Postkarte von Diego, auf der er sich damit entschuldigt, Farah Diba, die Persische Kaiserin, bestelle unaufhörlich bei ihm Möbel für ihren neuen Kaiserpalast in Teheran, und er habe nicht eine Minute Zeit für ein Interview. Zwar überlebte Diego seinen Bruder Alberto um neunzehn Jahre, aber die Gelegenheit zu einem Filmporträt habe sich nie ergeben. Er bitte daher um Verständnis, dass er in Stampa aussteigen werde, um das Stammhaus der Giacomettis und die Umgebung, in der Vater Giovanni wie auch seine talentierten Kinder gemalt hätten, ausführlich zu betrachten. Er werde in Lugano, Ascona oder andernorts sicher wieder auf uns treffen.
Noch jemand verabschiedet sich: Hugo. Er vermisse seine Brieftasche. Zuletzt in der Hand gehabt hatte er sie in dem Hotel vor dem Julierpass, wo wir uns so lange mit den Zetteln zum Verteilen aufgehalten haben. Aufs Bezahlen-Können wirke sich der Verlust nicht aus. Bargeld trage er immer – Stichwort Risikostreuung – auf drei Taschen verteilt bei sich, und für alle Fälle befinde sich auch immer eine Kreditkarte in der rechten Innentasche seines Sakkos. Aber hinter dem Malojapass führe die Strecke ja ein Stück weit durch Italien, und man wisse nie. Die Schweiz als Nicht-EU-Land käme vielleicht ausgerechnet dieses Mal und ausgerechnet bei ihm auf die Idee, den Ausweis sehen zu wollen, und damit könne er im Moment nicht dienen. Er werde also lieber die letzte Strecke zurückfahren und überall nach seiner Brieftasche fragen. In Lugano wolle er wieder zu uns stoßen, denn er habe uns in sein Herz geschlossen, es sei eine solch erfrischend andere Welt als die Finanzbranche. Wenn er tatsächlich bis hinter den Julierpass zurückmüsse, könne er auch gleich die Strecke durchs Rheintal, Thusis, Viamala und durch den San Bernardino-Tunnel nehmen. Dann sei er gar nicht später als wir in Lugano.
Es gehört zu unseren unverbrüchlichen Regeln, uns gegenseitig keine privaten Fragen zu stellen, und selbstverständlich reden wir auch nicht über Abwesende, schon gar nicht negativ. Aber kaum ist Hugo weg, legt Eva los. Sie bilde sich ja ein, sich mit Dialekten und Mundarten gut auszukennen. Normalerweise könne sie bei jeder Variante des Deutschen auf dreißig Kilometer genau bestimmen, woher der Mensch komme. Was Hugo aber spreche, da sei alles Mögliche drin. Oberbayrisch, Niederösterreichisch, Wienerisch, Alemannisch, Bodensee-Schwäbisch und noch mehr. Sie gehe jede Wette ein, was Hugo da zusammenmische, das sei nicht das, was er von Klein auf gelernt hat. Das klinge irgendwie zusammengebastelt, künstlich.
Mag sein, sagt Jünger. Hugo sei immerhin ein in der Welt bedeutend Herumgekommener und zuletzt nur unbedeutend Heruntergekommener. Wenn man sich die vergilbten Ränder der Manschetten und die zu oft gebügelten Krägen seiner Hemden anschaue. Anzug und Mann hätten bessere Zeiten gesehen.
Eva will noch etwas anderes ausführen, aber der ankommende Bus hindert sie daran.
So gesund und beweglich ich in die Welt der Lebenden zurückgelangt bin, entfällt meine Berechtigung, auf der Ladefläche des Hanomag mitzureisen. Die Erinnerung, dass es sie gibt, die andere Welt, mit der ich weiterhin verbunden bin, unauslöschlich, auch wenn ich mich nun wie ein fast schon wieder normaler Mensch zu den anderen in den Bus setze. Der Palm-Express fährt ein gutes Stück durch Italien, bevor er kurz vor Lugano auf Schweizer Gebiet zurückkehrt. Er hält seltener als die Schweizer Postautos, besonders hinter dem Malojapass auf der italienischen Seite. Wir suchen auf der Strecke einen Ort, an dem wir den Hanomag mit den beiden Athleten und Eva wiedertreffen wollen. Die größeren oder von Touristen überlaufenen Orte filtern wir aus und entscheiden uns, bevor der Comer See seine ganze Pracht entfalten kann, für den überschaubaren Ort Sorico.
Wir hatten früh genug reserviert und können als Gruppe im Bus mehr oder weniger beisammensitzen, die beiden Silberlocken Jünger und Albert, der Zürcher neben dem Rüttenscheider, die beiden Vogelstimmen-Imitatorinnen nebeneinander, ebenso die bleichen Pantomimen, Adam ist neben Alain zu sitzen gekommen, Ipomoea möchte einen Platz am Gang und lässt mich durchrutschen ans Fenster. Washington sitzt weiter vorn, allein.
Nach den steilen, beängstigenden Kurven des Malojapasses führt uns der Bus in das sonnenlose enge Tal des Bergell.
Beim Aussteigen in Stampa winkt uns der Zürcher und ruft „so long“.
Wer’s glaubt. Ich kann es ihm nicht verdenken, wenn er das Interesse an und verloren hätte – falls er überhaupt jemals vorgehabt hatte, aus seinen Aufnahmen einen Dokumentarfilm über unsere Gruppe zusammenzuschneiden.
Von dem berühmten Wolkenphänomen keine Spur; das Licht in der Höhe blendet, einzelne gezackte Gipfel leuchten über dem dunklen Tal. Links der schmalen Straße ein Gebirgsbach oder kleiner Fluss, die Mera, die sich an manchen Stellen im Türkis des Gletscherwassers zu kleinen Seen anstaut. Die Häuser sehen nun schon italienischer aus, ohne dass ich sagen könnte, woran ich diesen Eindruck festmache. Villa di Chiavenna lese ich auf einem Ortsschild; von der Grenze nach Italien habe ich nichts mitbekommen. Bald darauf Santa Croce und dann das richtige Chiavenna, wo der Fahrer vor dem Endbahnhof der italienischen Staatsbahn eine kurze Pause ankündigt. Viele Passagiere nutzen den Halt, um kurz auszusteigen und etwas zu trinken zu holen. Wir bleiben auf unseren Plätzen, bis zu unserem Ziel in Sorico ist es nur noch eine halbe Stunde.
Das Tal weitet sich. Ich denke schon, der Comer See, aber dann verengt sich der See wieder zu einem Fluss, der Mera. Wenig später sind wir in Sorico und steigen an der Piazza Cesare Battisti aus. Erst einmal durchatmen. Der Höhenunterschied zwischen dem hochgelegenen Engadin und der Weite der Talseen macht sich bemerkbar wie ein sich auflösender Höhenrausch; das Luftholen nach einer Landung. Mit sicherem Gespür, wo die Athleten den Hanomag abgestellt haben könnten, vermutlich nicht hundertprozentig legal, finden wir den Rest unserer Truppe sofort.
Na, Angst gehabt in den Kurven, fragt Adam seine Frau.
Doch nicht zwischen zwei so starken Männern. Ich habe mich an ihren Schenkeln festgeklammert.
Entlang eines kleinen Kanals, der uns nahe an die Stelle führt, an der die Mera in den Comer See mündet, erreichen wir das Ufer mit einer kleinen Bar. Wir setzen uns auf die Terrasse. Nur ein paar dünne Wolken.
In den letzten Tagen haben wir uns an Hugos Spendierfreudigkeit gewöhnt. Hugo, der uns oft nach unseren Wünschen fragte und dann hineinging, um die Bestellung aufzugeben. Nun dauert alles viel länger. Die Pantomimen, die Athleten, die beiden Studentinnen reichen sich die Getränkekarte hin und her, blättern darin, vergleichen Preise und zaudern, obwohl hier in Italien alles längst nicht so teuer wie in der Schweiz ist.
Nicht nur, was die Getränkebestellung angeht, sind wir seit dem Silsersee in einer Phase des Brütens. Immer empfänglich für Beute. Nicht um zu plagiieren, sondern als Nahrung für das Entstehende. Eine Muräne in ihrer Höhle, eine getarnte Echse, bewegungslos, bereit, hervorzuschnellen, wenn sich Verwertbares nähert, ein scheinbar interesselos vagierender Tiger, in seiner Ruhe hellwach für alles, was sich bewegt. In der Leere wächst etwas heran; wir wissen nicht was. Die Werkstatt wählten wir als Lebensform. Produkte zählen nicht, Prozess ist alles.
Washington zerstört die Stille: Als ihr in dem Hotel in Sils so ausführlich die Barockpoeten zitiert habt, wollte ich mich schon verabschieden. Aber dann ist etwas passiert, was mir eine Idee gab, wie ich mich in eure Gruppe einbringen könnte.
Und das wäre, fragt Adam.
Ich will noch nicht zu viel behaupten, aber ich glaube, auf einer Spur zu sein. Überhaupt sollten wir den politischen Anteil des Fürwitz‘ nicht zu kurz kommen lassen. Der Whistleblower muss eine wichtige Figur unserer Arbeit werden. Vorwitz und investigativer Journalismus, das ist untrennbar.
Wieder einmal mischt sich der Rüttenscheider neunmalklug ein: Das habe schon Francis Bacon, nicht der Maler aus dem zwanzigsten Jahrhundert, sondern der Philosoph aus dem sechzehnten/siebzehnten Jahrhundert festgestellt. Actaeon, sive Pentheus heiße das Kapitel in seinem Buch De Sapientia Veterum, „Von der Weisheit der Alten“. Darin sei Actaeon der Curiosus, der am Hof die Geheimnisse des Fürsten ausspäht, basierend auf einem historischen Fall.
Wir brauchen keine Philosophen aus der frühen Neuzeit, sagt Washington. Die Gegenwart sei voller quirliger Journalisten, die den Herrschenden am Zeug flicken wollen. Wir könnten zum Beispiel mit Watergate beginnen.
Dazu hast du dir den passenden Namen ausgesucht, sagt Adam. „Die Presse soll den Regierten dienen, nicht den Regierenden“, urteilten sogar die Richter im Prozess gegen die Washington Post und die New York Times.
Zumindest in Spielbergs Film, sagt Ipomoea.
Halten wir fest, sagt Washington: Der Fürwitz ist bei den Beherrschten und richtet sich gegen die Herrschenden.
Und die rächen sich, sagt der Rüttenscheider. Es gebe in der Literatur weitaus mehr Beispiele dafür, dass der Vorwitz bestraft wird.
So gibt das nichts, denke ich und muss meinen Dissens wohl laut ausgesprochen haben. Alle sehen mich an. Ich gebe mich als Einar Schleef zu erkennen.
Wir haben gesagt, keine Theaterregisseure in unserer Truppe, mahnt Jünger an.
Auf diesen Einwand war ich vorbereitet. Ich verkörpere Einar Schleef nicht als Regisseur, sondern als Autor, der er ja auch war, sage ich, und habe von ihm ein Zitat zur Hand, das ihn für unser Thema legitimiert. „Keckern ist vorwitzig sein. Kecker ist ein Finkenhahn.“ Das steht in seinem Arbeitsjournal.
Murrend geben sich die anderen geschlagen. Nur der Rüttenscheider begehrt auf: Dann bin ich Antonin Artaud, der bei seiner Film- und Theaterarbeit ja auch ein herausragender Schriftsteller war, ich vertrete sein Theater der Grausamkeit.
Einige von Rüttenscheiders Vorlieben teile ich: Den Surrealismus, das Absurde Theater, die Aktionskunst, Fluxus, Happenings, und auch Artauds Schriften zum Theater der Grausamkeit oder die Situationistische Internationale haben mich geprägt, wenn auch zeitversetzt. 1990 wäre auch ich gern nach Hamburg gefahren, um Robert Wilsons The Black Rider mit der Musik von Tom Waits zu erleben, aber im Alter von dreizehn – zweiundzwanzig Jahre jünger als der Rüttenscheider – war ich noch nicht so weit. Auch wäre ich für Patrice Chéreau nach Nanterre gereist oder …, ach, was bringt es, darüber nachzudenken. Für seine Zugehörigkeit zu einer Generation kann ein Mensch nichts, die ist schicksalshaft. Vom Rentenalter bin ich noch einige Jahre entfernt. Durch eine einschneidende Kürzung im Kulturetat wurde das Landestheater aufgelöst und wir, die festangestellten Schauspieler, mit einem Betrag abgefunden, der es uns erlaubt, einige Zeit zu überbrücken. Die unschöne Entwicklung der Politik betrachte ich als einen Anstoß, endlich zu machen, was ich mein Leben lang am liebsten gemacht hätte.
Albert, Jünger und der Rüttenscheider wollen immer nur diskutieren und dabei das ultimative Theaterstück entwickeln. Die beiden Singvögel werden uns spätestens zum Semesterbeginn leider wieder verlassen. Ob wir den Zürcher wiedersehen werden, ist ungewiss. Mit Hugo rechnet schon keiner mehr. Bleiben die beiden Athleten, stark genug, das Fundament eines Turmbaus zu Babel aus menschlichen Körpern zu bilden, aber außer Ipomoea und mit Einschränkungen auch mir, wäre niemand da, sich auf ihre Schultern zu stellen. Kurz: Wir alle haben unsere Rolle noch nicht gefunden, außer vielleicht Washington, er aber weniger als Schauspieler denn als Aktivist, wofür ihm aber die geeigneten Mitspieler zu fehlen scheinen.
Ich blicke über die drei quadratischen Tische, die wir zusammengeschoben haben, und die Personen, denen soeben von der Kellnerin Cappuccino, Vanilleeis und gepuderte Apfeltorte hingestellt wird. Mit diesen Leuten Theater machen?
Kostüme, Masken, Requisiten, sage ich. Selbst die politischen Theater in deiner Jugend, wende ich mich an Rüttenscheider, das Living Theatre von Julian Beck und Judith Malina oder das Bread and Puppet Theater, das dich damals so beindruckt hat, kamen nicht ohne Kostüme aus, Großpuppen, Stabfiguren.
Albert stimmt mir zu: Wir müssen mehr auffallen, das schleckt keine Geiß weg.
Du meinst, da fährt die Eisenbahn drüber, fragt einer der Athleten.
Oder, variiert Rüttenscheider: Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Geiß, Maus oder Eisenbahn, sagt Albert, jedenfalls sollten wir an unserem Äußeren arbeiten. Ich glaube, du, Eva, wirst in nächster Zeit etwas mehr gefordert sein, als Künstlerin mit praktischer Begabung.
Über die Wirkung meiner knappen Ansage war ich in den nächsten Tagen selbst erstaunt. Die Athleten hatten klargemacht, dass wir auf einem nahen Campingplatz am Ufer der Mera den Hanomag legal abstellen und unsere Matratzen ausbreiten durften. Noch immer schenkte uns das Wetter eine Übernachtung unterm Sternenzelt.
Wir nehmen an, dass es Eva war, die in der folgenden Nacht damit begann, Farben auf uns Schlafende aufzutragen, unsere Körper als Leinwände zu gebrauchen. Ob wir gerade schliefen oder nicht, wir ließen sie machen. Niemand beeilte sich am nächsten Morgen, vor den Übungen die Farbe abzureiben, vielmehr bewegten wir uns so, dass wir ein Kunstwerk von eigener Ästhetik schufen. Bevor die Haut nicht mehr atmen konnte, gingen wir dazu über, Stoffe über uns, die schlummernden oder ruhelosen Nachtakteure, zu legen, Laken und Frottiertücher. Anstelle der teuren Lacke, die schnell verbraucht waren, griff Eva, bei dieser Aktion nun schon nicht mehr allein, zu anderen Materialien, rohen Eiern, Bandnudeln, Reiskörnern. Kinder und Jugendliche, auch einige der Eltern aus anderen Campingbussen oder größeren Wohnzelten, halfen mit, schossen Gummiringe auf die sich wälzenden Körper, sprühten Sahne, bearbeiteten das Werk mit Pinseln, Bürsten und Besen, schnitten Löcher, studierten die Bewegungen unter den Badetüchern und Planen, bespritzt mit Acryl und Puderzucker. Die so in der Nacht gefärbten Stoffe benutzten wir für die Übungen am Tag, sie waren noch deutlicher der Luft verbunden als unsere Nacktheit. Die Fortsetzung der nächtlichen Kreation, und jede Nacht eine Fortsetzung der Tagesspiele. Im Lichte erscheint die Form, im Dunkel die zeugende Kraft, sagte Jünger.
Wir hätten uns umbenennen können. Nicht mehr „Das Entstehende“, sondern „Die Befleckten“. So sahen wir aus. Hosen, Hemden, Sakkos nicht nur mit unpassenden Farben besprüht und gesprenkelt, sondern auch mit Lebensmitteln, die es langfristig darauf anzulegen schienen, den Schimmelbildern eines Dieter Roth nachzueifern. Dass der Busfahrer uns in diesem Aufzug einsteigen ließ, zeugt von seiner Toleranz, eher als von großem Kunstverständnis. Die Reisenden in unserer Nachbarschaft reckten ihre Nasen und schnupperten demonstrativ. Fahrgäste rechts des Mittelgangs mussten sich in unsere Richtung beugen, wenn sie den Blick über den Comer See, der sich hinter der linken Fensterfront erstreckte, genießen wollten, ein Genuss, der durch unseren Anblick und Geruch getrübt wurde. Ihre non-verbalen Reaktionen bestärkten uns in unserem Spiel. Die ungeziemende Kostümierung half uns, uns in jeder Situation als Träger einer Rolle zu fühlen. Wir sprachen auch anders, gezierter, donnernder, gestelzter, krächzender.
Das Animalische oder das Göttliche, nur nicht das Menschliche, ruft Alain durch den Bus. Er ruft es gleich in drei Sprachen, Französisch, Italienisch und Deutsch.
Warum nicht das Menschliche, fragt Adam.
Menschen haben mich nur enttäuscht.
Tiere nicht?
Doch, aber sie können nichts dazu.
Und die Götter?
Götter enttäuschen mich regelmäßig, aber bei ihnen denke ich, sie haben Recht, und ich bin es wohl, der falschliegt.
Bei Menaggio verließen wir den Comer See, fuhren westlich durch Dörfer und kleine Städte, durch dichten Nebel, der ebenso plötzlich verschwand und den Blick auf einen anderen See freigab, links von uns, den Luganersee. Ein Tunnel, eine Burg, ein Albergo, ein Stück Seepromenade mit Platanen, und dann, fast unbemerkt, der Wiedereintritt in die Schweiz, ins Tessin.
Am Bahnhof von Lugano sind wir mit den Athleten und Eva verabredet. Einen Platz für den Hanomag und für unsere Matratzen haben sie etwas außerhalb des Ortes gefunden.
Nicht ins Stadtzentrum laufen wir, nicht an die Seepromenade und auch nicht nach Paradiso, sondern nach Montagnola.
[Nach der Ankunft in Lugano direkt nach Montagnola; Aufführung von „Das Salzburger Große Welttheater“ vor der Kirche Sant’Abbondio am Friedhof, auf dem Hermann Hesse und Hugo Ball begraben sind.
während unsere Prozession in großen Schritten, aber langsam, nach einem Schritt eine Sekunde Pause, theatralisch bergauf schreitet
Wiedertreffen mit Hugo am Grab von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings
Zwar Hesse nicht, aber eine seiner wirkungsmächtigsten Romanfiguren, der Steppenwolf, hat sich den Suizid für seien fünfzigsten Geburtstag zumindest vorgenommen, bevor ihm das Magische Theater, seine Variante eines LSD-Trips – sagte Alain mit einem Seitenblick auf Albert – dazwischenkam.
Zum Stichwort „wirkungsmächtig“ begannen die beiden Vogelfrauen unisono die Melodie von Born to Be Wild zu pfeifen.
Möchtest du deinen Sohn einmal Abundius nennen, fragt die eine der zwitschernden Studentinnen ihre Freundin.
Warum nicht gleich Abundus?
Montagnola; Auftritt im Hermann-Hesse-Museum
„freien Paraphrasen zu den Formen der Erscheinungswelt“
Unser Wahn ist nicht das Tastende, nicht die Verwerfungen, die Zweifel, die Zerstörung. Der Wahn droht in der Sicherheit, der Selbstverständlichkeit, mit der wir manches ausführen. Freilich gibt es Rückfälle, aber wir arbeiten an uns, an der Verfeinerung der Sinne, an der Erweiterung der Wahrnehmung, an der Sprache, ein ungeeignet scheinendes Vehikel zur Kommunikation; wir setzen Laute ein zur Beschwörung des Geistes von Dingen und unsichtbaren Wesen. Alles lässt sich trainieren, wie die Muskeln so das Hirn, so auch der Geruchssinn, das Gehör, die Toleranz für Dissonanzen, das Unterscheidungsvermögen. Als wir vor dem Löwenbrunnen probten, gegenüber der barocken Markthalle in der Fußgängerzone, begleitete ein Trompeter unser Spiel. Niemand sah, wie er sich näherte. Wir hörten seine Klänge aus der Ferne, verhallt; mehr Echo als Melodie, war er lange, bevor wir ihn sahen, Teil unseres Spiels. Als er neben mir stand, dachte ich: Ein Irrer. Ich ertappte mich, wie mein Körper ausführte, was seine Töne mir vorzudenken schienen, denn normalerweise ist es nicht so, dass unsere Gesten die Gedanken illustrieren, eher so, dass ein Gedanke aus den Bewegungen entsteht. Als strebten die Finger in die Unendlichkeit, aus der seine Töne zum ersten Mal, kaum wahrnehmbar, auftauchten. Ich wusste sofort, er gehört zu uns – sofern irgendjemand irgendwohin gehört, denn wir haben kein Zuhause, sind von der Gunst alimentiert. Wir auf dem Julierpass. Die Gebärde, eine Momentaufnahme der Seele auf ihrer Reise.
Albert: Die wirkliche Wissenschaft ist Grundlagenforschung. Sobald sich ein Wissenschaftler fragt, wozu seine Arbeit gebraucht werden könnte, ist sie schon von anderen Interessen als denen der wissenschaftlichen Neugier korrumpiert.
[wird fortgesetzt]