[Bisher nur wenig aus dem Tagebuch vom September 1989 abgetippt; W. Cz. 25.09.2014; Beginn]
Indisches Tagebuch
Bombay, 5.9.89
Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Gottheiten mit Elefantenrüsseln, die auf Steroportorten thronten, wurden ans Meer getragen. Dann saßen sie auf dem Chowpatty Beach, unterhalb der Hängenden Gärten, und meditierten in die Back Bay. Sonnenuntergang. Die Menschen, die sie dorthin getragen hatten, entzündeten Räucherstäbchen, Kerzen und Feuerwerkskörper. Sie verstellten den bunten Ganeshas den Blick auf den Ozean, indem sie beteten oder tanzten. Trommelrhythmen, die jüngere Europäer an die Burundi-Trommler erinnern könnten, teilweise auch mit Zimbeln durchzogen. Manche hatten ihre Gesichter rot bemalt, andere trugen spitze Hüte wie mittelalterliche Hofdamen. Die indischen Mädchen schienen zu diesem Anlaß besonders farbprächtige Saris umgewickelt zu haben, wenn mir auch an meinem ersten Tag die Vergleiche fehlen. Hübsch viele freie Taillen. Wie es mir in den armen Ländern immer geht, fehlt die Gelegenheit zur Kontemplation. Jeder Spaziergang ist ein Spießrutenlauf durch Händler, Bettler und unerbetene Fremdenführer. Jedem Weißhäutigen geht es nicht besser als einer nordischen Blondine auf einer von Männern belagerten Geschäftsstraße Siziliens. Pfiffe und Rufe, die mich um so enger umkreisen, je langsamer ich gehe. Besinnliches Stehenbleiben wird als Kaufabsicht ausgelegt. Der Strand füllt sich mit der Dunkelheit. Prozessionen aus allen Seitenstraßen. Trommeln, Zimbeln, Schalmeien, Kracher , und dazwischen die Trillerpfeifen der Verkehrspolizisten. Über den rosa Elefantenrüsseln, die sich aus hellblauer und gelber Kleidung winden, Baldachine – Holzkarren, die vom sonst hierarchisch geordneten aggressiven Autoverkehr, der Fußgänger zur Seite springen läßt, völlig unbehelligt bleiben. Reitponys und viele Luftballonverkäufer am Strand, dazwischen lagern immer wieder arme und verkrüppelte Menschen, die hier zu wohnen scheinen und die an der sie umgebenden Jahrmarktsstimmung keinen Anteil nehmen. Vom Meer ein warmer, feuchter Wind, der sich gelegentlich zu einem angenehmen Sprühregen verdichtet. Staub. Über einer Stelle Kreisen besonders viele Krähen, die Sorte mit den grauen Hälsen. Gerüche. Ich weiß nicht, was ich rieche. Beim Essen weiß ich nicht, was ich schmecke. Nur Gewürze. „Not so spicy“ ist das für Europäer gerade noch Erträgliche. Alles um so traumhafter, als ich zu einer Stunde gelandet bin, in der ich normalerweise einschlafe. Hier ist es dreieinhalb Stunden später, und der neue Tag begann, als ich den Flughafen verließ. Spannung gab es schon in Düsseldorf, weil wegen einer versteckten Bombe der Tower des Flughafens evakuiert wurde und der Flugverkehr stillstand. Bombay statt Bombe – beschwor ich den per Hubschrauber eingeflogenen Entschärfer. Er arbeitete gut und schnell. Ich erreichte meinen Anschlußflug in Frankfurt, wo ich zehn Minuten zum Umsteigen hatte – schneller als das Gepäck umgeladen werden konnte. Zum Glück wartete die Maschine auf meinen Rucksack. Im engen Jumbo an Schlaf nicht zu denken. Die Fahrt im Taxi vom Flughafen zum Gateway of India war von bekannten Bildern umsäumt. Jetzt sah ich sie. Rinder, die die Straße entlangliefen. Elendsquartiere, selten pitureske Armut, die auf mich mysteriöser wirkte, als alles, was ich in Afrika oder Südamerika gesehen habe. Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Mir fehlen die Namen für die Früchte und Gemüsesorten, für die Heiligtümer, für die reiherähnlichen Vögel vor dem Flughafengebäude. Zu erwähnen ist der Duty-Free-Shop: eine Theke mit drei Fernsehgeräten, Stereo-Kofferradios, elektrischen Apparaten jeder Art und ein paar Dosen und Flaschen. Und im Flughafengebäude schon eine Luft, in der alles bald verwittert, abblättert, verfällt.
Auf meinem Rückweg zum Hotel sehe ich immer mehr Lastwagen-Ladungen junger musizierender Männer, Taxis und Handkarren mit Ganesha-Figuren (wenn es solche sind) von der Brücke kommen, die über die Eisenbahn führt. Leere Karren werden in der Gegenrichtung abgeschoben. In den Straßen, in denen tagsüber Markt ist und jetzt die Waren verpackt liegen, wird getanzt. Eine Ratte sehe ich mittanzen. Dazwischen liegen Händler neben oder auf ihren Verkaufsgütern. Manche liegen leblos, bei einigen sind Körper und Kopf ganz in Leinentüchern gewickelt. Mit mir bin ich unzufrieden, weil die Schaulust im Touristischen bleiben muß, etwa auf der zweituntersten Stufe der curiositas. Da bewundere ich Menschen wie Hubert Fichte, die, nicht zuletzt der Sprachkenntnisse wegen, tiefer ins Fremde vordringen. Nach Mitternacht beschließe ich, obgleich ich keine Müdigkeit mehr empfinde, daß ich für den ersten Tag in Asien genügend gesehen habe. Ein letztes Erlebnis für heute wird das Bezahlen des Taxis.
6.9.
Bleierne Körperschwere am Vormittag. Der Coffee Shop im Intercontinental Taj Mahal (an der Gateway of India) bietet 24 Stunden am Tag Frühstück an. Auf den Toiletten wird die Lakaienaufmerksamkeit lästig. Man bekommt die Tür zur Kabine aufgehalten, wenn man hineingeht und wenn man herauskommt, man wird zum Waschbecken begleitet, bekommt den Wasserhahn aufgedreht, Flüssigseife in die Handfläche gespritzt und anschließend ein Handtuch gereicht. Man kann froh sein, daß man sich selbst abputzen darf.
Das Boot zur Insel Elephanta benötigt eine Stunde. Die Abfahrt des letzten Boots ist so kalkuliert, daß es noch im Hellen zurückkehrt. Es ist schon abfahrbereit, wenn ich ankomme. Jemand warnt mich vor dem hohen Seegang und will mich zur Besichtigung einiger Sehenswürdigkeiten in der Stadt überreden, wo er selbst den Führer spielen kann. Er scheut nicht davor zurück, mir die falsche Auskunft zu geben, wegen des schlechten Wetters fahren keine Boote. Zehn Minuten später fährt das Boot mit mir ab. Ohne mich auf ichthyologische Debatten einlassen zu wollen, hatte ich den Eindruck, daß das etwa zwei Meter lange Tier, das während der Überfahrt in der Nähe des Boots auftauchte, ein Hai war. Ein Coelacanthus wird’s nicht gewesen sein. Im Stocherkahn, der uns vor der Insel abholt, vermittelt jemand Regenschirme. Eine ältere, halbverhungerte Inselbewohnerin, die der finanziellen und körperlichen Stütze bedarf, will mir unbedingt beim Aussteigen helfen. Ihre Kolleginnen verdienen sich ihren Lebensunterhalt, indem sie sich, Gefäße auf dem Kopf balanzierend, vor dem Tempeleingang fotografieren lassen. Die Höhle ist unter Auslassung von Stützpfeilern und Statuen in den Fels gehauen worden. Die Skulpturen zeigen die verschiedenen Aspekte Shivas, den kosmischen Tänzer, den Meditierenden, den Gatten der höchst reizvollen Parvati und einen halb männlichen, halb weiblichen Shiva. Dem heutigen Eingang gegenüber ist Shivas Dreigestalt als Erzeuger, Erhalter und Zerstörer. Der Erhalter, frontal dargestellt, ist das auffälligste Gesicht und beeindruckt durch Größe, Ruhe und Erhabenheit. Verstärkt wird die Wirkung dadurch, daß es erst sichtbar wird, wenn sich die Augen des Hereinkommenden an die Dunkelheit gewöhnen. Meine Vermutung über Ganesha bestätigt sich. Was ich gestern erlebt habe, erfahre ich, war der Auftakt eines elf Tage dauernden Fests.
Als ich im Anschluß an die Führung – der Eintritt kostete einen halben Rupi (6 Pfennige) – noch einen Rundgang alleine durch die Höhlen mache, sehe ich am Rand eines Wasserbeckens eine sehr hübsche junge Inderin stehen, als Fotoobjekt? oder als wolle sie mich wortlos und abgewandten Blicks zu einem Gegenstück zur Höhlenepisode aus Passage to India einladen, mit vertauschten Rollen.
Auf dem Festland gleich mit dem Taxi zu den Hängenden Gärten. Es dunkelt schon. Immerhin mache ich einen glücklosen Versuch, in einen verbotenen Bezirk einzudringen, unwissend, um welchen Tempel es sich handelte.
Cochin, 7. 9. 89
Noch um 18 Uhr 30 sieht alles danach aus, als sollte ich später einmal gut daran tun, diesen Tag aus meiner Erinnerung zu löschen. Ich war früh aufgestanden und fühlte mich kräftig. Im Taxi zum Flughafen lief eine flotte indische Musik. Als Filmsequenz wäre diese Fahrt gelungen gewesen, solange es zügig weiterlief. Zum Stadtrand hin verdichteten sich die Verkehrsstaus. Die Cassette im Auto war abgelaufen. Kinderhände, Hände alter Frauen und von Verkrüppelten streckten sich bettelnd ins Taxi. Die ersten Male gab ich eine Kleinigkeit. Je öfter aber der Verkehr ins Stocken kam, desto mehr Hände hatte ich in meiner Nähe. Die Scheibe hochzukurbeln ist keine Lösung. Die Gesichter quetschen sich ans Glas. Den Gesten, die auf die Mägen weisen oder die Bewegung des Essens nachahmen, kann man sich nicht entziehen. Kurzfristige Erleichterung, jedesmal wenn der Wagen ein paar Meter weiterfährt. Wie würde ein Filmheld in dieser Situation handeln? Zwei- oder dreimal ein paar Münzen oder kleinere Geldscheine für die Armen zu erübrigen, würde sicherlich auch einem James Bond gut stehen. Aber fünfzig oder hundert Mal in einer halben Stunde?
In der Nähe des Flughafens geht die Fahrt rascher, dennoch war ich zwei Stunden unterwegs. Am Flughafen bestätigt sich meine Befürchtung: meine letzte Flugreservierung, die mich von Varanasi über Delhi nach Patna bringen soll, liegt schon außerhalb der Zeit, die mit meinem Airpass bezahlt ist. Für gründliche Information und entsprechende Umbuchungen fehlt die Zeit, denn an allen Schaltern gibt es stundenlange Wartezeiten. Eine schnelle Entscheidung ist nötig: entweder, wie vorgehabt, sofort nach Cochin weiterfliegen und damit am Ende nicht mehr mit dem Ticket nach Patna zu gelangen, von wo aus ich die Reise nach Nepal gebucht habe, oder aber den Abflug nach Cochin und damit die Gültigkeit meines Airpasses um einen Tag zu verschieben, wobei aber die Frage, ob es morgen im Flugzeug nach Cochin einen freien Platz gibt, noch unbeantwortet ist.
Ich fliege sofort. Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung kommen mir bei der Landung in Cochin. Was soll ich hier? Von der Luft aus sehe ich, daß es sich weder um einen schönen Küstenort mit Bademöglichkeiten, noch um eine richtige Stadt handeln kann. Ich lasse mich zuerst ins Büro der Indian Airlines fahren, um neu zu buchen. Wieder langes Warten, während draußen ein dichter Regen einsetzt. Es stellt sich heraus, daß acht weitere Flüge, für die ich in Deutschland bereits die Bestätigungen erhalten habe, vom Computer verschwunden sind. Neue Buchungen sind nötig und bringen neue Abflug- und Ankunftszeiten mit sich. Nur der Flug, der mich von Cochin aus weiterbefördern soll, ist geblieben – für den übernächsten Tag. Die Frage, wie ich von Varanasi nach Patna komme, bleibt ungelöst. Am 27. September, dem Tag, der jetzt der letzte Gültigkeitstag meines Airpasses ist, gibt es dort keine Flugverbindung, auch über Delhi nicht, was einen Tag später möglich gewesen wäre. Ich lasse mir alle anderen Tickets geben. Damit lege ich mich zwar fest, erspare mir aber andererseits weitere Wartereien bei den Büros der Fluggesellschaft und an den Flughäfen. Entweder ich fahre mit der Eisenbahn von Varanasi nach Patna, oder ich bezahle noch einen Flug von Delhi aus.
Noch immer macht der Regen bewegungsunfähig außerhalb geschlossener Räume. Ich lasse mich mit einem Taxi zu einem Hotel fahren. Auf den ersten Blick erscheint es akzeptabel, wenngleich viel bescheidener als mein voriges. Unter der Dusche entdecke ich eine widerliche Tierart: Stechmücken. Ich hätte es mir im Flugzeug denken können. Vom Bett aus sehe ich an drei Stellen Blutspritzer, als seien größere Insekten oder kleinere Säugetiere an den Wänden erschlagen worden. Bevor ich die Nacht erwarte, lasse ich mich mit dem Taxi zum Abendessen in ein Hotel bringen, das mein Reiseführer als das teuerste in diesem Teil der Stadt ausweist. Ich befürchte, es wird in der Nähe die einzige Möglichkeit sein, eventuell noch gut zu essen. Wenn es morgen weiterregnet, bleibt mir nur Evelyn Waugh. Der Regen bringt mich allmählich in Urlaubsstimmung.
8.9.89
Morgens um halb sieben
[ab hier weiter Abtippen – es folgt noch ein sehr großerRest; W.Cz. am 05.06.2026]