090 – Ein rundum ausgeleuchtetes Leben

[als begleitendes Dokument das Schreiben von Frau Marianne Reichling, Referentin für Südamerika beim DAAD heraussuchen, mit dem sie auf meinen ersten Situationsbericht aus Santiago de Chile geantwortet hat]

Notiert im Notizbuch 80 am 21.02.2025:

Ein rundum ausgeleuchtetes leben

Kurz nachdem ich meine erste verantwortungsvolle Stelle für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Südamerika angetreten und meinen ersten Situationsbericht nach Bonn gesandt hatte, erhielt ich von der zuständigen Referentin ein großes Lob. Nach einem einleitenden und für mich schmeichelhaften Satz schrieb sie: „Ihre Stelle ist rundum ausgeleuchtet.“ Das bezog sich auf längeren Bericht, in dem ich auf die Studierenden und die Kolleginnen, auf die Kooperationen mit der Deutschen Botschaft und Mittlerorganisationen, mit der chilenischen Gasthochschule und weiteren Einrichtungen in meinem Gastland, auf die Geschichte des Lehrstuhls sowie auf die politische Situation in Chile im September 1990 und auf weitere Themen eingegangen bin.

Nachhaltiger aber als meine Freude über die Anerkennung durch die DAAD-Referentin beschäftigte mich ihre Formulierung „rundum ausgeleuchtet“ und die Vorstellung, auch weit mehr als nur eine Arbeitsstelle könnte rundum ausgeleuchtet sein. Ein Porträt aus allen Perspektiven, jede Ansicht scharf und bis in die nur mit starker Vergrößerung sichtbaren Details deutlich zu erkennen. Nicht nur der eine Mensch, auch alle seine Lebenszusammenhänge, Freunde, Beziehungen, Kollegen, das gesamte Lebens- und Arbeitsumfeld muss mit aufs Bild, und alles, was sich in seinem Gehirn abspielt – das nenne ich ein Leben „rundum ausleuchten“.

Mit der Fotografie allein würde das nicht funktionieren, auch nicht mit einem 7/24-Video über Jahre hinweg. Das Optische kann hier überhaupt nur als Metapher dienen. Ginge das mit Literatur? Nein. Mit einem Gesamtkunstwerk, einer großangelegten jahrelangen Kunstaktion? Vielleicht schon eher. Aber was wäre damit gewonnen? Warum dieser eine Mensch, warum nicht ein anderer oder viele Menschen, alle, und Tiere, und die Geheimnisse der Pflanzenwelt, und alles, was weder Tier noch Pflanze ist? Am Ende stünde eine solche Masse an Informationen, dass die komplette Ausleuchtung vieler anderer Menschenleben darauf hinausliefe: Ein Leben lang gelesen, oder: Tag und Nacht Videos angeschaut. Die Verdoppelung des einen Lebens, seine unendliche Spiegelung. Reichen dazu die Speicher der Welt? Könnte jemand diese großen Speicher anders nutzen als punktuell, also eine Auswahl treffen? Warum die Auswahl dann nicht schon im Moment der Dokumentation vornehmen? Wird ein Leben überhaupt durch das verständlich, was andere Menschen von ihm wahrnehmen können? Die subjektive Bedeutung, die etwas für jemanden hat – ist das nicht alles? Keine Werte außer denen, die wir Menschen den Ereignissen und Dingen geben.

 

[zuerst auf vier Zetteln notiert am Mittwoch, 19. Februar 2025, im „Seizoen“ – Wohncafé in Essen-Werden; abgeschrieben ins Notizbuch am Freitag, 21. Februar 2025, auf einer Parkbank in der Gruga; leicht verändert und verdeutlicht beim Abtippen am 05.06.2026 für den 90. Teilabriss des Firwitz]