Meine Seele
Gemäß einer uralten und nicht nur christlichen Vorstellung verlässt im Moment des Sterbens die Seele den Körper. Körperlich sterben wir aber nicht nur einmal, sondern permanent. In jeder Sekunde sterben Millionen Zellen in uns ab. Wenn jede von ihnen einen Anteil Seele enthält – wohin entweicht sie?
Ich versuche, sie in mein Schreiben zu leiten. Das mag kitschig klingen, ein Werk mit Seele, in meinen Ohren aber nicht so kitschig wie die oft gehörte Formulierung „mit viel Herzblut geschrieben“. Herz, das sind die Gefühle. Was die Seele ist, wissen wir nicht so genau. Im Unterschied zum Körper wird sie aber meistens als der unsterbliche Teil unseres Selbst angesehen. Gefühle sind dagegen kurzlebiger. Ich möchte mehr Seele als Herz in meinem Werk haben. Eine gute Seele.
Eine solche Seele ist unverkäuflich. Niemals zugunsten der Verständlichkeit für ein breiteres Lesepublikum meine Sprache preisgeben, denn ich bin meine Sprache. Nicht der Teufel und nicht der Verlag dürfen meine Schriftstelleridentität bestimmen. Die Gefahr, mich gegen Geld zu verkaufen, halte ich für gering; Geld lässt sich mit meinem Schreiben nicht verdienen. Aber das Argument, zu Lebzeiten eine gewisse Bekanntheit erreichen zu müssen als Voraussetzung, um in achtzig oder einhundert Jahren neu „entdeckt“ werden zu können, hat etwas Verführerisches. Mich deswegen einem kommerziell arbeitenden Verlag ausliefern? Wird sich die Seele dann nicht aus meinem Werk verflüchtigen?