211 – Heimlich wirkende Reparateure

Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ – 211. Teilabriss

HEIMLICH WIRKENDE REPARATEURE

Es mag noch nicht über siebzig Jahre sein, dass in der Stadt, in die ich ungefragt geboren wurde, die „heimlichwirkenden Reparierer“ ihr abenteuerliches Wesen trieben. Frauen und Männer aus unterschiedlichen Berufen dürften es gewesen sein, dabei auch Schülerinnen und Schüler und, wie es heißt, weniger Studenten und Akademiker als Handwerker, Rentner, Arbeitslose. Niemand hat sie jemals anders bemerkt als durch das unerwartete Fertigsein von irgendetwas, dessen unvollkommener Zustand zuvor kaum jemandem aufgefallen war. Dass sie allesamt besonders kleinwüchsige Kreaturen gewesen sein sollen, dürfte in den Bereich der Fabel gehören und ist ebenso unbewiesen wie ihre gesamte Existenz.

Die Stadt, von der ich spreche, und ihre dicht anrückenden Nachbarstädte waren und sind durch ein unterirdisches Kanal- und Stollensystem verbunden. Zuerst durch ungeordneten Raubbau entstanden, wurden die verborgenen Gänge im folgenden Jahrhundert mehr und mehr kartografisch erfasst; der wilde, nunmehr illegale Abbau des schwarzen Goldes und verschiedener Mineralien wurde bei hohen Strafen untersagt und für die kontrollierte Ausbeutung der schatzreichen Unterwelt teure Lizenzen vergeben. So machte sich der Reichtum unter der Erde bald auch auf deren Oberfläche bemerkbar, besonders bei einzelnen frühzeitig aufgewachten Kaufleuten und Fabrikanten. War ein Teil des Erdreichs, in das immer professioneller abgesicherte Schächte führten, so weit ausgepresst, dass sich weitere Mühe nicht lohnte, wurde es von ihren Eignern aufgegeben und die Zugänge versiegelt. Oftmals rutschten die sich darüber befindenden Häuser und Fahrzeuge tief in den Boden hinein. Die verlässlicheren Hohlräume jedoch wurden der Erzählung nach von unsichtbaren Reparateuren bewohnt, die gleichermaßen für die eigene Sicherheit und Wohnlichkeit als auch für das Leben über der Erde stabilisierende Maßnahmen ergriffen. Sie schafften nicht nur Durchgänge von einem Tunnelsystem zu einem anderen, sondern verfüllten anderswo auch Stollen, damit auf der Erde kein Schaden entstehe. Hatten sie unterirdisch für alles Lebensnotwendige gesorgt, eine Küche sowie eine gut ausgestattete Cocktailbar und einen Kinosaal eingerichtet, mit einer bemerkenswerten Anzahl an Filmrollen – möglicherweise gehörte auch der Betreiber eines Verleihs zu den eingeschworenen Mitgliedern ihres geheimen Bundes –, begannen sie sich zu langweilen und überlegten, wie sie ihre Fähigkeiten und Begabungen zum Wohle der nichts ahnenden Stadtbevölkerung weiterhin nutzbar machen konnten.

Das alles erfuhr ich erst nach zeitaufwändiger Befragung älterer Einwohner. Ich vertraute auf das Langzeitgedächtnis, das gegen Ende des Lebens an Deutlichkeit zunimmt. Selbst schlimme Demenzpatienten, die am Nachmittag nicht mehr wussten, was sie mittags gegessen hatten und ob überhaupt, konnten mit unbeirrbarer Klarheit über ein Ereignis zum Beispiel sagen: Das war am 24. Februar 1949. Es war gar nicht leicht, als Nicht-Angehöriger in eines der Heime zu gelangen. Auch die freiwillig, unentgeltlich von mir angebotene Beschäftigung mit dem einen oder der anderen einsamen Bewohnerin, mit der ich meinen Informationsgewinn erkaufen wollte, stieß auf unerwartet brüske Ablehnung. Ich gab mich, gar nicht einmal zu Unrecht, als ein Hobby-Historiker aus, der im Lauf der Jahre ein bemerkenswertes Archiv aufgebaut hat und der nun die letzten Zeitzeugen nach ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkrieges befragen wollte. Ich solle die Menschen in Ruhe lassen, hieß es. Sie wollten die schlimmen Erfahrungen vergessen. Auch nach achtzig Jahren noch schrien manche Patienten nachts auf, ihr Zittern sei gar nicht mehr zu beruhigen, wenn sie sich an das Durchgemachte erinnerten.

Ich variierte meine Strategie und gab mich beim nächsten Heim als ein begeisterter Cineast aus, der die Geschichte der großen Anzahl nicht mehr vorhandener Kinos schreiben und die älteren Herrschaften nach ihren frühen Kinoerlebnissen, nach unvergessenen Filmen, befragen wollte. Das schien beim Pflegepersonal auf etwas mehr Wohlwollen zu stoßen, als wenn ich die Bewohnerinnen und Bewohner zu ihren Erinnerungen an Bombardements und Nächten in Luftschutzkellern ausgefragt hätte. Jedoch gleich beim zweiten Heim stand mir eine Pflegerin gegenüber, die aussah, als könne sie ohne anschließende Kreuzschmerzen nicht nur abgemagerte Patienten aus ihren Rollstühlen und Krankenbetten heben und auf den Plastikschemeln unter der Dusche platzieren. „Ja, ja, und dann geben Sie sich als ihr Enkel aus und nehmen ihnen ihr Vermögen ab“, das testamentarisch wahrscheinlich bereits dem Träger der Pflegeeinrichtung übereignet werden soll, dachte ich im traurigen Weggehen.

Es war wohl eine Tatsache, dass in Pflegeheimen viel gestohlen wird. Ein offizielles Ehrenamt wäre opportun, als Tarnung, um mich in den noch weitaus besser getarnten Geheimbund ehemals großer Reparateure einzuschleichen. Ich wurde Mitglied im Arbeiter-Samariter-Bund. Warum aus der Vielzahl an Wohlfahrtverbänden gerade der? Vielleicht rührte mich der Name, vielleicht auch, weil mir diese Einrichtung etwas im Schatten anderer großer Verbände in kirchlicher, gewerkschaftlicher oder staatlicher Trägerschaft zu stehen schien.

Zuweilen kam ich mir vor wie jemand, der den Grund eines Ozeans absuchte in der Hoffnung, eine Perle zu finden. Was ich schließlich herausfand: Während mindestens zweier Jahrzehnte nach Kriegsende, vielleicht sogar bis gegen Ende der 1970er-Jahre tauchten in mehreren Städten der Region immer wieder unverständliche Zeichen an Laternenpfählen oder städtischen Abfallbehältern auf, in denen die Buchstaben IhR vorkamen, anfangs mit einem großen I und großem R und einem kleinen h in der Mitte, manchmal auch nur mit Großbuchstaben, dann wiederum in konsequenter Kleinschreibung, bis sich, offenbar zur besseren Tarnung, das normale Personalpronomen der zweiten Person Plural – „ihr“ – durchgesetzt hat. Dann konnte solch eine verschlüsselte Botschaft an einem Umspannhäuschen beispielsweise lauten „Ihr kommt zentral zusammen am 12. Februar, 12 Uhr“. Dem Charakter ihrer Tätigkeit nach dürfte zwölf Uhr nachts, also Mitternacht, gemeint gewesen sein. Die ursprüngliche Schreibweise mit großem I und großen R leitete sich unmittelbarer von der immer wieder behaupteten Abkürzung ab: Ideenreich heimlichwirkende Reparierer. Kam es – leider zu selten – vor, dass jemand der Befragten sich zu erinnern meinte, dem Namen der klandestinen Gruppierung irgendwann in ferner Vergangenheit begegnet zu sein, verwirrte mich in manchen Aussagen der abweichende Artikel. Mal hieß es, die IhR, dann das IhR. Bis mich ein gutgelaunter Rentner, der von seinen Mitbewohnern mit Gunther angeredet wurde, aufklärte. Ganz einfach: die ideenreich heimlichwirkenden Reparierer schaffen das Ideenreich heimlichwirkender Reparierer, unterirdisch versteht sich, manchmal aber auch hoch über den Köpfen, ein Reich nicht ganz von dieser Welt, jedoch zum Vorteil zumindest einer Region dieser Welt. Gehörte dieser Gunther dazu? Es war nichts weiter aus ihm herauszubekommen.

Die Anspielung des über Neunzigjährigen mit seinen spitzbübisch nach oben zeigenden Mundwinkeln, die Gruppe sei auch über den Köpfen der Stadtbewohner tätig geworden, dürfte sich auf den stattlichen Eckturm des neugotischen Rathauses bezogen haben, der dem Londoner Big Ben nachempfunden schien. Der schmucke vierkantige Turmhelm mit vier Ecktürmchen war zwar im Krieg beschädigt worden, doch stand die Hauptmasse des Turmes fest auf dem Boden und erhielt nach dem Wiederaufbau lediglich eine flachere Abdeckung. Die synchronisierten Turmuhren, die die genaue Zeit in vier Himmelsrichtungen anzeigten, hatten den Bombenangriffen standgehalten. Im Sommer 1945 funktionierten die Uhren, als könnte nichts sie erschüttern. Wenn sie irgendwann in den 1950er-Jahren plötzlich stehenblieben, wird dahinter eine Sparmaßnahme der Stadtverwaltung angenommen. Ein Hausmeister im einfachen Dienst hatte angesichts der wachsenden Aufgaben in der sich ständig vergrößernden Stadt mehrfach vergeblich eine Zulage aufgrund von Mehrarbeit gefordert, was regel­mäßig abgelehnt wurde. Neben seiner gleichzeitig erwünschten Präsenz im West-, Süd-, Ost- und Nordflügel des Rathauses wurde von ihm erwartet, täglich auf den Turm zu steigen, um die Uhr aufzuziehen. Überfordert von der Schwere seiner Dienstpflichten – so wird vermutet –, lockerte er einige Metallteile des Uhrwerkes derart, dass sie sich im Räderwerk verklemmten und irreparablen Schaden anrichteten. Irreparabel für die Stadt und alle Handwerksfirmen, die ein realistisches Gutachten einreichten. Jedoch eine allzu lohnenswerte Herausforderung für die „heimlichwirkenden Reparierer“.

Nacht für Nacht schlichen sie sich ins Rathaus ein, vorsichtig durch das Foyer mit seinem Wandmosaik, das Zechen, Eisenbrücken und Strommasten zeigte, sie kannten die Rundgänge des Nachtwächters genau, schleppten allerhand Material, das sie für ihr gutes Werk benötigten in den Turm, richteten sich wohnlich ein, indem sie zum Beispiel umklappbare bequeme Sessel in plumpen Kisten aus unbearbeitetem Holz versteckten, die sie zur Tarnung mit Abkürzungen beschrifteten, wie St.A. 39-2. Sie wechselten – so wird kolportiert – auch das Schloss zu ihrer Turmstube aus, sodass nur sie den Schlüssel besaßen und kein zufälliger Aufpasser versehentlich auf Spuren ihres nächtlichen Treibens stieß. Im zwölf Monaten Arbeit reparierten sie die von den offiziell Verantwortlichen längst aufgegebene Uhr. Sie taten dies nicht nur ehrenamtlich und klandestin, dem Gesetze nach kriminell; die vermeintlich Kriminellen und sich als Bürger der Stadt tatsächlich verantwortlich Fühlenden zahlten die Reparatur selbst. Aus eigener Tasche steuerten sie – unbestätigten Zahlen zufolge – Material im Wert einer vierstelligen Höhe bei.

Kurz nachdem den ersten staunenden Bürgern auffiel, dass die Rathausuhr wieder die korrekte Zeit in vier Richtungen auswarf, verkaufte die Stadt ihr Rathaus. 15 Millionen Deutsche Mark zahlte eine Warenhauskette für das begehrte Grundstück in zentraler Lage der Einkaufsstadt. Das darauf stehende historische Rathaus nahm sie kostenlos dazu. Am 2. November wurden die Rathausschlüssel an eine Abrissfirma übergeben, im März des folgenden Jahres stand kein Stein des historischen Bauwerks mehr auf dem anderen, und ein Jahr später nahm ein Warenhaus seinen Platz ein, das nur acht Jahre Bestand hatte, bevor die Warenhauskette von einer anderen geschluckt wurde, die ihrerseits bald darauf Konkurs anmelden musste, um von einem international tätigen Investor zerschlagen zu werden. Ein Standort für ein neues Rathaus war zu dieser Zeit lange nicht in Sicht, erst recht waren noch keine finanziellen Mittel für ein Bauwerk bewilligt.

Am Tag nach dem Verkauf des Rathauses wollte der Wagen des Oberstadtdirektors nicht anspringen. Obwohl er gut verschlossen in einer Garage gestanden hatte. Der Oberstadtdirektor musste einen Fahrer rufen und seinen Dienstwagen abschleppen lassen, der aber kurz nach der Reparatur erneut seinen Dienst verweigerte, ebenso wie mehrere andere schwarze Limousinen des städtischen Fuhrparks. Merkwürdig. Als der hohe Herr eines Morgens nun schon bei dem x-ten Ersatzfahrzeug ergebnislos den Zünder des Motors würgte, fand er auf dem Beifahrersitz einen Zettel mit aufgeklebten Buchstaben: „Sie hätten unser schönes Rathaus niemals verkaufen dürfen. Die Bürger der Stadt“. Der Oberstadtdirektor, der sich erneut von einem Fahrer hatte abholen lassen und ungewöhnlich lange auf ihn hatte warten müssen, beriet sich mit seinem Stellvertreter und zog einige Ratsherren ins Vertrauen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Das Ergebnis dieser Unterredungen: Die Fahrzeuge noch besser absichern, Augen offenhalten, aber darauf verzichten, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten; die Geschichten sollten nicht an die Öffentlichkeit gelangen, zu viel Sympathie für die hinterhältigen Verbrecher war seitens der Bevölkerung zu befürchten.

Die Saboteure besaßen anscheinend einen Generalschlüssel für alle Sicherheitsschlösser des Reviers. Möglicherweise befand sich ein begabter Schlossermeister in ihren Reihen. Das war nun aber bereits wesentlich mehr an Informationen, als sich aus dem redlichen Zeitzeugen Gunther herauslocken ließ. Ich musste weitere Quellen finden, was mir oft nur über längere Umwege und viel vertane Zeit gelang. Eine Altenheimbewohnerin namens Henrike schien damals nahe an dem Geschehen gewesen zu sein, dessen Spuren ich verfolgte. Jedoch neigte sie schrecklich zur Gedankenflucht. Sie sprach von einem Hündchen, das sie, wenn ich recht verstand, als Kind einmal besessen hat und das man ihr abgenommen hatte oder das gestorben war, aber dann war aus dem Hund plötzlich ein Kind geworden, sie erwähnte mehrfach das „Landjahr“ und die Mädchen, die sie ständig irgendwomit aufzogen, oder meinte sie ihre Mitbewohnerinnen im Altenheim? Ich wollte, um einigermaßen folgen zu können, kurz dazwischenfragen, von welcher Zeit sie jetzt eigentlich rede, hatte gerade ein „Wann“ hervorgebracht, da schrie sie mich an, ich soll sie nicht andauernd unterbrechen oder ich solle doch gleich selbst die Geschichte weitererzählen, aber dann würde sie mir nicht zuhören. „Mein ganzes Leben lang habe ich dir zugehört, jetzt bin ich auch mal dran.“ Sie verwechselte mich, denn ich hatte gerade mal ein Wort gesagt, und wir hatten uns auch nicht geduzt. „Wo war ich?“ „Bei den Mädchen im Landjahr.“ „Jetzt unterbrechen Sie mich ja schon wieder. Habe ich Sie darum gebeten, mich anzuhören? Nein, Sie haben sich mir aufgedrängt, und nun lassen Sie mich nicht ausreden.“ Sie rang nach Worten, knetete ihre Hände, wollte ihr Zittern verhindern. „Und das war so ein süßes Hündchen, und das war so ein liebes Mädchen, aber die Lotte, ach, wissen Sie was, fragen Sie doch die Schwarze Lene“, schrie sie mich jetzt an und zeigte dabei mit einem Finger merkwürdig schräg nach oben.

Ich stand auf, verließ mit einem Abschiedswort das Zimmer und sah mich unvermittelt auf dem Gang einer ganzen Sitzreihe alter Menschen gegenüber, denen die Tiraden drinnen im Raum nicht entgangen sein dürften. Ich war perplex. Schwarze Lene, so hieß während meiner Kindheit ein beliebtes Ausflugslokal auf einem Hügel, von wo aus man einen wunderschönen Panoramablick über den Stausee genießen konnte. Nach diesem nahen Erholungsort war auch eines der Bimmelbähnchen benannt, das zur Freude der Kinder durch den Park fuhr, der damals anlässlich einer Gartenbauausstellung, einem Vorläufer der Bundesgartenschau, angelegt worden war. Jetzt wies nur noch der Name des Weges, der zu dem einstmals populären Ausflugslokal führte, auf vergangene Zeiten hin. Trotzdem hatte der Name Schwarze Lene für mich als Kind etwas Beängstigendes. „Gibt es hier im Heim auch eine Lene“, fragte ich in die Gesichter, die mich ansahen, als sei ich ein Pausenclown, entsandt, sie zu unterhalten. „Die schwarze Lene“, sagte eine Frau mit einer dünnen Stimme, „die ist hundert Jahre alt. Ich bin auch schon hundert Jahre alt. Aber die Lene, die hat hundert Jahre lang nur gelesen und Kulturfilme im Fernsehen gesehen. Die weiß alles.“ – „Die weiß vielleicht nicht alles, aber sehr viel“, widersprach ihre Sitznachbarin.

„Eine Etage höher“, half mir ein schmächtiger Mann weiter, der auf seinem Rollator saß. „Da musst du nur hier die Treppe raufgehen, Arnold.“ Ich bedankte mich. Wie kam er auf Arnold?

Eine Etage höher bot sich mir ein ähnlicher Anblick wie in der unteren Etage. In einer langen Reihe saßen die Menschen auf den Stühlen, die sie aus ihren Zimmern auf den Gang gestellt hatten, oder auf den Abstellflächen ihrer Rollatoren, alle schienen darauf zu warten, endlich in den Speisesaal gelassen zu werden. „Heißt jemand von Ihnen Lene?“, fragte ich.

Ein Raunen ging durch die Reihe. Was hat er gefragt? Ob du Lene heißt. Lene, ich, nein. Die Lene, das ist doch die, die nie rauskommt aus ihrem Zimmer. Ach, die Schwarze Lene! Erneut hörte man anerkennendes Gemurmel. „Er fragt nach der Schwarzen Lene.“ – „Die Schwarze Lene, die ist schon hundert Jahre alt“, sagte eine Frau direkt zu mir. Ihr Nachbar korrigierte: Das war sie vor zwei Jahren doch auch schon.“ – „Dann ist sie jetzt, ach, gehen Sie doch einfach hinein.“

Welche Zimmernummer, das wusste niemand, aber drei meiner Informantinnen zeigten auf eine Tür, dessen Schild das Apartment 216 auswies. Ich klopfte vorsichtig an. In Unkenntnis ihres Familiennamens wollte ich sie respektvoll als Frau Helene ansprechen. Ich hörte, wie sich drinnen jemand im Rollstuhl auf die Tür zu bewegte. Mit der Krücke ihres Stocks öffnete mir ein verhutzeltes Persönchen unbestimmten Geschlechts, das in einem zu großen Rollstuhl versank. Weder das Haar noch die Kleidung waren schwarz, sondern die gesamte Gestalt blendete mich in strahlendem Weiß. Auf meine schüchterne Frage, ob ich sie etwas über die „heimlichwirkenden Reparierer“ fragen dürfe, lächelte sie süffisant, sagte „Neugierig war des Schneiders Weib“, drehte mir mitsamt ihrem Rollstuhl den Rücken zu und gab hinterrücks mit dem Stock der Tür einen Stoß, dass sie vor mir zufiel. Drinnen hörte ich sie lachen. „Weiß nicht, dass ich Magdalena heiße, Anna Magdalena“, rief sie mir triumphierend nach. Schade, falsche Ansprache. Ich habe es verdorben.

Noch gab ich nicht auf. Viel wurde erzählt von allerhand Taten; doch niemals hatte jemand einen der untergrundigen Reparateure gesehen. Eine unverhoffte Einsicht kam mir eines Tages in Köln. Bis zur Abfahrt meines Zuges hatte ich noch Zeit, spazierte über die Domplatte und war bald in der Altstadt. Vor einem der ältesten Brauhäuser fiel mir eine schöne und junge Frau auf, an der Spitze eines Brunnens stand sie, in Stein gehauen, gewiss keine Heilige, eine Bürgersfrau. Zu ihren Füßen purzelten in bizarren Verrenkungen zwergenhafte Männchen eine geschwungene Treppe hinunter. Über einem Wappen verlief ein Spruchband. Die Schrift war verwittert, und bei der schwachen Beleuchtung am Abend kaum zu entziffern. Weib, las ich am rechten Ende des Bandes. Dass dieser Ausdruck dort noch so stehen darf, nicht übermalt oder beklebt von politisch korrekten Zeitgenossinnen. Das Wort darüber endete mit …ders. Noch erschloss sich mir kein Sinn. Auf der linken Seite, symmetrisch zu „Weib“, das hieß wohl „Neugierig“. Jetzt war alles klar. Neugierig war des Schneiders Weib. Was die „Schwarze Lene“ zu mir gesagt hatte. Besser nicht nachforschen. Sonst vertreibt der wissenwollende Vorwitz nur die dienstbaren Geister. Das war es, was mir die alte Frau hatte sagen wollen. Schön und gut, doch wie, wenn nicht durch Forschung, ließe es sich erklären, wenn Kaputtes plötzlich ohne sichtbares Einwirken durch Menschenhand wieder funktioniert? Um das zu verstehen, bedarf es – wie es ein bekannter Sammler volkstümlicher Legenden einmal formuliert hatte – einer „unschuldigen Einfalt, strengen Treue und milden Freundlichkeit.“

[18. Februar 2022]