Aus dem Tagebuch Nr. 28; S. 89ff:
kurz vor Carcans
Nacht vom 29. zum 30.8.80:
Liebe Eltern! Ich bin gerade auf einer Reise. Ihr wisst nicht, wo ich bin. Ihr macht Euch Sorgen. Sorgen, dass mir etwas passieren, klarer: dass ich sterben könnte.
Ich bin in einem Alter, in dem viele meiner Freunde und Freundinnen Kinder haben wollen. Ich fragte viele warum. Die unterschiedlichsten Antworten erhielt ich, vom einfachen Spaß an den Kleinen bis hin zur politischen Strategie, die Weltverbesserung durch entsprechende Erziehung unserer Kinder. Manche Frauen sprachen von einem Gefühl der Leere, dass sie ohne Kinder in ihrem Leben hätten. Aber dieses Gefühl wurde nicht weiter hinterfragt.
Die Antwort von allen, die mir am plausibelsten erschien, gab mir Manuel: Der Wunsch nach Nachkommen hängt zusammen mit der Auseinandersetzung mit dem Tod. In den Kindern lebt ein Teil der Eltern weiter. Kinder als Versuche zur Überwindung des Todes.
Neben den Kindern ist es das Lebenswerk, das von Bedeutung zur Überwindung des Todes ist.
Liebe Eltern! Ich bin Eure Hoffnung auf Unsterblichkeit. Größer als die Angst vor Eurem Tod ist Euch wohl die Angst vor meinem.
Sterbe ich, werdet Ihr keine Nachkommen mehr haben. Ich kann mir vorstellen, dass Ihr mehr Sicherheit hättet, wären bereits Enkel unterwegs.
Auch ich möchte nicht gerne sterben, ohne Kinder gezeugt zu haben. Die Kastrationsangst des Mannes ist da wohl der Todesangst sehr ähnlich.
Aber da ist noch die Sache mit dem Lebenswerk. Ich befürchte, dass das eine, die Kinder, das andere geistige, ich meine MEIN BUCH, den Firwitz, einschränken wird. Und umgekehrt.
Beiläufig: Ich weiß jetzt, dass ich nicht irgendwelche Bücher produzieren muss, sondern lediglich DAS EINE BUCH. Bis zu meinem Tode.
Was nun Euer Werk betrifft: Ich merke Eure Angst, Euer Werk, das, wofür Ihr so viel gearbeitet habt, könnte ins Leere gehen. Ihr wollt mich einweihen. Aber ebenso wenig, wie Manuel hoffen kann, mit seiner Tochter eine interessierte Nachlassverwalterin zu erziehen, müsst Ihr im Zweifel bleiben, ob ich Euer Werk würdig erben kann. Dass Euer Geschäft die Versicherungen sind, ist bestimmt kein Zufall. Ich sehe die Verbindung zur Todesangst. Ihr versichert, so gut Ihr könnt, in einer Welt, in der nichts sicher ist vor dem Tod. Eure hilflosen Kunden fürchten um ihr Wertvollstes, ihr Leben, ihre Gesundheit. Und Ihr tut, innerlich wie äußerlich Euer Bestes, um ihre Suche nach Sicherheit zu erleichtern.
In Nächten wie dieser, da ich denke, dass ich nicht ohne Nachkommen sterben möchte, glaube ich Eure Arbeit zu verstehen. Aber noch ist meine Todesangst nicht groß. Und vorbeugende Überlegungen, was ich tun sollte, um mein Überleben zu sichern, tun jetzt ihre Wirkung noch nicht. Noch kann ich niemandem ehrlich etwas versichern. Ich meine eher, Anderen vorführen zu müssen, wie unsicher alles ist (soweit Andere mich überhaupt interessieren).
Noch reise ich. Bis ich genau weiß, wie mein Werk aussehen muss, schaffe ich mir Bedingungen, das besser herauszufinden. Und dann darf ich nichts mehr versäumen.
Es grüßt Euch Euer
Wolfgang
Im Moment meines Sterbens werde ich ganz Firwitz und suche mir einen offenen Kopf, um mich darin festzusetzen.