175 – „Und lasst euch keinen erzählen!“ – lauter unglaubwürdige Geschichten

Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ, 175. Teilabriss

[Unter diesem Sammeltitel habe ich mehrere unglaubwürige Geschichten versammelt; eine davon, die folgende, versandte ich am 21. Dezember 2018 an 32 liebe Freundinnen und Freunde, gute Kolleginnen und Kollegen; W. Cz.]

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… UND LASST EUCH KEINEN ERZÄHLEN!

Ausreden, um etwas nicht zu schreiben

 

Betreff            Re: Unsere Bekanntschaft in Leipzig

Liebe Frau Eder-Elberfeld,

selbstverständlich erinnere ich mich an unsere – leider viel zu kurze – Begegnung auf der Party der Unabhängigen. Noch nie bin ich auf eine solch charmante Weise gebeten worden, in ein Werk „zumindest mal reinzulesen“; nie, glaube ich, hat jemand es als eine „Chance“ aufge­fasst, von mir besprochen zu werden. Natürlich kann ich unmöglich nein sagen. Abgesehen davon, dass Sie mich bei meiner Eitelkeit erwischt haben, finde ich es verheißungsvoll, was der Klappentext über das Buch verrät.

Damit aber der Verlag keines der kostbaren Exemplare für nichts abgibt, muss ich Ihnen verraten: Ich bin ein extrem langsamer Leser und schaffe es oft nicht, Romane von mehr als 300 Seiten zu beenden, bevor bereits der nächste Titel meine Neugier weckt. Vieles, was ich beginne – auch sehr Spannendes und Gutes – bleibt auf der Strecke. Da sind Ihre 978 Seiten für mich eine besondere Herausforderung.

Zweitens, ich bin kein bekannter Kritiker; meine Veröffentlichungs­­möglichkeit bleibt meistens auf den Blog „literamagna.de“ beschränkt. Ob Lebende oder Tote ist nicht entscheidend, denn auch die Toten haben fast immer sehr lebendige Herausgeber, Verleger oder Übersetzer.

Wenn Sie sich meine bisher veröffentlichten Rezensionen ansehen, stellen Sie fest, immer setze ich mich ausführlich mit den Werken auseinander. Kurzkritiken und Werbetexte liegen mir nicht. Was mir aber sehr entgegenkommt, ist Dreistigkeit. Wenn Sie nach dem oben Gesagten trotzdem glauben, ich sei der richtige Leser für Ihr Werk, scheuen Sie sich bitte nicht, mir über den Verlag Ihr Buch an die Adresse in der Signatur dieser Mail senden zu lassen.

Aus dem verregneten Ruhrgebiet grüßt Sie
Alfons Firn

 

Betreff                        Buch doppelt

Liebe Franziska Eder-Elberfeld,

vielen lieben Dank für Lord Limenfirs Vermächtnis. Ich habe sogleich zu lesen begonnen; bin leider noch nicht weit gekommen, jedoch fest entschlossen, das Buch komplett zu lesen.

Am Samstag landete zu meiner Überraschung ein zweites Exem­plar in meinem Briefkasten, versandt von der Verlagsauslieferung. Was soll ich machen? Das zweite Exemplar an die Auslieferung zurücksenden? Oder an den Verlag? Oder an Sie? Oder weitergeben an eine befreundete Kollegin, die eine weitaus schnellere Leserin ist als ich und die ebenfalls gelegentlich Rezensionen schreibt? Bitte weisen Sie mich an, was in diesem Fall zu tun ist.

Herzlichen Dank und allerbeste Grüße

Alfons Firn

 

Betreff                        Gorillas und Theater

Liebe FEE (ich erlaube mir die Abkürzung Ihres Namens, da Sie selbst unter Ihrer Mail dieses Kürzel benutzen),

eine schöne, eine sinnvolle Aktion, das mit dem Gorilla. Zum Glückhaben Sie das Kostüm nicht getragen, als wir uns kennenlernten.

Danke, dass ich das doppelte Exemplar weitergeben darf. Es wird nicht verschwendet sein.

Obwohl ich mit dem Limenfir noch längst nicht durch bin, interessiert mich bereits das noch unfertige Theaterstück, das Sie erwähnen. Weiter so!

Voller Sympathie grüßt
AF

 

Betreff                        Re: Re: Gorillas und Theater

Liebe FEE,
für Gorillas empfinde ich die größte Bewunderung. Ich hatte bereits 1980 auf einer Afrikareise die Gelegenheit, den Seitenstamm unserer Menschheitsentwicklung im Bergland von Ruanda heimzusuchen, und halte Gorillas seitdem für große Lehrmeister, was Ruhe und Gelassenheit betrifft. Daher fühle ich mich von Ihrer Nachfrage keineswegs überfallen.

Ich bin in der Lektüre jedoch noch nicht weitergekommen. Ein unschönes Gespräch in meinem Brotberuf hat mich aus der Bahn geworfen. Ich weiß nicht, ob ich in Leipzig erwähnt hatte, was ich sonst so mache. Ich unterrichte junge Menschen, die es aus unterschiedlichen Gründen verpasst haben, frühzeitig zu einem Schulabschluss zu gelangen, und die nun, teils nach dem guten Rat eines Bewährungshelfers, teils, weil das Jobcenter Druck macht, das Versäumte nachzuholen bestrebt sind. Meistens nicht wirklich bestrebt. Oder sie sind noch wichtigeren Aufgaben unterworfen, wie die Zweiundzwanzigjährige, die, wofür sie meine Hochachtung verdient, mit sechzehn entschieden hatte, das Kind zu behalten und es auch ohne den Vater aufzuziehen.

Anderen gegenüber empfinde ich weniger eindeutigen Respekt, wie den jungen Männern, die sich nach den ersten Unterrichtsstunden für meine literarische Wissensvermittlung mit einem freundlichen Angebot auf dem Gebiet ihrer Spezialfertigkeiten erkenntlich zeigen wollten: Und wenn Sie mal Ihren Autoschlüssel verlegt haben sollten, Herr Firn, sagen Sie es uns; wir kriegen jedes Auto auf.

Und können es auch starten, fügte sein Kumpel hinzu.

Nette Jungs. Aber wenn ich mit ihnen Der Vorleser bespreche, sind sie öfter mal in Gedanken nicht bei der Sache. Oder bei einer anderen großen Sache; nicht nur in den Text einzusteigen, sondern bei dem Autor zu Hause. Da geht es um eine KZ-Wärterin, und plötzlich fragt mich einer: Kennen Sie Siegburg?

Es klang nicht so, als ob er touristische Empfehlungen von mir hören wollte. Die ich ihm auch nicht hätte geben können.

Wer da durchgegangen ist, der hat seinen Schuss weg. Das ist schlimmer, als alles, was Sie in Ihren gewöhnlich gut informierten Nachrichtenmagazinen zu dem Thema lesen konnten.

Jetzt wurde mir klar, wovon er sprach. Vor ein paar Monaten hatten die Medien von einem schweren Missbrauchsfall, Folter und Nötigung zum Suizid von Häftlingen der JVA an einem Mithäftling berichtet.

Hast du das etwa miterlebt?

Ne, da war ich zum Glück schon draußen. Aber die Typen, die das gemacht haben, die kenne ich.

Das sagte mir einer der besseren Schüler. Was mir aber im Augenblick mehr zu schaffen macht, ist banaler und beinah schon lustig. Es fing harmlos an, und ich glaubte zunächst, ganz gut damit umgehen zu können. Etwa zwei Monate ist es jetzt her, da ging mitten im Unterricht die Tür auf und Oliver schlurfte herein, die ersten 45 Minuten waren schon vorbei. Er setzte sich an seinen Platz und tat, als sei nichts gewesen. Ich unterhielt mich weiter mit den anderen Schülern, und nachdem ich Oliver ein paar Minuten Zeit gelassen hatte, sich in das Thema hineinzufinden, nahm ich ihn dran mit einer Frage zum Text.

Er sagte, Ich habe nicht aufgepasst. Mein Pferd ist mit einem Huf zwischen den Planken der Emscherbrücke steckengeblieben. Ich konnte es nicht mehr befreien und musste es erschießen. Danach bin ich den ganzen Weg hierher mit den schweren Satteltaschen gelaufen.

Und wo sind die Satteltaschen?

Die habe ich unten an der Garderobe eingeschlossen.

Ich nahm eine Schülerin dran und unterrichtete weiter, vielleicht fünf Minuten, bis Khaled empört fragte: Das tragen Sie jetzt nicht ins Klassenbuch ein? Der kommt eine Stunde zu spät und lügt Sie nach Strich und Faden an.

Ich sagte, Das war keine Lüge.

Khaled stand der Mund offen. Wie, Sie glauben, was er Ihnen da vom Pferd erzählt?

Nein. (Kunstpause) Aber eine Lüge will täuschen. Dazu benötigt sie größere Glaubwürdigkeit; die fehlt bei Oliver. Es ist schlicht und einfach Unsinn, was er von sich gibt, und Unsinn ist doch, wenn man sich umschaut, etwas Erfolgversprechendes.

Dann können wir Ihnen ja allen Quatsch erzählen, sagte ein anderer.

Nur zu! Die besten Storys werden prämiert. Wie im Leben. Bitte nicht immer nur Die Straßenbahn ist ausgefallen oder Der Bus war zu früh abgefahren; ich kann solche Ausreden nicht mehr hören.

Ich bin kein ausgebildeter Lehrer, und wohl nur, weil das kein anderer machen wollte, fand man, meine Erfahrungen als Lektor und Korrekturleser dürften ausreichen, um den jungen Menschen vernünftiges Deutsch beizubringen. Meine Abneigung gegen Pädagogik, wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, beschert mir bei den Schülern zwar einerseits den Ruf, der coolste Lehrer an der Schule zu sein, andererseits führt mein Laissez-faire aber dazu, dass ich zum Beispiel vor Mathe-Arbeiten regelmäßig mit dem einzigen Streber allein im Klassenraum sitze.

Einmal, nachdem wieder Gegenstände durch den Raum geflogen waren und ich den Inhalt meiner Aktentasche im Mülleimer wiederfand, entschuldigte sich, als wir einen Moment allein waren, der Streber: Wenn er von den anderen nicht gedisst werden wolle, müsse er da wohl oder übel mitmachen.

Klar. Aber sag mal, wo sind die denn jetzt schon wieder. Es steht doch heute und morgen keine Mathe-Arbeit an.

Im Wettbüro.

Ach? Und auf was wetten sie da?

Auf alles, Fußball, Pferde, Formel 1…

Vielleicht kann ich die Jungs ja noch ans Lesen kriegen, wenn ich ihnen verrate, dass jedes Jahr hohe Wetten abgeschlossen werden, wer den Nobelpreis für Literatur erhält.

Der Streber lächelte müde.

Manchmal kontrollieren sich die jungen Leute aber auch gegenseitig. O-Ton: Mensch, verschwindet doch nicht alle gleichzeitig. Wenn die Direx reinkommt, ist Herr Firn der Gefickte.

Darauf ein anderer: Die Direx habe ich eben noch in einem Laden auf der Kettwiger Straße gesehen. Dessous kaufen.

Ich musste lachen. Es liegt mir fern, mich über Dessous kaufende Frauen lustig zu machen, aber die respektlose Bemerkung über die Chefin war treffend. Eine Frau zwischen fünfundvierzig und fünfzig, die meistens zu Cowboy-Stiefeln knielange Kleider oder Röcke trug und im Dekolletee oder unten gern ein Stück Spitzen-Unterwäsche hervorschauen lässt.

So auch gestern. Als sie in ihrem Bürosessel die Beine übereinanderschlug und mich auf ihren glänzenden Unterrock über der vermutlich mauvefarbenen Feinstrumpfhose blicken ließ, dazu hellgrüne Stiefel aus Krokodilleder-Imitat (nehme ich an), fiel mir Wahibs spitze Bemerkung zum Dessous-Kauf ein. Als sie mich streng aufforderte, mit den Abwesenheitseinträgen sorgfältiger umzugehen, gelang es mir kaum, ernst zu bleiben. Obwohl natürlich zwischen einem Unterrock und dem Führen des Klassenbuchs kein Zusammenhang besteht. Vielleicht war es ein Reflex aus der eigenen Schulzeit, wenn ich instinktiv für die Schüler Partei ergreife, gegen die Schule. Kurz gesagt, die Unterhaltung mit der Chefin hat mich verunsichert, ob ich den Job überhaupt weiter machen will.

Warum, liebe FEE, mache ich so viele Worte? Nicht, um Sie für mich als Schulpsychologin zu missbrauchen. Nur in der Hoffnung, Sie sehen es mir nach, wenn ich mich nicht immer mit dem nötigen Zeitaufwand Ihrem Lord Limenfir widmen kann. Ich möchte Sie noch überzeugen, dass ich ein Mensch fürs Dauerhafte bin, stets bemüht, alle scheinbar verlorenen Fäden wieder aufzugreifen und irgendetwas Sinnvolles oder Unsinniges daraus zu basteln. Bald, liebe Frau Eder-Elberfeld, bald!

Herzlich grüßt Sie Ihr noch nicht ganz hoffnungsloser
AF

 

Betreff                        Re: kleine Nachfrage

Liebe Franziska Eder,

ich habe mich krankschreiben lassen. Wir Freiberufler haben zwar, anders als die Festangestellten, von einer Krankschreibung keine Vorteile; keine Lohnfortzahlung, kein Krankengeld. Nur Honorarausfall oder, wenn Nachholstunden noch ins Schuljahr passen, demnächst noch mehr Stress. Aber die nette Ärztin konnte sich wohl nicht vorstellen, dass ich als Lehrer kein Angestellter oder Beamter bin. Jedenfalls muss ich die Schule jetzt eine ganze Woche lang nicht sehen. F43.2 schrieb die Ärztin auf die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Ich habe nachgelesen, was das bedeutet: Anpassungsstörungen. Ich wusste bisher nicht, dass Anpassungsstörungen eine Krankheit ist. Und wenn, dann leider ich bereits seit fünfundvierzig Jahren daran, ohne jemals auf die Idee gekommen zu sein, mich deswegen krankschreiben zu lassen.

Die International Classification of Diseases, in der ich die Auflösung des Codes fand, ist ohnehin ein nützliches Verzeichnis. Schade, dass ich nicht fest angestellt bin; die Liste bringt mich auf Ideen. Die allermeisten der 12.000 Krankheiten möchte niemand haben, aber es sind genug dabei, mit denen ich mich anfreunden könnte. Wussten Sie, dass auch eingebildete Krankheiten Krankheiten sind? Die Hypochondrie steht gleichberechtigt neben solchen Krankheiten, die der Hypochonder vielleicht zu haben glaubt. Und selbst, wenn jemand weiß, dass er nicht krank ist, und nur krank zu sein vorgibt, ist das eine Krankheit, Pseudologia phantastica, krankhaftes Lügen. Das taucht an zwei verschiedenen Stellen im Verzeichnis auf. Entweder, dem Lügner ist sein Lügen bewusst, er kann es aber nicht lassen, obwohl er sich immer wieder vornimmt, nicht zu lügen: Dann gehört das zu den Zwangshaltungen wie beim Kleptomanen, der nicht klauen will, aber irgendwie kommt die fremde Brieftasche dann doch in seine Jacke. Oder wie beim Waschzwang oder wie bei der Redesucht. Ist dem Lügner sein Lügen hingegen nicht bewusst, merkt er gar nicht, wie er lügt, dann reiht sich sein Lügen in die Bewusstseinsaussetzer ein, wie Alzheimer oder Demenz. So ungefähr. Einmal krank, habe ich mich gestern Abend in die Lektüre über all die vielen möglichen Krankheiten verloren, die ich mir herausnehmen könnte, falls ich demnächst einmal irgendwo eine Festanstellung bekommen sollte. Die halbe Nacht verwandte ich auf die Planung potentieller Krankheiten, aber ab heute habe ich sieben Tage uneingeschränkt Zeit, Franziska Eder-Elberfeld zu lesen. Für die Rezension fertigte ich bereits einige Exzerpte an.

Nebenher möchte ich aber auch meine Wohnung schöner machen, damit ich endlich einmal Gäste einladen kann. Solche besonderen Menschen wie Sie.

Herzlich: Alfons Firn

 

Betreff                        Vergewisserung

Liebe Franziska Eder,

aber nicht doch. Exzerpte gehört zu den aussterbenden Wörtern. Heute macht man das mit copy and paste. Nur aussterbende Menschen nicht.

In den Limenfir konnte ich mich erneut vertiefen, muss Ihnen jedoch gestehen: Ich bin nicht gut in Verwandtschaftsverhältnissen. Als Einzelkind ohne eigene Nachkommen ging „Familie“ bei mir nie über drei Personen hinaus. Vater, Mutter, Sohn – weiter kann ich nicht denken. Familiensagas zu lesen ist mir ein Gräuel. Ihr Lord Limenfir ist zwar keine Saga, sondern scheint sich mit der verwickelten Familienkonstellation eher über die Gattung lustig zu machen. Aber damit ich in meiner Rezension keinen Unsinn schreibe, wäre ich Ihnen dank­bar, ich dürfte Ihnen einmal vorlegen, was ich beim Lesen bisher verstanden habe, und Sie korrigieren mich bitte.

Lord Algernon Limenfir wurde im Alter von fünfzehn Jahren von seiner Großtante Liz, der sehr viel jüngeren Schwester seiner Großmutter väterlicherseits – ein Nesthäkchen, doch immerhin etwa zwanzig Jahre älter als der junge Lord – verführt, und dabei entstand Euphemia Charlotte, die demnach zugleich Limenfirs Tochter und – als Tochter seiner Großtante – seine Tante 2. Grades ist. Ihm ist zwar seine Vaterschaft bewusst, aber Großtante Liz hat beschlossen, das Kind allein zu erziehen, und nur wenige Menschen erfahren, wer der Vater ist.

Das Wort „Vermächtnis“ im Romantitel lässt hoffen, dass wir den Lebensweg des arroganten Lords nicht mehr allzu lange begleiten müs­sen. Zugegeben, mit zwanzig waren wir vielleicht alle ein bisschen überheblich, aber ein Vater, der zu seiner vierjährigen Tochter sagt, er wolle sie erst dann wiedersehen, wenn er sich mit ihr über Ludwig Wittgenstein unterhalten kann, dürfte doch im Sinne der Evolution ausgedient haben. Die Welt benötigt ihn nicht mehr, und Ihr Roman auch nicht. Da mag seine im Klappentext erwähnte Doktorarbeit über Fritz Mauthner noch so klug sein.

Apropos Mauthner, damit das nicht falsch rüberkommt: Ich habe in seine Beiträge öfter mal reingelesen, und durch den in Leipzig erwähnten Jugendfreund habe ich glaube ich doch ein ziemlich klares Bild von seiner Sprachkritik. Ich weiß, es geht nicht um Ihre eigenen Schwierigkeiten mit der Sprache – Sie schreiben wundervoll und absolut stilsicher –, sondern um Fragen, die in der Materie selbst begründet sind. Aber ein Leser möchte doch wissen, wie die Geschichte weitergeht, und nicht, was sich die Autorin Intelligentes beim Schreiben gedacht hat. Das schöne und stattliche Buch liegt vor uns; daher sind meine Bemerkungen müßig, und ich werde sie in meiner Besprechung nur ganz versteckt anklingen lassen. Aber gar nicht darauf einzugehen, würde mir kein Kritikerkollege verzeihen. Ein Verriss wird es schon nicht werden. Wenn ich überhaupt jemals weiterkomme.

Gestern und vorgestern waren es die Elektriker. Zwei Tage ohne Strom. Beim feuchten Wischen auf den Hängeschränken meiner Einbauküche habe ich vor ein paar Jahren mal einen gewischt gekriegt. Der Kollege, der unseren Schwererziehbaren ein gewisses physikalisches Grundwissen beibringen soll (das sie sich meistens bereits außerhalb des Curriculums selbst angeeignet haben), wies mich auf die Notwendigkeit eines FI-Schutzschalters in meinem Sicherungskasten hin – eine längst überfällige Maßnahme. Nach fünfmonatiger Wartezeit bekam ich von den Handwerkern vorgestern überraschend einen Termin. Da vierzig Jahre lang kein Elektriker meine Wohnung betreten hat, begab sich der Meister mit seinem Auszubildenden erst einmal auf die Suche nach Streustrom in allen Zimmern. Nicht nur die Drähte der Sicherungen hingen aus der Wand, als ich aus dem Café nach Hause kam. Die beiden Elektriker haben sämtliche Steckdosen und Lichtschalter aufgeschraubt, mussten dazu den Kleiderschrank und die schweren Bücherregale ausräumen und von der Wand abrücken; sie haben alle Lampen überprüft und mir für die Nacht nur eine Notbeleuchtung eingerichtet. Das Eis im Kühlschrank taute; an die Benutzung des PCs war nicht zu denken. Aber zum Glück umfasst Ihr Roman 978 Seiten, und ich kam mir ziemlich verwegen vor, im Bett mit der Taschenlampe darin zu lesen. Leider sind mir wieder zu früh die Augen zugefallen.

Der alte Sicherungskasten hatte die Größe eines Zigarrenkästchens, der neue die eines Panzerschranks. Das wäre nicht weiter schlimm bei einer genügend tiefen und nicht allzu harten Wand. Doch leider ragt der neue Sicherungskasten zwölf Zentimeter in die Diele. Die Wohnungstür lässt sich so gerade noch öffnen. Da der Mann mit dem Presslufthammer einen unschön ausgefransten Rand um den neuen Kasten erzeugt hat, mit Spalten, durch die die Kälte des Treppenhauses einzieht, war das leider noch nicht der letzte Besuch der Handwerker. Ein Rahmen muss erst maßgeschreinert werden. Den haben die Elektriker bei einer anderen Firma in Auftrag gegeben. Das könne dauern, sagte der Elektriker, ich wisse ja, wie lange man unter Umständen auf einen Termin bei einem Handwerker warten muss. Dabei legte er mir den Arbeitszettel mit zweimal achtzehn Stunden plus viermal Anfahrtkosten-Pauschale zum Unterschreiben vor und erzählte etwas von Schleifenimpedanz.

Ich hoffe, Sie müssen weniger lange auf meine Buchbesprechung warten, an die ich Tag und Nacht denke.

Herzlich, aber auch etwas impediert,

grüßt Sie Ihr

Alfons Firn

 

Betreff            Tuffi ist schuld

Liebe FEE,

schönes Wortspiel, das mit dem Expedieren. Am Samstag musste ich bei dem traumhaften Wetter unbedingt mal wieder ein bisschen spazierengehen, irgendwo zwischen Düssel und Wupper. Zur Abwechslung orientierte ich mich dieses Mal mehr Richtung Barmen. Auf Google Earth fand ich beim Alten Markt einen Wikipedia-Eintrag zu Tuffi. Das weckte uralte Erinnerungen an meine Kindheit. Im Sommer 1950 sprang die Elefantenkuh Tuffi von der Schwebebahn in die Wupper – eine Geschichte, die mich als Kind stärker fesselte als alle Märchen, die mir meine Mutter vorgelesen hat. Ich erinnerte mich nun auch an eine ganz frühe Fahrt mit der Schwebebahn, da dürfte ich höchstens vier gewesen sein, denn meine Oma lebte noch. Mit den Segnungen der digitalen Informationenverbreitung erfuhr ich jetzt noch so manches Detail. Franz Althoff, der Besitzer des Elefanten, hat fünf Fahrkarten zweiter Klasse gekauft, vier für Tuffi und eine für sich selbst. Der Wagen war voller Journalisten, jedoch keiner hat den Sturz fotografiert; so sind alle Bilder des springenden Elefanten Fotomontagen. Das arme Tier landete im flachen Fluss unsanft auf seinem Hinterteil, nahe der Elefanten-Apotheke. Ein Gericht urteilte bald darauf, die Schwebebahn sei als Transportmittel für Elefanten ungeeignet.

Ich erfuhr auch, dass Franz Althoff den „Rennbahn-Circus“ betrieb, der im Film „Circus World“ mit John Wayne, Claudia Cardinale und Rita Hayworth vorkommt.

Wer „Tuffi“ bei der Google-Bildersuche eingibt, findet neben stürzenden Elefanten auch eine ganze Galerie von  Turm- und Felsensprin­gern und eine Flasche Kakao.

Kurz gesagt: Der Samstag war verloren, und den Sonntag verwandte ich auf die Aufarbeitung meines Ausflugs. Ab morgen wieder Schule.

Die Verzögerung bedauernd und umso herzlicher grüßend

AF

 

Betreff                        Re: Tuffi ist nicht schuld

Liebe FEE,

Sie lieben es aber kompliziert. Die eine gute Idee – Junge zeugt mit der Schwester seiner Oma ein Kind – wäre schon tauglich, genügend Verwirrung zu stiften. Vor allem, wenn außer den Eltern niemand etwas davon weiß. Sie aber lassen durchschimmern, dass es im Verlauf der Familiengeschichte immer wieder solche „Generationensprünge“ gegeben hat. Dass durch eine ganze Kette von Nachzüglerkindern in jeder Generation immer wieder Personen ähnliche Lebensdaten aufweisen, die auf der Ebene des Stammbaums um eine ganze Generation verrutscht sind. Über die Jahrhunderte kann dadurch jemand zu einer Zeit leben, in der in einem Seitenzweig der Familie bereits die Generation der Urenkel verzeichnet ist.

Während Algernon noch immer lebt (warum sollte er auch sterben, außer um meine Ungeduld zu stillen? Er ist ja erst fünfunddreißig), verliebt sich sein zehn Jahre jüngerer Bruder Bertram in Euphemia Charlotte, seine vermeintliche – und ja auch tatsächliche – Tante 2. Grades, nicht ahnend, dass sie zugleich seine Nichte ist. Ich musste mir den Stammbaum aufzeichnen, um die Verhältnisse zu verstehen; die Linien gehen diagonal übers Blatt.

Ich zügele mich, um nicht der Versuchung zu erliegen, vorzublättern und womöglich festzustellen, auch aus dieser unseligen Liaison wurde ein kleines Wesen geboren, das für Algernon als das Kind seiner Tochter sein Enkelkind ist, zugleich als Kind seines Bruders sein Neffe oder seine Nichte und als Kind seiner mit der Tochter identischen Tante 2. Grades ebenso sein Cousin oder seine Cousine 2. Grades.

Auf Bertram bezogen, wäre sein Sohn oder seine Tochter, da er
oder sie mit der Tochter seines Bruders gezeugt wurde, gleichzeitig sein Großneffe oder seine Großnichte. Dann erst bekäme der Beamte, der Algernons Erbschaft zu regeln hat, richtig Spaß. Oder Bertrams Erbschaft, je nachdem, beide heißen ja Limenfir. Gibt es für den Titel Lord eigentlich ein Mindestalter? Oder darf nur einer der Brüder sich Lord nennen? Ach, was ich durch die Lektüre Ihres Buches alles lernen könnte – Fragen, die ich mir nie gestellt habe.

Aber vermutlich geht meine Phantasie mit mir durch, und Lord Limenfirs Vermächtnis besteht aus nichts als einer weiteren Sprachtheorie. Pardon, wenn sie auf Ihre Überlegungen zurückgeht, ist es zweifellos eine revolutionäre.

Als Gute-Nacht-Geschichte noch eine Anekdote aus dem heutigen Schulalltag. Es sind wieder alle verschwunden, bis auf drei, die wohl ausgelost worden waren, um das Alibi eines Deutschunterrichts aufrechtzuhalten. Und während sie davonstürmten, streckte Wahib noch einmal seinen Kopf in den Klassenraum und meinte zu den drei Verbliebenen: … und lasst euch keinen erzählen!

Wäre das nicht auch ein schöner Titel für eine Sammlung lauter unglaubwürdiger Geschichten?

Schlafen Sie gut und ausreichend, und denken Sie nicht immerzu an die boshaften Kritiker!

Freundschaftlich Ihr

AF

 

Schlafentzug im Schlafanzug

Liebe FEE,

wo fange ich an? Ich greife Ihr Stichwort auf: beim Schlafanzug. Im Schlafanzug bin ich von Sonntag bis Dienstag sogar tagsüber herumgelaufen. Im Schlaflabor der Ruhrlandklinik. Die ist schön gelegen mit enormer Fernsicht über die Felder und Wälder zwischen Heidhausen und Kettwig, und hoch oben zwischen den fernen Bäumen sah ich trotz des grauen Wetters zum Wochenbeginn die Lastautos über die Ruhrtalbrücke fahren. Man hat mir in der Klinik eine Darth-Vader-Maske verschrieben – was die Atemgeräusche betrifft; optisch ist die Maske näher am Scuba Diving; damit tauche ich nun tief in meine Träume hinab.

Das Schlaflabor hat sich gelohnt. Ich hatte etwas Zeit, im Limenfir weiterzukommen. Außerdem schuldete ich dem Finanzamt schon seit vier Wochen eine Stellungnahme zu meiner Totalgewinnerwartung. Mein Steuerberater schafft es irgendwie, dass ich bereits seit zehn Jahren für mein Schreiben regelmäßig Steuern zurückerhalte, obwohl ich mit dem Schreiben fast nichts verdiene. Nun vermutete das Finanz­amt in meinem Schreiben Liebhaberei. Das kommt der Wahrheit ziemlich nahe, darf aber nicht sein, wenn ich nicht die Erstattungen der letzten zehn Jahre zurückzahlen will. Verständlicherweise möchte die Finanzbehörde, dass ich für die Einkünfte aus literarischer Tätigkeit langfristig mehr Steuern zahle, als ich erstattet bekomme. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass es jemals so kommen wird. In der Klinik hatte ich ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken. Und statt an der Rezension über Ihr Buch habe ich fünfzehn Seiten fürs Finanzamt geschrieben. Morgen früh gebe ich meine gigantische Gewinnerzielungsabsicht für die nächsten Jahrzehnte bei der Behörde persönlich ab.

Darüber möchte ich aber nicht das Ernste und Traurige, das aus Ihrer Mail ebenfalls zu mir spricht, übersehen. Das Infame und zutiefst Ungerechte, das Sie erleiden. Durch die Nicht-Beachtung Ihres großen Werks sind Sie schwer verletzt worden. Eine Woche im Schlafanzug und auch mehr halte ich für unbedingt berechtigt.

Bei mir ist es weiterhin die Schule, die mich peinigt. Das Grübeln tagsüber und nachts dauert an. Mit dem Schlaflabor verband ich die Hoffnung, dort mal wieder richtig schlafen zu können. Aber an 78 Kabeln angeschlossen und unter einer Infrarotkamera gelang das nicht. Die Arbeitsorganisation im Krankenhaus wollte es, dass die Nachtpflegerin, bevor sie um sechs Uhr morgens Feierabend machte, die Patienten wieder entkabelte, um der Ärztin die Aufzeichnungen der Nacht vorlegen zu können. Um vier Uhr begann sie bereits, die Patienten zu wecken und ihre linken Ohren vor der Blutabnahme mit einer wie ein Wespenstich brennenden Salbe einzureiben. Da ich normalerweise selten vor halb zwei einschlafe, litt ich in den zwei Tagen vermehrt an Schlafentzug.

Mit Schlafanzug begann ich diese Mail, mit Schlafentzug ende ich, dankbar, Ihnen schreiben zu dürfen.

Mit den allerbesten Wünschen, dass Sie noch richtig berühmt werden, grüßt Sie herzlich

Ihr AF

 

Betreff                        zurück und neu angesetzt

Liebe, geschätzte FEE,

„(…) eine seltene Biografie von Papst Johannes XX. im Regal“ – so leicht gehe ich Ihnen nicht auf den Leim. Die Unfehlbarkeit war für mich nie ein Dogma, und wer kann schon über so viele Jahrhunderte hinweg bis zwanzig zählen. Aber ein netter Einfall. Lassen wir uns überraschen, ob einer der anderen Rezensenten den Witz versteht.

Gestern habe ich die Klassenarbeiten zu Der Vorleser korrigiert, soweit das möglich war. Schüler Khaled D. zog aus der Lektüre lebenspraktischen Nutzen. Ich hoffe kein Dienstgeheimnis zu verraten, wenn ich ihn hier wörtlich zitiere:

Ich hatte auch Freunde, die auch was mit älteren Frauen was hatten die sogar verheiratet waren. Diese Lektüre würde denjenigen zeigen was alles passieren könnte wenn mann mit einer älteren was hat. Es gab jede Menge Ärger mit dem Ehemann und den Brüdern dieser Frau da sie „zweigleisig“ fuhr.

Schade, dass Ihr Limenfir nicht Der Vorleser gelesen hat, bevor er sich von der Großtante Liz verführen ließ. Sie hätten sich 978 Seiten und fünf Jahre Arbeit ersparen können. Aber es macht ja auch Spaß.

Khaleds ehrlicher Aufsatz verdeutlicht, was mir am Limenfir fehlt. Der Zoff. Schlägereien mit eifersüchtigem Ehemann oder Geliebten, Streit mit den Eltern, Verbannung durch die Großmutter (gibt es auch einen Großvater?) … Liz dürfte, wenn ich richtig rechne, acht­unddreißig gewesen sein, als sie am jungen Limenfir Gefallen fand. Da muss man nicht unbedingt verheiratet sein, aber in der Generation der um 1935 Geborenen wäre vielleicht doch ein Hinweis angebracht, warum Liz keinen Mann hat (oder hat sie einen?). Hat sie mehrere Geliebte, hat sie reihenweise Pubertierende missbraucht? Wie denkt Limenfir im Nachhinein über die Affäre? Wenn er gerade mal nicht an Fritz Mauthner oder Wittgenstein denkt. Das Thema wird bei Ihnen als Gedankenspiel abgehandelt, was unbestritten jede Menge amüsante Aspekte mit sich bringt. Dennoch frage ich mich, wie würden Khaled, Wahid, Asra und die anderen Ihren Roman lesen?

Aber es kommt ja alles beim Leser an, und sei es als Streustrom.

Es ist spät geworden (ich war erst noch bei einer Veranstaltung). Daher, bevor mir die Augen zufallen, für heute nur schnell noch diesen

herzlichen Gruß

Ihres AF

 

Betreff                        Re: Re: zurück und neu angesetzt

Liebe FEE,

in meiner letzten Mail wollte ich schon fragen, was ist denn mit der Generation der Eltern? Algernons Vater und seine Mutter sind bisher kaum in Erscheinung getreten. Zumindest nicht annähernd spektakulär wie der junge Lord und sein noch jüngerer Bruder, wie die launische, unberechenbare Euphemia Charlotte, deren Künsten im Kopfrechnen ich nur folgen kann, indem ich schriftlich nachrechne, und die mich durch ihre Schach-Aufgaben sogar dazu gebracht hat, mein Schachbrett nach langer Zeit wieder hervorzuholen und ihre Überlegungen durchzuspielen. Überhaupt schien es mir in Ihrem Roman kaum andere Probleme zu geben als Schachaufgaben und Sprachspiele. Mit dem Alkoholiker-Vater und der Mutter, die man bis vor einiger Zeit noch guten Gewissens als Hysterikerin hätte bezeichnen dürfen, nun aber vorsichtshalber, wie Sie es auch tun, von ihren gelegentlichen histrionischen Auftritten sprechen sollte, kommt ein Ernst ins Spiel, der dem Roman guttut.

Soweit – oder so wenig – nur für heute zu dieser späten Stunde.

Gute Nacht!

Ihr AF

 

Betreff                        Re: Franziska Eder-Elberfeld

Liebe Anna,

danke, dass Du bei Frau Eders unsäglicher Saga zu fast zwei Dritteln durchgehalten hast. Ich bin schon nach weniger als 200 Seiten stecken geblieben. Deinem Urteil vertraue ich voll und ganz – zumal ich nach den ersten Seiten ebenfalls den Eindruck hatte, es ist ein Schmarrn, und die Autorin wird die Kurve zu einem runden Werk nicht hinbekommen.

Ich werde mir etwas ausdenken, um Franziska E.-E. klarzumachen, es sei besser ist, wenn ich ihr Buch nicht bespreche. Schade, dass sie nicht schreiben kann, denn ich fand sie in Leipzig eigentlich ganz interessant.

Dir bleibe ich aufrichtig verbunden,

mit einem herzlichen Gruß

Alfons

 

Betreff                        unerfreuliche Mitteilung (bitte nicht schockiert sein!)

Liebe, bewunderte Frau Eder-Elberfeld,

ich habe Ihnen etwas zu beichten. Das wird Sie nicht erfreuen. Ich hatte Ihnen ja von der Erklärung meiner Gewinnerzielungsabsicht gegenüber der Finanzbehörde erzählt.

Ein Kollege meinte, das liest sowieso keiner. Je mehr man denen einreicht, desto größer die Chance, dass alles ungelesen abgeheftet wird. Oder nur ein Vermerk in die Akte kommt, der Nachweis wurde erbracht, und dann werden vier Wochen deiner Arbeit geschreddert.

Also habe ich munter drauflosphantasiert, hier ein bisschen kopiert, da kopiert …

Ich schrieb dem Finanzamt, ich arbeite an einem großen Werk, das werde sicher ein Verkaufsschlager werden. Ein junger Mann, der mit der Schwester seiner Großmutter ein Kind zeugt. Ich weiß, das ist Ihr Roman, nicht meiner. Ein alter Fehler von mir. Die Ungeduld. Eine Geschichte kann ich schneller weiterdenken, als ich sie lesen kann. Als Leser ein verhinderter Autor, was sich manchmal Bahn bricht. Außerdem ging ich ja davon aus, das liest keiner. Ich habe den Protagonisten dann auch nicht Limenfir genannt, sondern die Geschichte nach Ostwestfalen verlegt. Und im Grunde habe ich mich bei Ihnen nur ein kleines bisschen bedient, nur was die Ausgangsidee betrifft, und dann hat sich alles weitere verselbständigt. Ich habe die Schlafstörungen eingebaut und die Anpassungsstörungen und den Elektriker und eine Frau mit Spitzenunterröcken.

Mein Kollege lag leider falsch. Der Finanzbeamte hat sich den ganzen Mist, den ich ihm eingereicht habe, tatsächlich durchgelesen. Er rief mich an und meinte, das Thema ließe sich am besten persönlich in seinem Büro besprechen.

Dort war ich gestern. Er war nicht unfreundlich, gab mir aber zu verstehen, es liege weitgehend in seinem Ermessen (er war höflich genug, nicht zu sagen: ausschließlich in seinem Ermessen), ob er mir meine Einschätzung, ich könne demnächst von meinem Schreiben leben, glauben wolle oder nicht. Teile er meine Ansicht nicht, hätte ich dem Finanzamt die Einkommens- und Umsatzsteuer-Rückzah­lungen für die letzten zehn Jahre zu erstatten. Er nannte einen Betrag; ich überschlug, dass ich dafür noch etliche weitere Jahre meine lernunwilligen Schüler bespaßen müsste. Mir war schon lieber, er glaubte mir meine Totalgewinnerzielungsabsicht.

Er beugte sich vor und wurde noch ernster, als er ohnehin schon war. Er stamme auch aus Ostwestfalen, sagte er bedeutungsvoll. Pause. Und was ich da in meinem Roman schriebe, habe eine auffällige Ähnlichkeit mit dem, was in seiner Familie vorgekommen sei.

Au weia, dass es so ein durchgeknalltes Zeug tatsächlich gegeben haben soll, in Ostwestfalen, damit war nicht zu rechnen. Jedenfalls erinnerte ihn etwas aus meinem (Ihrem) Roman an die Familie seiner Herkunft. Natürlich nicht in den Details. Aber jemand, dem die Geschichte bekannt war, könnte auf falsche Gedanken kommen. Das bat er mich zu verhindern.

Er wolle mir einen Vorschlag machen. Er verzichte auf die Forderung des Finanzamts, wenn ich den Roman vernichte.

Für mich ein klarer Fall. Was das Finanzamt von mir zurückforderte, war mehr, als ich jemals mit Literatur würde verdienen können. Außerdem war der Roman ja noch gar nicht geschrieben; ich ersparte mir viel Arbeit, und, wie ich mich kenne, fände ich niemals die Zeit, ihn zu schreiben. Es war ja nicht einmal meine Idee, auf die ich verzichtete, sondern im Grunde Ihre, mit höchstens ein paar Variationen von meiner Seite.

Vermutlich habe ich nicht lange genug gepokert, sondern viel zu schnell zugestimmt. Ich muss wohl geradezu heiter auf ihn gewirkt haben, froh über die gütliche Einigung. Denn der Beamte wurde nun noch ernster, ich hielt es nicht für möglich, aber es ging.

Nur der Form halber als dringliche Bitte vorgetragen, in Wahrheit jedoch im Tonfall einer Drohung gesprochen, legte er mir nahe, die Idee zu meinem Roman auch nicht an Dritte zu verkaufen.

Ha, was stellte er sich vor? Literarische Ideen verkaufen. Der Mann hat null Ahnung von unserem Metier. Eine Idee zu einem Roman weiterverkaufen! Entweder man macht es wie Shakespeare oder Brecht und klaut hemmungslos ganze Stoffe. Oder man greift postmodern das auf, was andere gemacht haben und nennt es Intertextualität. Aber eine Idee wie die Ihre wäre doch nicht verkäuflich. Lizenzen für Bestseller, ja die gibt es wohl, aber das ist weder Ihre noch meine Liga.

Das konnte ich ihm aber nicht sagen, hatte ich gerade erst vier Wochen und 15 Seiten darauf verwandt, ihm zu verdeutlichen, dass ich mit meiner Literatur hohe Gewinne zu erzielen beabsichtigte.

Was soll ich machen? Ich hoffe, dass er Ihren Roman niemals entdeckt. Am Ende käme er noch auf die Idee, ich hätte Ihnen das Konzept für viel Geld verkauft. Und wenn das Finanzamt einmal zu nachzuforschen beginnt, dann gute Nacht! Beziehungsweise: völlige Schlaflosigkeit.

Sie werden verstehen, dass ich alles tun muss, um jeden Gedanken an eine mögliche Verbindung zwischen Ihrem Roman und meiner Steuererstattung schon im Keim abzutöten. Ich kann die Buchbesprechung unmöglich veröffentlichen.

Das ist es, was ich Ihnen gestehen musste, und ich rechne kaum damit, dass Sie mir verzeihen werden. Doch glauben Sie mir bitte: Ich habe mir mit Ihrem Roman wirklich Mühe gegeben.

Traurig und mit aufrichtigem Bedauern grüßt Sie

Alfons Firn