{"id":80,"date":"2014-09-22T13:36:41","date_gmt":"2014-09-22T11:36:41","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=80"},"modified":"2014-09-22T13:36:41","modified_gmt":"2014-09-22T11:36:41","slug":"246-wurmloecher-durch-die-zeit-wiederbegegnungen-mit-sich-selbst-nach-jahrzehnten-fuenf-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=80","title":{"rendered":"246 &#8211; Wurml\u00f6cher durch die Zeit. Wiederbegegnungen mit sich selbst nach Jahrzehnten \u2013 f\u00fcnf Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 246. Teilabriss<\/p>\n<p>[An dieser Stelle sollen f\u00fcnf autobiographische Erinnerungen ver\u00f6ffentlicht werden, die zum gegenw\u00e4rtigen Stand (22.09.2014) teils ausformuliert, zum Teil aber auch noch unvollst\u00e4ndig sind. Kostproben:]<\/p>\n<h1><\/h1>\n<p>[Zeitloch 12:]<\/p>\n<h1>Les-Saintes-Maries-de-Fontainebleau<\/h1>\n<p>Wie habe ich die Touristen verachtet, die ich in einem Stra\u00dfenrestaurant in Saintes-Maries-de-la-Mer f\u00fcr viel Geld tafeln sah, 1974 als Tramp, der seine in Marokko billig erstandenen Ziegenfelle f\u00fcr die Nacht hinter den B\u00fcschen des \u00f6ffentlichen Parks oder am Busbahnhof ausbreitete und der sich pro Tag ein Baguette und als einzigen Luxus ein <em>Pain au chocolat<\/em> g\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber mehr noch \u2013 erinnere ich mich \u2013 habe ich mich \u00fcber die P\u00e4rchen erhoben, die zu zweit tafelten und sich dabei vertraut oder gelangweilt ansahen. Besonders, wenn er ein deutscher Lehrer zu sein schien, oder sie eine deutsche Lehrerin. Einem gealterten Junggesellen, der wie ich heute in einem Restaurant in Fontainebleau (in das er vor allem der jungen Kellnerinnen wegen gegangen ist) \u00fcber einem aufgeschlagenen Buch sitzt, in dem er nicht liest, weil ihm Gedanken durch den Kopf gehen oder weil vielleicht kurz zuvor mit einem Rucksack ein junger Mensch an ihm vorbeigegangen ist und ihn mit einem unvers\u00f6hnlichen Blick bedachte, diesem gealterten Junggesellen h\u00e4tte ich vielleicht auch damals etwas mehr Verst\u00e4ndnis entgegengebracht. Kann ich den mittellosen Vagabunden, der ich war, mit dem schwachen Trost f\u00fcr mich einnehmen, dass meine wirtschaftlich erfolgreichsten Jahre inzwischen hinter mir liegen und dass es mir im Alter vermutlich nicht wesentlich (ein bisschen schon) besser ergehen d\u00fcrfte als auf meinen fr\u00fchen Trampreisen?<\/p>\n<p>W\u00fcrde ich mich heute denn wenigstens mitnehmen, wenn ich mich als jungen Mann am Stra\u00dfenrand stehen s\u00e4he, mit flehend in die H\u00f6he gerecktem Daumen? Nein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[Zeitloch 8:]<\/p>\n<h1>Dreifachinterview<\/h1>\n<p style=\"text-align: right;\">Fortaleza-CE, 04.03.1998<\/p>\n<p>Ich las heute im ZEIT-Magazin (mit der \u00fcblichen versp\u00e4teten Ankunft) das Frage- und Antwortspiel zwischen Vladimir Sorokin und Durs Gr\u00fcnbein. Als Kollegen nahmen sich die beiden Schriftsteller die Freiheit zu Fragen heraus, die kein Journalist seinem prominenteren Gespr\u00e4chspartner stellen w\u00fcrde. Zum Beispiel, mit welchem Tier kannst du dir eine Liebesbeziehung vorstellen?<\/p>\n<p>Wenn ich Interviews lese, stelle ich mir meistens vor, wie ich auf dieselben Fragen antworten w\u00fcrde. Mit welchem Tier? Klarer Fall f\u00fcr mich: Nur mit einer Giraffe. Sie hat die idealen Beine, einen unvergleichlichen Hals und wundersch\u00f6ne Augen. Meine Geliebten k\u00f6nnen mir gar nicht hoch genug sein. Zwar handeln meine h\u00e4ufigsten Sextr\u00e4ume davon, dass ein Hund mich umklammert, abschleckt und sein erigiertes Glied an meinem Bein reiben will, doch sind erigierte Glieder auch im Wachzustand nicht meine privilegierten K\u00f6rperteile \u2013 au\u00dfer eben Giraffenh\u00e4lse.<\/p>\n<p>Es war Sorokin, der Gr\u00fcnbein die Frage nach dem Liebestier gestellt hatte. Eine andere Frage des Doppelinterviews: Welchen Brief w\u00fcrdest du dir selbst als einem Sechzehnj\u00e4hrigen schreiben? Gr\u00fcnbein schrieb den Brief \u00e4hnlich, wie auch ich ihn schreiben w\u00fcrde: Lieber j\u00fcngerer Bruder, im Grunde wei\u00dft du schon alles, was ich jetzt auch wei\u00df \u2026<\/p>\n<p>Nur die Beispiele, die Gr\u00fcnbein nennt, w\u00fcrde ich variieren.<\/p>\n<p>Lieber Wolfgang, k\u00f6nnte ich mir schreiben. Ich kann dich beruhigen: Mit Dreiundvierzig f\u00fchre ich ein \u00e4hnliches Leben, das ich mir in Deinem Alter vorgestellt habe, mit Dreiundvierzig zu f\u00fchren. Nur sind die St\u00e4dte, in die ich komme, nicht mit Fotos von mir plakatiert. Auch lese ich nicht \u00fcberall aus meinen Werken, die im \u00dcbrigen noch gr\u00f6\u00dftenteils ungedruckt sind, wenn nicht gar ungeschrieben. Ich hoffe, mir im Alter von Sechsundachtzig schreiben zu k\u00f6nnen: Lieber Wolfgang, ich kann Dich beruhigen \u2026<\/p>\n<p>Aber immerhin habe ich meine Absicht wahrgemacht, an verschiedenen Pl\u00e4tzen der Welt zu leben. Ich sitze, w\u00e4hrend ich Dir dies schreibe, am Atlantik \u2013 Europa gegen\u00fcber. Meine Wohnung liegt einen Spaziergang von zwanzig Minuten entlang der Strandpromenade entfernt, wo mir ein warmer Abendwind entgegenweht. Noch in einer anderen Hinsicht kann ich Dir die Angst nehmen: Viele Geliebte warten auf Dich, wenn auch die wenigsten von ihnen Giraffen sind.<\/p>\n<p>Sorokin gab auf die Frage nach seiner schriftstellerischen Mission eine gute Antwort. Die Mission des Schriftstellers liege darin, sachkundig \u00fcber seine Phantasien zu schreiben.<\/p>\n<p>Da wird auch klar, warum ich keine Mission habe: Ich verstehe im Grunde nichts von Giraffen.<\/p>\n<p>Gr\u00fcnbein auf die Frage, woran man schlechte Literatur erkenne: Schlechte Literatur ist von guter auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden. Aber bei n\u00e4herem Hinsehen stimmt immer weniger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[Zeitloch 4:]<\/p>\n<h1>Michael und das Jahr 2000<\/h1>\n<p>\u201e2000 \u2013 ob wir dann noch leben?\u201c, fragte ich.<\/p>\n<p>Er gehe stark davon aus, sagte Michael.<\/p>\n<p>Ich rechnete. Jetzt bin ich zw\u00f6lf. 1967. Bis 2000 sind es noch dreiundzwanzig, nein dreiunddrei\u00dfig Jahre. Zw\u00f6lf plus dreiunddrei\u00dfig \u2026 f\u00fcnfundvierzig w\u00e4re ich dann.<\/p>\n<p>Unvorstellbar alt. Aber ich wusste, dass die meisten Menschen l\u00e4nger lebten. Meine Oma war mit dreiundsechzig gestorben.<\/p>\n<p>\u201eWarum ziehst du dein Geburtsjahr nicht einfach von 2000 ab?\u201c, fragte Michael. \u201e2000 minus 1955 gleich 45.\u201c<\/p>\n<p>Insgeheim musste ich zugeben: Michael war der pfiffigere von uns beiden. Wir kannten uns seit dem ersten Jahr der Grundschule, die damals noch \u201eVolksschule\u201c hie\u00df. Jetzt, im zweiten Jahr der Realschule, waren wir noch immer Freunde und Rivalen.<\/p>\n<p>Im Rechnen war mir Michael stets voraus. Doch will ich mich im Nachhinein nicht damit zufrieden geben, dass ich zeitlebens der Umst\u00e4ndlichere von uns beiden blieb. Meine Art zu rechnen \u2013 sage ich mir heute \u2013 passte damals und passt noch immer zu meinem Wesen. Der Gedanke ans Jahr 2000 war nicht einfach eine Rechenaufgabe, bei der man m\u00f6glichst zielstrebig zum richtigen Ergebnis gelangen musste.<\/p>\n<p>Indem ich unsere Gegenwart, das Jahr 1967, ins Spiel brachte, setzte ich die bereits gelebte Zeit \u2013 zw\u00f6lf Jahre \u2013 in eine Beziehung zu der noch fehlenden bis zum Jahr 2000. Dreiunddrei\u00dfig Jahre, das war fast drei Mal so viel, wie das, was ich schon hinter mir hatte. Und ich geh\u00f6rte nicht mehr zu den Kleinen. Mit zw\u00f6lf kannte ich die britischen Charts rauf und runter, tanzte zum selben Beat wie die \u00c4lteren, war empf\u00e4nglich f\u00fcr die schockfarbene Mode aus der King\u2019s Road, begeisterte mich f\u00fcr M\u00e4dchen in Mini-R\u00f6cken und verstand es, meinem Genital ein neuartiges Kribbeln zu entlocken. Noch drei Mal eine solche Zeitspanne, dann musste das Leben gelaufen sein. Meine Eltern waren um die Vierzig, und ich wusste nicht, ob sie noch etwas erwarteten.<\/p>\n<p>Entscheidender aber: 2000 \u2013 das war pure Utopie. Die Handlung der Science-Fiction-Heftreihe, die ich als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger las, setzte im Jahr 1971 ein. Es war in den Sechzigerjahren ja nicht einmal ein \u201e1984\u201c vorstellbar, ganz abgesehen davon, dass ich als zw\u00f6lfj\u00e4hriger Sch\u00fcler von einem Roman dieses Titels noch nichts geh\u00f6rt hatte. 2000 war absolut phantastisch, und Michaels selbstverst\u00e4ndliche Einsch\u00e4tzung, f\u00fcnfundvierzig sei doch keine \u00fcbertriebene Lebenserwartung, ern\u00fcchterte mich, noch bevor Freude aufkommen konnte, das unvorstellbar ferne Jahr h\u00f6chstwahrscheinlich noch erleben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2000 wohnte und arbeitete ich in Brasilien. Von meinem Klassenkameraden, zu dem ich seit Ende der Realschulzeit, also seit fast genau drei\u00dfig Jahren, keinen Kontakt hatte, erreichte mich dort ein Brief. Nicht die Erinnerung an unsere Rechen\u00fcbung aus dem Jahr 1967 war das Thema. Michael wollte ein Klassentreffen organisieren. Anlass dazu sollte kein runder Jahrestag unseres Schulabschlusses sein, vielmehr wies Michael darauf hin, dass sich zu Ostern 2001 \u2013 ebenfalls eine science-fiction-tr\u00e4chtige Jahreszahl \u2013 unsere Einschulung in die Volksschule zum vierzigsten Mal j\u00e4hrte. Meine brasilianische Adresse hatte Michael bei meinen weiterhin im Ruhrgebiet lebenden Eltern erfragt. Es folgte ein langes Telefonat, das ihn ein kleines Verm\u00f6gen gekostet haben muss.<\/p>\n<p>Das Klassentreffen kam nie zustande. Die meisten, die Michael anschrieb, antworteten nicht oder sagten ihre Teilnahme ab. Aber wenn es einen Chronisten unserer gemeinsamen Schulzeit gibt, dann ist es Michael. Sp\u00e4ter, als ich wieder in Deutschland lebte, zeigte er mir die von ihm zusammengetragenen Lebensl\u00e4ufe unserer alten Klassenkameraden. Er gestand mir, was ihn bei seiner detektivischen Recherche vor allem angetrieben habe, sei die Erwartung gewesen, das M\u00e4dchen wiederzusehen, in das er sich mit sieben oder acht Jahren verliebt hatte. Er nannte einen Namen, den ich wohl gleich mit dem Wechsel auf die Jungen-Realschule vergessen hatte.<\/p>\n<p>Inzwischen liegt der vierzigste Jahrestag unserer Einschulung ebenso viele Jahre zur\u00fcck wie ich alt war, als ich zum ersten Mal dreiunddrei\u00dfig Jahre weit in die Zukunft rechnete. Michael hat unabh\u00e4ngig vom nicht zustande gekommenen Klassentreffen seine Kinderliebe wiedergetroffen, ist daf\u00fcr 400 Kilometer weit gefahren und wurde entt\u00e4uscht. Aber seine M\u00fche hat schlie\u00dflich dazu gef\u00fchrt, dass der engere Kreis unserer Kinderbande aus der Brassertstra\u00dfe sich wiedergefunden hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[Zeitloch 16:]<\/p>\n<h1>Zwei Wegkreuzungen<\/h1>\n<p>Der Sommer ist endlich angekommen und ist trotzdem kein Sommer wie Frankreich 1980. Keine kurzen Hosen, keine bodennahen N\u00e4chte im Zelt, keine spontanen B\u00e4der in Fl\u00fcssen, kein auf einer Caf\u00e9terrasse aufgelesenes M\u00e4dchen; vor allem bin ich nicht mehr f\u00fcnfundzwanzig. Ein Montagabend vor dem H\u00f4tel de Ville beim zweiten halben Liter Stella, ein aufgesch\u00fctteter Sandstrand mit Plastikpalmen, Abenteuerspielger\u00e4ten, und nur der Ginster ist nicht k\u00fcnstlich. Da geht Robert Louis Stevenson vorbei, w\u00fcrdevoll mit gegerbter Haut. Neben ihm, etwas kleiner, seine Frau Fanny, und in einer wei\u00df-blau-roten Sportjacke der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Lloyd Osborne. Sie beachten mich nicht.<\/p>\n<p>Antwerpen liegt mir noch auf der Lunge und kreist in den Blutbahnen. Die letzte Nacht fast ohne Schlaf. Schon der ausgediente L\u00e4ufer auf der steilen Holztreppe k\u00fcndigte den Mief des Mansardenzimmers an, wo sich in Vorh\u00e4ngen, Teppichboden und Matratze der Zigarettenqualm von Generationen festgesetzt hat. W\u00e4hrend ich beim Gang entlang der Schelde Kopf und K\u00f6rper von der stickigen Nacht zu l\u00f6sen versuche, l\u00e4sst mich die Frage nicht los, ob sich an den Farben Rot und Blau bestimmen lie\u00dfe, welche der Wesen \u00fcber der Madonna mit den geometrisch kugelf\u00f6rmigen Br\u00fcsten im K\u00f6niglichen Museum f\u00fcr Sch\u00f6ne K\u00fcnste die Cherubim und welche die Seraphim sind. Als k\u00f6nnte man sie an ihren Farben erkennen wie zwei gegeneinander antretende Mannschaften.<\/p>\n<p>Durch die Stadt nach den Prinzipien situationistischer Psychogeographie. Und dann die Eile, weiterzukommen.<\/p>\n<p>So, wie Robert Louis Stevenson die Kanufahrt mit seinem Freund und Kommilitonen Walter Grindlay Simpson von Antwerpen \u00fcber Maubeuge und auf der Oise bis zu ihrer M\u00fcndung in die Seine beschreibt, l\u00e4sst sich die Strecke mit dem Auto ohnehin nur im Groben nachreisen. Der Fluss ist mal rechts, mal links der Stra\u00dfe, die meiste Zeit aber gar nicht zu sehen. Durch Neubau-Vororte ein schnurgerader Kanal. Ist das der Willebroek-Kanal, den Stevenson und Simpson entlang gepaddelt sind? Die Stra\u00dfe kreuzt ihn ein einziges Mal, dann bin ich schon auf der Ringautobahn um Br\u00fcssel und nachmittags in Maubeuge, an der Sambre.<\/p>\n<p>Auf keiner meiner vielen Fahrten nach Frankreich hatte es mich jemals verlockt, eine Pause ausgerechnet in Maubeuge einzulegen. k\u00e4me die Stadt nicht in Stevensons 1878 erschienenem Buch \u201eAn Inland Voyage\u201c vor, w\u00e4re ich auch heute direkt durchgefahren.<\/p>\n<p>Stevenson und Simpson warteten hier darauf, dass ihre Kanus aus dem Zoll ausgel\u00f6st wurden. Stevenson klagt, gerade er werde an Grenzen besonders ausf\u00fchrlich verh\u00f6rt. Als Achtzehn-, Zwanzig-, auch noch als F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hriger teilte ich solche Erfahrungen, an innereurop\u00e4ischen Grenzen gr\u00fcndlich kontrolliert zu werden. Vergangenheit, zum Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Stevenson und Simpson hatten keine Absicht, sich in der Garnisonsstadt Maubeuge l\u00e4nger als n\u00f6tig aufzuhalten. Stevenson notiert die Klage eines Busfahrers, der tagein, tagaus immer die gleiche Strecke zwischen dem Bahnhof von Maubeuge und dem Gasthof <em>Grand Cerf<\/em> chauffieren muss und der den beiden Engl\u00e4ndern ihr Abenteuer neidet. Die Frage \u201eWhat Am I Doing Here\u201c \u2013 ein Buchtitel Bruce Chatwins, der sich mir eingebrannt hat \u2013 stelle auch ich mir in Maubeuge. Im Ersten Weltkrieg von den Deutschen bis zur Kapitulation belagert, im Zweiten Weltkrieg in Brand geschossen, ist vom historischen Zentrum der grenznahen Befestigungsanlage nichts mehr \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Nachmittags trinke ich Kaffee in Guise an der Oise und bin bald darauf schon in Saint-Quintin. Warum sich ein Ziel setzen, wenn es so leicht zu erreichen ist? Mit dem Auto sind das keine Entfernungen. Obwohl ich f\u00fcr die Fahrzeuge hinter mir viel zu gem\u00fctlich \u00fcber die N2 tr\u00f6dele, geht mir alles zu schnell. Nicht einmal Hinweisschilder zeigen die vielen kleinen Ortschaften an, die ich w\u00e4hrend meiner Radtour mit Andy 1980 notiert habe, Aufzeichnungen, die ich mir ebenso wie Stevensons \u201eAn Inland Voyage\u201c f\u00fcr die Reise eingesteckt habe und die ich nun auf dem Platz vor dem H\u00f4tel de Ville in Saint-Quintin wieder lese. Wimy, Luzoir, Gergny, Etr\u00e9aupont, Autreppes, Marly, Faty \u2013 unterbrochen durch Notizen wie \u201eHauptstra\u00dfe bis Hirson bergig\u201c \u2013 \u201eviel geschoben, m\u00fcde.\u201c \u2013 \u201eSuppe gekocht\u201c \u2013 \u201eAbendsonne. Im Gras gelegen\u201c \u2013 \u201eIn hohem Gras Zelt aufgebaut. Suppe gekocht\u201c \u2013 \u201eMorgens Regen. Den ganzen Tag \u00fcber Regen. Trotzdem zusammengepackt\u201c \u2013 \u201eWeiter geschoben und gefahren durch Macquigny, Bernot, Marcy, Hombli\u00e8res bis Saint-Quentin\u201c \u2013 \u201eAuf Wiese am Fluss gezeltet. Im Zelt Suppe gekocht\u201c \u2013 \u201eAbends Bar mit altem Schotten. 2 Kaffees, 2 Ricard getrunken. Nachts weitergefahren.\u201c<\/p>\n<p>An den Schotten in der Bar erinnere ich mich gut. Er sprach nur ein paar Brocken Franz\u00f6sisch, die jeder kennt, die er aber endlos variiert. Damit versuchte er die junge Kellnerin f\u00fcr sich einzunehmen. <em>O l\u00e0 l\u00e0, Madame \u2026 il pleut \u2026 o l\u00e0 l\u00e0 \u2026 l\u2019amour \u2026 o l\u00e0 l\u00e0 \u2026<\/em><\/p>\n<p>An allen Stellen des Tagebuchs tauchen Suppen auf, T\u00fctensuppen, auf die ich mich im Supermarkt mit Andy einigen konnte. Ich neigte schon damals nicht zur H\u00e4uslichkeit, war ein endlos in Caf\u00e9s Sitzender und trotz meines chronischen Geldmangels ein Kneipeng\u00e4nger.<\/p>\n<p>Andy hatte das schwerere Rad zu schieben. Richtig so. Schlie\u00dflich war es seine Idee, den ganzen Krempel mitzunehmen. Zelt, Iso-Matte, Kochtopf, Camping-Gas, Lebensmittel \u2013 ich h\u00e4tte das alles nicht gebraucht, konnte auf dem Boden schlafen, wollte im Urlaub nicht kochen, nicht sp\u00fclen, keinen Supermarkt betreten. Ein trockenes Teil aus der B\u00e4ckerei, ein Stra\u00dfencaf\u00e9 gen\u00fcgte.<\/p>\n<p>Wir beide gaben ein ungleiches Paar ab, ich schm\u00e4chtig, aber z\u00e4h, Andy gro\u00df und kr\u00e4ftig. Damals trug er noch nicht das H\u00e4kelk\u00e4ppchen, das ihn als Sufi-Bruder ausweist und das er selbst vor dem Standesbeamten nicht abgenommen hat. Aber seine \u201eKameltreiberm\u00fctze\u201c \u2013 wie er sie nannte \u2013 hatte eine \u00e4hnliche Form. W\u00e4hrend die Normandie nicht enden und die Bretagne nicht n\u00e4her r\u00fccken wollte, sog sich die kamelhaarfarbene Wollm\u00fctze voll Regenwasser, die weitgereiste M\u00fctze, die er sich auf dem R\u00fcckweg von Goa gegen die n\u00e4chtliche K\u00e4lte im Bus durch Parkistan, durch den Iran, durch Anatolien zugelegt hatte.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen lange vor dem Zelt, bei Regen im Zelt, lasen uns gegenseitig Carlos Castaneda vor, a\u00dfen M\u00fcsli. Andy h\u00e4tte wohl noch l\u00e4nger im oder vor dem Zelt sitzen k\u00f6nnen. Mich aber trieb es auf Erkundungsfahrt in die n\u00e4chste Kleinstadt mit einem Stra\u00dfencaf\u00e9 zum Lesen und Warten auf Andy, der immer ein bisschen l\u00e4nger ben\u00f6tigte zum Ordnen seiner vielen Sachen und der nicht so rastlos war wie ich. Von Zeit zu Zeit gab es dar\u00fcber eine ruhige, unaufgeregte Aussprache, \u00fcber das Allein-Reisen und das Zu-zweit-Reisen, \u00fcber den ewig angespannten und den grunds\u00e4tzlich ruhigen Charakter, das alles ohne Vorw\u00fcrfe, stattdessen mit Erkenntnisgewinn \u00fcber die Unterschiedlichkeit von Menschen allgemein und \u00fcber uns beide im Besonderen. Andy beanspruchte mehr Platz im Zelt, trank mehr von der gemeinsam gekauften, gemeinsam bezahlten Milch in seinem Tee, und als ich mit meinem Gerechtigkeitssinn \u2013 besonders ausgepr\u00e4gt, wenn ich mich benachteiligt f\u00fchlte \u2013 ihn darauf hinwies, schien er mich mit seinem Blick t\u00f6ten zu wollen. Ein Blick, der im Bruchteil einer Sekunde meine Seele scannte, mich abstrafte, richtete, verachtete, die Freundschaft aufk\u00fcndigte?<\/p>\n<p>Ohnehin war Andy eine Autorit\u00e4t, f\u00fcnf Jahre \u00e4lter als ich und die meisten meiner Freunde und Kommilitonen. Es lag sicher nicht nur an seinen schon drei\u00dfig Lebensjahren, dass er auf uns wie ein Weiser wirkte. Er hatte Talent zum Guru, schien mit den spirituellen Welten, mit den D\u00e4monen, enger verbunden als alle Normal-Sterblichen (zu denen ich mich ebenso wenig rechnete, wie es bei Andy den Anschein hatte). Wenn Andy bed\u00e4chtig seinen fast kahlen Sch\u00e4del mit dem damals noch langen Krausbart wiegte und nachdenklich sagte: \u201eJa, ja, ist schon so \u201ane Sache\u201c, wagte niemand zu widersprechen oder zu lachen. <em>O l\u00e0 l\u00e0, Madame, il pleut<\/em>.<\/p>\n<p>Das D\u00e4monische hatte er zum Teil damals schon in heilende Bahnen zu leiten vermocht. Sp\u00e4ter, als Heilpraktiker, lie\u00df er die kosmischen Energien durch seine H\u00e4nde in die Patienten \u00fcberstr\u00f6men, und er kann bis heute davon leben.<\/p>\n<p>Saint-Quintin nun und Zwei-Sterne-Standard f\u00fcr die Nacht. Keine Gras-Ber\u00fchrung, doch \u00fcber den Giebeln ein ziemlich voller Mond in dem f\u00fcr halb zehn abends immer noch h\u00fcbsch hellen Himmel. Links das Tagebuch, rechts Stevensons Reise-Schilderungen und vor mir ein drittes Bier, breite ich mich aus, w\u00e4hrend der Kellner schon die St\u00fchle einzusammeln beginnt.<\/p>\n<p>Vor der Abfahrt in Deutschland hatte ich den Eindruck, dass es zwischen Stevensons Kanu-Fahrt und meiner Radtour mit Andy trotz der mehr als hundert Jahre Distanz enorme Parallelen geben musste. Bei der Betrachtung der Karte hinten im Buch stelle ich nun fest, unsere jeweiligen Routen haben sich nur an einer Stelle gekreuzt. Andy und ich fuhren zun\u00e4chst das Tal der Meuse entlang, stie\u00dfen bereits bei Hirson auf die Oise, etliche Kilometer n\u00e4her an ihrem Oberlauf als Stevenson\/Simpson. In der N\u00e4he des St\u00e4dtchens Guise, zwischen Macquigny und Bernot, \u00fcberquerten wir mit unseren R\u00e4dern den Sambre-Oise-Kanal den Kanal, den Stevenson und Simpson entlanggepaddelt sind. Unser Ziel war die Bretagne. Stevenson aber reiste weiter in die K\u00fcnstlerkolonie Grez-sur-Loing in den W\u00e4ldern rund um Fontainebleau, wo er sich, was er freilich auf seiner Paddeltour mit Simpson noch nicht ahnen konnte, in Fanny Osbourne, seine sp\u00e4tere Ehefrau, verlieben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der dritte Tag in den W\u00e4ldern rund um Fontainebleau. Ich verl\u00e4ngere. Gegen vier Uhr nachmittags einen langen Waldspaziergang begonnen, \u00fcber felsige H\u00fcgel. Selbstgespr\u00e4che, deren Witz mich \u00fcberrascht (nach Wochen des \u00dcberdrusses und der Lustlosigkeit). Gesungen, wieder alte Blues- und Zappast\u00fccke, Jazzpartien, die als unsingbar gelten, um vor mir selbst zu verbergen, dass ich nicht singen kann. Seit meinen ersten Trampreisen begleiten mich die Anfangszeilen eines alten Rory-Gallagher- (oder Taste-)Songs (obwohl ich nie ein Rory-Gallagher-Fan war): I\u2019m leaving in the morning, I don\u2019t know which way to go \u2026 Aber dann variiere und improvisiere ich den weiteren Text (und die Melodie) in meinem Sinne. Jeden Tag wie einen neuen Anfang erleben, dessen ungewisser Ausgang eher meine Neugier reizt als mich beunruhigt. Ich spiele, solange ich mich unbeobachtet glaube. Mime den Mr. Hyde oder lasse mich von meinen D\u00e4monen reiten, gutartige zust\u00e4nde von Besessenheit, die ich mit einem Fingerschnippen \u2013 oder auch ohne \u2013 aufl\u00f6sen kann wie jede Schauspielerei. Spreche mit fremden Stimmen, lasse die Augen hervortreten wie bei einem Goblin oder stelle mir vor, ich sei Gabi. Mitten im Wald, als ich nicht damit rechnete, hielt ein wagen neben mir, und der freundliche Fahrer fragte, ob er mir helfen k\u00f6nne. Nein, das konnte er nicht, der liebensw\u00fcrdige Franzose.<\/p>\n<p>[An dieser Stelle wurde das Schreiben des Texts abgebrochen und bisher (22.09.2014) noch nicht wieder aufgegriffen]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 246. Teilabriss [An dieser Stelle sollen f\u00fcnf autobiographische Erinnerungen ver\u00f6ffentlicht werden, die zum gegenw\u00e4rtigen Stand (22.09.2014) teils ausformuliert, zum Teil aber auch noch unvollst\u00e4ndig sind. Kostproben:] [Zeitloch 12:] Les-Saintes-Maries-de-Fontainebleau Wie habe ich die Touristen verachtet, die ich in einem Stra\u00dfenrestaurant in Saintes-Maries-de-la-Mer f\u00fcr viel Geld tafeln sah, 1974 als Tramp, &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=80\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;246 &#8211; Wurml\u00f6cher durch die Zeit. Wiederbegegnungen mit sich selbst nach Jahrzehnten \u2013 f\u00fcnf Erinnerungen&rsquo; &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80"}],"collection":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}