{"id":71,"date":"2014-09-22T13:09:00","date_gmt":"2014-09-22T11:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=71"},"modified":"2014-09-22T13:09:00","modified_gmt":"2014-09-22T11:09:00","slug":"71","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=71","title":{"rendered":"249 &#8211;  Der kleine Wipp-Voyeur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 249. Teilabriss<\/p>\n<h1><strong><strong>\u00a0Der kleine Wipp-Voyeur<\/strong><\/strong><\/h1>\n<p>Ulla Wandeck schulte mich in Unauff\u00e4lligkeit. Auch vor unserem Spiel auf der Wippe habe ich den M\u00e4dchen unter den Rock geschaut. Aber das war nie ein gro\u00dfes Thema, zumindest keines, das mir peinlich gewesen w\u00e4re. Durch Ulla erst verlor das Hingucken seine Unschuld; mit der Wippe begann die Verstohlenheit.<\/p>\n<p>In den Sechzigerjahren fuhren wir in den gro\u00dfen Ferien regelm\u00e4\u00dfig nach Oberbayern. Die Eltern sa\u00dfen im Garten einer Gastwirtschaft mit Aussicht auf die gr\u00fcnen H\u00fcgel und sich dahinter erhebende Berge. Zum Lokal geh\u00f6rte eine Wiese mit einer Wippe f\u00fcr die Kinder der Ferieng\u00e4ste, die mir au\u00dfer Ulla fremd blieben.<\/p>\n<p>Meine Eltern hatten das zwei oder drei Jahre \u00e4ltere M\u00e4dchen wohl in den Familienurlaub mitgenommen, um Frau Wandeck \u2013 einer Nachbarin aus der Nachkriegszeit, als die Familien eng zusammenwohnten \u2013 einen Gefallen zu tun (einen Herrn Wandeck habe ich nie kennengelernt). Vielleicht machte sich Mutter aber auch Sorgen wegen meiner Neigung zu autistischen Besch\u00e4ftigungen und wollte mir eine Gef\u00e4hrtin an die Seite geben. Oder sie wollte sich von der Trauer um ihre Mutter ablenken, die kurz zuvor gestorben war und wodurch auf der R\u00fcckbank unseres VWs K\u00e4fer zwischen Luftmatratze und K\u00fchltasche einen Platz f\u00fcr ein zweites Kind frei wurde. Obwohl ich meine Oma liebte, kam es mir entgegen, dass die Ausfl\u00fcge auf den Spuren Ludwig Ganghofers nicht l\u00e4nger notwendig waren. Lieber durchforste ich mit Ulla Stapel \u00e4lterer \u201eBravos\u201c \u2013 \u201eYeah, yeah, yeah\u201c statt \u201eDer Mann im Salz\u201c. Ulla, fast schon ein Teenager, trug das Haar am Hinterkopf hochtoupiert und versuchte mir beizubringen, Twist zu tanzen. Aber sie war noch Kind genug, um sich an den Spielen von uns j\u00fcngeren zu beteiligen.<\/p>\n<p>Auf der Wippe versuchten wir den idealen Schwebezustand zu erzeugen, verlagerten unsere K\u00f6rper mal mehr zum Kipppunkt der Wippe, mal mehr an ihre Enden, setzten, stellten oder legten uns auf das lange Brett. Irgendwann, als sich Ulla und ich auf derselben und zwei oder drei Kinder auf der anderen Seite der Wippe befanden, entwickelte ich die Theorie, die perfekte Balance m\u00fcsse erreicht sein, wenn sich Ulla ganz au\u00dfen aufs Brett stellte und ich mich vor sie hinlegte. Unvergesslich bleibt mir ihr h\u00f6hnischer Ausruf: \u201eDamit du mir unter den Rock schauen kannst, was!\u201c<\/p>\n<p>Ich war ertappt. Ein Anf\u00e4ngerfehler, leicht zu durchschauen. Der Vorwitz musste k\u00fcnftig der Vorsicht weichen. Zugegeben, meinem Vorschlag waren keine statischen Berechnungen vorausgegangen, doch zumindest zur Erlangung meines pers\u00f6nlichen Equilibriums war ich von der Richtigkeit dieser Anordnung \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Mit der Zeit lernte ich die Techniken meiner Schaulust zu verfeinern, konstruierte raffiniertere Versuchsanordnungen, bediente mich optischer Hilfsmittel und brach f\u00fcr den Voyeurismus eine Lanze, indem ich eine Doktorarbeit \u00fcber Diana im Bade und die Neubewertung des Sehens in der fr\u00fchen Neuzeit schrieb.<\/p>\n<p>Wozu der Aufwand? Der Drang, auf weibliche K\u00f6rperteile zu blicken, begleitet mich seit meiner Kindheit und ist nicht eine erst mit der Pubert\u00e4t einsetzende Entwicklung. Schon in den ersten Volksschuljahren schmachtete ich die Kniekehlen mancher Mitsch\u00fclerinnen an, die vor mir die Treppe zu den Klassenr\u00e4umen hochstiegen. Solche Anblicke scheinen einem Grundbed\u00fcrfnis zu entsprechen, vergleichbar dem Wunsch nach ausreichender Nahrung oder nach gen\u00fcgend Schlaf. Doch w\u00e4hrend meine Eltern mit einer manchmal geradezu mich n\u00f6tigenden F\u00fcrsorge darauf achteten, dass ich t\u00fcchtig a\u00df, und ich auch niemals unter Schlafentzug zu leiden hatte (au\u00dfer an dem einen Tag im Sommer, an dem wir uns um f\u00fcnf Uhr morgens auf den Weg zu unserem bayrischen Urlaubsziel machten), gelang es mir auch mit den Ulla Wandecks meines sp\u00e4teren Lebens nicht, eine auch nur halbwegs stabile Balance herzustellen.<\/p>\n<p>W\u00e4ren zwischen dem, womit das Leben immerzu geizte, und dem, was ich stets im \u00dcberfluss bekommen sollte, die Gewichte anders verteilt gewesen, wom\u00f6glich w\u00e4re ich heute ein anerkannter Schlafforscher oder ein Verfasser von Kochb\u00fcchern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[abgedruckt in: <em>Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik XXVI<\/em>, T\u00fcbingen 2011, S. 129\u2013131]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 249. 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