{"id":690,"date":"2014-09-28T15:17:31","date_gmt":"2014-09-28T13:17:31","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=690"},"modified":"2019-05-04T19:43:39","modified_gmt":"2019-05-04T17:43:39","slug":"001-zwei-saerge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=690","title":{"rendered":"001 &#8211; Zwei S\u00e4rge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 1. Teilabriss<\/p>\n<h2>ZWEI S\u00c4RGE<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ich einmal eine etwas gr\u00f6\u00dfere Wohnung habe \u2013 mit einem leeren Zimmer \u2013 dann stelle ich in dieses Zimmer nichts als zwei gleiche S\u00e4rge, die ich beim Bestattungsunternehmen \u201eWort\u00adberg\u201c auf der R\u00fcttenscheider Stra\u00dfe kaufe.<\/p>\n<p>Der eine Sarg ist f\u00fcr mich bestimmt. Sein Deckel bleibt an die Wand gelehnt, bis jemand meinen willf\u00e4hrigen K\u00f6rper in den Sarg hievt und ihn im Erdboden versenkt.<\/p>\n<p>Der andere Sarg ist der interessantere von beiden. Er soll nach meinem Tod \u00fcber der Erde bleiben, der Deckel aufgelegt, aber nicht vernagelt.<\/p>\n<p>Schon richte ich diesen Sarg ein. Meine B\u00fccher \u2013 vielleicht nicht alle \u2013 bekommen dort mit einem strikten Leitfaden zu ihrer Benutzung einen Platz zugewiesen. Sie sind einer von mehreren Ariadnef\u00e4den durchs Labyrinth. Da sie bereits au\u00dferhalb ihres h\u00f6lzernen Mantels eine Lebensform gefunden haben, bleiben sie in meinem Sarg illustratives Beiwerk.<\/p>\n<p>Eines der Kernst\u00fccke bildet das \u201eBlauversiegelte\u201c. Das sind jene kleinen Taschenkalender (die ersten von ihnen waren Werbegeschenke der Firma Siegel &amp; Co. \u2013 einem guten Kunden meines Vaters), in denen ich seit 1971 Tag f\u00fcr Tag mein Leben verzeichne.<\/p>\n<p>Mehrere Notizb\u00fccher mit legend\u00e4ren Zeichnungen, die ich heute nicht mehr zustande bringen w\u00fcrde, befinden sich ebenfalls im offenen Sarg. Nicht zum wahllosen Bl\u00e4ttern zuf\u00e4lliger Besucher bestimmt, denn das Grafit des Bleistifts l\u00f6st sich ab und verwischt den hohen Unsinn des Dargestellten. Muss ich damals Zeit gehabt haben f\u00fcr die der Langeweile entsprungenen Geistesblitze bei Kaffee und Ricard im \u201eClick\u201c und andernorts (gern auf Reisen)!<\/p>\n<p>Briefe, ganz wenige, historische, erhellende und verdunkelnde, lebensentscheidende, aber keine indiskreten, keine, die anderen Menschen schaden k\u00f6nnten. Im Original, mit Umschlag und bel\u00e4chelnswerten Briefmarken. Stockhausens Antwort, aber nicht die jugendliche Handschrift meiner Fragen voller Neugier und Protest. Sp\u00e4ter meine von fremder Hand gef\u00fchrten Briefe, die eine erste fragw\u00fcrdige \u201eKarriere\u201c einleiteten. Nur nicht darin herumkramen.<\/p>\n<p>Fotos, wenige von mir. Frauen. Der mit ihrem Einverst\u00e4ndnis bereinigte Rest meiner Troph\u00e4ensammlung. Drehpunkte meiner Biographie. Susan in New York. Wenige gute Freunde. Reisen: Das Beste nicht oder unvollkommen festgehalten. Objekte haben eine gr\u00f6\u00dfere Aura. Mein One-Way-Ticket nach Nairobi 1980. Ein Kofferaufkleber der \u201cTerra australis\u201d. Der Alligatorsch\u00e4del und so weiter. Manches aus meinem kleinen Kellerkabinett dadaistischer Kuriosit\u00e4ten m\u00f6chte ich in den Sarg dazulegen. Aus der jugendlichen Erweckung einen Katalog der \u201eSzene Rhein-Ruhr\u201c 1972 in den Hallen der sp\u00e4teren \u201eMesse Essen\u201c. Der als Kind verschenkte Chevrolet Impala als Yellow Cab der Marke Corgi Toys muss wiederbeschafft werden.<\/p>\n<p>B\u00fccher, die ich gelesen habe? Mein verliehenes, nicht zur\u00fcckerhaltenes Exemplar von Hesses \u201eSiddharta\u201c geh\u00f6rte hierher. Nabokovs \u201eTransparent Things\u201c, Graham Greenes \u201eComedians\u201c, Gombrowicz\u2019s \u201eTrans-Atlantik\u201c, Salters \u201eA Sport and a Pasttime\u201c, Georg Kleins \u201cLibidissi\u201d? Zu fr\u00fch f\u00fcr solche Fragen.<\/p>\n<p>Ganz sicher aber m\u00fcsste mein \u201eReisender\u201c einen Ehrenplatz erhalten \u2013 das etwa einen Zentimeter gro\u00dfe M\u00e4nnchen von der M\u00e4rklin-Eisen\u00adbahn, die ich nie besessen habe \u2013, das sp\u00e4tere Fotomodel des Firwitz Verlags. Habe ich \u00fcberhaupt schon erw\u00e4hnt, dass es sich bei dem Sarg um die seit drei\u00dfig Jahren geplante Firwitz-Kiste handelt?<\/p>\n<p>Wohin mit meinem Zweitsarg, dem einzig z\u00e4hlenden, wenn meine noch gar nicht angemietete gr\u00f6\u00dfere Wohnung von meinen mit einer noch nicht gefundenen Frau noch nicht gezeugten Nachlassverwaltern gek\u00fcndigt werden muss? Welches Museum wollte ihn haben, welches Literaturarchiv lie\u00dfe ihn sich mit guten Worten aufschwatzen, welches Auktionshaus wollte ihn f\u00fcr wie wenig Geld versteigern? Bis die Ant\u00adwor\u00adten gefunden sind, bleibt mir keine Wahl als weiterzuleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[Datei vom 04.03.2006, sp\u00e4ter korrigiert und variiert]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 1. 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