{"id":686,"date":"2014-09-28T15:16:26","date_gmt":"2014-09-28T13:16:26","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=686"},"modified":"2019-05-04T19:45:14","modified_gmt":"2019-05-04T17:45:14","slug":"003-osterei-zeichnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=686","title":{"rendered":"003 &#8211; Osterei zeichnen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 3. Teilabriss<\/p>\n<h2>OSTEREI ZEICHNEN<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An meinem ersten Schultag erkannte ich, was Schule bedeutete. Auch wenn ich es als Sechsj\u00e4hriger nicht so gut h\u00e4tte auf den Punkt bringen k\u00f6nnen \u2013 meine Bef\u00fcrchtung war deutlich.<\/p>\n<p>Damals erfolgte die Einschulung zu Ostern. Wir waren mit Schiefertafeln und wei\u00dfen und farbigen Griffeln ausgestattet und bekamen bereits am ersten Schultag eine Hausaufgabe erteilt. Wir sollten auf unserer Tafel ein sch\u00f6nes Osterei zeichnen.<\/p>\n<p>Das tat ich am Nachmittag. Ich gab mir M\u00fche, das Ei gro\u00df und eif\u00f6rmig zu zeichnen und so, dass die Linie nach dem beschriebenen Oval wieder auf ihren Ansatzpunkt traf. Nachdem der Umriss festgelegt war, malte ich das Ei mit den Farbgriffeln aus, Reihe f\u00fcr Reihe in variationsreichen Mustern, so akkurat ich konnte. Nach mehreren Versuchen war ich mit meiner Arbeit zufrieden. Ich zeigte das Osterei der Mutter, die mich lobte, und ich wischte die Tafel aus.<\/p>\n<p>Mutter fragte, warum ich die Zeichnung wieder ausl\u00f6sche; ich m\u00fcsse sie doch am n\u00e4chsten Tag der Lehrerin vorzeigen.<\/p>\n<p>Da beschlich mich eine d\u00fcstere Vorahnung. Die Schule war ein System, um mich zu kontrollieren. Mein Wort, ich habe ein sch\u00f6nes Osterei gemalt, w\u00fcrde der misstrauischen Lehrerin nicht gen\u00fcgen. Sie wollte einen Beweis meiner Leistung sehen. Mutter hatte mir immer alles geglaubt; in Zukunft w\u00fcrde ich es mit einer argw\u00f6hnischen Welt zu tun bekommen. Mit der Kritik von Fremden, die mich nicht kannten, nicht verstanden.<\/p>\n<p>Schlimmer \u2013 auch alle anderen Kinder in der Klasse zeichneten auf den Wunsch der Lehrerin ihre Ostereier. Man w\u00fcrde vergleichen. Ich war nicht mehr wie zu Hause der Einzige, war nicht mehr tonangebend, musste die Dem\u00fctigungen des Wettbewerbs ertragen. In der Schule w\u00fcrde ich nicht der Mittelpunkt sein, da waren ungef\u00e4hr drei\u00dfig andere Kinder in meinem Alter und mit unterschiedlichen Begabungen.<\/p>\n<p>Nach der Vorfreude, mit dem Beginn der Schulzeit nicht mehr zu den ganz Kleinen zu geh\u00f6ren, erfuhr ich schon am ersten Tag die Zur\u00fccksetzung. Ich war kleiner als je zuvor, war pl\u00f6tzlich einer von Mehreren und musste den Vorstellungen einer mir vorgesetzten Lehrperson entsprechen.<\/p>\n<p>Warum ich das erste gelungene Osterei gleich wieder ausgel\u00f6scht hatte? Ich fand, dass ich nach getaner Pflicht das Recht hatte, auf der Tafel nun wieder zu zeichnen, was ich wollte, Autos oder sonst etwas nach meinem Geschmack.<\/p>\n<p>Missmutig machte ich mich am Nachmittag des ersten Schultags daran, ein zweites Osterei zu zeichnen, das l\u00e4ngst nicht so sch\u00f6n wie das erste wurde und f\u00fcr das ich von der Lehrerin bei weitem nicht so viel Lob erhielt wie von meiner Mutter f\u00fcr das nun unsichtbare Resultat Nummer eins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[13.07.2013,<br \/>\nnach verschiedenen Varianten,<br \/>\nunter anderem in den Stoyke-Fragmenten,<br \/>\nwo das Erz\u00e4hlte dem Protagonisten zugeschrieben wird]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 3. Teilabriss OSTEREI ZEICHNEN &nbsp; An meinem ersten Schultag erkannte ich, was Schule bedeutete. 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