{"id":684,"date":"2014-09-28T15:15:55","date_gmt":"2014-09-28T13:15:55","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=684"},"modified":"2019-05-04T19:46:48","modified_gmt":"2019-05-04T17:46:48","slug":"004-waescheklammerblues","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=684","title":{"rendered":"004 &#8211; W\u00e4scheklammerblues"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 4. Teilabriss<\/p>\n<h2>W\u00c4SCHEKLAMMERBLUES<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oft hatte mich Mutter zum W\u00e4scheaufh\u00e4ngen auf den Trockenboden mitgenommen. Ich half ihr, den Korb mit der feuchten W\u00e4sche aus der k\u00fchlen Waschk\u00fcche die Kellertreppe hoch und durchs Treppenhaus zu tragen, wo uns sp\u00e4testens ab der vierte Etage der Holzgeruch der Balken und Dielen empfing. Im Sommer staute sich die Hitze unter den Dachpfannen.<\/p>\n<p>An den L\u00e4ngsseiten des Dachs befanden sich jeweils drei Luken, die sich nach oben \u00f6ffnen und mit einem gelochten Metallstab arretieren lie\u00dfen. Eine dreistufige Trittleiter aus Holz wechselte immerzu den Platz und stand mal unter der einen, mal unter der anderen Luke. Die Stra\u00dfe war von der Dachschr\u00e4ge verdeckt, aber die Welt aus Dachpfannen und Schornsteinen war spektakul\u00e4r. Die Schule verschwand hinter den Wohnblocks; rechts ein Kirchturm und am Horizont die H\u00fcgel, die das Ruhrtal einfassen. Auf der obersten Stufe der Trittleiter konnte ich gerade einmal mit dem Kopf durch die Luke schauen, doch Mutter bef\u00fcrchtete immer, dass ich \u201edas \u00dcbergewicht kriege\u201c und in die Tiefe st\u00fcrze. Trotzdem verging kein Besuch des Dachbodens, ohne zuerst auf die Leiter zu steigen und eine der Luken zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Mutter hatte dann bereits mit dem Aufh\u00e4ngen der W\u00e4sche begonnen. Jedoch nicht so, wie es zu sein hatte. Nachdem die alten Holzklammern durch bunte Plastikklammern abgel\u00f6st worden waren, schien es mir notwendig, jedes Teil mit Klammern in ein und derselben Farbe aufzuh\u00e4ngen, passend zu dem jeweiligen W\u00e4schest\u00fcck. Die gelbe Bluse nicht etwa mit einer roten und einer blauen, sondern mit zwei gr\u00fcnen Klammern; f\u00fcr das dunkelblaue Hemd kamen nur zwei wei\u00dfe in Frage, und f\u00fcr die schwarzen Socken nur rote. Wenn meine eher pragmatisch vorgehende Mutter solche Regeln nicht beachtete, hatte ich sie zu korrigieren.<\/p>\n<p>Bis in die Gegenwart gehe ich an jedes W\u00e4scheaufh\u00e4ngen wie an die Schaffung eines Kunstwerks heran. W\u00e4re ich ein K\u00fcnstler mit merkantiler Durchsetzungskraft, h\u00e4tte ich die w\u00f6chentlich wechselnden Farbkombinationen der Klammern vielleicht fotografisch dokumentiert und ganze Serien meiner Aufh\u00e4ngkunst in Galerien und Museen ausstellen lassen. Meditativ klammere ich T-Shirts und Socken ans Trockengestell, als h\u00e4tte ich das von einem japanischen Zen-Meister gelernt. In Wirklichkeit handelt es sich um Wissen, das aus meiner Kindheit herr\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wie bei den Fu\u00dfballbildern, die ich mit sieben oder acht Jahren sammelte. Das durchg\u00e4ngige Rot von Trikots, Sporthosen und Stutzen der Kaiserslauterer oder das Rot-Schwarz von Hannover 96 liebte ich, ebenso das gr\u00fcn-gelb-blaue Brasilien. Das Gr\u00fcn-Wei\u00df von Werder Bremen oder das Hertha-Blau-Wei\u00df mochte ich nicht, unabh\u00e4ngig davon, wessen Fan ich war. Im Grunde war ich niemandes Fan.<\/p>\n<p>Dasselbe Farbempfinden wandte ich beim Aufh\u00e4ngen der W\u00e4sche an. Mutter musste mir jedes Mal Zeit lassen, ihre Arbeit neu zu ordnen. Bei einer St\u00f6rung der Proportionen oder Farbkombinationen h\u00e4tte ich mich vor dem Einschlafen aus dem Bett stehlen und auf den Dachboden schleichen m\u00fcssen, um mein k\u00f6rperliches und seelisches Unbehagen zu beseitigen. Nat\u00fcrlich war mir klar, dass die W\u00e4sche ohne R\u00fccksicht auf die Farbe der Klammern trocknete \u2013 rein physikalisch. Aber meine Ausgeglichenheit schien von der richtigen Anwendung der Plastikklammern abzuh\u00e4ngen. Dabei spielte es keine Rolle, was die Nachbarn denken mochten, die den Trockenboden ebenfalls benutzten. Ich stand vielmehr unter dem Diktat unsichtbarer Augen, die immer ALLES sahen und beurteilten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, wenn mich beispielsweise die Frage besch\u00e4ftigte, warum ich mich zu Gem\u00e4lden von Asger Jorn st\u00e4rker hingezogen f\u00fchlte als zu so vielen anderen Abstrakten, kam ich immer wieder auf undefinierbare \u00e4sthetische Gesetze zur\u00fcck. Eine dem Kunstwerk \u2013 mit offenbar anderen Organen als nur mit den Augen wahrnehmbare \u2013 innewohnende Spannung. Es mag nicht \u00fcberraschen, dass ich bei meinen Erkl\u00e4rungsversuchen zu den Urspr\u00fcngen kreativer Energie irgendwann bei den allerersten Felszeichnungen der Menschheit landete. In einem Online-Lexikonartikel zur H\u00f6hlenmalerei lese ich unter anderem die Deutung von Kunstwerken als \u201eMittler zwischen der hiesigen und der jenseitigen Welt\u201c. [Wikipedia, Artikel \u201eH\u00f6hlenmalerei\u201c]<\/p>\n<p>H\u00e4tte ich unter diesem Aspekt nicht andere Arbeitsmaterialien ausw\u00e4hlen k\u00f6nnen als das sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernde Arrangement farbiger W\u00e4scheklammern? Wer wei\u00df schon, was die Jenseitigen anspricht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 4. Teilabriss W\u00c4SCHEKLAMMERBLUES &nbsp; Oft hatte mich Mutter zum W\u00e4scheaufh\u00e4ngen auf den Trockenboden mitgenommen. Ich half ihr, den Korb mit der feuchten W\u00e4sche aus der k\u00fchlen Waschk\u00fcche die Kellertreppe hoch und durchs Treppenhaus zu tragen, wo uns sp\u00e4testens ab der vierte Etage der Holzgeruch der Balken und Dielen empfing. 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