{"id":682,"date":"2014-09-28T15:15:29","date_gmt":"2014-09-28T13:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=682"},"modified":"2019-03-04T18:16:53","modified_gmt":"2019-03-04T16:16:53","slug":"005-zaunwinde-und-geiss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=682","title":{"rendered":"005 &#8211; Zaunwinde und Gei\u00df"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 5. Teilabriss<\/p>\n<h1>Zaunwinde und Gei\u00df<\/h1>\n<p>Vier B\u00fccher durfte man gleichzeitig ausleihen. Das reichte bei Mutter f\u00fcr eine Woche. Wir hatten unseren festen Wochentag, an dem sie mich mitnahm in die Stadtteilbibliothek. Ich lernte lesen.<\/p>\n<p>Mit sechs bekam ich meinen eigenen B\u00fcchereiausweis. \u201eKind\u201c ist mit blauer Tinte als Beruf eingetragen. Ich besitze ihn noch, den Ausweis aus grauem Karton, mit der Tasche f\u00fcr die Buchlaufkarten. Vorausgegangen war da schon eine Reihe w\u00f6chentlicher B\u00fcchereibesuche.<\/p>\n<p>Wohin mit mir, w\u00e4hrend Mutter die Regale vorhandener Belletristik durchforstete? Die ausl\u00e4ndische Literatur, an der nach dem Krieg ein gro\u00dfes Nachholbed\u00fcrfnis herrschte. Die Regale mit den Klassikern, vor denen Mutter immer allein stand. Die K\u00fcnstler- und Politikerbiographien, Memoiren, historische Romane. B\u00fccher, die sie anlas, zur\u00fcckstellte oder zum wiederholten Male auslieh.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kinder meines Alters gab es vornan eine quadratische Holzkiste, durch zwei sich kreuzende Bretter in vier F\u00e4cher unterteilt. Wenn kein anderes Kind die B\u00fccher durcheinander gebracht hatte, waren sie sortiert von Bilderb\u00fcchern, die ganz ohne W\u00f6rter auskamen, bis hin zu B\u00fcchern mit immer mehr Text und immer kleineren Bildern.<\/p>\n<p>Den nachhaltigsten Eindruck hinterlie\u00df bei mir <em>Die vorwitzige Zaunwinde<\/em>. \u201eVorwitzig\u201c d\u00fcrfte das erste fremde Wort gewesen sein, das ich mir lesend \u2013 buchstabierend noch \u2013 selbst erschlossen habe. Es war nicht wie \u201eStra\u00dfe\u201c oder \u201eAmpel\u201c oder \u201eFu\u00dfball\u201c im allt\u00e4glichen Gebrauch. Die Geschichte in dem Buch machte klar, was \u201evorwitzig\u201c bedeutete.<\/p>\n<p>Zum beginnenden Fr\u00fchjahr hat eine einzelne Zaunwinde es besonders eilig zu wachsen. Und weil sie in ihrer beachtlichen H\u00f6he bald konkurrenzlos dasteht, wird sie als erste von der Ziege entdeckt und gefressen.<\/p>\n<p>Die erste gr\u00f6\u00dfere Leseanstrengung meines Lebens bescherte mir diese Moral. Kaum hatte ich verstanden, was da erz\u00e4hlt wurde, setzte meine Emp\u00f6rung ein. Und Trauer. Mein Beruf als Kind bestand darin zu wachsen. Wer seinen Job besonders gut machte, sollte daf\u00fcr bestraft werden? Vielleicht liegt in dem fr\u00fchen Warnschuss der Grund, warum ich es nicht \u00fcber 1,68 Meter gebracht habe.<\/p>\n<p>Meine Trauer \u00fcber der quadratischen Holzkiste, w\u00e4hrend Mutter sorgf\u00e4ltig ihr Lesefutter f\u00fcr die Woche w\u00e4hlte, ersch\u00f6pfte sich jedoch nicht in Selbstmitleid, sondern war meine vielleicht erste Empfindung von Solidarit\u00e4t. Ich litt mit der Zaunwinde.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re allerdings nicht nur \u00fcbertrieben, es w\u00e4re eine L\u00fcge zu behaupten, die von der Gei\u00df ermordete und gefressene Zaunwinde habe meine Kindheit gepr\u00e4gt. Lange Zeit hatte ich das vermeintliche Kinderbuch vollst\u00e4ndig vergessen.<\/p>\n<p>In den Jahren 1977 bis 1983 \u2013 da war ich zwischen zweiundzwanzig und achtundzwanzig Jahre alt \u2013 experimentierte ich mit Substanzen, die geeignet sind, der Erinnerung auf die Spr\u00fcnge zu helfen. Und glauben Sie nicht, es sei alles Trug und Wahn und Selbstt\u00e4uschung, was ein Mensch in diesen besonderen Zust\u00e4nden erlebt. Das Mittel, dem ich viel verdanke, ist dasselbe, das auch in der Psychoanalyse eingesetzt wurde, um Kindheitstraumata ins Bewusstsein zur\u00fcckzuholen. Das war aber nicht mein Ansatz und nicht meine Absicht. Ich war nicht therapiebed\u00fcrftig und stand der Psychoanalyse zeitlebens misstrauisch bis feindlich gegen\u00fcber. Dennoch fiel mir in einer meiner einsamen Sessions die Zaunwinde ein. Vielleicht suchte der Stoff die Verwandtschaft. Bestimmte Prunkwinden, wie die <em>Ipomoea tricolor<\/em>, enthalten ein Mutterkornalkaloid, das LSA. Das wirft nachtr\u00e4glich ein neues Licht auf das Kinderbuch in der \u00f6ffentlichen B\u00fccherei. Welch augenzwinkerndes Verst\u00e4ndnis hatte einen englischen Verlagslektor bewogen, meinen kleinen Band \u00fcber halluzinogene Pflanzen in die Reihe \u201eA Golden Guide\u201c aufzunehmen? Die Zaunwinde meiner Kindheit geriet pl\u00f6tzlich in eine Rubrik mit der Frucht vom Baum der Erkenntnis \u2013 \u201esi folget ir bosen furwitz und t\u00ebt dar in einen biz\u201c, hei\u00dft es in der Milst\u00e4tter Genesis \u00fcber Eva, die in den Apfel bei\u00dft. Die Vertreibung aus dem Paradies als Strafe f\u00fcr die unerlaubten Mittel, zu der Erkenntnis zu gelangen, die nur einem Gott vorbehalten war. Auch die <em>Historia von D. Johann Fausten, dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzk\u00fcnstler<\/em>, war vorgeblich \u201eallen hochtragenden, f\u00fcrwitzigen und gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel\u201c aufgeschrieben. Der bestrafte Vorwitz hatte, wie sich mir immer mehr erschloss, eine zeit- und weltumspannende Tradition.<\/p>\n<p>Was aber das Kinderbuch aussparte, war eine Auskunft, wie es der Ziege nach dem Genuss der Zaunwinde ergangen ist. Sie hatte den F\u00fcrwitz gefressen, wie ich.<\/p>\n<p>Nochmals viele Jahre sp\u00e4ter er\u00f6ffnet die neue Kommunikationstechnologie weitere Zusammenh\u00e4nge. In diesem Fall war es ein Band mit Sagen aus dem Allg\u00e4u von 1914, den ich auch ohne das Internet h\u00e4tte finden k\u00f6nnen. Doch hingen meine Entdeckungen bis vor einiger Zeit noch st\u00e4rker vom Zufall ab \u2013 soweit die W\u00f6rter \u201eVorwitz\u201c, \u201evorwitzig\u201c, F\u00fcrwitz\u201c, f\u00fcrwitzig\u201c usw. nicht im Titel der Ver\u00f6ffentlichung auftauchten. In den <em>Allg\u00e4uer Sagen<\/em> ist unter der Kapitel\u00fcberschrift \u201eGeisternde Hirten\u201c von einem polternden, keine Ruhe findenden Geist die Rede. Zu Lebzeiten hatte er als Viehhirte seinen Spa\u00df gehabt, als eine Kuh, sich mehrfach \u00fcberschlagend, einen steilen Abhang hinunterbockte. Nach seinem Tod muss er die Kuh wie Sisyphos den Stein unerm\u00fcdlich den Berg hinaufschleppen, von wo sie jedes Mal wieder hinabkollert. Sein abwechselndes St\u00f6hnen und Lachen verfolgt die Bewohner der Gegend. Sie rufen einen Geistlichen zu Hilfe, der den spukenden Geist b\u00e4ndigen soll. In dieser Prozedur verlangt der Geist, bevor er sich mit seiner Verbannung auf eine schroffe Bergspitze abfinden will, nach dem \u201eF\u00fcrwitz\u201c. Da niemand wei\u00df, wer oder was mit dem \u201eF\u00fcrwitz\u201c gemeint ist, \u00fcberl\u00e4sst man dem unfriedlichen Toten eine Ziege, die er sogleich in Fetzen zerrei\u00dft.<\/p>\n<p>[ver\u00f6ffentlicht in: <em>Sinn und Form<\/em> 2013, Erstes Heft]<\/p>\n<p>[Das Buchcover und das Inhaltsverzeichnis des wiedergefundenen Kinderbuchs zeigt die folgende PDF-Datei:]<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/005-Zaunwinde-Quelle.pdf\" target=\"_blank\">005 Zaunwinde Quelle<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 5. Teilabriss Zaunwinde und Gei\u00df Vier B\u00fccher durfte man gleichzeitig ausleihen. Das reichte bei Mutter f\u00fcr eine Woche. Wir hatten unseren festen Wochentag, an dem sie mich mitnahm in die Stadtteilbibliothek. Ich lernte lesen. Mit sechs bekam ich meinen eigenen B\u00fcchereiausweis. \u201eKind\u201c ist mit blauer Tinte als Beruf eingetragen. Ich &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=682\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;005 &#8211; Zaunwinde und Gei\u00df&rsquo; &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/682"}],"collection":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=682"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1347,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/682\/revisions\/1347"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}