{"id":676,"date":"2014-09-28T15:13:14","date_gmt":"2014-09-28T13:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=676"},"modified":"2014-09-28T15:13:14","modified_gmt":"2014-09-28T13:13:14","slug":"008-das-fuerwitzelchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=676","title":{"rendered":"008 &#8211; Das F\u00fcrwitzelchen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 8. Teilabriss<\/p>\n<h1>Das F\u00fcrwitzelchen<\/h1>\n<p>Auf welche Weise sich das F\u00fcrwitzelchen zuerst bemerkbar machte, ist im Nachhinein schlecht festzustellen. Nichtssagend w\u00e4re eine Formulierung wie \u201eEs war da, seit ich denken kann\u201c. Denn erstens kann ich nicht nachhalten, seit wann das der Fall ist (und in letzter Zeit zweifle ich mich immer \u00f6fter, dass es auf diese F\u00e4higkeit ankommt). Und zweitens kann es ja lange schon da gewesen sein, bevor ich es bemerkt habe. Oder ich hatte es bemerkt und wieder vergessen. Ein sehr deutlicher Eindruck seiner Pr\u00e4senz wechselte mit Phasen ab, in denen das F\u00fcrwitzelchen fast vollst\u00e4ndig in den Hintergrund trat. F\u00fcr l\u00e4ngere Zeit geriet es aus meinem Blickfeld. Wobei \u201eBlickfeld\u201c ein schlechtes Wort ist. Gesehen im w\u00f6rtlichen Sinn habe ich das F\u00fcrwitzelchen wohl nie. Zumindest w\u00e4re da keine \u00e4u\u00dfere Ge\u00adstalt, die ich beschreiben k\u00f6nnte. Und wenn das Wort \u201eBlickfeld\u201c f\u00fcr meine Wahrnehmung dennoch eine Berechtigung hat, dann tauchte das F\u00fcrwitzelchen am ehesten als eine Art Schemen im Augenwinkel auf. Meist hinten rechts.<\/p>\n<p>Ganz unlieb w\u00e4ren mir Etikettierungen wie \u201eD\u00e4mon\u201c, \u201eKobold\u201c, \u201eGeist\u201c, \u201ePhantom\u201c usw. Sie tragen nicht nur nichts zur Kl\u00e4rung bei, sie werfen auch ein schr\u00e4ges Licht auf mich. Ich bin kein Esoteriker. Kein Mystiker. Und \u00fcberhaupt nichts anzufangen wei\u00df ich mit der Welt der Fantasy-Romane. Ob ich verr\u00fcckt bin? Das muss sich zeigen.<\/p>\n<p>Es geht nicht um Begriffe. Manchmal war ich geneigt, das F\u00fcrwitzelchen als ein Prinzip zu bezeichnen. Allerdings eines mit K\u00f6rper. Wenn ich gesagt habe, dass da keine \u00e4u\u00dfere Gestalt auftauchte, die ich beschreiben k\u00f6nnte, so bin ich mir andererseits der stofflichen Verdichtung ganz sicher. Es war da, im Raum, sprach zu mir, wenn auch nicht mit Worten. Oder doch. Ich glaube nicht, dass ich das, was es mir mitteilte, \u00fcber meine Ohren wahrgenommen habe.<\/p>\n<p>Gleichwohl spielte sich die Verst\u00e4ndigung keineswegs in einem akustischen Vakuum ab. Ich mochte etwas anderes geh\u00f6rt haben, den Schrei eines Vogels, der drau\u00dfen vorbeiflog oder \u2013 seltsam genug \u2013 auf der Fensterbank landete. Das Aufheulen eines angefahrenen Hundes. Das Kreischen einer elektrischen S\u00e4ge (von wo?). Die Spitze einer Bohrmaschine, die von nebenan in meine Wohnung hineinzusto\u00dfen trachtete. Was immer es war \u2013 in der Anwesenheit des F\u00fcrwitzelchens (und durch seinen Einfluss?) \u00fcbersetzte ich den Laut in ein mir unbekanntes Wort, wusste aber zugleich, in welchem W\u00f6rterbuch ich es finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wenn Sie glauben, ich liebte es, mich r\u00e4tselhaft auszudr\u00fccken, so kann ich versichern: Das Gegenteil ist der Fall. Mit Ihrer Hilfe bin ich um eine m\u00f6glichst pr\u00e4zise Beschreibung bem\u00fcht. Wenn es allerdings um das Wort geht, dem ich auf seinen Zuruf (und ich betone, dass ich die Stimme nicht im eigentlichen \u2013 akustischen \u2013 Sinne wahrnahm) als erstes nachsp\u00fcrte, muss ich mich ausschweigen. Ja, ich muss. V\u00f6llig gegen mein aufgeschlossenes Naturell. Das Schweigen dar\u00fcber war eine in der Mitteilung enthaltene Bedingung. Ebenso, wie mir die Fundstelle im W\u00f6rterbuch in dem Bruchteil einer Sekunde mitgeliefert wurde \u2013 ich wei\u00df nicht, \u00fcber welche Kan\u00e4le sich der Informationstransfer abspielte. Der damit verbundene Auftrag wurde mir sogleich klar. Die L\u00f6sung. Die Devise. Kurz: die Antwort auf eine Frage, die gestellt zu haben ich mir nicht bewusst war.<\/p>\n<p>Wie aber l\u00e4sst sich mein gesamtes Verhalten der letzten Monate (vielleicht Jahre) erkl\u00e4ren, wenn nicht als eine unausgesprochene Frage? Wieso begab ich mich in eine Lage, in der mit dem Auftauchen von so etwas wie dem F\u00fcrwitzelchen gerechnet werden konnte?<\/p>\n<p>Falscher Ansatz. Nicht um mich geht es. Wenn das F\u00fcrwitzelchen mir etwas sagen wollte \u2013 und davon war ich auf der Stelle \u00fcberzeugt \u2013, dann spiele ich keine andere Rolle als die eines austauschbaren Werkzeugs. Oder darf ich mich als ein Auserw\u00e4hlter f\u00fchlen? Das F\u00fcrwitzelchen in meiner N\u00e4he zu wissen, von ihm be\u00adobachtet, begleitet, geleitet zu werden oder es in mir gesp\u00fcrt zu haben, regt an, seinem Prinzip zu folgen. Wenn es ein Prinzip ist. Ich suche nicht nach einer Erkl\u00e4rung. Schon gar nicht h\u00e4tte ich jemanden um nichts erkl\u00e4rende Beurteilungen wie \u201eBesessenheit\u201c, \u201efixe Idee\u201c, \u201eRealit\u00e4tsverlust\u201c gebeten, und was ich mir sonst anh\u00f6ren musste. Nein, Leute! Das F\u00fcrwitzelchen taucht mit fast schon gewohnter \u2013 wenn auch keineswegs berechenbarer oder gar regelm\u00e4\u00dfiger \u2013 Selbstverst\u00e4ndlichkeit auf. Das hat nichts Be\u00e4ngstigendes, hatte es auch beim ersten Mal nicht gehabt. Eher der Eindruck einer Geborgenheit im Verlorensein, der sich mit meiner Zustimmung \u2013 als ob ich eine Wahl h\u00e4tte \u2013 unmittelbar einstellt.<\/p>\n<p>Nun aber zur Sache. Zu den unendlich erscheinenden M\u00f6glichkeiten, die ich nutzen kann. Nutzen muss. W\u00e4hrend die Zeit vergeht. Und der Preis daf\u00fcr, mich hin\u00adauszustehlen aus den Abl\u00e4ufen. Stimmt das? Spielen sich die Verbrennungsprozesse in mir nicht noch hitziger ab? Trotzdem, die extreme Verz\u00f6gerung in den \u00e4u\u00dferen Vorg\u00e4ngen, mein Lupenblick, die Vernichtung, erkauft durch welchen Gewinn? Ist es buchhalterisch gedacht, wenn ich Ausgeglichenheit voraussetze? Ein kosmisches Nullsummenspiel. Naiv. Nein. Ich werde zu etwas gebraucht. Lachhaft. Und kein bisschen komisch.<\/p>\n<p>Politik. Nicht die kleinliche Tagespolitik, obwohl auch die von Liebenswertem durchschwappt ist. Das Weltgeschehen. Bin ich gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig? Nein, das ist es ja gerade, warum sich das F\u00fcrwitzelchen eingemischt hat. Sein Wesen ist das Sich-Einmischen. Den uns zugewiesenen (von wem?) Ort verlassen. R\u00e4umlich sowieso. Das Schwierige sind die nicht-geographischen Ortswechsel. Unentdeckte vorlaute Einw\u00fcrfe. Springende Perspektiven. Nach oben ausbrechende Wellen. Aus Wiederholungen der pl\u00f6tzliche Durchsto\u00df ins Nieerlebte. Es w\u00e4re falsch zu sagen, dass es dazu einer Ermutigung bed\u00fcrfte. Was nun passiert, hat nichts mit Mut zu tun. Ein tragender Gleitflug, und selbst die Turbulenzen sind lustig. Das Hoppla-Gef\u00fchl noch im Sturz.<\/p>\n<p>Wer kennt sich aus mit den Richtungen? Sympathische Versuche, sich zu orientieren. Im Emoplasma. Eine wohl in den Genen gespeicherte Rudiment\u00e4rerinnerung an das Nichts. Ich gebe einem Impuls nach; das Objekt reagiert mit Gleichmut. Ich muss nicht ziehen, ich muss nicht dr\u00fccken, es geht alles von selbst. Die Welt ist stimmig. Perfekt. Wo ist der Makel, es muss ihn geben. Etwas, wodurch sie sich verr\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00dcber dem aufgeschlagenen W\u00f6rterbuch eine momentane Ewigkeit in Legasthenie verharrend. Das Ergr\u00fcndenwollen bricht eine Schneise durch die Starre. Ebenso k\u00f6nnte ich Kristalle vergleichen, ein Salz- und ein Zuckerkristall. Wie zeigt sich der unterschiedliche Geschmack in der Form? \u00c4hnlich wie bei den Menschen? Ein gr\u00f6\u00dferes Bet\u00e4tigungsfeld.<\/p>\n<p>Erotik. Nicht die grobfleischliche Variante. Die unsichtbaren Linien sichtbar machen, auf denen Reize wandern. Wandern? Str\u00f6men. Flitzen. Zerhackte Informationen, am Ziel zusammengesetzt? Ameisenstra\u00dfen im Zeitraffer, die Schwarmintelligenz der Dinge. Einen vor\u00fcbergleitenden Eindruck lang erahne ich ihren Zeichenaustausch. Dann schweigen sie wieder, in atmender Ruhe.<\/p>\n<p>\u00c4sthetik. Eine distanzierte Vereinigung? Farben in spitzb\u00fcbischer Kombinatorik. Mein Blick kann sie aus ihrer phlegmatischen Form fallen lassen. Es gen\u00fcgt eine Winzigkeit, und sie schwanken. Hauchd\u00fcnne Dissonanzen zwischen den T\u00f6nen. Br\u00fcche in der Stimme. Eine unstimmige Resonanz des Klangk\u00f6rpers. Des K\u00f6rpers, auf den die Stimme angewiesen ist. Den sie sich in all den Jahren aufgezwungen hat. Einen anderen gibt es nicht. Der K\u00f6rper, der uns verr\u00e4t. Die Ge\u00adstalt.<\/p>\n<p>Warum \u201eF\u00fcrwitzel<em>chen<\/em>\u201c? Nimmst du meine Kompaktheit nicht ernst? T\u00f6dlich ernst?<\/p>\n<p>Sorry! Witzelsucht, klinisch nachweisbar. Unheilbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 8. Teilabriss Das F\u00fcrwitzelchen Auf welche Weise sich das F\u00fcrwitzelchen zuerst bemerkbar machte, ist im Nachhinein schlecht festzustellen. Nichtssagend w\u00e4re eine Formulierung wie \u201eEs war da, seit ich denken kann\u201c. 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