{"id":610,"date":"2014-09-27T16:30:26","date_gmt":"2014-09-27T14:30:26","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=610"},"modified":"2014-09-27T16:30:26","modified_gmt":"2014-09-27T14:30:26","slug":"034-autisten-und-junggesellen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=610","title":{"rendered":"034 &#8211; Autisten und Junggesellen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 34. Teilabriss<\/p>\n<p><strong>Autisten und Junggesellen (Fragment)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left; padding-left: 330px;\">\u201eEr brachte sich nicht mehr dazu, seinen Anspruch<br \/>\nzu beschr\u00e4nken, das Kunstwerk zu isolieren,<br \/>\nes aus dem gro\u00dfen Zusammenhang zu rei\u00dfen,<br \/>\nin den er es geh\u00f6rig wusste.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left; padding-left: 330px;\">Sigmund Freud,<br \/>\n<em>Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Fernsehbeitrag zur Kunst-Biennale 2013 in Venedig (die ich nicht besuchte) wurde ich auf Peter Fritz (1916\u20132008) aufmerksam, einen ehemaligen Versicherungsbeamten aus Wien, der \u00fcber zwanzig Jahre hinweg am Feierabend mindestens 387 Modellh\u00e4user aus verschiedenen Materialien herstellte. Nach seinem Tod hatte er Gl\u00fcck. Die Frage \u201eIst das Kunst oder kann das weg?\u201c hat ein K\u00fcnstler und Ausstellungsmacher, der die H\u00e4user in einem Antiquariat in Plastiks\u00e4cken verpackt entdeckte, zugunsten der Kunst beantwortet, zugegriffen, auf verschiedenen Ausstellungen pr\u00e4sentiert, und nun sind etwa 200 der H\u00e4user auf der Biennale in Venedig zu sehen.<\/p>\n<p>Es kann auch ung\u00fcnstiger ausgehen. Die Erben von Armand Schulthess beispielsweise vernichteten 1973 den allergr\u00f6\u00dften Teil des einzigartigen Gesamtkunstwerks des im Jahr zuvor verstorbenen K\u00fcnstlers.<br \/>\n\u00dcber meine Lieblingsautisten aus Kunst und Literatur beabsichtige ich demn\u00e4chst einen Essay oder eine Reihe Kurzportr\u00e4ts zu schreiben.<\/p>\n<p>\u201eAutist\u201c, im poetologischen, nicht im pathologischen Sinne, benutze ich zur Abgrenzung von anderen K\u00fcnstler- und Schriftstellertypen wie den eitlen Selbstdarstellern, zudringlichen Missionaren, Lehrern, den Managern und Verk\u00e4ufern ihres Werks, den Flie\u00dfbandproduzenten, Gewerkschaftsf\u00fchrern der Literatur, Sozialarbeitern, seri\u00f6sen Versicherern oder Wortclowns. Letztere w\u00e4ren eine mir relativ sympathische Kategorie, doch eigne ich mich selbst leider nur begrenzt f\u00fcr Clownerien.<\/p>\n<p>Einige w\u00e4ren dabei, die bereits Harald Szeemann in seinen Katalog &#8222;Der Hang zum Gesamtkunstwerk&#8220; aufgenommen hat oder unter die Konstrukteure von Junggesellenmaschinen einreiht. Andere gro\u00dfe von ihren jeweiligen Autismusen Gek\u00fcsste sind mir in anderen Zusammenh\u00e4ngen begegnet; wenn&#8217;s interessiert schreibe ich demn\u00e4chst mehr dazu.<\/p>\n<p>Das einsame Werkeln hat den Nachteil, relativ teuer und meistens nur schlecht vermarktbar zu sein. Au\u00dferdem zwingt der Markt den Werkschaffenden ja eine gewisse Kommunikationsbereitschaft auf<\/p>\n<p>Gestern Abend zur\u00fcck zu den Gesamtkunstwerken und Junggesellenmaschinen. Die Weltmaschine des Franz Gsellmann in einer Scheune in der \u00f6stlichen Steiermark. Das Mausoleum des Brieftr\u00e4gers Ferdinand Cheval, der Wald des Armand Schulthess, der Merzbau, die Maschinen bei Raymond Roussel. Es sind solche Autisten (nicht im pathologischen Sinne und ohne verminderten IQ), die unbeeindruckt von positivem oder negativem Feedback \u00fcber Jahre, Jahrzehnte unbeirrt und weitgehend unbemerkt ihr Werk schaffen, die mich faszinieren. Nicht die Personen im Blickpunkt der \u00d6ffentlichkeit, die Selbstinszenierer wie Richard Wagner usw. wenn einer meiner Arbeitskollegen mich in sein halbes Reihenhaus am Stadtrand einl\u00fcde, dort eine Klappe im Fu\u00dfboden \u00f6ffnete, mich hinuntersteigen lie\u00df, und ich nach und nach entdeckte, er hat das halbe Stadtviertel unterh\u00f6hlt, zweihundert R\u00e4ume, jeder anders gestaltet, anders m\u00f6bliert, mit verschiedenen Musiken aus verborgenen Lautsprechern, bewohnt von verkleideten Schaufensterpuppen oder mumifizierten Leichen, ja, das w\u00e4re eine Entdeckung, die alle Ruhms\u00fcchtigen aus den Feuilletons in den Schatten stellte.<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenwelt r\u00fchrt nicht ans Universum, das ich in mir trage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[19.06.2013]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 34. 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