{"id":608,"date":"2014-09-27T16:25:03","date_gmt":"2014-09-27T14:25:03","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=608"},"modified":"2014-09-27T16:25:03","modified_gmt":"2014-09-27T14:25:03","slug":"035-gabriele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=608","title":{"rendered":"035 &#8211; Gabriele"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 35. Teilabriss<\/p>\n<p><strong>Gabriele<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Der Schulpflicht entwachsen, wollte ich auf Teufel komm raus etwas lernen und besuchte wahllos \u2013 so mochte es f\u00fcr Au\u00dfenstehende scheinen, f\u00fcr mich aber meinen verschiedenen Neigungen entsprechende \u2013 Kurse an der st\u00e4dtische Volkshochschule: Soziologie, Astronomie, Psychologie, Visuelle Kommunikation bei einem \u00fcberregional bekannten Fotografen, Filmanalyse, Kunstgeschichte, einen Theater-Workshop, zwei Semester Portr\u00e4tzeichnen, im zweiten davon traute ich mich parallel ans Aktzeichnen.<\/p>\n<p>Montags beim Portr\u00e4tzeichnen geh\u00f6rte zur Gruppe eine Sch\u00fclerin vom Werdener Gymnasium, ein gutes Jahr j\u00fcnger als ich. Bald fiel mir auf, dass sie das wiederkehrende Portr\u00e4tmodell, einen Rentner, treffsicher und in jedem Fall wiedererkennbar mit dem Kohlestift auf den Zeichenblock zu bannen verstand. Manchmal gelang es mir, mich in der Pause kurz mit ihr zu unterhalten. Sie machte in einer Schultheatergruppe mit, wo sie \u201eDie kahle S\u00e4ngerin\u201c von Ionesco ein\u00fcbte, und wenn ich mich richtig erinnere, spielte sie die Hauptrolle. Wie sich das mit ihren langen blonden Haaren vereinbaren lie\u00df, war mir damals schon r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Sie kannte auch den jungen Filmemacher Falk Lenhard. Sp\u00e4ter w\u00fcrde sie die Protagonistin in zweien seiner Spielfilme sein, im \u201eSp\u00e4tsommerfilm\u201c (1976) und in \u201eAlles verlassen\u201c (1983); beides Schwarz-Wei\u00df-Filme.<\/p>\n<p>Zur Zeit unseres VHS-Kurses aber improvisierte die Gruppe um Falk Lenhard noch, im Sommer oft auf der Brehm-Halbinsel in der Ruhr vor dem Werdener Gymnasium.<\/p>\n<p>Viel mehr erfuhr ich zun\u00e4chst nicht von der Sch\u00fclerin, die ich, solange ich ihren Namen nicht wusste, Monti nannte, weil ich sie immer montags traf.<\/p>\n<p>In den Pausen stand sie gern abseits. Einmal bemerkte ich, dass sie ein bereits fertiges und gut gelungenes Portr\u00e4t des Rentners weiterzeichnete, Teile des Kopfs wie die Haare und Ohren ins Phantastische verl\u00e4ngerte und in surreale Ornamente \u00fcbergehen lie\u00df. Als sie mich hinter sich entdeckte, zuckte sie zusammen und wurde verlegen.<\/p>\n<p>\u201eToll\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Ausbildung war ich 1973 f\u00fcr drei Monate an den St\u00e4dtischen B\u00fchnen t\u00e4tig, zwar nur in der Verwaltung, aber wir Verwaltungsheinis teilten uns immerhin mit dem k\u00fcnstlerischen Personal eine unterirdische Kantine, von der aus ein Gang unter der Stra\u00dfe das Vormietb\u00fcro, in dem ich arbeitete, mit dem Schauspielhaus verband. Ich hatte auch die M\u00f6glichkeit, Freikarten f\u00fcr die Auff\u00fchrungen zu bekommen. Als \u201eGl\u00fcckliche Tage\u201c von Beckett gespielt wurde, \u00fcberwand ich meine Sch\u00fcchternheit und fragte \u201eMonti\u201c, ob sie das St\u00fcck mit mir sehen wolle, ich bek\u00e4me Freikarten.<\/p>\n<p>Ihre Ablehnung war nicht unfreundlich, aber so definitiv, dass sie mir klarmachte, ich brauche ihr nie wieder ein vergleichbares Angebot zu machen. Sie sagte in etwa: \u201eNimm\u2019s nicht pers\u00f6nlich! Aber ich glaube, dass alles, was wir wissen m\u00fcssen, in uns vorhanden ist, und wir ben\u00f6tigen nichts, was von au\u00dfen kommt.\u201c<\/p>\n<p>Ich nahm ihre Antwort widerspruchslos hin. Es klang ein bisschen nach Hermann Hesse, der mir als Achtzehnj\u00e4hrigem noch nicht ganz fern lag, nach dem geheimnisvollen Weg nach Innen, den Novalis beschreibt, und ich verstand auch, dass ich kein vielversprechender Filmemacher wie Falk Lenhard war, sondern ein k\u00fcnstlerisch nicht besonders talentierter Junge, der seine Ausbildung bei der Stadtverwaltung machte und nebenher zu zeichnen versuchte.<\/p>\n<p>Ich traf Monti, alias Gabriele \u2013 irgendwann verriet sie mir ihren Namen \u2013 auch im Aktzeichenkurs und in einem Wochenendseminar zu Marcel Duchamp. Selbstverst\u00e4ndlich hatte ich sie danach nicht vergessen. Ich sah die Premiere des \u201eSp\u00e4tsommerfilm\u201c und hoffte, sie dort zu treffen. Vom anwesenden Regisseur Falk Lenhard erfuhr ich, Gabriele sei inzwischen Meistersch\u00fclerin von Rudolf Hausner in Wien, und ich musste an ihr Portr\u00e4t von dem Rentner denken, mit den grotesk verl\u00e4ngerten Gesichtsteilen. Es passte.<\/p>\n<p>Ich besuchte auch die Premiere ihres zweiten Films, dem etwas depressiven \u201eAlles verlassen\u201c. Da ich erst sehr sp\u00e4t den F\u00fchrerschein machte, war eine solche Vorf\u00fchrung in der \u201eFilmb\u00fchne\u201c in Essen-Altenessen nichts, wo ich von Langenberg im Rheinland aus mal kurz hinfuhr, sondern ein Halbtagesausflug mit dem Fahrrad. Bei Regen radelte ich im Mai 1983 bangend einer m\u00f6glichen Wiederbegegnung entgegen, zehn Jahre nach dem Portr\u00e4tzeichenkurs an der VHS. W\u00fcrde sich Gabriele an mich erinnern? Inzwischen hatte ich auf dem Zweiten Bildungsweg mein Abi gemacht und war schon einige Semester Student der Literaturwissenschaft, im Unterschied zu meiner Zeit als Verwaltungspraktikant nichts, wof\u00fcr ich mich sch\u00e4mte. Aber Gabriele tauchte auch bei der Vorf\u00fchrung von \u201eAlles verlassen\u201c nicht auf.<\/p>\n<p>Viel sp\u00e4ter erfuhr ich \u00fcber eine Freundin von Falk Lenhard, Gabriele habe kurz vor ihrem drei\u00dfigsten Geburtstag tats\u00e4chlich alles verlassen. Am 10. Juni 1986 setzte sie ihrem Leben ein Ende.<\/p>\n<p>Im selben Gespr\u00e4ch war ich verbl\u00fcfft zu h\u00f6ren, dass auch Falk Lenhard nicht mehr lebte. Ob es sich hierbei ebenfalls um ein selbstgew\u00e4hltes Ende handelte oder um einen Unfall durch die Einnahme nicht miteinander harmonisierender Wirkstoffe, konnte auch Falk Lenhards Freundin, die ihn bewusstlos in seiner Wohnung gefunden hatte, nicht eindeutig sagen.<\/p>\n<p>Mit den M\u00f6glichkeiten des Internet fand ich sp\u00e4ter mehr \u00fcber Gabriele heraus und sah eine Reihe ihrer Gem\u00e4lde. Das Online-Lexikon nennt 12.440 Seiten in 56 Tageb\u00fcchern, die sich allerdings, wie ich vom Forum f\u00fcr Nachl\u00e4sse von K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern in Hamburg erfahre, nicht dort, sondern im Familienbesitz befinden. Ich konnte auch einen Beitrag in einer Buchver\u00f6ffentlichung googeln. Zwei Kunstwissenschaftlerinnen haben den Nachlass gesichtet. Die \u00dcberschrift ihres Artikels zitiert offenbar einen Satz aus Gabrieles Tageb\u00fcchern: \u201eIch bin mir meine eigene Zeitung.\u201c<\/p>\n<p>So etwas \u00c4hnliches sagte sie doch 1973 auch zu mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[19.06.2013]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 35. 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