{"id":571,"date":"2014-09-27T00:59:48","date_gmt":"2014-09-26T22:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=571"},"modified":"2014-09-27T00:59:48","modified_gmt":"2014-09-26T22:59:48","slug":"050-verblasster-eindruck-ein-zeichenversuch-text","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=571","title":{"rendered":"050 &#8211; Verblasster Eindruck \/ Ein Zeichenversuch [Text]"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 50. Teilabriss<\/p>\n<h1>Ein Zeichenversuch<\/h1>\n<p>Die Bilder wollten aufs Papier. Aber von wo aus wollten sie dorthin? Ich kann nicht behaupten, dass sie sich zuvor in meinem Kopf befunden hatten sich und zur Entlastung meiner Psyche ihren Weg nach Au\u00dfen bahnen mussten. Sie entstanden erst auf dem Papier. Andererseits war ich zu keinem Zeitpunkt \u2013 auch nicht auf den Hochphasen der Trips \u2013 ein Medium, das einen fremden Willen ausf\u00fchrte. Kein D\u00e4mon f\u00fchrte meine Hand. Nichts floss einfach nur durch mich hindurch.<\/p>\n<p>Bereits w\u00e4hrend des Zeichnens setzte die Interpretation ein und bestimmte das Ergebnis. Besonders deutlich erfuhr ich dieses Verfahren bei dem einzigen Aquarell, dass w\u00e4hrend der h\u00f6chsten Wirkungsphase der Lysergs\u00e4ure entstanden ist.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df auf einer Weide im englischen Lake District bei Bowness-on-Windermere und hatte einen Aquarellblock, Wasserfarben, Pinsel und ein Gl\u00e4schen mit Wasser mitgenommen.<\/p>\n<p>Der Zeichenversuch war von Unsicherheit gelenkt. Als mache ich alles zum ersten Mal.<\/p>\n<p>Schon das Papier des Aquarellblocks war nicht einfach eine wei\u00dfe Fl\u00e4che, sondern ein Relief mit Bergen und T\u00e4lern. Unm\u00f6glich, darauf eine gerade oder geschwungene Linie zu ziehen. Das Papier gab die Bewegung vor. Nein, da war auch ich, der steuerte. Aber wohin? Und: Warum? Weil ich mein Tun, mein Leben, selbst bestimmen und nicht willenlos den Elementen \u00fcberlassen wollte, die meine Bewegungen zerfasern lie\u00dfen und mein Leben aufl\u00f6sten. \u201eKontrolle\u201c, dachte ich in einem regungslosen, atemlosen, endlosen Moment. Doch dann ging in dieser Bewegungslosigkeit nichts mehr weiter \u2013 nicht das Zeichnen, nicht das Atmen, nicht das Leben. Und mit dem Ausatmen str\u00f6mte erneut die Wasserfarbe aufs Papier. Was entstand da? Ich wusste es nicht. Es kam mir r\u00e4tselhaft vor. Oder sogar falsch. Etwas, was ich nicht hatte haben wollen. Ich musste die ausstr\u00f6mende Farbe einfangen, b\u00e4ndigen. Mit angehaltenem Atem. Vielleicht ging es so \u2013 im Wechsel von Einatmen, Luftanhalten, Ausatmen \u2013 St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck weiter. Ausstr\u00f6men der Farbe, stoppen, korrigieren. Auf diese Art setzte sich allm\u00e4hlich ein Bild zusammen, dessen Elemente ich nach und nach erkannte und in ihrem Zusammenhang verstand.<\/p>\n<p>So falsch es schien, das Blatt des Aquarellblocks als eine Fl\u00e4che anzusehen, so falsch war die Bezeichnung \u201ewei\u00df\u201c. Das Blatt enthielt vielmehr alle Farben innerhalb und wohl auch au\u00dferhalb des sichtbaren Spektrums. So, wie ein Bildhauer sagen kann, die Form, die er aus einem Felsblock herausschlage, sei bereits im Stein enthalten, waren auch alle Farben bereits im Papier drin. Wom\u00f6glich sandte das Papier sogar Signale aus, welche meiner Wasserfarben es an welcher Stelle haben wollte. dann steuerte abermals das Material den Gestaltungsprozess, und nicht ich. Im Gehorchen lag Frieden. Aber ein kreativer Prozess war zugleich auch Kampf. Einklang mit der Materie und Rebellion. Selbstbehauptung, notwendig, wenn ich mich nicht dem Tod \u00fcberlassen wollte. Aber das w\u00fcrde ich ja sowieso fr\u00fcher oder sp\u00e4ter. Sterben. Sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Das Aquarellpapier, obgleich es in dem Block an allen Seiten fixiert war, warf Wellen unter der feuchten Farbe. Die Wellen wiederum erzeugten Schatten. Farbige Schatten, auch sie gaben die Kolorierung vor. Wechselnde T\u00f6ne, abh\u00e4ngig von Licht und Wolken und Helligkeitsunterschieden, die das menschliche Auge normalerweise ausgleicht, die eine Kamera aber aufzeigen w\u00fcrde. Ich hatte den fotografischen Blick, doch nicht nur den fotografischen. Ich hatte den umfassenden Blick. Und den eingeengten. Wie ich wollte. Wollte ich? Wollte etwas anderes?<\/p>\n<p>Ein Au\u00dfenstehender \u2013 jemand, der nicht in den Entstehungsprozess zwischen dem Aquarellblock und mir einbezogen war \u2013 wird nicht nachvollziehen k\u00f6nnen, wie die einzelnen Elemente der Bildkomposition zustande kamen und warum sie allesamt an genau der Stelle sein mussten, wo sie nun sind. In den folgenden Tagen schrieb ich ein Notizheft voll, um mir den Flash von Bedeutungen und Zusammenh\u00e4ngen zu vergegenw\u00e4rtigen, der beim Zeichnen und bei der Betrachtung des Gezeichneten durch meinen Kopf ging.<\/p>\n<p>Mit dem Ausklingen des Trips entstand der Plan zu einer Bild-Komposition. Sie auszuf\u00fchren w\u00fcrde Tage erfordern, und einen n\u00fcchternen Zustand.<\/p>\n<p>Noch in der ersten Version, die in der h\u00f6chsten Wirkungsphase der Lysergs\u00e4ure entstanden ist, erkannte ich im Vordergrund des Bildes drei Hauptmotive: Das Chaos, die Sphinx und das Gespenst (von rechts nach links). In der durchdachten Komposition wird aus dem Gespenst ein Gattertor mit einer Warnung \u201eWet Painted\u201c; die Sphinx bekommt einen Ziegenbart (Grasb\u00fcschel); und das Chaos ger\u00e4t zu einem gewundenen Baum. Selbst noch im Hintergrund erh\u00e4lt jedes Bildelement einen (mitunter l\u00e4ngeren) Namen. Das wei\u00dfe mit dem schwarzen Riss oben links hei\u00dft zum Beispiel: \u201eDas unberechtigte Feld der berechtigten Einfallslosigkeit (wei\u00df) mit einzelnem Einfall (selbstverst\u00e4ndlich ein schwarzer), in den noch so mancher hineinfallen wird, ha!\u201c.<\/p>\n<p>Und beim Malen wusste ich, der Riss steht etymologisch in einem Zusammenhang mit \u201eRitus\u201c, \u201eritzen\u201c und auch \u201eto write\u201c. Mein Gott, ist das beziehungsreich!, denke ich beim Wiederlesen der drei\u00dfig Jahre alten Notizen.<\/p>\n<p>Das wei\u00dfe Feld mit dem Riss am Horizont ist ja nur eines von vielen. Wer wollte meine \u00fcber etliche Notizbuchseiten immer neu ansetzende Selbstinterpretation jemals lesen? (Denn ich \u00fcberlege mir ein Wochenende lang, ob ich mir die Arbeit machen will, sie abzutippen.)<\/p>\n<p>Interessanter f\u00e4nde ich heute die Frage, ob die Substanz mit verschiedenen Probanden \u00e4hnlich umspringt, oder mir individuell die endlos scheinenden Bedeutungsketten und Querverbindungen aufzeigte, weil das meiner damaligen Art entsprach. Anders gefragt: Steckt die \u201eErkenntnis\u201c im K\u00f6rnchen oder in der Welt oder in mir? Was wird bei solchen Selbstexperimenten gewonnen?<\/p>\n<p>Vor Fehldeutungen, Irrwegen, falschen Pr\u00e4missen oder Unwissen sch\u00fctzte das chemische Hirnbonbon freilich nicht. Zum Beispiel zur Frage in meinem Notizbuch No. 25 nach einem m\u00f6glichen Wortzusammenhang zwischen \u201egoat\u201c (die wie in Stein gehauene Ziege hinter dem frischgestrichenen Gattertor) und \u201eghost\u201c. Eine durch nichts begr\u00fcndete Spekulation. Es sei denn, ich wollte \u2013 aber klingt das glaubhaft? \u2013 die Erfahrung aus dem Jahr 1979 als Fu\u00dfnote zu dem sehr viel sp\u00e4ter entstandenen Text \u201eZaunwinde und Gei\u00df\u201c begreifen. <em>Goat \u2013 ghost<\/em>, Gei\u00df \u2013 Geist. Ein l\u00e4ngst verblasster Eindruck tritt hervor, als ich ca. 30 Jahre sp\u00e4ter in meinem Notizbuch No. 25 den Eintrag entdecke: \u201eBeim Malen am 13.8. [1979] auf der Weide mit Ziegen f\u00fchlte ich mich wie ein Berggeist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 50. Teilabriss Ein Zeichenversuch Die Bilder wollten aufs Papier. Aber von wo aus wollten sie dorthin? Ich kann nicht behaupten, dass sie sich zuvor in meinem Kopf befunden hatten sich und zur Entlastung meiner Psyche ihren Weg nach Au\u00dfen bahnen mussten. Sie entstanden erst auf dem Papier. 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