{"id":514,"date":"2014-09-26T23:47:35","date_gmt":"2014-09-26T21:47:35","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=514"},"modified":"2014-09-26T23:47:35","modified_gmt":"2014-09-26T21:47:35","slug":"072-schaulust","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=514","title":{"rendered":"072 &#8211; Schaulust, und was dahinter steckt. Aktaion, der klassische Voyeur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 72. Teilabriss<\/p>\n<p><strong>Schaulust<\/strong><strong> \u2013 und was dahinter steckt<\/strong><\/p>\n<p>Aktaion, der klassische Voyeur<\/p>\n<p>[Vortrag mit Abbildungen; eine stark gek\u00fcrzte Fassung wurde abgedruckt in <em>Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik XXV<\/em>, T\u00fcbingen 2010, S. 115\u2013121]<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns Aktaion als einen zerrissenen Menschen vorstellen.<\/p>\n<p>Wenn es einen Zusammenhang zwischen der Todesart und der Lebensweise eines Menschen gibt \u2013 und zumindest im Mythos oder in fiktionalen Texten gibt es ihn \u2013, war der Enkel des Theben-Gr\u00fcnders Kadmos zeitlebens ein Zerrissener. Er teilt den Zerrei\u00dfungstod mit zweien seiner Cousins, mit Pentheus und mit Dionysos. Mit dem wesentlichen Unterschied: Die K\u00f6rper von Pentheus und Dionysos werden nach dem Tod wieder zusammengef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Was hat den J\u00e4ger aus Theben zerrissen? Denn wir verstehen die Hunde als Zeichen f\u00fcr m\u00e4chtigere Gewalten.<\/p>\n<p>Im B\u00fchnenbild von Euripides\u2019 Drama \u201eHippolytos\u201c stehen sich die Statuen der G\u00f6ttinnen Artemis und Aphrodite gegen\u00fcber, um die Gunst der Sterblichen rivalisierend. Im Eingangsmonolog fordert die Liebesg\u00f6ttin, Aphrodite, unbedingte Gefolgschaft und r\u00e4cht sich an denen, die \u2013 wie Hippolytos \u2013 als Jagdgef\u00e4hrten der Artemis ein keusches Leben f\u00fchren wollen. Hippolytos, durch eine Intervention der Liebesg\u00f6ttin von seinen Pferden zu Tode geschleift, stirbt ebenfalls einen Zerrei\u00dfungstod, soll aber einer anderen Sage nach sp\u00e4ter unter dem Namen Virbius als erster Priester im Dianenheiligtum am Nemi-See wieder auftauchen.<\/p>\n<p>Zwei G\u00f6ttinnen: Aphrodite, die r\u00f6mische Venus, und Artemis, die r\u00f6mische Diana. Der private Bereich der Liebe zu einem Partner auf der einen Seite; Jagd, Hobby, Beruf, der \u00f6ffentliche, gesellschaftliche Bereich auf der anderen. Erotik ist der Keuschheit gegen\u00fcbergestellt. Liebe konkurriert mit Jagd. Freizeit und Mu\u00dfe stehen gegen Berufung \u2013 in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Aktaion. Doch anders als sein Cousin Pentheus, der in einer anderen Euripides-Trag\u00f6die \u2013 \u201eDie Bakchen\u201c \u2013 von Dionysos berauscht, <em>zwei <\/em>Sonnen \u00fcber Theben sieht, verliert Aktaion im Zwiespalt nicht die Orientierung. Seine Jagdleidenschaft ist eine einseitige Hingabe an Artemis und eine Vernach\u00adl\u00e4ssigung ihrer Gegenspielerin Aphrodite. Dennoch zerrt der Einfluss der Liebesg\u00f6ttin an ihm, besonders, wenn er genau dem Wesen gegen\u00fcbersteht, das mehr als alle anderen seine eigene Lebensform verk\u00f6rpert. Die Liebe zu seinem Beruf oder \u2013 wie es seiner Abstammung aus dem thebanischen Herrschaftshaus angemessen ist \u2013 zu dem sehr ernsthaft betriebenen Hobby ist eine Absage an die Liebe zu einer Sterblichen. \u201eIch h\u00e4tte \/ mich in ein sterbliches M\u00e4dchen verlieben sollen\u201c, klagt Aktaion in den <em>Dionysiaka<\/em> des Nonnos von Panopolis (5. Jh. n. Chr.), Doch andren \/ lie\u00df ich die sterblichen Frauen und kurz nur w\u00e4hrenden Ehen, \/ sehnte nach einer Unsterblichen mich.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Sinne konnte Giordano Bruno, konnten auch andere Interpreten, den Voyeur, der uns auf den ersten Blick als Beispiel eines Woll\u00fcstigen erscheinen mag, als lustabgewandt, wenngleich nicht leidenschaftslos verstehen.<\/p>\n<p>Seine Leidenschaft kann sich bis zur Sucht, bis zum Irrsinn steigern. Gem\u00e4\u00df einer weltlicheren Deutung als der Giordano Brunos hat Aktaion sein gesamtes Verm\u00f6gen f\u00fcr seine Hunde ausgegeben, und in diesem Sinne sei der Mythos zu deuten, demgem\u00e4\u00df seine Hunde ihn verzehrten. Unter dem Pseudonym <em>Kynophilos Actaeon<\/em> erschien im 18. Jahrhundert ein Handbuch f\u00fcr Hundez\u00fcchter. In mittelalterlichen Emblemata-B\u00fcchern taucht Aktaion als Prototyp des Verschwenders auf, was auf eine sich verausgabende Sexual\u00f6konomie bezogen wurde.<\/p>\n<p>Die Hunde sind f\u00fcr Aktaion aber nur Werkzeuge f\u00fcr das Wichtigere: die Jagd. Sie gew\u00e4hrt ihm einsame Gen\u00fcsse, einsame Triumphe. So einseitig wie seine Begegnung mit Diana. Der Voyeur operiert aus einem Versteck heraus, seit der Entwicklung geschliffener Gl\u00e4ser auch mit Hilfe optischer Ger\u00e4te. Der J\u00e4ger will \u201eM\u00e4uschen spielen\u201c, oder, im Falle von Aktaion \u2013 Hirsch. Der Voyeur ist ein Geheimnistr\u00e4ger. Mag er auf seinem Gebiet noch so erfolgreich seinen Mann stehen \u2013 in einer wesentlichen Hinsicht ist er unsozial.<\/p>\n<p>Sein Blick will keine Antwort. Ein gegenseitiger Blickwechsel w\u00fcrde ihn ertappen. In einem solchen Fall m\u00fcsste er sich beeilen, seine Haltung zu korrigieren, m\u00fcsste er sich in seiner Identit\u00e4t als Voyeur verleugnen. Aktaion, von der G\u00f6ttin entdeckt, verwandelt sich in einen Hirsch, ein der G\u00f6ttin nahestehendes Tier. Will er sich einschmeicheln? Diana, von einem Hirsch begleitet oder auf einem Hirsch reitend ist ein von der Antike bis ins Kunsthandwerk des Rokoko und des Biedermeier beliebtes Bildmotiv. Die Eigenschaften des Hirschs sind Attribute der Jagdg\u00f6ttin \u2013 Schnelligkeit, Schlankheit, Zur\u00fcckgezogenheit.<\/p>\n<p>Aktaion im Hirschfell \u2013 versteckt in einer fremden Haut, ger\u00e4t er in Widerspruch zumit seinen ureigensten Leidenschaften, die egoistisch sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Es griffe aber zu kurz, den Zustand des Zerrissenseins allein mit dem profanen Konflikt zwischen forderndem Ehrgeiz und h\u00e4uslicher W\u00e4rme zu begr\u00fcnden. Er hat \u2013 und hatte in der Antike mehr als heute \u2013 eine sakrale Dimension. Der Zerst\u00fcckelungstod gr\u00fcndet in einer Praxis, die uns \u2013 nicht zuletzt dank der Arbeiten Mircea Eliades \u2013 global unter dem Begriff Schamanismus bekannt ist. Die Abl\u00e4ufe \u2013 der zu Initiierende erlebt die Fragmentierung seines K\u00f6rpers, die neue Zusammensetzung seiner Teile und seine Wiedergeburt als ein anderer \u2013 gingen in einer fr\u00fchen Phase auch mit dem Dionysoskult einher. Als Rauschmittel wurde nicht nur Wein benutzt. In diesem Kontext erscheint Aktaion als ein Beispiel f\u00fcr eine gescheiterte Initiation.<\/p>\n<p>Euripides beschreibt in den \u201eBakchen\u201c (Bakchos, ein anderer Name f\u00fcr Dionysos), wie Pentheus als Vertreter der alten Ordnung den Kult der emporstrebenden Gottheit Dionysos auszuspionieren versucht. Vom unerkannten Dionysos verf\u00fchrt, legt Pentheus sich nach Art der Anh\u00e4nger des Kults ein Hirschfell um. Kadmos, gemeinsamer Gro\u00dfvater von Pentheus und Aktaion, h\u00e4lt ihm das Beispiel des Aktaion warnend vor Augen. Mit einem lediglich umgeh\u00e4ngten Fell, also ohne eine k\u00f6rperliche Verwandlung in einen Hirsch, erscheint Aktaion auch in der Literatur, etwa bei Stesichoros (ca. 630-556 v. Chr.), Pausanias u.a.. Eine attische Amphore in der gegenw\u00e4rtigen Ausstellung im <em>museum kunst palast<\/em> zeigt Aktaion mit menschlichem K\u00f6rper und umgeh\u00e4ngtem Hirschfell.<\/p>\n<p>Aktaions N\u00e4he zum Dionysoskult liegt aber auch aus einem anderen Grund nahe. Einer der \u00e4ltesten Quellen (Hesiods <em>Eoien<\/em>) gem\u00e4\u00df, warb Aktaion um Semele, die Mutter des Dionysos, und rivalisierte mit Zeus, der mit Semele letztlich Dionysos zeugte. Aktaions Werben um Semeles Gunst ist sein Verlangen, zu der Stelle vorzudringen, an der Dionysos entstanden ist. Pausanias und andere Autoren sehen in Aktaions Anma\u00dfung, mit Zeus konkurrieren zu wollen, den eigentlichen Grund seiner grausamen Bestrafung.<\/p>\n<p>Sich mit dem h\u00f6chsten Olympier gleichzusetzen, das weist erneut auf einen berauschten, inspirierten Zustand hin. So ist es nur konsequent, dass Aktaion auch in <em>dem<\/em> antiken Roman auftaucht, der von Magie, der Anwendung von Zaubermitteln und der daraus resultierenden Verwandlung eines Menschen in ein Tier handelt: Im lateinischen Original hei\u00dft der Roman <em>Metamorphoses libri<\/em>, wurde aber unter dem Titel <em>Asinus aureus <\/em>(Der goldene Esel) bekannt. Dessen Held Lucius, der den Vornamen des Verfassers Apuleius tr\u00e4gt, hat ebenso wie Pentheus eine Warnung nicht beachtet, als er angesichts einer marmornen Diana-Actaeon-Gruppe die Worte seiner Gastgeberin <em>Tua sunt cuncta quae vides<\/em> (\u201eAlles was du siehst ist dein Eigen\u201c) lediglich in einem trivialen Sinne der Gastfreundschaft auffasst, nicht aber, dass sich in Aktaion sein eigenes Schicksal spiegelt. Lucius jedoch wird durch die Anwendung seines Zaubermittels nicht wie Aktaion in einen Hirsch, sondern in einen Esel verwandelt. Shakespeare wird dieses Motiv in seinem <em>Sommernachtstraum<\/em> aufgreifen. Der sp\u00e4tr\u00f6mische Lucius aus Apuleius\u2019 Eselsroman, der mit Hexensalben und anderen Zaubermitteln experimentiert, ist ein Vorg\u00e4nger des fr\u00fchneuzeitlichen Dr. Faustus. Christopher Marlowe \u2013 ein Zeitgenosse Shakespeares \u2013 bringt in seiner <em>Tragicall History of the Life and Death of Doctor Faustus<\/em>, einem 1589 uraufgef\u00fchrten Theaterst\u00fcck, die Eselsohren des Lucius mit dem Hirschgeweih des Aktaion zusammen:<\/p>\n<p>\u201eWenn wir ihm [Faust] folgen wollten, uns zu r\u00e4chen, \/ So f\u00fcgt\u2019 er zum Geweih noch Eselsohren \/ und macht\u2019 uns zum Gel\u00e4chter aller Welt\u201c \u2013<\/p>\n<p>sagt der Edelmann Benvolio, der zuvor gespottet hatte, Akt\u00e4on sein und sich in einen Hirsch verwandeln zu wollen, falls es Doktor Faustus tats\u00e4chlich gel\u00e4nge, Alexander den Gro\u00dfen am Hofe des deutschen Kaisers erscheinen zu lassen. Faust macht beides wahr, den Auftritt des antiken Feldherrn in der Gegenwart und das Hirschgeweih auf Benvolios Kopf.<\/p>\n<p>Wie eng der Zusammenhang zwischen dem Aktaion-Mythos und dem Faust-Stoff ist, macht Ernst J\u00fcnger deutlich, der einen Passus \u00fcber die Einnahme bewusstseinserweiternder Mittel \u201ein Fausts Kabinett\u201c ansiedelt. Aktaion geh\u00f6rt demnach \u2013 anders als sein Lehrmeister Cheiron (Chiron) \u2013 zu den Zauberlehrlingen, denen es nicht gelungen war, die herbeibeschworenen Geister zu b\u00e4ndigen. \u201eDas ber\u00fchrt die Aufgabe des K\u00fcnstlers, des musischen Menschen, des Wissenden in Zeiten, in denen die Hunde ledig geworden sind.\u201c (<em>Ann\u00e4herungen<\/em>, \u00a7279, S. 307) Aktaion erscheint als das antike Beispiel eines Drogentoten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>\u201eHistoria von D. Johann Fausten \/ dem weitbeschreyten Zauberer \/ und Schwarzk\u00fcnstler \/ &#8230; \/ allen hochtragenden, <em>f\u00fcrwitzigen<\/em> und gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel &#8230;\u201c hei\u00dft es auf der Titelseite des \u201eVolksbuchs\u201c vom Faust (1587), das in der englischen \u00dcbersetzung von 1588 Christopher Marlowe als Vorlage f\u00fcr sein Theaterst\u00fcck des <em>Doctor Faustus<\/em> gedient hatte. \u201eDann sein F\u00fcrwitz, Freiheit und Leichtfertigkeit stach und reizte ihn also, da\u00df er auf eine Zeit etliche zauberische vocabula, figuras, characteres und conjurationes, damit er den Teufel vor sich m\u00f6chte fordern, ins Werk zu setzen und zu probieren ihm vornahm\u201c (S. 8), berichtet das Volksbuch \u00fcber den Doktor und Magicus. Oder in einem anderen Kapitel: \u201eBald sticht ihn der F\u00fcrwitz, fordert seinen Geist Mephostophilem, mit dem wollte er ein Gespr\u00e4ch halten\u201c (S. 22). Nach der Vorrede des Buchdruckers Johann Spies ist der F\u00fcrwitz \u201eeine gewisse Ursach [.] des Abfalls von Gott\u201c (S. 4). Schon \u00fcber Eva, die in den Apfel vom Baum der Erkenntnis bei\u00dft, hie\u00df es in der Millst\u00e4tter Genesis, entstanden um 1200: \u201esi folget ir bosen furwitz und t\u00ebt dar in einen biz\u201c (14, 12).<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcrwitz\u201c oder \u201eVorwitz\u201c, das ist die \u00dcbersetzung des lateinischen Begriffs \u201ecuriositas\u201c, wie er bei den Kirchenv\u00e4tern im Katalog der Laster erscheint. Augustinus (354 \u2013 430) platziert die <em>curiositas<\/em> neben die <em>superbia<\/em> (Hochmut) und die <em>concupiscentia<\/em> (heftiges Verlangen, Begierde, die Neigung des Menschen zum B\u00f6sen oder zur S\u00fcnde) [<em>Confessiones<\/em> (X, 35)]. Bei Tertullian, einem weiteren christlichen Autor in lateinischer Sprache (ca. 150 \u2013 230 n. Chr.), erscheint <em>curiositas<\/em> als das Gegenteil von <em>fides<\/em>, der Rechtgl\u00e4ubigkeit. F\u00fcrs Mittelalter galt: Man musste nicht alles sehen wollen, was man glauben konnte. Im <em>Ersten Korintherbrief<\/em> (I, 20) schreibt Apostel Paulus: \u201eVorwitz ist es, die Ratschl\u00fcsse Gottes ergr\u00fcnden zu wollen.\u201c<\/p>\n<p>Auch wenn wir uns durch diesen Exkurs ins Christentum von dem griechischen Mythos anscheinend entfernt haben, sind wir bei dem Thema, die g\u00f6ttliche Natur ergr\u00fcnden zu wollen, doch direkt bei Aktaion. Aktaion ist in der Antike und im Mittelalter ein oft zitiertes Beispiel f\u00fcr den Vorwitz, die <em>curiositas<\/em>. Stets geht es dabei um eine verbotene (wir sind beim Titel der Ausstellung) Herangehensweise an ein Wissen, das einem Menschen nicht zugedacht war. Der sp\u00e4tantike lateinische Autor Fulgentius (6. Jh.) leitet in seiner Mythographie (<em>Mitologiarum libri tres<\/em>) den Actaeon-Eintrag mit dem Wort \u201ecuriositas\u201c ein \u2013 eine Verbindung, die um 400 n. Chr. bereits Arnobius der \u00c4ltere herstellte. Noch der englische Philosoph Francis Bacon (1561 \u2013 1626) vergleicht in seiner 1609 auf Latein erschienenen, damals sehr verbreiteten Interpretation antiker Mythen <em>De Sapientia Veterum <\/em>das Schicksal Aktaions mit dem des Pentheus unter der \u00dcberschrift \u201eActaeon et Pentheus, sive <em>Curiosus<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Aktaion geh\u00f6rt dem griechischen Kulturkreis an, und ein griechisches Wort f\u00fcr <em>curiositas<\/em> oder Vorwitz ishei\u00dft <em>polypragmos\u00fdne<\/em>, w\u00f6rtlich genommen Vielgesch\u00e4ftigkeit. Passows <em>Hand-W\u00f6rterbuch der Griechischen Sprache<\/em> gibt an: \u201eviele oder vielerley Gesch\u00e4fte und H\u00e4ndel neben einander haben, treiben, betreiben oder suchen, vielerley unternehmen, dah. viel zu thun haben, sehr besch\u00e4ftigt seyn: gew. in tadelndem Sinne, sich in vielerley Dinge oder Angelegenheiten mengen, die einen nichts angehn, sich mit anderer Leute Angelegenheiten zu schaffen machen, neugierig od. vorwitzig seyn.\u201c Auf der anderen Seite, mit positiver Wertung: \u201ewissbegierig seyn, genau od. sorgf\u00e4ltig wonach forschen.\u201c<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns Aktaion als einen vielbesch\u00e4ftigten Mann vorstellen. Aber auch als einen Menschen mit dem Drang, sich in Dinge und Themen einzumischen, die nicht seiner ihm von den ordnenden M\u00e4chten zugedachten Aufgabe entsprechen. Das Verlassen seines zugewiesenen Orts, das die <em>polypragmos\u00fdne<\/em> beinhaltet, kann zun\u00e4chst r\u00e4umlich verstanden werden: Als J\u00e4ger \u00fcberschreitet Aktaion die Grenzen seines Reviers und dringt am Berg Kithairon in den heiligen Bereich ein, den die G\u00f6ttin f\u00fcr sich und ihre Nymphen reserviert hat.<\/p>\n<p>In Platons \u201eStaat\u201c ist dar\u00fcber hinaus der Ort im System gemeint, der f\u00fcr einen Menschen vorgesehene Platz in der Gesellschaft, der durch seine <em>polypragmos\u00fdne<\/em> verlassen wird. Da f\u00fcr Platon der Staat wie der menschliche K\u00f6rper ein in sich stimmiges, gerechtes Gebilde ist, w\u00fcrde ein Mensch, der nicht seine ureigensten, f\u00fcr ihn vorgesehenen Dinge erledigt (Platon nennt als Beispiel einen Handwerker, der sich in die Politik einmischt), Ungerechtigkeit schaffen.<\/p>\n<p>Als eine politisch zu verstehende Warnung, die verborgensten Angelegenheiten der Herrschenden aufzudecken, kann Plutarchs Schrift <em>Per\u00ec polypragmos\u00fdnes <\/em>(<em>De curiositate<\/em>) gelesen werden. Schon im alttestamentarischen Buch <em>Jesus Sirach<\/em> II, 24 (ca. 180 v. Chr.) hie\u00df es (in der \u00dcbersetzung Martin Luthers): \u201eVnd was deines Ampts nicht ist \/ da las deinen furwitz\u201c.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Philosoph Jacques Ranci\u00e8re bewertet dieselbe Eigenschaft im gegenteiligen \u2013 positiven \u2013 Sinn, sieht im Verlassen des uns vorbestimmten Orts, in der von Platon als ungerecht und geradezu als krank bewerteten Vielgesch\u00e4ftigkeit, die Basis f\u00fcr politisches Handeln: Sich einmischen in etwas, was nicht unsere ureigenste Sache ist. Der Platz, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen, m\u00fcsse sich erstritten werden. Aristoteles unterschied zwischen B\u00fcrgern, die \u00fcber Sprache (<em>logos<\/em>) verf\u00fcgten, und Unfreien, welche sich lediglich ihrer <em>phon\u00e8 <\/em>bedienen konnten, was man mit Stimme (aber nicht im politischen Sinn), mit L\u00e4rm, mit unartikuliertem Hintergrundrauschen \u00fcbersetzen kann. F\u00fcr Jacques Ranci\u00e8re ist die <em>polypragmos\u00fdne<\/em>, die Vielgesch\u00e4ftigkeit, das Instrument, durch Sprache ins \u00f6ffentliche Bewusstsein zu gelangen. Politik ist der Kampf um die Modalit\u00e4ten der Verst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Aktaion verliert seine Sprache, seinen <em>logos<\/em>, als er der G\u00f6ttin gegen\u00fcber steht. Ihrem sarkastischen <em>Nunc tibi me posito visam velamine narres \/ Si poteris narrare, licet <\/em>(Nun erz\u00e4hle, du habest mich ohne Umh\u00fcllung gesehen, wenn du es noch zu erz\u00e4hlen vermagst! Ovid <em>Metamorphosen<\/em>, III, 192f)) folgt seinerseits nur ein heiseres R\u00f6hren, bevor ihn die Hunde zerfressen.<\/p>\n<p>Seine Sprachlosigkeit entspricht der Lust des Augenmenschen. Nur sehen und staunen, nichts sagen. Das Abenteuer der Jagd korreliert mit einer Unsicherheit im Sozialen, besonders gegen\u00fcber der Frau. Wir k\u00f6nnen uns Aktaion als einen sch\u00fcchternen Mann vorstellen. Der Voyeur ist ein Kommunikationsverweigerer.<\/p>\n<p>Voyeure gehen oft ein erstaunliches Risiko ein, waghalsige Klettereien (auch Aktaion steigt auf manchen der literarischen und bildlichen Darstellungen auf einen Baum), verrenkungsvolles Ausharren in engen Schlupfwinkeln, phantasievolle Tarnungen, Wildern in fremden Revieren. Dabei stets die Gefahr, als Spion enttarnt zu werden. Die Aktaion-Geschichte hat etwas von einem Agenten-Thriller, geht es doch darum, hoheitliche Geheimnisse in Erfahrung zu bringen. In diesem Sinne kommentiert der englischen Philosoph Francis Bacon den Mythos mit politischen Anspielungen auf seine Zeit.<\/p>\n<p>Der Voyeur ist seinem Wesen nach ein Abenteurer. Dabei tritt er dem Objekt seiner Observanz aber nicht offen gegen\u00fcber. Er operiert aus dem Versteck, dem Hinterhalt.<\/p>\n<p>Existenzielles Draufg\u00e4ngertum, gepaart mit sozialer Feigheit. Die literarischen Beschreibungen und Bilder zeigen seine beiden Seiten. Er ist der vorwitzige Eindringling, der in verborgene Bereiche vorst\u00f6\u00dft. Sobald sich aber das weibliche Wesen ihm zuwendet, wird seine Furchtsamkeit deutlich, seine soziale Scheu, verbildlicht im fl\u00fcchtenden Hirsch.<\/p>\n<p>Der Aktaion-Mythos zeigt, wie der weibliche K\u00f6rper allein durch seine Sch\u00f6nheit Ehrfurcht, sogar Furcht, einfl\u00f6\u00dft. Dabei handelt es sich um mehr als nur um den durch Exhibitionismus ausgel\u00f6sten Schrecken (was ja auch M\u00e4nnern m\u00f6glich w\u00e4re). Mehr als ein Beispiel von <em>public flashing <\/em>zu sein, wird mit dem Anblick zugleich an das Gesetz erinnert, dass die Frau \u00fcber den K\u00f6rper \u2013 den Zugang zu ihm \u2013 gebietet. Die Macht, ihre Gunst willk\u00fcrlich verteilen zu k\u00f6nnen, macht jede Frau zur Herrscherin und potenziell zur G\u00f6ttin. Eine Ungeheuerlichkeit, mit der sich der Mann abzufinden hat. Das ist besonders ein Problem f\u00fcr jene M\u00e4nner, die sich zum sexuell abgeh\u00e4ngten Prekariat z\u00e4hlen. Wir m\u00fcssen uns Aktaion \u2013 obwohl immer wieder vom antiken \u201eHelden\u201c die Rede ist \u2013 nicht unbedingt als ein Alpha-M\u00e4nnchen vorstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Damit sind wir auch schon bei den Spielverderberinnen, die ebenfalls in der Ausstellung im <em>museum kunst palast<\/em> zu sehen sind. Bilder der Ausstellung \u2013 <em>pictures of exhibitionists<\/em>. Das ostentativ entkleidete Geschlecht ist eine feministische Waffe gegen m\u00e4nnliche Zudringlichkeit. Die Abwehr des J\u00e4gers besteht darin, ihn zu verjagen. Exhibitionismus ist der Feind des Voyeurismus, nicht sein Komplement \u2013 so wie etwa Sadismus und Masochismus oft als Paar angesehen werden. Doch auch f\u00fcr diese Allianz ist der alte Witz weiterhin aussagekr\u00e4ftig: Fleht der Masochist den Sadisten an: \u201eBitte, qu\u00e4le mich!\u201c, antwortet der Sadist gen\u00fcsslich: \u201eNein\u201c. W\u00e4hrend sich ein Sadist dennoch kompromissbereit dem Masochisten zuwenden mag, um im Rahmen von Legalit\u00e4t und Freiwilligkeit zu bleiben, empfindet der Voyeur die allzu vorzeigefreudigen Frauen als einen Affront gegen die von M\u00e4nnern aufgestellten Spielregeln. Eine Entzauberung des verg\u00f6tterten Organs des <em>origine du monde<\/em>, wie ein bekanntes Gem\u00e4lde Courbets hei\u00dft, durch anatomische Detailtreue.<\/p>\n<p>Voyeure sind keine Betrachter von Pornoheften und haben meistens kein ausgepr\u00e4gtes gyn\u00e4kologisches Interesse. Die H\u00f6hepunkte einer Voyeurlaufbahn spielen sich in freier Wildbahn ab. Was der Voyeur sucht, sind die Bekleidungsunf\u00e4lle, ein unbemerkt verrutschter Rocksaum, eine g\u00fcnstige Perspektive.<\/p>\n<p>Die Modefotografie verh\u00e4lt sich wie ein literarisches Werk. Sie l\u00e4sst das Eigentliche unausgesprochen, unausgeleuchtet, oder schneidet es ab. Am vermuteten Hauptzweck des Betrachtens immer knapp vorbei. Die Kamera m\u00fcsste einen nur leicht verschobenen Standpunkt einnehmen, die Ausleuchtung nur ein paar Zentimeter weiter ins Dunkel vordringen, das Kleidungsst\u00fcck etwas mehr in die eine oder andere Richtung verrutscht oder der K\u00f6rper leicht gedreht sein \u2013 und sichtbar w\u00fcrde jenes Zuviel, das die Arbeit der Phantasie verhindert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VII.<\/p>\n<p>Warum sind M\u00e4nner so? Warum wollen sie immerzu die bestverh\u00fcllten K\u00f6rperteile der Frauen ergr\u00fcnden?<\/p>\n<p>M\u00f6glich, dass die Antwort vielen von Ihnen als selbstverst\u00e4ndlich erscheint. Gut m\u00f6glich auch, dass einige dieser sozial unvertr\u00e4glichen Frage nur allzu gern ausweichen. Frauen, weil sie an die Bel\u00e4stigungen des permanenten Angegafftwerdens nicht erinnert werden m\u00f6chten; M\u00e4nner, weil es ihnen gen\u00fcgt, wie sich gutmeinende E-Post-Autoren um ihre sexuelle Leistungsf\u00e4higkeit sorgen.<\/p>\n<p>Das r\u00e4tselhafte Ph\u00e4nomen allein mit Augenlust zu erkl\u00e4ren, hie\u00dfe, sich auf die Frage, warum jemand eine Mahlzeit zu sich nimmt, mit der Antwort \u201eWeil ich Appetit habe\u201c zu begn\u00fcgen. Sie verschweigt \u2013 oder setzt als selbstverst\u00e4ndlich voraus \u2013, was gesch\u00e4he, wenn jemand keinen Appetit entwickelte, wenn er keine Nahrung zu sich n\u00e4hme. Auf dieses \u00dcberlebensnotwendige m\u00f6chte ich die m\u00e4nnliche Schaulust zur\u00fcckf\u00fchren und schlage als \u00dcberlegung vor:<\/p>\n<p>Die starrenden, gaffenden M\u00e4nner tun das f\u00fcr ihre Kinder. Und zwar f\u00fcr die noch Ungezeugten.<\/p>\n<p>Zur Illustration wechsle ich den Blickwinkel und f\u00fchre Sie an den Rand der Sahel-Zone, nach Mali, zum Volk der Dogon.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber, beim Ernten der Fingerhirse \u2013 eine Aufgabe, die sich <em>erwachsene<\/em> M\u00e4nner und Frauen teilen \u2013 so berichtet der Ethnologe Marcel Griaule, \u201ewerden zwischen den Geschlechtern Lieder von ungew\u00f6hnlicher Schamlosigkeit ausgetauscht\u201c (S. 160). Nach Sonnenuntergang beginnt das Dreschen der K\u00f6rner, das von den <em>Knaben und M\u00e4dchen<\/em> des Wohnviertels vorgenommen wird.<\/p>\n<p>\u201eSie [die Jugendlichen] begleiten sich dabei mit allerlei Liedern, die an die obsz\u00f6nen Ges\u00e4nge erinnern, die bei Tag die erwachsenen M\u00e4nner und Frauen bei der gemeinsamen Ernte gesungen haben. Von Zeit zu Zeit treten zwei Knaben zur\u00fcck, um eines der M\u00e4dchen, die sich hinzugesellen, in den Kreis treten zu lassen. Die Schl\u00e4ge auf das Stroh und die Ges\u00e4nge haben das gleiche Ziel.\u201c (S.164)<\/p>\n<p>Griaules einheimischer Gew\u00e4hrsmann erl\u00e4utert. \u201eSie geben etwas, als erzeugten sie Kinder. Obwohl sie in der Nacht stattfinden, \u00fcben sie auf die Geb\u00e4rm\u00fctter die gleichen segensreichen Wirkungen aus wie die Worte des Tages.\u201c<\/p>\n<p>Griaule schlie\u00dft das Kapitel. \u201eSo waren die Frauen, solange das Dreschen dauerte, in eine zeugungsg\u00fcnstige Atmosph\u00e4re getaucht, und alle jungen M\u00e4nner und jungen M\u00e4dchen, die Hoffnung der Gesellschaft, mu\u00dften zu dieser Arbeit und zu diesen Ges\u00e4ngen ihren Beitrag leisten und daraus die Kraft zu ihren k\u00fcnftigen Liebschaften sch\u00f6pfen. Und die Strafe, die sie traf, wenn sie sich entzogen, zielte weniger auf den Verlust an Arbeitskraft als auf das Vers\u00e4umnis, an der gemeinsamen Belebung der Zeugungskr\u00e4fte teilzuhaben.\u201c (S. 166)<\/p>\n<p>An dem von Marcel Griaule festgehaltenen Weltbild der Dogon ist viel Kritik ge\u00fcbt worden, unter anderem von Michel Leiris, der an Griaules Expedition teilgenommen hatte. Vor allem der Diebstahl der Masken, die heute im Mus\u00e9e d\u2019Orsay ausgestellt sind, ist unverzeihlich.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn Griaules Schlussfolgerungen auf Missverst\u00e4ndnissen beruhten, selbst wenn seine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Ges\u00e4nge beim Ernten und Dreschen der Fingerhirse pure Erfindung w\u00e4re, lie\u00dfe sich \u2013 auch f\u00fcr monogame Gesellschaftsformen \u2013 daran zeigen, wie die Aufrechterhaltung der Fruchtbarkeit als eine kollektive Pflicht aufgefasst werden kann.<\/p>\n<p>Auch in unseren westlichen Industrienationen werkelt im Verborgenen die Evolution (darauf darf man zum 200sten Geburtstag Charles Darwins hinweisen). Die erotischen Ges\u00e4nge der Frauen, die nicht nur akustisch zu uns M\u00e4nnern her\u00fcberkommen, sondern als ein vielstimmiges Geflecht aus geheimnisvoller Rede, bet\u00f6renden Aromen, Kleidern, R\u00f6cken, Blusen, die Wesentliches ahnen lassen, Unklarheiten, die einen Mann zu ungeahnten Hormonausst\u00f6\u00dfen provozieren \u2013 eine Symphonie aus Fruchtbarkeitsritualen, in welchen Frauen und M\u00e4nner die ihnen durch ihr genetisches Programm zugewiesenen Aufgaben erf\u00fcllen. Was w\u00e4ren M\u00e4nner, die einen Blick riskieren, anderes als Agenten im Dienst ihrer Majest\u00e4t, der Evolution? So geheim, dass sie oft selbst nichts von ihrem Auftrag ahnen, wenn sie auf ein weibliches Wesen treffen, von dem bis zuletzt unklar bleibt, ob es auf derselben Seite k\u00e4mpft, oder auf der gegnerischen.<\/p>\n<p>F\u00fcr wen setzt sich eine Frau der Gefahr aus, dass ihr Rocksaum in ungewollte H\u00f6hen oder ihr Dekolletee in die Tiefe rutscht? Nicht f\u00fcr einen Unw\u00fcrdigen. Das erkl\u00e4rt nicht nur, <em>warum<\/em> der Blick verboten ist, vielmehr: <em>wem<\/em> er verboten ist. Droht das, was der Blick einleiten k\u00f6nnte, die Veredelung des Erbguts zu untergraben, reagiert die Frau, die G\u00f6ttin, die Gesellschaft mit einem Verbot.<\/p>\n<p>Das stellt die Frage nach Aktaions Herkunft und nach dem, was er zu bieten hatte. Es ist aber nicht nur ein Thema f\u00fcr M\u00e4nner mit stotterndem Motor. In jeder Lebensphase l\u00e4sst sich die Qualit\u00e4t des Samentr\u00e4gers optimieren. Schlie\u00dflich dient dieser evolution\u00e4re Schachzug nicht nur den Kindern, sondern auch den Frauen, die m\u00f6glichst optimale Kinder haben m\u00f6chten.<\/p>\n<p>\u201eAn Sch\u00f6nheiten bleibt der Blick kleben\u201c \u2013 unter dieser \u00dcberschrift berichtete DER SPIEGEL im September 2007 von einer Studie der Florida State University, die zum Ergebnis gelangte, dass besonders solche Menschen nur widerstrebend ihren Blick von attraktiven Menschen des anderen Geschlechts losrei\u00dfen k\u00f6nnen, die eine \u201euneingeschr\u00e4nkte Paarungsstrategie\u201c verfolgen. Bei Laborversuchen mit Bildern attraktiver Menschen \u201ewidmeten Frauen den M\u00e4nnern ebenso viel Aufmerksamkeit wie M\u00e4nner den Frauen.\u201c<\/p>\n<p>Obwohl gemeinhin als Devianz (Abweichung von der Norm) angesehen, ist Voyeurismus kein Minderheitenthema. In einer kanadischen Studie gaben 70 Prozent der befragten M\u00e4nner an, sie w\u00fcrden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, anderen Menschen beim Ausziehen oder beim Sex zuzuschauen. Selbst mit einem Risiko von 1:4, beim heimlichen Sp\u00e4hen entdeckt zu werden, erkl\u00e4rten noch 60 Prozent, das Risiko eingehen zu wollen.<\/p>\n<p>Unter den Frauen \u2013 bislang weniger im Ruf, heimliche Freude an beobachteter Nacktheit zu genie\u00dfen \u2013 waren es immerhin 40 Prozent, welche diese Neigung eingestanden, und 35 Prozent unter dem genannten Risiko des Entdecktwerdens.<\/p>\n<p>Die Autoren der Studie erkl\u00e4rten die geringere voyeuristische Aktivit\u00e4t bei Frauen mit gr\u00f6\u00dferer Empathie gegen\u00fcber den Opfern solcher Blick\u00fcberf\u00e4lle. In st\u00e4rkerem Ma\u00dfe begehrenden Blicken ausgesetzt, h\u00e4tten sie mehr Skrupel, Mitmenschen zu ahnungslosen Objekten des Begehrens zu degradieren. Aber sind die Frauen als Immerk\u00f6nnerinnen nicht ohnehin auf die fortgesetzte Stimulation weniger angewiesen als M\u00e4nner?<\/p>\n<p>Dabei legte die genannte Studie nur die unumstrittenen Formen des Voyeurismus zugrunde: Den Blick auf die unverh\u00fcllte Scham oder die Zeugenschaft einer Paarung. Nicht gez\u00e4hlt werden alle die sich durch Kleidung brennenden Blicke, das Stieren auf sich durch den Stoff abzeichnende K\u00f6rperformen bis hin zur nicht mehr messbaren Arbeit der Phantasie.<\/p>\n<p>Ist Voyeurismus eine kollektive Krankheit? Auch wenn Voyeurismus im weltweit g\u00fcltigen Diagnoseklassifikationssystem der Medizin, dem ICD-10 (<em>International Classification of Diseases<\/em>) und ebenso im <em>Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders<\/em> (DSM-IV) aufgelistet ist, tritt er in den wenigsten F\u00e4llen als behandlungsbed\u00fcrf\u00adtige Para\u00adphilie auf. Erst wenn \u2013 so die Definition \u2013 die Neigung \u00fcber mehr als sechs Monate hinweg zu erheblichem Leidensdruck beim Voyeur oder seinen Mitmenschen f\u00fchrt, wird Therapiebedarf festgestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VIII.<\/p>\n<p>Mit dem Hinweis auf das im Hintergrund ablaufende Programm der Evolution m\u00f6chte ich keineswegs der Hemmungslosigkeit das Wort reden. Manieren sind nicht umsonst erfunden worden. Aus dem gesellschaftlich formvollendeten \u00e4lteren Frankreich wird kolportiert, wie sich bei einer privaten Einladung ein Gast auf der Suche nach der Toilette in den hinteren Gem\u00e4chern verirrt und die Dame des Hauses beim Ankleiden antrifft. Er sagt, \u201e<em>Pardon, Monsieur<\/em>!\u201c und entfernt sich.<\/p>\n<p>Ein solch chevalereskes Benehmen h\u00e4tte Aktaion vielleicht das Leben retten k\u00f6nnen. Wir bewegen uns auf dem unsicheren Boden von Takt und Anstand. Adolph Freiherr von Knigge gibt in seinem Standardwerk <em>\u00dcber den Umgang mit Menschen<\/em> keine Ausk\u00fcnfte zum Voyeurismus, wohl aber zur angemessenen und unangemessenen Bekleidung (und gibt damit den schwarzen Peter an die Frauen zur\u00fcck).<\/p>\n<p>Dem Voyeur k\u00f6nnen gesittete Umgangsformen durchaus in guter Kinderstube vermittelt worden sein. Aus Rebellion, Egoismus, Suchtverhalten, verzweifelter Einsamkeit oder (wie ausgef\u00fchrt) zur Optimierung des Erbguts setzt er sich \u00fcber die Regeln des Anstands hinweg, begeht gezielt Taktlosigkeiten.<\/p>\n<p>Das Hingucken wird in Deutschland nicht als Kavaliersdelikt eingestuft. Kavaliere schauen weg. F\u00fcr die Rechtsprechung in Deutschland hat das blo\u00dfe Schauen keine Relevanz. Unter den Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung wird Voyeurismus in den Kriminalstatistiken nicht gesondert ausgewiesen. Es sei denn, zugleich w\u00fcrde nach \u00a7 201a StGB das Recht der Wohnung verletzt. Dieses gilt auch bei einem \u201egegen Einsicht besonders gesch\u00fctzten Raum\u201c, f\u00fcr den man die H\u00f6hle aus Ovids <em>Metamorphosen<\/em>, in der sich Diana und ihre Nymphengesellschaft tummeln, ansehen kann.<\/p>\n<p>H\u00e4ufiger aber wird im Zusammenhang mit Voyeurismus die Verletzung des Rechts am eigenen Bilde nach dem \u00a7 22 des Kunsturheberrechts geahndet. Diana, die Aktaion \u00fcberverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hart bestrafte, d\u00fcrfte mit der Vergabe von Bildlizenzen nicht sehr freigiebig sein. Maler, Ausstellungsmacher, Vortragende haben eine hohe Rechnung aus dem Olymp zu gew\u00e4rtigen.<\/p>\n<p>Letztlich liegt es im Ermessen der Frau, welchen Blick sie als zudringlich empfindet und welchen sie herausfordernd erwidert.<\/p>\n<p><em>If Acteon did right or wrong<\/em><\/p>\n<p><em>Let all faire virgins judge<\/em>,<\/p>\n<p>hei\u00dft es am Ende eines anonymen Gedichts aus elisabethanischer Zeit.<\/p>\n<p>Gerade die Hoheit der Frau will der Voyeur nicht anerkennen, oder aber er sucht bevorzugt hochgestellte Pers\u00f6nlichkeiten, um sie zu deklassieren. Weit davon entfernt, sich wie ein Gentleman zu verhalten, wird er zum R\u00e4uber von Anblicken. Er kompromittiert sein gegen\u00fcber, stellt es blo\u00df. Zeigen und Sehen werden zu einem Machtspiel. Einer Frage der \u00dcber- und Unterordnung. Logisch, dass sich die G\u00f6ttin das nicht gefallen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IX.<\/p>\n<p>Was, wenn Artemis zu Unrecht im Ruf der Keuschheit st\u00fcnde?<\/p>\n<p>Hans Peter Duerr weist in <em>Traumzeit<\/em>, seinem Buch \u00fcber \u201edie Grenze von Wildnis und Zivilisation\u201c, auf die Bedeutung des Worts \u201eParthenos\u201c hin. \u00dcblicherweise das Beiwort zur Pallas Athene, wurde \u201eParthenos\u201c auch auf Artemis angewandt. Von Artemis, der \u201eunbezwungenen Jungfrau\u201c, ist in der <em>Odyssee<\/em> die Rede. Wie Hans Peter Duerr erl\u00e4utert, war \u201eParthenos\u201c zumindest bei Pindar oder Vergil nicht die \u201eJungfrau\u201c im heutigen Verst\u00e4ndnis, sondern die Bezeichnung f\u00fcr diejenigen Frauen, die keinem Mann untertan waren. In Sparta hie\u00dfen die Konkubinen <em>Parthenoi<\/em> und ihre Nachkommen <em>Partheniai<\/em>.<\/p>\n<p>Im Ruf des Konkubinats steht Artemis freilich nicht. Jedoch beweist ihre Unzug\u00e4nglichkeit M\u00e4nnern gegen\u00fcber keineswegs ihre Keuschheit. War die G\u00f6ttin der M\u00e4nnerwelt nicht zugetan \u2013 so ein lang anhaltender Kurzschluss vieler Generationen von Mythographen \u2013 war sie jeglicher Lust abhold. Was aber, wenn sich Artemis intensiv ihrer Lust hingab, nur eben mit Frauen? Das w\u00e4re im Fall von Artemis keine unbegr\u00fcndete Lesart von \u201eParthenos\u201c. Sie war von keinem Mann abh\u00e4ngig. Die Beispiele von Frauenpaaren in der Ausstellung <em>im museum kunst palast<\/em> kn\u00fcpfen an diese \u00dcberlegung an.<\/p>\n<p>Verborgen im Wald lebt sie \u2013 was zahlreiche Bilder in unterschiedlicher Deutlichkeit illustrieren \u2013 mit ihren Nymphen ein Gegenmodell zu der von Zeus dominierten G\u00f6ttergesellschaft. Mit ihrer sexuellen Neigung ist sie im frivol-heiteren Olymp eine Au\u00dfenseiterin. G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter, allen voran Zeus, leben promiskuitiv. Artemis m\u00f6glicherweise auch, aber in einem ihren Gespielinnen vorbehaltenen Schutzraum, in den selbst die Olympier keinen Einblick haben. Artemis verwirklicht sich in einer gesellschaftlichen Randexistenz, gliedert<\/p>\n<p>sich in den kollektiven Reproduktionsprozess nicht ein. In der Genealogie der griechischen G\u00f6tter bildet sie durch ihren Verzicht auf Nachkommenschaft eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Ihre Geheimgesellschaft ist subversiv \u2013 nicht unbedingt in einem explizit politischen Sinne, wie der Philosoph Francis Bacon in seinem Werk <em>De sapientia veterum<\/em> (1609) den Mythos ausdeutet. Aber in einer konspirativen Kapsel, die nur den von ihr pers\u00f6nlich ausgew\u00e4hlten Gef\u00e4hrtinnen zug\u00e4nglich ist. Ihrer homoerotischen Einbettung in einer Frauengemeinschaft verdankt sie ihre Unabh\u00e4ngigkeit von M\u00e4nnern, ihre \u00dcberheblichkeit, die sie auch Aktaion gegen\u00fcber ausspielt.<\/p>\n<p>In der Umgebung, in der Aktaion die G\u00f6ttin antrifft, ist sie eine g\u00e4nzlich andere als die, wof\u00fcr ihr Name steht: Keuschheit, Ernsthaftigkeit, unnachgiebige Strenge. In diesem <em>locus amoenus<\/em> scherzt und spielt sie mit den Nymphen, und manche Barockdichter wie Giambattista Marino malen metaphernreich aus, wie weit die schwesterliche Liebe ging. Aktaions Entdeckung zwingt sie, sich zu outen. Noch neckisch aus dem Spiel heraus und mangels anderer Waffen bespritzt sie ihn mit Wasser, jedoch mit vernichtender Wirkung. Ihr Image steht auf dem Spiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>X.<\/p>\n<p>Wie ist es m\u00f6glich, dass Aktaion, der nie einen legitimen Anspruch auf die Jagdg\u00f6ttin erheben durfte, sp\u00e4ter zum Prototyp des geh\u00f6rnten Ehemanns avancierte? Als solcher taucht er beispielsweise in verschiedenen Shakespeare-St\u00fccken auf, so in <em>The Merry Wives of Windsor<\/em> u.a. \u00c4hnliche Anspielungen auf den Aktaion-Mythos, wenn es um betrogene Ehem\u00e4nner geht, finden und auch bei Shakespeares Zeitgenossen, nicht nur auf der Insel. Gab es zwischen Aktaion und der Jagdg\u00f6ttin ein engeres Band als die Ovids Darstellung es vermuten l\u00e4sst?<\/p>\n<p>In den Albaner Bergen nahe Roms liegt der Lago di Nemi. In fr\u00fcheren Zeiten hatte er den Beinamen <em>Speculum Dianae<\/em>, und noch immer ist er in Italien als <em>Specchio di Diana <\/em>bekannt. In ihm spiegelte sich der Hain der Jagdg\u00f6ttin. An den Ufern des Sees wohnte der <em>Rex Nemensis<\/em>, ein entlaufener Sklave. Er lebte in Hierogamie mit Diana. Wie hat man sich die Ehe zwischen einem Sterblichen und einer G\u00f6ttin vorzustellen? Begehrte er wie Pygmalion ein steinernes Abbild? Wohnten Tempelprostituierte als Stellvertreterinnen der Gottheit im Heiligtum? Waren Mensch und Gott durch eine <em>unio mystica<\/em> verbunden, so wie mittelalterliche Nonnen den Gottessohn als Br\u00e4utigam erw\u00e4hlt hatten?<\/p>\n<p>Wie auch immer \u2013 der entlaufene Sklave war frei und genoss ein hohes Ansehen. Seine Freiheit verdankte er einem Totschlag. Er hatte seinen Vorg\u00e4nger, den fr\u00fcheren K\u00f6nig des Nemi-Sees, t\u00f6ten m\u00fcssen. Geachtet, nicht l\u00e4nger ge\u00e4chtet, lebte fortan der einstige Sklave, befreit, aber in st\u00e4ndiger Furcht. Wem es gelang, einen Zweig des von ihm bewachten heiligen Baums zu brechen, durfte ihn zum Kampf auf Leben und Tod herausfordern. Siegte der Herausforderer \u2013 meistens ebenfalls ein entlaufener Sklave wie er selbst \u2013 konnte dieser seinen Platz einnehmen. James G. Frazer nimmt die Szene zum Ausgangspunkt seines epochalen Werks <em>The Golden Bough<\/em>.<\/p>\n<p>Furchtsamkeit ist die Eigenschaft des Hirschs, wie seit Anaximenes und vor allem in den allegorischen Ausdeutungen des Aktaion-Mythos im Sp\u00e4tmittelalter und in der Fr\u00fchrenaissance immer wieder betont wird. Get\u00f6tet von Hunden oder von Sklaven \u2013 was machte das in der Antike f\u00fcr einen Unterschied? Auch Dion, der Kyniker, vergleicht einen Herrn, der von seinen Untergebenen in Aufregung versetzt wird, mit Aktaion, den seine Hunde verzehren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>XI.<\/p>\n<p>War Aktaion \u00fcberhaupt ein Voyeur?<\/p>\n<p>Die Literaturgeschichte diskutiert ausf\u00fchrlich die Frage nach der Schuld oder Nicht-Schuld in seinem Verhalten. Nach Ovid stie\u00df Aktaion zu seiner eigenen \u00dcberraschung auf den Schauplatz mit der badenden G\u00f6ttin und ihren Nymphen. Bestand seine Schuld in der Faszination, die ihn nicht weitergehen und sein unverhofftes Gl\u00fcck l\u00e4nger als n\u00f6tig auskosten lie\u00df? Nach den Versionen des sp\u00e4tantiken Nonnos und einigen seiner fr\u00fchantiken Quellen ist Aktaion auf einen Baum geklettert, um mehr von der Jagdg\u00f6ttin ersp\u00e4hen zu k\u00f6nnen, deren K\u00f6rper von den Nymphen verdeckt war. Hyginus unterstellt ihm gar eine Vergewaltigungsabsicht, was bei der \u00dcberzahl an Nymphen als schwer durchf\u00fchrbar erscheint.<\/p>\n<p>Wollte sich das christliche Mittelalter, das bis sp\u00e4t in die Neuzeit hineinwirkte, an heidnischen Mythenstoffen erfreuen, musste dem antiken Autor eine moralische Absicht und den Geschichten ein christlicher Hintersinn unterstellt werden. Es entstanden Werke wie zu Beginn des 14. Jahrhunderts der <em>Ovide moralis\u00e9e<\/em> und der <em>Ovidius moralizatus<\/em> des Pierre Bersuire (Berchosius) von 1342, das F\u00fcrsten-Erziehungsbuch der Chistine de Pisan <em>Les cent histoires de Troye<\/em> (um 1400) sowie Emblemtata-B\u00fccher, die unterhalb der Holzschnitte mit mythologischen Szenen belehrende Epigramme wiedergaben.<\/p>\n<p>Aktaion moralisch zu rechtfertigen w\u00e4re aber gerade f\u00fcr Ovids Darstellung des Mythos \u00fcberfl\u00fcssig, hatte Ovid Aktaion doch keinerlei schuldhaftes Verhalten unterstellt.<\/p>\n<p>In den <em>Tristia<\/em>, geschrieben aus seiner Verbannung am Schwarzen Meer, vergleicht sich Ovid mit Aktaion. Ein unverschuldeter Fehltritt habe dazu gef\u00fchrt, dass er, Ovid, in Ungnade fiel. Bei Aktaion ein schuldhaftes Verhalten anzunehmen hie\u00dfe, auch den Autor seiner Metamorphose f\u00fcr das vermeintliche Vergehen, das ihn in die Verbannung zwang, schuldig zu sprechen.<\/p>\n<p>In Giordano Brunos Sicht des Aktaion-Mythos stellt sich die Schuldfrage nicht. Der J\u00e4ger in seiner Schrift <em>Degli heroici furori<\/em> (1587) verfolgt sein Ziel, die Gottheit zu schauen, die zugleich f\u00fcr den Christengott steht, mit \u00e4u\u00dferster Leidenschaft. Er \u00fcbersieht dabei den K\u00f6rper auf eine ihn transzendierende Weise.<\/p>\n<p>Den unverh\u00fcllten Abglanz des G\u00f6ttlichen schauen zu wollen bedarf keiner Rechtfertigung. Heroische Leidenschaften sind f\u00fcr Bruno keine niederen Triebe. Ins verborgene Dickicht, in das sich die idealen Begriffe zur\u00fcckgezogen haben, pirscht sich der geistliche Ekstasenj\u00e4ger an die Wahrheit, indem er seine besten Seelenkr\u00e4fte von der Leine l\u00e4sst. In dieser Allegorie ist Bruno klar, dass sich in der Physis immer nur Verg\u00e4nglichkeit widerspiegelt, nie die Wahrheit, die ewig ist. Und dass Aktaion die seichte Welt der Erscheinungen nicht gesucht haben kann.<\/p>\n<p>Das entspricht der allgemeinen Disqualifizierung der Sinneswahr\u00adneh\u00admungen im Mittelalter, da durch das Sehen immer nur die Akzidenzien wahrgenommen werden k\u00f6nnen, nie das Wesen. Der Mensch sollte die Aussage des Worts nicht empirisch \u00fcberpr\u00fcfen, sondern glauben. Die gro\u00dfe Zeit der Erfahrungswissenschaften brach gerade erst an. Mit ihr, mit der beginnenden Renaissance, setzte eine Umwertung der Neugier ein. Vorwitz, bzw. in einer \u00e4lteren Schreibweise F\u00fcrwitz wird zu einem Schl\u00fcsselwort des Zeitenwandels. Zwar enden viele Geschichten mit dem Motiv, dass der menschliche Vorwitz bestraft wird, doch sind es gerade die klammheimlichen Helden der Neuzeit, die diese Eigenschaft auszeichnen (<em>Degli heroici furori<\/em> erschien im selben Jahr mit dem \u201eVolksbuch\u201c von <em>Faust<\/em>,1587). Brunos Werk f\u00e4llt in diese bedeutende Umbruchszeit \u2013 auch er ist ein Zerrissener zwischen mittelalterlicher Gl\u00e4ubigkeit und neuzeitlichem Erfahrungshunger.<\/p>\n<p>Bruno greift die tradierte Deutung auf, dass es sich bei Aktaion um jemanden handelt, der sich zu Tode verausgabt. Aber nicht, dass sich jemand ruiniert, kritisiert Bruno; die Frage ist, <em>wof\u00fcr<\/em> er seine Gesundheit, sein Leben opfert.<\/p>\n<p>Die Liebe ver\u00e4ndert den Liebenden, verwandelt ihn, gleicht ihn dem begehrten Subjekt an. Verstehen, so Giordano Bruno, verlange Kongruenz. Um eine Gottheit als solche zu erkennen, m\u00fcsse die G\u00f6ttlichkeit des Erkennenden geweckt werden. Die G\u00f6ttin sublimiert seine Leidenschaft und verwandelt ihn, nicht in ein Tier, sondern in ein gott\u00e4hnliches Wesen. Verwandlung konnte ohnehin nur eine <em>mutatio moralis<\/em> bedeuten, denn w\u00f6rtlich verstanden w\u00fcrde die Umwandlung von Menschen in Tiere die von Gott geschaffene Ordnung durchkreuzen. Noch 250 Jahre sp\u00e4ter erschrak Charles Darwin \u00fcber seine Entdeckung, dass die Arten keinesfalls ein f\u00fcr allemal festgelegt, sondern wandelbar, sind.<\/p>\n<p>Aktaion \u2013 so Bruno \u2013 habe die Gottheit verinnerlicht, m\u00fcsse sie nicht mehr au\u00dferhalb seiner selbst suchen. Auf den fragmentierenden Blick durch die L\u00fccken im Laub des Waldes ist er nicht angewiesen. Aktaion wird ganz zum Auge, und das Auge zum Symbol der Vernunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>XII.<\/p>\n<p>Vernunft wird nicht erst seit Nietzsche mit dem Apollinischen verbunden. Artemis ist die Zwillingsschwester des Apollon; Aktaions Vater Aristaios das Ergebnis der Vereinigung Apollons mit einer Nymphe (Kyrene).<\/p>\n<p>Zugleich ist Aktaion mit dem verwandt, was von Nietzsche als Gegenbegriff zum Apollinischen aufgefasst wird, mit dem Dionysischen. Aktaions Mutter ist die Schwester der Dionysos-Mutter Semele; Dionysos also Aktaions Cousin, wie er ein Enkel des Theben-Gr\u00fcnders Kadmos.<\/p>\n<p>Aktaion, in dem das apollinische Prinzip v\u00e4terlicherseits und das Dionysische m\u00fctterlicherseits zusammentreffen, ist einer Zerrei\u00dfprobe zwischen Vernunft und Ekstase ausgesetzt. Er h\u00e4lt ihr nicht stand, wird zerrissen, und kein Schamane, kein Zauberer, kein Gott vereint seine Teile zu einem neuen Ganzen. Er starb an einer \u00dcberdosis Dionysischem.<\/p>\n<p>Anders gesagt: Zu viel aus der Familie der Mutter, zu wenig aus der des Vaters, machen ihn anf\u00e4llig f\u00fcr Schw\u00e4rmerei, f\u00fcr die Ekstase, bis in den Tod. Doch durch sein Vorwitz, seine <em>polypragmos\u00fdne<\/em>, hat Aktaion erreicht, dass sein Fall bis heute diskutiert wird. Seit den ersten bekannten Erw\u00e4hnungen seines Namens in den pseudo-hesiodianischen Fragmenten sind das immerhin rund 2.700 Jahre. Aktaion ist keiner jener antiker Helden wie Herakles oder Odysseus, dessen Tod nur der letzte Akt einer Reihe ruhmvoller Taten w\u00e4re. Eine einmalige Grenz\u00fcberschreitung mit t\u00f6dlichem Ende machte ihn ber\u00fchmt, ein exemplarischer Fall von Vorwitz, <em>curiositas<\/em>, <em>polypragmos\u00fdne<\/em>.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>[Aus rechtlichen Gr\u00fcnden wird auf die Wiedergabe der Abbildungen verzichtet. F\u00fcr diejenigen Lesern, die eigenst\u00e4ndig nach den dazugeh\u00f6renden Abbildungen recherchieren m\u00f6chten, seien hier die Nachweise aus der Vortragsfassung genannt:]<\/p>\n<p><strong>Bildnachweise: <\/strong><\/p>\n<p>Die w\u00e4hrend des Vortrags in der VHS D\u00fcsseldorf eingeblendeten Bildbeispiele sind \u2013 bis auf die unten genannten Ausnahmen \u2013 dem Katalog zur Ausstellung entnommen: <em>Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit<\/em>. Hg.: Beat Wismer und Sandra Badelt. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2008.<\/p>\n<p>Die Ausstellung wurde vom 25.10.2008 \u2013 15.02.2009 im <em>museum kunst palast<\/em>, D\u00fcsseldorf, gezeigt. Idee und Konzept: Beat Wismer. Kuratoren: Beat Wismer mit Sandra Badelt und Mattijs Visser.<\/p>\n<p>Nicht im Ausstellungskatalog enthalten sind die folgenden Bildeinblendungen:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 alle Buchcover, Internetseiten, Texte, die als Quellenangaben zu den Zitaten dienen,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Venus von Milo, Diana-Statue: google Bilder (S. 1),<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kunsthandwerkliche Beispiele (S. 3): Diana mit Hirsch: Ebay; Diana auf Hirsch: Schatzkammer Burg Eltz,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Illustration zum Stichwort \u201eBekleidungsunfall\u201c (S. 11): Zeitschrift <em>Frigidaire<\/em>, Ottobre 1981. N. 11. Primo Carnera editore, Milano,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Beispiel zur Modefotografie (S. 11): eigener Scan, bearbeitet mit Photoshop, Fotograf und Model nicht mehr feststellbar,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Holzschnitt auf S. 18: Giovanni dei Bonsignori, 1497,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 3. Beispiel f\u00fcr einen \u201cGeh\u00f6rnten\u201d (S.18): google Bilder,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Illustrationen zum Lago di Nemi (S. 19): 1) Joseph Mallord William Turner: <em>The Golden Bough<\/em>, Tate Gallery; 2) John Robert Cozens: <em>Lago di Nemi<\/em>.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Illustration zum \u201cchristianisierten Hirsch\u201d (S. 20): AlbrechtD\u00fcrer: <em>Hlg. Eustachius<\/em>,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Buchseiten aus dem Ovide moralis\u00e9e (S. 20),<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Holzschnitt mit Text aus Niccol\u00f3 degli Agostini, 1522 (S. 20).<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 72. Teilabriss Schaulust \u2013 und was dahinter steckt Aktaion, der klassische Voyeur [Vortrag mit Abbildungen; eine stark gek\u00fcrzte Fassung wurde abgedruckt in Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik XXV, T\u00fcbingen 2010, S. 115\u2013121] I. Wir k\u00f6nnen uns Aktaion als einen zerrissenen Menschen vorstellen. Wenn es einen Zusammenhang zwischen der &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=514\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;072 &#8211; Schaulust, und was dahinter steckt. 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