{"id":488,"date":"2014-09-26T00:33:37","date_gmt":"2014-09-25T22:33:37","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=488"},"modified":"2026-06-04T15:21:55","modified_gmt":"2026-06-04T13:21:55","slug":"075-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=488","title":{"rendered":"075 &#8211; \u201eDas Entstehende\u201c f\u00fchrt den F\u00fcrwitz auf"},"content":{"rendered":"<p>Entstehender Roman; Stand: 04.06.2026<\/p>\n<p>Beginn:<\/p>\n<p>Wolfgang Cziesla:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Das Entstehende&#8220; f\u00fchrt den <em>F\u00fcrwitz<\/em> auf <\/strong><\/p>\n<p>(Alternativ: Das Entstehende bringt den \u201eFirwitz\u201c)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>N<\/strong>eben mir sagt eine unbekannte Frau: Der Tag mit seinen Spielen und Reden ist vorbei, jetzt kannst du. Nie wei\u00df ich, ob Frauen es so meinen, wie ich sie gern verstehen w\u00fcrde. Noch w\u00e4hrend ich den Mund zu einer Frage \u00f6ffne, stecken wir in einer wilden Knutscherei. Wir sind nicht die Einzigen in der Matratzenlandschaft. Sobald die Spiele und die Debatten ruhen, f\u00fcllt sie sich mit schmusenden und gegenseitigen streichelnden K\u00f6rpern; manche greifen auch fester zu. Unter dem Kopfkissen liegt eine Nussschale, gr\u00f6\u00dfer als eine Haselnuss und glatter als eine Walnuss, eine dunkelbraune Halbkugel. Die Frau beginnt, ausf\u00fchrlich mein Ohr zu lecken, oder ich lecke ihres, das wei\u00df ich nicht, wie ich \u00fcberhaupt kaum etwas wei\u00df. Durch einen hohlen Baum gelangen wir tief ins Erdreich. Sie, in der Remise neben dem verfallenen Posthotel ein nur geduldeter Gast wie ich, m\u00f6chte, dass ich unseren Gastgeber umarme. Er sagt, der Ort sei ja vor allem wegen seines Schwitzschachtes bekannt, eine Attraktion, um die uns alle Thermen der Welt beneideten. Die meisten G\u00e4ste \u00fcbernachteten hier nur, um einmal in den Schwitzschacht zu steigen. W\u00f6rtlich sagt der uns beherbergende Herr Johann: \u201eSo pflegt au\u00df allen benachbarten D\u00f6rffern, Th\u00e4lern vnd Gebirgen, mit einem Wort alles gemein, vnnd lauffige Gesinde, theyls Gesund, theyls Lust vnd Furwitz halber, herbey zukommen, in die Badschw\u00e4mme, einzusitzen, vnnd die gantze Nacht, darinn wachtsamb zuzubringen. Er redet weiter, manche trieben <em>superstition<\/em> und Aberglauben \u2013 ohne zu erl\u00e4utern, worin f\u00fcr ihn der Unterschied zwischen den beiden W\u00f6rtern besteht, \u2013 tauchten in dem schwer zug\u00e4nglichen Schwitzschacht ihre Hemden in das Badwasser und z\u00f6gen sie an \u2013 so unser Gastgeber w\u00f6rtlich \u2013 \u201emit mainung, einer mit sich hinweg tragenden gro\u00dfen gefunden Krafft.\u201c Vielleicht sagte er auch \u201egesunden Krafft\u201c, aber es klang wie \u201egefunden Krafft\u201c.<\/p>\n<p>Ich bezweifle, dass unsere Zeit f\u00fcr solche Erfahrungen ausreichen wird, denn am Morgen wollen wir mit unseren \u00dcbungen auf dem Hochplateau weitermachen.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck fragt Alain, hat er wirklich \u201eFurwitz halber\u201c gesagt? Der diese Frage stellt, gab gestern den Alain Leroy aus <em>Le Feu follet<\/em> (Das Irrlicht). Unsere b\u00fcrgerlichen Namen kennen wir alle nicht voneinander, aus gutem Grund. Kommt jemand und sagt, Hallo, ich bin der Paul, wollen wir\u2018s nicht wissen. Andere Namen als die unserer Rollen sind unn\u00f6tig, sie \u00e4ndern sich von Tag zu Tag und manchmal auch mehrfach in ein und derselben Trainingssession. Oft werden wir zu einer Figur mit dem was wir sagen, indem wir jemanden zitieren, mitunter nur f\u00fcr den einen Satz.<\/p>\n<p>Sofort sind flinke Finger auf der Spur des Wortes \u201eFurwitz\u201c. Hier, sagt Ipomoea als Erste und liest von ihrem kleinen Bildschirm ab: \u201esi folget ir bosen furwitz und t\u00ebt dar in einen biz\u201c.<\/p>\n<p>Quelle, fragt Alain.<\/p>\n<p>Nach versuchsweisem Wischen nach oben und unten, nach links und rechts, hat es Ipomoea gefunden: Millst\u00e4tter Genesis.<\/p>\n<p>Dann m\u00f6chte ich heute Eva sein, sagt die, die gestern noch Sophie war. Fragt sich nur, wohinein sie ihren Biss t\u00e4t.<\/p>\n<p>Unwahrscheinlich, dass am Baum der Erkenntnis ein trivialer Apfel wuchs, meint Albert, der Pharmakologe.<\/p>\n<p>Ein Pilz vielleicht, schlage ich vor, oder ein betr\u00e4ufeltes St\u00fcckchen L\u00f6schpapier.<\/p>\n<p>Du meinst?<\/p>\n<p>Ich meine, sagt Adam \u2013 wir nennen ihn jetzt einfach Adam, weil seine Frau, die gestern Sophie war, jetzt Eva hei\u00dft \u2013, ich meine, irgendwie m\u00fcssen die Leute den Schauplatz Garten Eden erahnen k\u00f6nnen. Nur \u00f6ffentlich einen Apfel zu essen, daf\u00fcr bleibt keiner stehen.<\/p>\n<p>Schon diskutieren wir einzelne Szenen rauf und runter, w\u00e4hrend normalerweise die Stunde der Philosophen erst am Abend schl\u00e4gt, Kritik und Deutung immer retrospektiv, mit besseren Vors\u00e4tzen f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>Erst tun, dann nachdenken, sagt Albert mit einem sp\u00f6ttischen Zug in den Mundwinkeln, der sich mit dem ergebnislosen Abbruch des Gespr\u00e4chs nicht zufriedengibt.<\/p>\n<p>Wir proben keine St\u00fccke ein; vieles entsteht in dem Moment, in dem wir es tun. Wir spielen immer, Tag und Nacht. Wir wollen nicht im Verbor\u00adgenen etwas vorbereiten, was wir dann irgendwann \u00f6ffentlich pr\u00e4sentieren. Unsere \u201eProben\u201c \u2013 wobei das Wort unzutreffend ist, denn alles ist Spiel \u2013 sind nicht geheim. Wer immer es will, soll den Entstehungsprozess nachverfolgen k\u00f6nnen. Auch Ergebnisse w\u00e4ren immer nur vorl\u00e4ufig. Der Prozess ist das Eigentliche. Alles wird zu unserer B\u00fchne, jeder Gehweg, jeder Marktplatz, jede Bushaltestelle, Rasenfl\u00e4chen in den Parks, das eine oder andere Foyer \u00f6ffentlicher Geb\u00e4ude und gestern der Platz vor dem einstmals f\u00fcr die Postbus-Reisenden gebauten und inzwischen einsturzgef\u00e4hrdeten Gro\u00dfhotel. Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum, nicht angemeldet, \u00fcberraschend wie ein Flashmob, scheinbar spontan. \u00dcber soziale Plattformen m\u00fcssen wir uns nicht verabreden, wir sind Tag und Nacht beisammen, eine Kerngruppe um die f\u00fcnfzehn Personen, die nicht zwischen Leben und Schauspiel unterscheiden wollen. Mit den Durchreisenden, die sich uns f\u00fcr k\u00fcrzere Zeit anschlie\u00dfen, kommen wir manchmal auf zwanzig oder gar f\u00fcnfundzwanzig.<\/p>\n<p>Wer bei uns mitmacht, ver\u00adl\u00e4sst sein bisheriges Leben, darf sich aber jederzeit wieder verabschieden. Wir sind das gro\u00dfe Welttheater des Dramatikers Calder\u00f3n de la Barca im Goldenen Zeitalter Spaniens. Oder auch die <em>Gesellschaft des Spektakels<\/em>, wie von den Situationisten im Vorfeld des Mai 1968 beschrieben. Wir wissen, alles ist inszeniert. Als Gruppe nennen wir uns <em>Das Entstehende<\/em>. Diesen Namen verwenden wir fast ausschlie\u00dflich intern \u2013 wenn gruppendynamische Gespr\u00e4che n\u00f6tig sind \u2013 und extern nur, falls uns jemand fragt, wer wir sind. Wir malen oder drucken keine Plakate. Werbung w\u00fcrde unseren Absichten entgegenwirken. W\u00fcssten die Leute, aha, das ist jetzt Theaterspiel, w\u00e4re die \u00dcberraschung dahin. Au\u00dferdem sind wir uns selbst nicht sicher, ob wir es Theater nennen m\u00f6chten oder lieber Happening, Aktionskunst, Performance, was auch immer. Interessant ist vor allem das, wof\u00fcr es noch keine Bezeichnung gibt.<\/p>\n<p>Auch <em>Das Entstehende<\/em> ist ein Name, der sich durch den Gebrauch ergeben hat. Wenn wir uns, je nachdem, wer dabei ist, auf Englisch unterhalten, nennen wir uns auch The Emergence oder The Emerging oder The Emerging Idea. Wir sind kein eingetragener Verein oder dergleichen, als gemeinn\u00fctzig verstehen wir unsere Aktionen dennoch. Seit wir uns ein rigoroses Kommerzialisierungsverbot auferlegt haben, keine F\u00f6rderantr\u00e4ge stellen und nicht einmal mit dem Hut herumgehen, sind wir von mehr Schaulustigen umgeben als zuvor. Aber wir verstehen uns nicht als Laientheater. Ich selbst konnte viele ern\u00fcchternd-lehrsame Erfahrungen mit den professionelleren Spielarten dieses Gewerbes sammeln. Fr\u00fcher hat man uns als eine marginale Gruppierung angesehen, nun sind wir \u00fcber den Rand hinausgetreten. Wir k\u00e4mpfen nicht mehr f\u00fcr, sondern gegen unsere Interessen und nicht f\u00fcr die Interessen Einzelner, nicht f\u00fcr die Arbeiterschicht, das Prekariat, die Schwulen, Lesben, Queeren, wobei nat\u00fcrlich alle diese Rollen besetzt werden k\u00f6nnen. Wir haben keinen Chef, keinen Regisseur oder Intendanten. Naturgem\u00e4\u00df gibt es auch in unserer Truppe unterschiedliche Begabungen. Da sind zwei wahre Akrobaten mit vollendeter K\u00f6rperbeherrschung, Muskelmenschen sondergleichen und sehr kr\u00e4ftig, andere sind eher die Denker und Forscher und arbeiten immerzu an Konzepten, w\u00e4hrend manche von uns nur improvisieren k\u00f6nnen, das aber wirklich k\u00f6nnen. Aus dem Stegreif reihen sie Reimkaskaden, zu flott und worterfin\u00adde\u00adrisch, um sie zu notieren, aber nat\u00fcrlich wollen wir keine der schon existierenden Sprachen benutzen.<\/p>\n<p>Besondere Aufmerksamkeit erregt die \u00fcberragende Schlangenfrau. Ipomoea, die gro\u00dfe, schlanke, war durch eine Erz\u00e4hlung von Sophie (heute Eva) auf ihren Namen gekommen. Sie hatte kurz \u00fcberlegt, sich <em>Calystegia <\/em>zu nennen, da die Zaunwinde in der Kindergeschichte, die wir auff\u00fchren wollten, botanisch nicht n\u00e4her bezeichnet ist; den Namen Ipomoea findet sie aber sch\u00f6ner. In Ipomoea schlummern Mutterkornalkaloide, sagt sie.<\/p>\n<p>Sophie hatte sich erst Schneider nennen wollen, denn sie wusste sicher, dass es sich um ein \u201eSchneider-Buch\u201c gehandelt hatte, in dem sie als Kind, gerade erst des Lesens m\u00e4chtig, der Geschichte begegnete. Mehrere von uns redeten ihr den Namen Schneider aus, da wir einen Schneider erst kurz zuvor im Zusammenhang mit den Heinzelm\u00e4nnchen verwendet hatten (\u201e<em>Neu\u00adgie\u00adrig war des Schneiders Weib\u201c)<\/em>. Mit etwas Recherche fanden wir den Namen der Autorin heraus. Es war eine Sophie also, die uns von der vorwitzigen Zaunwinde erz\u00e4hlte. Die Handlung ist simpel. Emp\u00f6rend simpel: Eine Zaunwinde w\u00e4chst schneller als alle anderen, die Sehnsucht treibt sie, als Erste \u00fcber den Zaun zu blicken in den Garten des Nachbarn hinein, aus dem sie unerkl\u00e4rliche Laute h\u00f6rt. Dort h\u00e4lt der Nachbar eine Ziege, die, als sie die hochgewachsene Winde \u00fcber den Zaunspitzen entdeckt, sie frisst. F\u00fcr Sophie \u2013 nicht die Autorin, sondern die Frau aus unserer Truppe, die heute Eva sein will \u2013 war die erste gr\u00f6\u00dfere Leseanstrengung ihres Lebens eine herbe Entt\u00e4uschung. Sie verstand nicht, sie erinnerte sich sogar, als damals Sechsj\u00e4hrige im Stillen protestiert zu haben, dass jemand, nur weil er eifrig in die H\u00f6he schie\u00dft, f\u00fcr seine Leistung als Schnellwachsender mit dem Tode bestraft wird. F\u00fcr Sophie zog die Geschichte, wie sie meinte, zwei Konsequenzen nach sich, erstens, sie fand lange Zeit keinen Gefallen am Lesen, und zweitens, sie wuchs nur bis 1,58 Meter.<\/p>\n<p>Eine unverantwortliche Moral hat die Geschicht\u2018, sagte Ipomoea, rank und schlank, ich spiele morgen die Zaunwinde, wer ist die Gei\u00df, wer will mich fressen? Sie lachte spitzb\u00fcbisch, herausfordernd. Niemand meldete sich und so verzichteten wir darauf, die Szene nachzuspielen. Aber die Struktur, das Muster des bestraften Vorwitzes, wollten wir in allen Variationen zu unserem Thema machen.<\/p>\n<p>Wird denn der Vorwitz nicht auch manchmal belohnt, fragt Giordano.<\/p>\n<p>So weit sind wir noch nicht, sagt Augustinus. Wir sind noch mit der Vertreibung aus dem vermeintlichen Paradies besch\u00e4ftigt und allem, was sich theologisch und p\u00e4dagogisch daraus ergeben hat.<\/p>\n<p>Lasst uns hinausgehen, schl\u00e4gt, ungeduldig geworden, der Z\u00fcrcher vor. Andere stimmen ihm zu. Viele Worte schon f\u00fcr eine Kunst, die am liebsten wortlos agieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die beiden Pantomimen eilen voraus, andere \u2013 wie Adam, Eva, Augustinus oder Sloterdijk \u2013 verlassen etwas beh\u00e4biger den Fr\u00fchst\u00fcckstisch, ein auf Steinen aufgebocktes T\u00fcrblatt neben dem Matratzenlager in der alten Postkutschen-Remise. Da wir mindestens noch eine weitere Nacht hierbleiben d\u00fcrfen, lassen wir den Hanomag stehen und gehen zu Fu\u00df los, nicht wieder zu der gleichen Stelle wie gestern, nie zweimal am selben Ort. Alles, was wir an Requisiten ben\u00f6tigen, tragen wir bei uns. Viel ist es nicht. die beiden Pantomimen k\u00f6nnen alles Gew\u00fcnschte in der Vorstellung des Publikums entstehen lassen.<\/p>\n<p>Hinter jeder Biegung ergeben sich wunderbare Ausblicke. Vielleicht durch einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen F\u00f6hnwind hervorgerufen, erscheinen alle Felsformationen heute besonders konturiert, die Schatten violett.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, worin sich die Millst\u00e4tter Genesis von anderen Versionen des Garten Edens unterscheidet. Was unseren Spieltrieb aber nicht mindert. Ipomoea \u00fcbernimmt die Schlange, das liegt nahe, m\u00f6chte aber nicht Schlange genannt werden und ihren vorigen Namen noch eine Weile behalten. Wenn ich lange genug \u00fcber den Boden gekrochen bin, will ich vielleicht an einem imagin\u00e4ren Zaunpfahl in die H\u00f6he ranken, auch ohne, dass mich die Ziege frisst. Lasst euch \u00fcberraschen.<\/p>\n<p>Lass du dich \u00fcberraschen, sagt Adam.<\/p>\n<p>Am Hotel Edelweiss biegen wir links ab, hinauf ins Dorf.<\/p>\n<p>Ich habe mal eine R\u00fcttenscheider Genesis geschrieben, sagt einer, der sich uns seit kurzem angeschlossen hat.<\/p>\n<p>Und was soll R\u00fcttenscheider sein?<\/p>\n<p>R\u00fcttenscheid, f\u00fchrt er aus, hei\u00dfe das Viertel, in dem er aufgewachsen sei, in einer Stadt, die ihm insgesamt zu wenig Identifikation anbiete, als dass er ihren Namen \u00fcbernehmen m\u00f6chte. Die Stadt habe keine Identit\u00e4t, sie sei das Ergebnis b\u00fcrokratischer Entscheidungen \u00fcber Eingemeindungen und Grenz\u00adziehungen ohne R\u00fccksicht auf historische und regionale Traditionen. Teile von Westfalen, des Rheinlands und des Bergischen Landes, mitsamt ihren Bewohnern, seien zusammengew\u00fcrfelt worden, und mit der Industrialisierung habe die Massenzuwanderung begonnen, vor allem aus den \u00f6stlichen Provinzen Preu\u00dfens und aus Polen, sp\u00e4ter auch aus S\u00fcd- und S\u00fcdosteuropa. Er definiere sich als R\u00fcttenscheider oder aber als Bewohner der Ruhrregion insgesamt, aber nicht als B\u00fcrger innerhalb der politisch ausgehandelten Stadtgrenzen. Und nun, sagt er, lese ich euch aus meinem Notizbuch ein paar S\u00e4tze der R\u00fcttenscheider Genesis vor:<\/p>\n<p><em>\u2026 und sie wurden gewahr, dass sie dumm waren. Nach der Einnahme schon einer kleinen Menge der Frucht vom Baum der Erkenntnis erkannten sie, was ihnen fehlte: Intelligenz. Die F\u00e4higkeit des schnellen Lesens, des exakten Memorierens, des Findens von Abk\u00fcrzungen auf den gewundenen Bahnen ihrer Schlussfolgerungen, aber letztlich neben der Geistesst\u00e4rke auch das, was der Volksmund Herz nennt, ein Herz f\u00fcr Tiere, ein Herz f\u00fcr Kinder, ein Herz f\u00fcr Kranke \u2026. Intelligenz mit Herz \u2013 das brauchten sie mehr als Geld und alle G\u00fcter. An fehlender Intelligenz und fehlendem Herzen zeigte sich ihre Bl\u00f6\u00dfe.<\/em><\/p>\n<p>Ihr habt es im Ruhrgebiet aber gewaltig mit dem Herzen, sagt der Mitspieler, der eine kleine Trittleiter tr\u00e4gt. Sein Akzent verr\u00e4t eine Z\u00fcrcher Herkunft, und deswegen nennen wir ihn bis auf weiteres nach der Stadt. Ich bin vor Jahren einmal zum Umsteigen nur f\u00fcr eine Stunde im Ruhrgebiet gewesen, erz\u00e4hlt er, und schon in Bahnhofs\u00adn\u00e4he gleich dreimal dem Wort Herz begegnet: Im Herzen des Ruhrreviers, eine Stadt mit Herz und noch etwas mit Herz.<\/p>\n<p>Ja, so sind wir, sagt R\u00fcttenscheider, dir h\u00e4ngt ein Herz in deiner Brust, das darfst du nie verlieren. Aber das ist Ringelnatz.<\/p>\n<p>H\u00e4ngt es, das Herz?<\/p>\n<p>Es h\u00e4ngt schwer und zieht den Gang des <em>Homo Ruhrgebietensis<\/em> nach unten, aber es schl\u00e4gt wie ein Dampfhammer.<\/p>\n<p>Wir gehen bergauf, vielleicht daher das Dampfhammerherz, und dabei noch vorlesen. Wen will der R\u00fcttenscheider mit der Erkenntnis mangelnder Intelligenz treffen? Uns? Sich selbst? Oder sollte seine Einlassung nur ein witziges Gegenst\u00fcck zur Millst\u00e4tter Genesis sein, die uns als Vorlage unserer Improvisationen dienen wird?<\/p>\n<p>Vor der Kirche \u2013 wei\u00dfgestrichen, der Turm mit gro\u00dfer Uhr, sein Dach eine flache Pyramide \u2013 gibt es rechts und links der Stra\u00dfe einen Parkstreifen. Die drei Autos, verteilt auf beide Seiten der Dorfstra\u00dfe, lassen uns gen\u00fcgend Raum.<\/p>\n<p>Das Besondere unseres Spiels ist im Grunde nicht zu beschreiben. Was f\u00fcr unsere Arbeit das Wesentliche ist, liegt au\u00dferhalb des Artikulierbaren. Wir machen schlie\u00dflich kein Sprechtheater. Kommt doch einmal ein Wort hervor, h\u00e4ngen ihm Spuren des Vorsprachlichen an. Es verfl\u00fcchtigt sich nicht so schnell, als w\u00e4re es in eine Rede eingebunden. Jedem Wort seine Nachgeburt.<\/p>\n<p>Ipomoea rekelt sich auf dem Asphalt, dass einige der Dorfbueben Stielaugen kriegen. \u201eSich rekeln\u201c ist eine despektierliche Bezeichnung f\u00fcr ihre pr\u00e4zise K\u00f6rperbeherrschung, es ist ein \u00fcberaus kunstvolles Rekeln. Als h\u00e4tte sie zwischen Taille und Schulterbl\u00e4ttern f\u00fcnfundzwanzig Gelenke, die sie nach Belieben hin und her bewegen kann, richtet sie sich Wirbel f\u00fcr Wirbel vom Boden auf und bleibt in jeder Phase ihres Sich-Aufrichtens minutenlang unbeweglich. An ihre Zunge hat sie eine sich gabelnde Verl\u00e4ngerung angeklebt, vielleicht aus Pflanzen\u00adfa\u00adsern oder Spargelschalen, mit der sie sich z\u00fcngelnd wie eine Schlange am Geruch zu orientieren versucht. Sie erkennt Eva, nackt vor ihr, gebannt wie das redensartliche Kaninchen. Wir alle starren auf Evas monstr\u00f6ses Schamhaartoupet. Um ein solches muss es sich handeln, denn ich kann nicht glauben, dass ein solcher B\u00e4r nat\u00fcrlich w\u00e4chst. Adam, der sich nun von der Seite n\u00e4hert, hat sich eine Lockenper\u00fccke \u00fcber seine Scham ge\u00adh\u00e4ngt. In dem abgelegenen Bergdorf m\u00fcssen wir nicht durch Exhibitionismus gl\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Der Z\u00fcrcher Kollege ist auf die kleine Trittleiter gestiegen, spielt den Baum und wedelt mit dem Apfel, den er vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch mitgenommen hat. Die Schlange z\u00fcngelt nun in Richtung der Frucht. Eva blickt sorgenvoll, doch andererseits erleichtert, weil die Schlange sich von ihr abwendet und den Apfel zu pfl\u00fccken versucht, den der Z\u00fcrcher jetzt noch ein St\u00fcck h\u00f6her h\u00e4lt, um Ipomoea zu \u00e4rgern, oder damit die uns aus vorsichtiger Entfernung beobachtenden D\u00f6rfler sie in ihrer ganzen K\u00f6rperl\u00e4nge bewundern k\u00f6nnen. Dann l\u00e4sst er sie von der angeblich Verderben bringenden Frucht abbei\u00dfen. Die gespaltene Schlangenzunge kreist um das Maul, und mit ihren Augen und Bewegungen gibt die Schlange Eva zu verstehen, es handele sich um eine ausgesucht k\u00f6stliche Frucht, die sie unbedingt probieren sollte. Eva erwartet, dass die Schlange jeden Moment elendig verendet, hat sie doch geh\u00f6rt, wer von der verbotenen Frucht koste, dem winkt der Tod. Doch die Schlange lebt f\u00f6rmlich auf, setzt zu einem temperamentvollen Solo an, das selbst noch Salomes Tanz der sieben Schleier in den Schatten stellt, steigert sich in immer entr\u00fccktere Bewegungen hinein, ger\u00e4t in Ekstase, und nun kann auch Eva nicht an sich halten und greift nach dem Apfel. Adam springt auf sie zu und schl\u00e4gt ihr die Frucht aus der Hand. Es kommt zu einem pantomimischen Streit, wohl einem expressionistischen deutschen Stummfilm nachempfunden, mit w\u00fcster Gestikulation. Der bewegungsreiche Disput m\u00fcndet in einer Umarmung und einer \u00fcberzeugenden Verf\u00fchrungsleistung durch Eva, der sich Adam am Ende ergeben muss. Als sei er bereit, f\u00fcr sie den Liebestod zu sterben, hebt Adam theatralisch den restlichen Apfel vom Asphalt des Parkplatzes auf und bei\u00dft mutig in ihn hinein. Beide rei\u00dfen die Augen auf und zeigen gegenseitig auf ihre b\u00e4rtige Scham. Alain, der vor\u00adges\u00adtern <em>Das Irrlicht<\/em> war und heute mit Pappschwert den Erzengel verk\u00f6rpert, packt beide am Genick und st\u00f6\u00dft sie auf die wenig befahrene Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Albert sch\u00fcttelt den Kopf. Auf dem Weg hierher hatte er st\u00e4ndig seinen kleinen Bildschirm vor Augen gehabt und Suchbegriffe eingegeben. Nur kurz hatte er aufgeblickt, als der R\u00fcttenscheider in seiner eigenen Genesis von einer kleinen Menge der Frucht vom Baum der Erkenntnis sprach, und hatte zustimmend genickt.<\/p>\n<p>Als wolle er etwas Gewichtiges sagen, hebt er nun zu sprechen an: Aus der Zur\u00fcckhaltung des Naturwissenschaftlers einmal heraustretend, laute sein Urteil: l\u00e4cherlich. Damit meine er nicht die schauspielerische oder t\u00e4nzerische Leistung, die sei gro\u00dfartig gewesen, vor allem die tanzende Schlan\u00adge. Aber der Apfel sei einfach lachhaft. Auf dem Weg habe er \u201epsychoaktive Pflanzen in Mesopotamien\u201c eingegeben. Mit unbefriedigenden Ergebnissen: Schlafmohn. Davon gingen niemandem die Augen auf, sondern zu. Und die anderen, Bilsenkraut und Alraune, h\u00e4tten zwar je nach Gebrauch halluzinogene Effekte, w\u00fcchsen aber nicht auf B\u00e4umen. Die Liste von Pflan\u00ad\u00adzen mit psychotropen Wirkstoffen sei lang, sehr lang, aber grenzten wir die Suche ein, erstens nach B\u00e4umen, zweitens nach Alter Orient, Naher Osten, Kleinasien, wie immer man die biblische Ursprungsregion nennen wolle: Fehlanzeige. Erst ab Indien werde es wieder interessant.<\/p>\n<p>Analysieren k\u00f6nnten wir die Experimente sp\u00e4ter, sagt der Z\u00fcrcher, wenn nach der Abendmahlzeit die Stunde der Philosophen eingel\u00e4utet wird. Jetzt sollten wir die erreichte H\u00f6he nutzen, um noch h\u00f6her zu steigen. Vielleicht lie\u00dfe sich dort von der Kuppe schon auf das Oberengadin blicken. Wer wolle mitkommen? Die Leiter hole er auf dem R\u00fcckweg ab, den Landmenschen k\u00f6nne man vertrauen.<\/p>\n<p>Unsere Gruppe teilt sich. Wer sich der Wanderung anschlie\u00dft, sind nicht die, die ich als die sportlicheren eingesch\u00e4tzt h\u00e4tte. Ipomoea, die beiden Akrobaten und Albert wollen zur\u00fcck zum Matratzenlager. Adam und Eva ziehen sich Hemd, Hose und ihre Wanderschuhe an. Der Z\u00fcrcher und der R\u00fcttenscheider sind schon vorausgegangen, zun\u00e4chst fast unmerklich, dann zunehmend entschlossener bergauf. Das Irrlicht \/ der Erzengel wirkt unentschieden, ob er den beiden Gipfelst\u00fcrmern hinterhereilen oder auf Adam und Eva R\u00fccksicht nehmen m\u00f6chte, bleibt dann in der N\u00e4he des alten Paares, das mit Wanderschuhen und in karierten Flanellhemden nicht mehr biblisch wirkt.<\/p>\n<p>Bei Adam ist die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung seines Lebens nicht wie bei mir durch den Verlust des Arbeitsplatzes ausgel\u00f6st, sondern durch die K\u00fcndigung der gemeinsamen Wohnung mit Eva. Er war Beamter auf Lebenszeit, schlug sich herum mit Zahlen und Zahlungsunwilligen, und h\u00e4tte bis zur Pensionierung auf seinem Sessel kleben bleiben k\u00f6nnen. Aber sein Vermieter verwies die beiden aus ihrem Paradies und klagte auf Eigenbedarf. Nach vielen frustrierenden Versuchen, eine \u00e4hnlich passende Wohnung zu finden, gaben sie es auf, verkauften alles, schafften sich einen Campingbus an und sind seitdem auf Reisen durch Westeuropa. Wir trafen sie, vielmehr: sie trafen uns, in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, als wir auf dem Platz vor der Kirche eine Szene zu einer Sage aus dem Allg\u00e4u probten, deren Titel <em>Geistende Hirten<\/em> uns neugierig gemacht hatte.<\/p>\n<p>Adam und Eva haben uns angesprochen. Das sei genau das, was sie schon immer haben machen wollen. Eva sagte, sie sei K\u00fcnstlerin, Malerin und Bildhauerin, sie mache auch Skulpturen aus Metall und k\u00f6nne uns sicher n\u00fctzlich sein. Und Adam wollte einfach etwas Neues beginnen. Ihr Wohnmobil stand auf einem Campingplatz am Rande von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer. Gerade gestern, sagte Adam, habe ihn ein Interessent gefragt, ob er das Fahrzeug verkaufen wolle. Da er ohnehin im n\u00e4chsten Monat zur T\u00dcV-Abnahme nach Deutschland gemusst h\u00e4tte, mit ungewissem Ergebnis, konnten sie den Campingbus ebenso gut jetzt verkaufen, zumal das Angebot nicht schlecht war. So kam es. Wieder lie\u00dfen die beiden Globetrotter alles zur\u00fcck wie Hans im Gl\u00fcck und schlossen sich uns mit nur zwei Koffern und zwei Reisetaschen an. Was k\u00f6nnen wir der Welt noch geben, fragten sie.<\/p>\n<p>Sicher einiges. Aber Schauspieler sind sie beim besten Willen nicht. F\u00fcr die kleine Szene in dem Bergdorf vor dem Julierpass hat ihr Talent gereicht, um einen Apfel zu essen und einen Streit zu simulieren, und Evas Idee mit den \u00fcbertriebenen Schamhaarper\u00fccken war originell. Wie die meisten aus der Gruppe aber k\u00f6nnten sie einen Grundkurs im Theaterspielen und wochenlanges Training gebrauchen.<\/p>\n<p>Ich gehe los, die Mitte haltend zwischen den Vorauseilenden und den Nachz\u00fcglern. So bekomme ich weder mit, wor\u00fcber sich die einen, noch wor\u00fcber sich die anderen unterhalten. Das Licht des sp\u00e4ten Nachmittags l\u00e4sst die Natur noch pr\u00e4chtiger erstrahlen. In ungez\u00e4hlten Kehren f\u00fchrt die schmale Stra\u00dfe weiter bergauf. Mauern aus gro\u00dfen Feldsteinen sch\u00fctzen auf der Hangseite die Fahrbahn vor herabrutschendem Ger\u00f6ll oder Schlamm; in den engen Serpentinen sollen niedrige Stein\u00admauern zum Tal hin den Fahrzeugen etwas Sicherheit bieten. Schon nach wenigen Metern haben wir eine grandiose Sicht auf die Firnfelder in den Felsgipfeln, die die vorderen bewaldeten Bergkuppen \u00fcberragen. Hinter jeder Biegung ergeben sich neue Ausblicke, jedoch noch nicht ins Tal des Engadins mit seinen beiden gro\u00dfen Seen und Sils Maria. Das Untere des Bildes ist abgeschnitten von der B\u00f6schung, unter der sich gr\u00fcnschwarzes Wasser angesammelt hat, als wolle die Landschaft unseren Blick nach oben lenken, auf die scharfkantigen Felsen im Sonnenrot. Wo der asphaltierte Weg auf einen Park- und Wendeplatz abbiegt und geradeaus nur Traktoren oder andere landwirtschaftliche Fahrzeuge ihre Spurrinnen in die Bergwiese gezeichnet haben, m\u00f6chten Adam und Eva umkehren, lassen sich vom Z\u00fcrcher dann aber doch \u00fcberzeugen, auf den n\u00e4chstgelegenen H\u00fcgel zu steigen, von dem er sich eine weite Fernsicht erhofft. Die Eisfelder, meint der Z\u00fcrcher, markierten schon die Grenze zu Italien, auf der anderen Seite des Tals. Eine Wolke schiebt sich vor den h\u00f6chsten Gipfel, schwebend wie ein Stein, ein Felsen, unten abgeflacht, als wolle sie den Berg enthaupten. Der Z\u00fcrcher versucht, die markante Silhouette des Bernina auszumachen, an dem er, wie er sagt, vor Jahren einmal mit der Bahn vorbeigefahren sei. Dort, die B\u00e4uerin mit dem Strohhut, folgt der Linie der Feldmarkierungen.<\/p>\n<p>Wo?<\/p>\n<p>Da, links neben den kubistisch rosafarbenen Hausd\u00e4chern, dieses Ensemble eines Geh\u00f6fts, wo die schwarzen Silhouetten schwatzen \u2026<\/p>\n<p>Seh ich nicht.<\/p>\n<p>Der Z\u00fcrcher streckt Arm und Zeigefinger aus. Da, S\u00f6hne und T\u00f6chter der Alpen, in den hell funkelnden Eisfl\u00e4chen der Gaul mit dem Schlitten, eine Spanne unter den drei Zacken am Horizont, das ganze feste Gerippe des Hauptkamms, die Luft in einer Klarheit, von der wir hier unten bestenfalls eine blasse Ahnung abbekommen.<\/p>\n<p>Ich habe mehr als nur eine blasse, ich habe eine Ahnung in kr\u00e4ftigen Farben, sagt Eva, dass die anderen nicht ewig lange im Hotel Edelweiss auf uns warten wollen. Lasst uns doch bitte versuchen, vor der Dunkelheit dort zu sein.<\/p>\n<p><strong>W<\/strong>ir alle sind von unserer Arbeit besessen und m\u00f6chten mit Nahrungsaufnahme m\u00f6glichst wenig Zeit verlieren. Als noch l\u00e4stiger betrachten die meisten von uns, was au\u00dferdem damit verbunden ist: Einkaufen, den Tisch decken, Essen zubereiten, hinterher der Abwasch. Bezeichnenderweise sind diejenigen, die dem Essen am wenigsten Aufmerksamkeit widmen m\u00f6chten, zugleich die, die sich am l\u00e4ngsten damit aufhalten. Sie reden und kauen und kauen und reden, und wenn alle l\u00e4ngst aufgegessen haben, ist ihr Teller noch immer mehr als halbvoll. Wo es m\u00f6glich ist, setzen wir uns in einen Gasthof. Geld haben wir.<\/p>\n<p>\u201eMir flie\u00dfen Zins und Renten zu\u201c.<\/p>\n<p>Einige reden gern in Zitaten. Die anderen blicken dann eingeweiht, als w\u00fcssten sie, woher das stammt, oder sie wissen es wirklich, oder sie tun so, als interessiere sie die ganze Gelehrsamkeit nicht. Die meisten, die sich uns anschlie\u00dfen, haben einen bildungsb\u00fcrgerlichen Hintergrund, distanzieren sich aber gern davon. Erst wenn sie in Gefahr geraten, als tats\u00e4chlich unge\u00adbil\u00addet zu gelten, heben sie ihr ganzes Wissen hervor und geben damit an, was sie schon alles gelesen, geschrie\u00adben, geforscht und geleistet haben. Herkunft ist fast immer Hassliebe. Eigentlich m\u00f6chten wir voneinander nichts wissen und unsere Aufmerksamkeit ganz auf die Rollen richten. Wir wollen Ausschnitte der Welt und ihrer Geschichte zur Auff\u00fchrung bringen, nicht uns selbst. Der Kollege, dem Zins und Renten zuflie\u00dfen, stellt sich uns als \u201eHugo\u201c vor; nat\u00fcrlich sei das nicht sein wirklicher Name<em>. <\/em><\/p>\n<p>Von Ipomoea wollte Sophie\/Eva erfahren, wie sie zu ihrer enormen Gelenkigkeit gelangt sei, und sie erz\u00e4hlt uns, sie habe, nachdem sie als Turnerin etliche Meisterschaften gewonnen hatte, erst im vorigen Jahr ihre Sportkarriere beendet. Zu alt f\u00fcr die Aussicht auf weitere Siege und Medaillen, wolle sie \u00fcber die Ausf\u00fchrung der sch\u00f6nen Form hinausgehend ihren Bewegungen mehr Bedeutung verleihen und habe sich gedacht, in unserer Truppe k\u00f6nne sie etwas lernen.<\/p>\n<p>Traurig, mit gerade einmal drei\u00dfig Jahren zu alt f\u00fcr etwas zu sein. Andererseits ein Gewinn f\u00fcr die Kultur und die Welt der Gelehrsamkeit. Entsprechend h\u00e4ngt sich die junge Turnerin an Albert, J\u00fcnger, Hugo oder den Z\u00fcrcher, um alles Wissen aus ihnen herauszuquetschen. Die soignierten Herren antworten ihr gern.<\/p>\n<p>Nur den R\u00fcttenscheider scheint sie nach dem ersten Kennenlernen zu meiden, vielleicht, weil er un\u00fcbersehbar danach lechzt, seine Gelahrtheit ungefragt an jede und jeden weiterzugeben. \u00dcber ihn wissen wir biografisch schon mehr, als wir f\u00fcr unsere Arbeit ben\u00f6tigen. Keine Gelegenheit l\u00e4sst er aus zu erw\u00e4hnen, was er in seiner Vergangenheit alles erlebt hat. Zum Beispiel sei er als Dreizehnj\u00e4hriger im Urlaub mit seinen Eltern einmal auf der K\u00e4rntnerstra\u00dfe in Wien spaziert. Dort habe er gesehen, wie eine Frau einen normalb\u00fcrgerlich gekleideten Mann, der auf allen Vieren kroch, am Halsband durch die Stadt f\u00fchrte. Die beiden erregten Aufsehen, Passanten beschimpften sie, drohten, gaben ihnen zu verstehen, was man noch vor nicht langer Zeit mit solchen wie ihnen gemacht h\u00e4tte. Ihn, R\u00fcttenscheider, aber habe die Aktion belustigt. Jahre sp\u00e4ter, als er von einem beleseneren Freund auf den Wiener Aktionismus gesto\u00dfen wurde, sei ihm klargeworden, dass es die K\u00fcnstlerin Valie Export war, die ihren Partner, den sp\u00e4teren Professor f\u00fcr Kunst und Medien, Peter Weibel, zur Hundigkeit verleitet hatte.<\/p>\n<p>Wien sei auch die Stadt gewesen, f\u00e4hrt R\u00fcttenscheider fort, in der er sieben Jahre sp\u00e4ter einige Mitglieder des Living Theatre kennengelernt habe. Sie hatten sich ebenso wie er in der Rien\u00f6\u00dflgasse bei einem Schauspieler vom Dramatischen Zentrum einquartiert, einem Zwanzigj\u00e4hrigen mit kahlgeschorenem Sch\u00e4del und einer engen Verbindung zur AA-Kommune Otto M\u00fchls. Solche Erlebnisse, von denen er noch viele auf\u00adz\u00e4h\u00adlen k\u00f6nne, das Bread and Puppet Theatre in London beispielsweise oder Jean-Louis Barrault auf dem Burgplatz seiner Heimatstadt, ja, in solch einzelnen Momenten sei er sogar bereit, \u00fcber die R\u00fcttenscheider Grenzen hinaus Ans\u00e4tze von Einverst\u00e4ndnis mit der Ruhrgebietsstadt zu empfinden, solche Erlebnisse und nat\u00fcrlich die Lekt\u00fcre von Artauds \u201eTheater der Grausamkeit\u201c seien es, die ihn veranlasst haben, von R\u00fcttenscheid in die Schweiz zu reisen und diese Truppe zu suchen, an die er \u00e4hnlich gro\u00dfe Erwartungen habe wie an die Legenden seiner Jugend.<\/p>\n<p>Wie hast du in deinem R\u00fcttenscheid \u00fcberhaupt von uns erfahren, fragt Hugo.<\/p>\n<p>Menschen, die zueinander passen, finden sich und erkennen sich, sagt R\u00fcttenscheider.<\/p>\n<p>Du klingst, als sei es ein Verdienst, alt zu werden, sagt Alain, das Irrlicht und heute der halbstarke Verweiser aus dem Paradies.<\/p>\n<p>Das ist es, sagt R\u00fcttenscheider. Es ist mir gelungen, siebzig Jahre in dieser Welt zu leben, ohne mich umzubringen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man das auch so formulieren, fragt Alain: Dir ist es siebzig Jahre lang nicht gelungen, dich umzubringen?<\/p>\n<p>Kommt, sage ich, wir sind die letzten G\u00e4ste, die Kellnerin m\u00f6chte Feierabend machen. Wir verlegen die heutige Stunde der Philosophen in unser Nachtquartier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Z<\/strong>wischen Spielen und Nicht-Spielen unterscheiden wir nicht \u2013 alles ist Spiel. Aber zwischen den stummen, oft von Musik begleiteten Improvisationen in der \u00d6ffentlichkeit und dem, was man im erweiterten Sinne als Sprechtheater bezeichnen k\u00f6nnte, markieren wir normalerweise eine deutliche Z\u00e4sur. Restaurants sind ein Zwischending, einerseits \u00f6ffentlich, wenn auch nicht so \u00f6ffentlich wie die Stra\u00dfe. Andererseits erlauben wir uns in einem Hotelrestaurant wie dem Edelweiss mitunter die Privatheit, aus unseren Rollen zu fallen und die weitere Reise zu besprechen, Szenen und ihre Orte zu planen oder uns zu streiten. Im Grunde aber sollten die Reiseplanung und alles Organisatorische ebenso ein Teil unseres Spiels sein.<\/p>\n<p>Kaum sind wir wieder alle zusammen in der Remise, beginnt die Stunde der Philosophen. Sie ist st\u00e4rker ritualisiert als unser freies Spiel und tats\u00e4chlich auf genau eine Stunde begrenzt. Die Rolle des Schiedsrichters \u00fcbernimmt heute Adam. Mit der Pfeife im Mund und dem Blick auf die Uhr spielt er eine Art Moderator und pfeift, wenn ihm ein Redebeitrag zu lang erscheint wie ein b\u00f6ses Foul. Die Meinungsverschiedenheiten tragen wir \u00fcberzogen aus, spielen den Streit mehr, als dass wir uns streiten. Jeder nennt kurz seinen neuen oder alten Rollennamen und sagt, was er zu sagen hat.<\/p>\n<p>Augustinus, Beruf: Kirchenvater, sagt der bisherige Hugo. Wenn wir chronologisch fortfahren wollen \u2026<\/p>\n<p>Das wollen wir nicht. Gestatten, Dr. Faustus, der Faustus aus dem Volksbuch von 1587, nicht der von Goethe.<\/p>\n<p>Adam pfeift.<\/p>\n<p>Das war kein Foul, sagt Dr. Faustus, der kurz zuvor beim Essen noch Albert war. Ich habe den Ball korrekt erobert.<\/p>\n<p>Chronologisch, f\u00e4hrt Augustinus unbeirrt fort, w\u00e4re nun zu erw\u00e4hnen, wie der F\u00fcrwitz oder Vorwitz, lateinisch die curiositas, in dem von mir aufgestellten Katalog der Laster vorkommt. Ich habe in meinen Confessiones den F\u00fcrwitz gleich neben die superbia, den Hochmut, und die concupiscentia, ein heftiges Verlangen, eine Begierde, die Neigung des Menschen zum B\u00f6sen oder zur S\u00fcnde platziert. Das hat den kirchlichen und staatlichen, den moralischen Umgang mit dem Vorwitz \u00fcber viele hundert Jahre bis in die Gegenwart bestimmt. Auch die moralisierten Ovid-Adaptationen, die das Mittelalter pr\u00e4gten, w\u00e4ren nun an der Reihe. Ist Fulgentius anwesend? Fulgentius, Fabius Planciades, der Mythograph, der lange nach mir kam?<\/p>\n<p>Niemand meldet sich, vermutlich, weil niemand ihn kennt.<\/p>\n<p>Christine de Pisan vielleicht?<\/p>\n<p>Augustinus schaut der Reihe nach die Frauen an, Eva\/Sophie, Ipomoea, Tirili und Tirila. Sie alle trauen sich die Rolle der Christine de Pisan nicht zu oder m\u00f6chten nicht in ihrer Haut stecken.<\/p>\n<p>Kann ja auch von einem Mann gespielt werden, sagt Augustinus.<\/p>\n<p>Als sich auch jetzt niemand meldet, f\u00e4hrt Augustinus fort: Schon bei Tertullian, dem ich nur m\u00e4\u00dfig viel verdanke, erscheint <em>curiositas<\/em> als das Gegenteil der Rechtgl\u00e4ubigkeit, als der Ausdruck eines \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Verlangens nach Wissen, das nicht durch den Glauben geleitet wird. Denn Vorwitz ist es, die Ratschl\u00fcsse Gottes ergr\u00fcnden zu wollen, ganz im Sinne des Ersten Korintherbriefes. Das Weltwissen &#8230;<\/p>\n<p>Schiedsrichter Adam pfeift. Redezeit abgelaufen.<\/p>\n<p>Goethe, sagt der, den die meisten von uns, besonders die sp\u00e4ter zu uns gesto\u00dfenen, unter dem Namen J\u00fcnger kennen, und beginnt als Goethe zu sprechen: Alle diese Schriften sind zweifellos sehr folgenreich gewesen, wir aber halten keine Predigten und lesen unseren Zuh\u00f6rern keine Traktate vor, wir spielen Theater, Stra\u00dfentheater. Wie sollen wir den Lasterkatalog in Szene setzen, wie einen Kirchenvater so auf die B\u00fchne bringen, dass Passanten uns nicht f\u00fcr die Zeugen Jehovas halten?<\/p>\n<p>Augustinus \u00f6ffnet den Mund, aber Goethe schneidet ihm das Wort ab: Besonders, wenn wir ohne Sprache auskommen wollen. Meinen Faust und meinen Mephisto erkennt jeder. Da muss sich nur jemand wie Gustaf Gr\u00fcndgens schminken, ein anderer den Doktorhut aufsetzen oder auch Stummfilmszenen mit Emil Jannings als Mephisto und G\u00f6sta Ekman als Faust nachspielen, falls die noch jemand kennt, und Camilla Horn, Camilla Horn, das vollendete Gretchen! Er ger\u00e4t ins Schw\u00e4rmen.<\/p>\n<p>Deinen Faust! Sagt D. Johann Fausten, der weitbeschreyte Zauberer und Schwarzk\u00fcnstler, vormals Albert. Da sei das Volksbuch vor, ein Bestseller \u00fcber mein Leben, in dem das Wort \u201ef\u00fcrwitzig\u201c gleich viermal auf den ersten Seiten vor\u00adkommt, schon auf der Titelseite der Erstausgabe von 1587: \u201eHistoria von D. Johann Fausten \/ &#8230; allen hochtragenden, <em>f\u00fcrwitzigen<\/em> und gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel &#8230; Sein F\u00fcrwitz, Freiheit und Leichtfertigkeit stach und reizte ihn also, da\u00df er auf eine Zeit etliche zauberische vocabula, figuras, characteres und conjurationes, damit er den Teufel vor sich m\u00f6chte fordern, ins Werk zu setzen und zu probieren ihm vornahm.\u201c Dieses Volksbuch \u00fcber mich hat in der englischen \u00dcbersetzung von 1588 Christopher Marlowe als Vorlage f\u00fcr sein Theaterst\u00fcck <em>The tragical history of Doctor Faustus<\/em> gedient, mehr als zweihundert Jahre vor deinem <em>Faust, erster Teil<\/em>.<\/p>\n<p>Hokuspokus, Alchymie und christliche Fr\u00f6mmelei, antwortet Goethe, da musste erst ich kommen, um mit allem aufzur\u00e4umen und den Faust zu einer wirklich modernen Figur zu machen.<\/p>\n<p>Hugo, den Kirchenmann mimend, Albert als Johann Faustus und J\u00fcnger als Goethe lassen ihre Figuren auferstehen, als h\u00e4tten sie nie etwas anderes gespielt. Dabei bemerkt niemand, auch nicht der strenge Schiedsrichter, wie ich mir von Alberts betr\u00e4ufelten Papierchen ein briefmarkenkleines St\u00fcck wie eine Oblate auf die Zunge lege und schnell den Mund schlie\u00dfe. Es l\u00e4sst sich nicht leicht herunterschlucken, ich sp\u00fcle mit Wasser nach. Dann lehne ich mich zur\u00fcck und klinke mich entspannt in die Diskussionen der Gelehrten ein.<\/p>\n<p>Apuleius, sage ich, Autor des <em>Asinus aureus<\/em>, \u201eDer goldene Esel\u201c, da der eigentliche Titel \u201eMetamorphosen\u201c nur zu Verwirrung wegen des gleichnamigen Werks von Ovid f\u00fchren w\u00fcrde. Die Magie hat doch ihren Charme. Wie Lucius zum Goldenen Esel wird, das gehe ohne Zaubermittel nicht, und es sei seine Neugier, die <em>curiositas<\/em>, der Lucius seine Tiergestalt verdanke.<\/p>\n<p>Eva\/Sophie stellt sich nun als Regisseurin vor. Drehten wir einen Film, sagt sie, k\u00f6nnten wir f\u00fcr die Zauberei alle Tricks und Machinationes verwenden, die uns die digitale Welt und die k\u00fcnstliche Intelligenz anbieten. Wie aber ohne Technik, mit nur einer \u00fcberschaubaren Menge an Requisiten, ohne ein geschneidertes Eselskost\u00fcm den Esel darstellen?<\/p>\n<p>Einer der beiden Athleten fragt: L\u00e4uft hier in den Bergen kein Esel herum, den wir einfangen k\u00f6nnten? T\u00e4te es auch ein Steinbock.<\/p>\n<p>Und golden anstreichen, f\u00fcgt sein Partner hinzu.<\/p>\n<p>Nun f\u00fchle ich mich berufen, da ich schon bei einer Auff\u00fchrung des Landestheaters im <em>Sommernachtstraum<\/em> den Bottom verk\u00f6rpert habe. Meine Verwandlung in einen Esel haben wir damals recht elegant gel\u00f6st. Ich will der Truppe erkl\u00e4ren, wie wir das gemacht haben. Aber die Stimme, die aus mir herauskommt, ist nicht meine. Anstelle von W\u00f6rtern bilden sich heisere, tierisch klingende Laute in meiner Kehle, als w\u00fcrde jemand rhythmisch auf einen Blasebalg mit einer defekten Tr\u00f6te treten. Falls das W\u00f6rter sein sollen, verstehe ich mich selbst nicht, doch wei\u00df ich noch sehr gut, wer ich bin.<\/p>\n<p>H\u00f6r auf damit, sagt Ipomoea. Das ist ja gruselig. Wir glauben dir, dass du ein guter Schauspieler bist. Sie scheint sich Sorgen um meine Gesundheit zu machen.<\/p>\n<p>Er wird zum Tier, sagt Eva\/Sophie, die Regisseurin, und mir scheint, in seiner Hose w\u00e4chst auch etwas Tierisches.<\/p>\n<p>Die beiden Frauen starren gebannt auf meinen Hosenlatz. Ich kann den Prozess nicht stoppen, als sei ich v\u00f6llig besessen von dem tierischen Wesen, wom\u00f6glich f\u00fcr den Rest meines Lebens.<\/p>\n<p>Solche Experimente sind nicht ohne Gefahr, sagt J\u00fcnger\/Goethe. Wer einmal vor\u00fcber ist an der Zollstation, findet nicht so leicht in unsere vertraute Welt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich verstehe ihn und will ihm antworten, ich sei durchaus noch bei ihnen, nur hinter einem dichten Vorhang, einem transparenten, aber undurchdringlichen Schleier, und es gehe mir nicht schlecht, nur k\u00f6nne ich mich ihnen nicht verst\u00e4ndlich machen. Irgendwann nach vielen Bem\u00fchungen, kommen nicht nur d\u00fcnne, heisere Laute aus meinem Maul, sondern gar keine mehr.<\/p>\n<p>Ipomoea \u00e4hnelt jetzt der Elfenk\u00f6nigin Titania bei der Auff\u00fchrung im Landestheater. Sie sagt: Nach einem langen und heilsamen Schlaf wirst du sicher deine alte Form wiederfinden.<\/p>\n<p>Obwohl, sagt die Regisseurin, sein unterer Teil darf gern so bleiben.<\/p>\n<p>Schiedsrichter Adam und blickt misstrauisch auf seine Frau im b\u00fcrgerlichen Leben, die jetzt die Regisseurin spielt.<\/p>\n<p>Wie immer die Geschichte enden mag, sagt D. Johann Fastus, vormals Albert, mit einem Esel allein ist noch nichts gewonnen. Wir brauchen einen intelligenten Esel, einen mit Bewusstsein, der seine Geschichte erz\u00e4hlen kann, die Geschichte, wie die Magd der Hexe die beiden Zaubersalben verwechselt hat, woraufin die \u2013 zweifellos am\u00fcsante \u2013 Trag\u00f6die ihren Lauf nimmt.<\/p>\n<p>Gegen den Tiger Meskalin ist LSD eine Hauskatze, sagt Goethe \u2013 jetzt scheint er, ohne es selbst zu merken, wieder in die Rolle Ernst J\u00fcngers gefallen zu sein.<\/p>\n<p>Auch Albert vergisst seine Rolle und ist pl\u00f6tzlich wieder ganz der Pharmakologe, als den wir ihn kennen. Das liege an der Dosierung, sagt er, die 0,05 mg beim ersten Versuch seien zu schwach gewesen.<\/p>\n<p>Einer der Pantomimen gibt Zeichen, die an Geb\u00e4rdensprache erinnern.<\/p>\n<p>Kannst du auch sprechen, fragt Augustinus alias Hugo.<\/p>\n<p>Pantomime I, sagt der Pantomime, auch Sprechender Pantomime I genannt. Bewusstsein ja, Sprache nein. Wir bleiben dabei, unsere Geschichten ohne W\u00f6rter zu erz\u00e4hlen. Gleich hinter dem Malojapass seien wir Italien, und irgendwann sicher auch wieder in Frankreich und in Flandern. Wir w\u00e4hlen die Kunst, die \u00fcberall verstanden wird.<\/p>\n<p>In Apuleius\u2018 M\u00e4rchen, erinnert sich Albert oder Faustus, gebe es doch auch die Geschichte mit Amor und Psyche, ebenfalls ein Beispiel der bestraften Neugier, das lie\u00dfe sich doch anschaulich erz\u00e4hlen. Ipomoea, h\u00f6r auf, da hin zu schauen. M\u00f6chtest du Psyche sein?<\/p>\n<p>Ein Doppelpfiff aus Adams Pfeife. Der Abpfiff. Adam zeigt auf seine Armbanduhr. Die Stunde ist um. Nun werden wir zum Nachtvolk.<\/p>\n<p><strong>I<\/strong>n dieser Nacht h\u00e4tten noch manche Ideen geboren werden k\u00f6nnen, was vor Goethes Auftritt noch alles h\u00e4tte drankommen sollen. Aber die Philosophie darf nicht zu Lasten der Matratzenlandschaft gehen. Ab jetzt geben wir uns einem stummen, k\u00f6rperlichen Ausprobieren hin, bis uns vor M\u00fcdigkeit die Augen zufallen. Wie beim Essen, m\u00f6chten wir auch auf den Schlaf wenig Zeit verschwenden. Wir spielen bis zum Einschlafen, verstehen auch unsere Tr\u00e4ume als Teil des gro\u00dfen Spiels und sind beim Aufwachen gleich wieder in einer Rolle, und wenn wir nur den Unausgeschlafenen spielen.<\/p>\n<p>J\u00fcnger sieht am n\u00e4chsten Morgen in der Rolle Goethes nicht gl\u00fccklich aus, so, als h\u00e4tte er die halbe Nacht wachgelegen und sich ge\u00e4rgert. Wir sind akademischen Ruten doch entwachsen, sagt er missmutig.<\/p>\n<p>Hugo bes\u00e4nftigt ihn. Von seinem <em>Faust<\/em> w\u00fcrden wir einige Szenen aus der Trag\u00f6die, Zweiter Teil, einstudieren, die Helena vielleicht, und, noch besser, wie Faust durch Mephistos Einfl\u00fcsterungen den Kaiser dazu bringt, das Papiergeld zu erfinden: Ein St\u00fcck Papier, auf das sich ein beliebiger Betrag schreiben lie\u00dfe, mit der Unterschrift und dem Siegel des Kaisers. Weiteres Gold war gar nicht n\u00f6tig. Ob das Gold in seinem Tresor oder unter der Erde liege, was mache das f\u00fcr einen Unterschied? Das Land, unter dem es schlummere, geh\u00f6re ja ebenfalls dem Kaiser. Ein genialer Streich des Teufels, sagte Hugo, auf den die gewitzten Finanzjongleure unserer Zeit gut aufbauen k\u00f6nnten. Das war damals weit vorausblickend von dir, sagte Hugo zu Goethe\/J\u00fcnger, das l\u00e4sst sich ohne viel Worte in Szene setzen.<\/p>\n<p>Goethe f\u00fchlte sich geschmeichelt.<\/p>\n<p><strong>W<\/strong>ir arbeiten gleichzeitig an verschiedenen Ecken und Enden des St\u00fccks. So machen wir es immer, springen in den Jahrhunderten und Epochen, greifen weit vor, um eine Vorstellung zu entwickeln, worauf das alles hinaus\u00adlau\u00adfen k\u00f6nnte. Zugleich gibt es gro\u00dfe Beharrungskr\u00e4fte. Beim Fr\u00fchst\u00fccken in der Remise erinnert uns Albert, jetzt wieder voll und ganz Albert, man k\u00f6nnte meinen, ganz er selbst, wenn wir einem solchen Selbst nicht abgeschworen h\u00e4tten, er erinnert uns daran, dass wir noch immer nicht die entscheidende Frage in der Garten-Eden-Szene gekl\u00e4rt haben. Ob wir statt des Apfels nicht besser etwas anderes nehmen sollten? Wir merken, wie sehr ihm an der Beantwortung der Frage gelegen ist. Wenn kein Apfel, was dann? Eine Glasmurmel? Etwas Leuchtendes?<\/p>\n<p>J\u00fcnger geht auf seine Frage ein: Der Apfel, den die Kunst, \u00fcbrigens erst im sp\u00e4ten Mittelalter, aus der biblischen \u201eFrucht\u201c gemacht habe, erscheine auch ihm allzu banal. Das Gefahrvolle m\u00fcsse deutlich werden. Etwas, das den Geist \u00f6ffnet, wie Ihre Entdeckungen, Herr Hofmann.<\/p>\n<p>Albert f\u00fchlt sich ertappt und gleichzeitig richtig verstanden. Dankbarkeit spricht aus ihm, als er antwortet: Ja, ein psychoaktives Gew\u00e4chs. Der S\u00fcndenfall als metaphorischer Akt einer Bewusstseinserweiterung. Viele Kulturen h\u00e4tten halluzinogene Pflanzen genutzt, um das G\u00f6ttliche zu erfahren. Vielleicht sei es ein Pilz wie der <em>Claviceps purpurea<\/em>, bekannt als Mutterkorn gewesen, aus dem er einst LSD-25 synthetisierte. Oder die <em>Amanita muscaria<\/em>, die in Sibirien rituell verwendet wurde und noch wird.<\/p>\n<p>J\u00fcnger wendet ein: Wenn wir in Metaphern reden, muss die Frucht nicht realistisch sein. Immerhin sei der Apfel ein m\u00e4chtiges Symbol, der Griff nach ihm ein Griff nach der Macht. Der Reichsapfel des Heiligen R\u00f6mischen Reiches, ein Herrschaftszeichen, als Weltkugel stehe er f\u00fcr das weltliche Wissen. Die S\u00fc\u00dfe der Erkenntnis, die zugleich Bitterkeit berge. Der Durchbruch aus dem unschuldigen Paradies ins Bewusst\u00adsein schaffe Leiden und Qual. Aber egal, ob Frucht oder Pilz: Es gehe um den Bruch zwischen Natur und Geist.<\/p>\n<p>Albert greift den Gedanken auf: Gewiss! Die Genesis sage, dass Adam und Eva \u201eihre Nacktheit erkannten\u201c \u2013 ein pl\u00f6tzliches Erwachen wie auf einem psyche\u00adde\u00adli\u00adschen Trip. Die Frucht als ein Entheogen, das Tor ins Unbewusste. Der \u201eApfel\u201c sei lediglich eine sp\u00e4tere Vereinfachung, um das Mystische in ein dogmafreundliches Bild zu zw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Eva macht einen Ansatz zu protestieren, aber J\u00fcnger, ob als J\u00fcnger oder noch einmal als Goethe sei dahingestellt, redet weiter: Da sind wir beim <em>Faust<\/em>. Die Alchemisten haben ihr Wissen ebenfalls in Symbolen kaschiert. In dem Baum verberge sich ein uraltes Wissen um enth\u00fcllende Substanzen \u2013 wie er, Hofmann, sie erforscht habe. Aber ob Apfel oder Pilz: Der Mensch bezahle die Erkenntnis mit dem Verlust der Unschuld.<\/p>\n<p>Albert ruft jetzt emphatisch aus: Darin liegt die Sch\u00f6nheit des Mythos! Vielleicht sollte ich die Exaktheit, zu der ich mich als Wissenschaftler verpflichtet f\u00fchle, beiseitelassen und der konkreten Frucht weniger Bedeutung beimessen. Es gehe um den Preis des Wissens. Ob durch einen Biss in die Frucht oder einen psychedelischen Rausch: Der Mensch habe die F\u00e4higkeit erlangt, zwischen Gut und B\u00f6se zu unterscheiden \u2013 und seither trage er an der Last des Urteilens.<\/p>\n<p>Wir anderen wollen oder k\u00f6nnen uns in den sich zwischen J\u00fcnger und Albert entspinnenden Dialog nicht einmischen und h\u00f6ren, wie J\u00fcnger jetzt sagt: Betrachten wir den Baum der Erkenntnis nicht als ein botanisches R\u00e4tsel, sondern als einen Spiegel unserer Existenz, als Versuchung, Grenzen zu \u00fcberschreiten \u2013 selbst um den Preis des Paradieses.<\/p>\n<p>Albert: Genau dieser Drang ist der F\u00fcrwitz.<\/p>\n<p>J\u00fcnger erinnert sich, in M\u00e9rigny \u2013 das liege in der Region Val de Loire, etwa eine Autostunde westlich von Poitiers \u2013 gebe es eine, meistens geschlossene, Kapelle mit einem Fresko des Garten Edens, auf dem der Baum der Erkenntnis als ein riesiger Fliegenpilz dargestellt ist. Abgesehen von seiner baumhohen Gr\u00f6\u00dfe weicht die Darstellung vom realen Fliegenpilz botanisch durch mehrere \u00c4ste ab, die wiederum in Pilzk\u00f6pfen endeten. Feigenb\u00e4ume oder palm\u00e4hnliche Gebilde seien ja aus fr\u00fchen Darstellungen des Paradieses bekannt, aber der Riesenpilz in einer christlichen Kapelle d\u00fcrfte einmalig sein.<\/p>\n<p>Alle horchen auf. Ipomoea ist wieder die schnellste an ihrem Ger\u00e4t und hat M\u00e9rigny gefunden. Chapelle de Plaincourault, sagt sie, und zeigt uns allen das Bild des Wandfreskos.<\/p>\n<p>Wenn wir die Szene vor dem Hintergrund dieses Freskos auff\u00fchren, sagt Albert, und es gleichsam als gemalte Kulisse benutzen w\u00fcrden, k\u00f6nnten wir uns alle weiteren Erkl\u00e4rungen ersparen.<\/p>\n<p>\u00d6ffnungszeiten nur sonntags von 14\u201318 Uhr, liest Ipomoea vor, an allen anderen Tagen geschlossen.<\/p>\n<p>Ich vermute, sagt Adam, in den vier sonnt\u00e4glichen Stunden wird die Geistlichkeit den Raum der Kapelle f\u00fcr sich beanspruchen und nicht gerade eine heidnische Truppe wie uns dort auftreten lassen in unserer naturgegebenen Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>Mit Schambehaarung, deren L\u00e4nge die B\u00e4rte s\u00e4mtlicher Ayatollahs \u00fcbertrifft, wirft Alain ein.<\/p>\n<p>Das Loiretal w\u00e4re ja auch ein bisschen weit von hier, sagt Eva.<\/p>\n<p>Trotzdem, die Vertreibung aus dem Paradies vor dem B\u00fchnenbild mit dem Fliegenpilzbaum finden einige von uns reizvoll, zumindest f\u00fcr ein kurzes mit dem Smartphone aufgenommenes Video, das wir ins Netz stellen k\u00f6nnten. Mit k\u00fcnstlicher Intelligenz lie\u00dfe sich das machen, sagt Ipomoea.<\/p>\n<p>Unerlaubte Mittel, sagt Hugo, jetzt wieder als Kirchenlehrer Augustinus; F\u00fcrwitz, <em>curiositas<\/em>, Tods\u00fcnde.<\/p>\n<p>Wie man\u2019s nimmt, sagt J\u00fcnger, aber nicht die Technik, sondern die Pers\u00f6nlichkeit erzeugt die Wirkung.<\/p>\n<p>Nun ist Alberts Frage immer noch nicht beantwortet. Keine inhaltliche Einigung finden wir auf die Schnelle, nur eine pragmatische Theaterl\u00f6sung. Eva bietet an, aus einem gro\u00dfen St\u00fcck Pappe eine Apfelform auszuschneiden und knallrot anzumalen. Dann sei die K\u00fcnstlichkeit wenigstens offensichtlich. Ein Pappapfel sei etwas anderes als ein Naturapfel. Wir k\u00f6nnten ja noch Glitzer dr\u00fcberspr\u00fchen oder gleich Leuchtfarben verwenden.<\/p>\n<p>Es wird h\u00f6chste Zeit, den Fr\u00fchst\u00fcckstisch aufzul\u00f6sen und hinauszugehen ins Offene.<\/p>\n<p><strong>V<\/strong>on dem Ort, in dem wir schon zweimal \u00fcbernachtet haben, haben wir au\u00dfer dem Posthotel mit seiner Remise noch kaum etwas gesehen. Wir gehen, lassen uns leiten von der Idee nach dem idealen Ort, an dem wir spielen wollen. Der Berg am Ende der Stra\u00dfe wirkt wie von Vallotton gemalt.<\/p>\n<p>Die beiden Pantomimen schreiten unserer Prozession voraus, heben bei jedem Schritt das gestreckte Bein in einem Neunzig-Grad-Winkel. Sie sind die einzigen, die wei\u00dfe Theaterschminke aufgelegt haben, und sie lassen, wenn es sich nicht ohnehin l\u00e4ngst im weiten Radius herumgesprochen hat, keinen Zweifel, dass wir eine Theatertruppe sind. Aber es ist niemand auf der Stra\u00dfe, der uns sehen k\u00f6nnte. Niemand, den wir sehen.<\/p>\n<p>Ein niedriges Feldsteinhaus, abbr\u00f6ckelnder Putz und eine ausgeblichene Schrift: <em>Scola<\/em>. Juli und August ist vermutlich auch in Graub\u00fcnden die Zeit gro\u00dfer Ferien. Aber das Geb\u00e4ude sieht aus, als habe es schon l\u00e4nger kein Kind in sich aufgenommen.<\/p>\n<p>Einer der Athleten schiebt einen Riegel zur\u00fcck und dr\u00fcckt die Klinke herunter. Die T\u00fcr gibt willig nach, Rost rieselt aus dem Schloss. Einer der beiden Pantomimen legt den Zeigefinger auf den Mund und still, auf Zehenspitzen dringen wir nacheinander in die Zwergschule, gespielt \u00e4ngstlich uns umschauend wie die Sieben Schwaben in Erwartung eines Ungeheuers.<\/p>\n<p>Schulb\u00e4nke, in denen sich der Holzwurm wohlf\u00fchlt. Ein einziger Raum. Wer hier Lehrer war, d\u00fcrfte alle Stufen der Grund- und Hauptschule gleichzeitig unterrichtet haben. Der vorausgehende Pantomime zieht mit einem Finger das untere Augenlid herunter, beugt sich vor, Beine und Oberk\u00f6rper im rechten Winkel, dreht den Kopf zu uns, die wir ihm folgen, streckt den Arm aus, als wolle er uns auf etwas sehr Bedeut\u00adsa\u00admes hinweisen, mindestens eine Schatzkammer, die er soeben entdeckt hat. Er rei\u00dft die Augen auf, sieht uns wieder an, legt den Finger auf den Mund. Nein, wir verraten nicht, dass wir nichts anderes sehen als einen Wandschrank aus morschem Holz. Vorsichtig \u00f6ffnet er die T\u00fcr nur einen Spalt weit, \u00e4ugt hinein, spielt ger\u00e4uschlos einen heftigen Hustenanfall, ausgel\u00f6st durch eine unsichtbare Staubwolke. Er traut sich, einen zweiten Blick in die Wandnische zu werfen, rei\u00dft dann mit einem Schwung die Schrankt\u00fcr auf und h\u00e4lt einen Schulzirkel in der Hand. Die \u00e4lteren von uns k\u00f6nnten einen solchen gro\u00dfen Holzzirkel noch aus der Schulzeit kennen, der eine Schenkel mit einem Saugnapf, um ihn an die Wandtafel zu heften, der andere Schenkel mit einer Kreidespitze, um perfekte Kreise an die Tafel zu zeichnen, deren Umfang und Fl\u00e4cheninhalt wir Sch\u00fcler ausrechnen mussten. Einen halbkreisf\u00f6rmigen Winkelmesser aus hellem Holz und ein Lineal, einen Meter lang, mit einem Holzblock als Griff. Der Pantomime tippt sich an die Stirn, hat eine Idee, bricht ein St\u00fcck Kreide ab, zerbr\u00f6selt es zu Pulver und reibt es sich in die Haare. Er zieht sein langes wei\u00dfes Hemd \u00fcber die Hose und \u00f6ffnet es ein St\u00fcck weit. Wen will er darstellen? Einen wei\u00dfhaarigen Mann aus der Antike? Einen R\u00f6mer, einen Griechen, einen \u00c4gypter? Es gelingt ihm nur ungef\u00e4hr. Die passenden Kleidungsst\u00fccke sollten wir heute Nacht aus einem Bettlaken schneiden. Den Zirkel richtet er nach oben, als wolle er die Zimmerdecke vermessen. Den Himmel? Seinem Kollegen, dem anderen Pantomimen, gibt er Lineal und Winkelmesser zu halten. Dann winkt er uns, ihm nach drau\u00dfen zu folgen, auf die menschenleere Dorfstra\u00dfe.<\/p>\n<p>In unserer N\u00e4he pl\u00e4tschert ein Bach. Vereinzelt ein Vogelruf, sonst nichts als Stille. Der Pantomime klemmt den Zirkel unter den Arm, zieht einen fiktiven l\u00e4nglichen Gegenstand unter dem Hemd hervor und h\u00e4lt ihn vors Auge, als suche er am Firmament nach Sternen. Mit dem Finger zeigt er auf zwei Planeten, die er entdeckt zu haben scheint, drei, und steckt das Fernrohr zur\u00fcck unters Hemd. Seinem ernst blickenden Kollegen gibt er den Zirkel zu halten und nimmt ihm Winkelmesser und Lineal ab. Diesen kleinen Austausch sperriger Gegenst\u00e4nde spielen die beiden sch\u00f6n clownesk, halten sich so lange damit auf, dass es komisch wird. Nat\u00fcrlich sind auf dem fast wolkenfrei blauen Himmel keine Sterne zu sehen. Er tut so, als sei es Nacht, betreibt seine Messungen und Berechnungen sehr gewissen\u00adhaft, sehr exakt. Als h\u00e4tte er die Vertiefung am Stra\u00dfenrand nicht bemerkt, stolpert er, legt sich lang. Auch das f\u00fchrt er kunstvoll, akrobatisch aus, streckt beim Fallen Winkelmesser und Lineal in die H\u00f6he, benutzt nicht die H\u00e4nde, um seinen Sturz abzufangen, sondern rollt sich gekonnt ab. Das Messinstrument ist ihm wichtiger als ein paar Sch\u00fcrfwunden. Eva lacht. Sie ist in diesem Augenblick nicht Eva, sie ist die thrakische Dienstmagd, die Platon erw\u00e4hnt und an die uns Hans Blumenberg in seinem Buch \u00fcber die theore\u00adti\u00adsche Neugierde erinnert. Die Magd lacht und verspottet den Sternengucker. In doppelter Hinsicht. Warum interessiert er sich auch f\u00fcr Dinge, die keine Relevanz f\u00fcr unser Leben haben, und warum sieht er nicht das Naheliegende, das zu sehen ihm das Leben retten oder ihn zumindest vor schmerzhaften Verletzungen sch\u00fctzen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Es sei billig, sich \u00fcber Thales lustig zu machen, sagt J\u00fcnger, der sich als Hans Blumenberg ausgibt: Immerhin geh\u00f6re Thales von Milet zu den Sieben Weisen der griechischen Antike, und so, wie Platon die Geschichte erz\u00e4hle, nobilitiere sein guter Ruf die auf den Kosmos gerichtete wissenschaftliche Neugier.<\/p>\n<p>Dann mag er nobel in die Grube fallen. Eva \/ die thrakische Magd verk\u00f6rpert die Frau aus dem Volke, und das macht sie \u00fcberzeugend. Ihre Bodenst\u00e4ndigkeit hat kein Erbarmen mit nutzloser Theorie. Seit Universit\u00e4ten und Eliten in Misskredit geraten, liegt ihre Aktualit\u00e4t auf der Hand. Das Volk erobert sich seinen Platz in den Parlamenten, auf der Stra\u00dfe und im weltweiten Netz, mit teilweise rohen Mitteln, mit Wikingerh\u00f6rnern, Keulen und Messern und mit scharfer Polemik in den sozialen Medien. Die Dienstmagd aus Thrakien, die \u00fcber den vorwitzigen Weltweisen spottet, verk\u00f6rpert den gesunden Menschenverstand, eine Ahnherrin der Elitenhasser folgender Zeiten.<\/p>\n<p>Der Riss in der Gesellschaft geht auch durch unsere Gruppe. Das macht niemand so deutlich wie der R\u00fcttenscheider. Du hast den <em>Homo ludens<\/em> nicht verstanden, gibt er der ungebildeten Sklavin aus Thrakien zu verstehen.<\/p>\n<p>Ich bin zu alt, um nur zu spielen, verteidigt sie sich.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte ich sagen m\u00fcssen, sagt Goethe\/J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Oder ich, sagt Faustus\/Albert.<\/p>\n<p>Wir sind alle im richtigen Alter, um zu spielen, ob zwanzig, f\u00fcnfundvierzig oder siebzig, sagt Hugo.<\/p>\n<p>Im richtigen Alter mag ich sein, sagt die Magd, aber mein Herr l\u00e4sst mir keine Zeit f\u00fcr irgendeine Besch\u00e4ftigung, die er f\u00fcr unn\u00f6tig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Heimlich protestieren, sagt einer unserer Begleiter, der sich vorgestern mit dem Namen Washington bei uns eingef\u00fchrt hat. Spielen ist subversiv. Spielerisch gegen das uns von anderen zugedachte Los aufbegehren. Stille Verweigerung, passiv aggressiv nennt meine Freundin das.<\/p>\n<p>Gut, wir haben gen\u00fcgend Themen, sagt Hugo. Wollen wir das Tableau noch einmal durchspielen? Schaut, da kommen Leute. Vielleicht lacht bei Thales\u2018 n\u00e4chstem Sturz ja mal eine echte B\u00e4uerin.<\/p>\n<p><strong>N<\/strong>iemand lachte, als der Pantomime die Szene ein zweites Mal zum Besten gab, obwohl er den Forscherdrang des alten Philosophen noch \u00fcberzeugender ausspielte und den Sturz noch tollpatschiger. Im Gegenteil, die Leute gingen stumm, gru\u00dflos an uns vorbei, und die wenigen verstohlenen Seitenblicke, die wir auffingen, wirkten keineswegs wohlwollend, eher feindselig. Als sie vor\u00fcber waren, drehte sich ein b\u00e4rtiger Mann um und rief uns hinterher: Igls utensils purtez pero puspe anavos an scola, u betg?<\/p>\n<p>Der Z\u00fcrcher aus unserer Truppe verbeugte sich und antwortete h\u00f6flich: Ja naturalmeng, mir bringed d\u2019Gr\u00e4t scho wieder id Schual zr\u00fcgg.<\/p>\n<p>Sein sprachlicher Ausweis als Landsmann verfing nicht. Er war kein Graub\u00fcndener und schlimmer noch: Er war ein gebildeter Mann. Ein St\u00e4dter. Ihm war zu misstrauen.<\/p>\n<p>Das war Surmeirisch, Surmiran, was hier im Oberhalbstein gesprochen wird, sagte der Z\u00fcrcher zu uns. Verstehen kann ich es einigerma\u00dfen, sprechen nicht. Aber wenn sie wollen, verstehen sie uns.<\/p>\n<p>Der b\u00e4rtige Mann und eine kleine Frau schauten sicherheitshalber im Schulgeb\u00e4ude nach, ob da au\u00dfer Zirkel, Winkelmesser und Lineal noch mehr fehlen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die beiden Pantomimen brachten alles mit \u00fcbertriebener Schnelligkeit zur\u00fcck. Unser Spieltrieb aber war f\u00fcrs erste erloschen.<\/p>\n<p>Ein St\u00fcck weiter fanden wir nahe dem Bach einen Halbkreis aus Holzb\u00e4nken im Schatten mehrerer L\u00e4rchen, wie sie f\u00fcr die Landschaft hier oben charakteristisch sind. Hier lie\u00dfen wir uns nieder zu einer unvorhergesehenen Krisensitzung.<\/p>\n<p>Offenbar hat die kleine Anekdote von Thales und der thrakischen Magd ein enormes Potential, begann der Z\u00fcrcher. Das Zeug zu sch\u00f6nstem Slapstick. Dar\u00fcber hinaus ist sie aber auch soziologisch, politisch brisant.<\/p>\n<p>Es ist lange her, sagte J\u00fcnger, dass ich den <em>Theaitetos<\/em> gelesen habe. Ich erinnere mich aber, dass Platon gleicherma\u00dfen gn\u00e4dig mit denen umgeht, denen die Mu\u00dfe gegeben ist, sich frei von Fragen der Nutzanwendung und losgel\u00f6st von egoistischen Zwecken ausufernden Gespr\u00e4chen hinzugeben, wie auch mit denen, die durch ihren Stand zur Unfreiheit verurteilt sind und m\u00fc\u00dfigen Spekulationen nichts abgewinnen k\u00f6nnen. Ungn\u00e4dig, wie wir es von ihm kennen, geht er auch im <em>Theaitetos<\/em> vor allem gegen jene vor, die ihre erlernten F\u00e4higkeiten missbrauchen: den Rhetoren, den Gerichtsrednern, den Wortverdrehern und Sophisten.<\/p>\n<p>Wie m\u00f6gen wir auf die Leute wirken, sagte Washington nachdenklich. Wir k\u00f6nnen ja froh sein, dass noch nicht alle die D\u00f6rfer hier oben verlassen haben. Dass immer noch einige Bauern dem Boden seine geringen Ertr\u00e4ge abringen.<\/p>\n<p>Die werden von der Kantonsverwaltung subventioniert, sagt der Z\u00fcrcher. F\u00fcr jeden H\u00f6henmeter gibt es ein paar Franken mehr. Aber reich wird man auch auf dreitausend Metern H\u00f6he nicht.<\/p>\n<p>Ipomoea blickt von ihrem Bildschirm auf. Ich habe gerade nachgesehen: Sechzehn Personen waren es im vorigen Jahr in diesem Dorf, darunter nur ein Kind, ein M\u00e4dchen, neun Jahre.<\/p>\n<p>Die wird wohl t\u00e4glich mit dem Postbus zur Schule fahren, sagt Hugo, aber lasst uns mal \u00fcberlegen, wie wir weitermachen.<\/p>\n<p>Die Pantomime war nicht schlecht, sage ich. Morgen mit Chiton und Himation, \u00fcberhaupt sollten wir viel mehr mit T\u00fcchern machen, mit Mas\u00adken, mit Trommeln und Gesang, mit Rhythmus. Wir sind eine sehr traurige Theatertruppe, das muss sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Tirili und Tirila stimmen einen Gesang an, ohne Text, ohne W\u00f6rter, mit Lauten, die der Umgebung entnommen sind, den Vogelrufen, dem murmelnden Bach, einer Improvisation, der sie auch einige unheimlich klingende T\u00f6ne beimischen, d\u00e4monische Drohungen. Der R\u00fcttenscheider beginnt, mit den H\u00e4nden auf der Bank zu trommeln, er sollte es lieber lassen, er ist stockunmusikalisch, merkt das selbst aber nicht.<\/p>\n<p>Die beiden Athleten stellen sich Schulter an Schulter nebeneinander, bilden eine Mauer. Die H\u00e4nde halten sie vor ihren B\u00e4uchen verschr\u00e4nkt, mit den Handfl\u00e4chen nach oben, wie eine Aufforderung an jemanden von uns, sich \u00fcber eine R\u00e4uberleiter auf ihre Schultern zu stellen. Nicht der Pantomime, der den Thales gespielt hat, sondern sein Gehilfe, der andere Pantomime, n\u00e4hert sich ihnen mit gespieltem Respekt, beugt sich \u00fcber die verschr\u00e4nkten Finger des rechten Athleten, pr\u00fcft, als traue er seinen Augen nicht, ihre Festigkeit, r\u00fcttelt auch an dessen Unterarmen, die ihm ebenso stabil erscheinen, nimmt Anlauf, aber nach zwei Schritten verl\u00e4sst ihn der Mut. Er schaut sich zu uns um. Hugo, Adam und Eva applaudieren, ermutigen ihn. Er nimmt noch einmal Anlauf, springt mit einem Fu\u00df in die Handfl\u00e4chen des rechten Athleten, der R\u00fcttenscheider trommelt einen Tusch, der Pantomime l\u00e4sst sich in einem Salto zur\u00fcckschleudern und landet auf seinen Beinen. Wir klatschen. Der Pantomime l\u00e4chelt uns kindisch gl\u00fccklich zu. Er peilt nun den linken der beiden Athleten an, nimmt noch einmal Anlauf, landet in seinen H\u00e4nden, l\u00e4sst sich hochheben und steigt auf die breiten Schultern, einen Fu\u00df auf jedem der beiden Athleten, die unbewegt dastehen. Der Pantomime aber schwankt wie ein unge\u00fcbter Seilt\u00e4nzer, h\u00e4lt sich am Kopf des linken Athleten fest und macht dann auf dem kahlen Sch\u00e4del einen Handstand. Applaus. Der Pantomime l\u00e4sst sich langsam herab in eine Gr\u00e4tsche und setzt sich auf die Schultern des Athleten. Sein Kollege fordert mit einer Geste den anderen Pantomimen zu einem \u00e4hnlichen Kunstst\u00fcck auf. Der aber will nicht. Er ziert sich nicht nur gespielt, er scheint wirklich nicht zu wollen, noch immer entt\u00e4uscht vom Desinteresse der Einheimischen. Der Athlet wirft Ipomoea einen fragenden Blick zu. Sie kommt n\u00e4her, bef\u00fchlt die Armmuskeln des Mannes und sagt: Ich habe so etwas noch nicht gemacht. Ich bin Bodenturnerin. Das m\u00fcssen wir erst einmal zwischen den Matratzen \u00fcben.<\/p>\n<p>Kommt, lasst uns was essen, sagt Hugo. Ich lade euch ins Edelweiss ein. Der linke Athlet setzt den Pantomimen vorsichtig im Gras ab. Wir verlassen den Ort.<\/p>\n<p><strong>B<\/strong>eim Essen bekennt sich der R\u00fcttenscheider freim\u00fctig zur Bildungselite und legt damit ein riskantes Gest\u00e4ndnis ab. Neben seiner Leidenschaft f\u00fcr Aktionskunst, Happenings und Stra\u00dfentheater habe ihn noch ein weiterer wichtiger Grund zu uns getrieben. Seit seiner Doktorarbeit vor vierzig Jahren \u00fcber den antiken J\u00e4ger Aktaion, sammle er Quellenbelegen zu den W\u00f6rtern Firwitz, F\u00fcrwitz, Vorwitz und ihren Adjek\u00adtiv\u00adableitungen firwitzig, f\u00fcrwitzig, vorwitzig \u2013 ein seitdem gepflegtes Steckenpferd. Einen vollen Karteikasten mit Textstellen zu diesen W\u00f6rtern k\u00f6nne er \u00fcber uns ausgie\u00dfen, sagt R\u00fcttenscheider.<\/p>\n<p>J\u00fcnger zeigt sich von solch philologischem Sammlerflei\u00df unbeeindruckt. Geister erster Ordnung sind im Besitze des Hauptschl\u00fcssels, sagt er. Sie dringen m\u00fchelos in die einzelnen Kammern ein, sehr zum \u00c4rger der Leute vom Fach, die ihre Registraturen mit einem Schlage au\u00dfer Kraft gesetzt sehen.<\/p>\n<p>J\u00fcngers Lachen ist zwar dezenter als das der thrakischen Magd, aber er am\u00fcsiert sich sichtbar \u00fcber den akademischen Streber.<\/p>\n<p>Einer der beiden Athleten regt an, das Ausleeren des Zettelkastens beim Wort zu nehmen, aber nicht \u00fcber uns, sondern \u00fcber die Zuschauerinnen und Zuschauer k\u00f6nnten wir Zettel mit verschiedensten Vorwitz-Zitaten aussch\u00fctten.<\/p>\n<p>Wenn welche da sind, sagt sein Zwillingsbruder.<\/p>\n<p>Mit Suchmaschinen, sagt Ipomoea, l\u00e4sst sich R\u00fcttenscheiders jahrzehntelange Sammelt\u00e4tigkeit in wenigen Sekunden durchf\u00fchren. Schon ist sie dabei. Seht mal, im R\u00e4toromanischen wird der \u201eVorwitz\u201c mit \u201ecuriusit\u00e0\u201c \u00fcbersetzt, ganz \u00e4hnlich dem Lateinischen. Wir lassen einen Chor aus Engadiner Sennerinnen ein Lied singen, in dem die \u201ecuriusit\u00e0\u201c beschworen wird.<\/p>\n<p>Viel Spa\u00df bei der Suche, sagt einer der Athleten. Bis wir einen solchen Chor zusammengestellt haben, singen wir selbst. Nicht auf Latein, nicht auf R\u00e4toromanisch, sondern wie uns der Schnabel gewachsen ist. dabei blickt er Tirili und Tirila an.<\/p>\n<p>Jede und jeder findet bald seinen eigenen Ton, sagt Eva, wir h\u00e4tten doch sicher alle schon mal Erfahrungen mit dem Summstein gemacht. Ein Rhythmus stelle sich dann wie von selbst ein.<\/p>\n<p><strong>Z<\/strong>ur\u00fcck in der Remise, wartet dort unser Gastgeber, Herr Johann, auf uns. Das sei nun unsere letzte Nacht. Er ben\u00f6tige die Remise sofort f\u00fcr andere Zwecke. Morgen fr\u00fch sollten wie weiterziehen.<\/p>\n<p>Das ist sein gutes Recht. Niemand soll lange unser Gastgeber sein. Wir werden nicht protestieren und wollen ihn um nichts bitten. Es entspricht v\u00f6llig unserem Konzept, \u00fcberall nur kurz zu bleiben, wenn wir auch noch keine Vorstellung haben, wo wir morgen \u00fcbernachten. Soweit alles gut, aber dann dreht sich Herr Johann im Weggehen noch einmal um und ruft uns nach, nichts als ehrlose Gaukler seien wir.<\/p>\n<p>Ipomoea kann Hugo gerade noch zur\u00fcckhalten, als der schon auf Herrn Johann losgehen will. Adam, Eva und der Z\u00fcrcher scheinen ebenfalls emp\u00f6rt zu sein, sagen aber nichts. Einer der Pantomimen macht ihm eine lange Nase, als sich Herr Johann schon abgewandt hat und auf dem Weg hinaus durchs Tor ist. J\u00fcnger und Albert sehen sich belustigt an. J\u00fcnger sagt etwas wie: Der Stallknecht erkennt immer nur den anderen Stallknecht und nie den Gutsherrn.<\/p>\n<p>Die beiden Athleten waren gerade dabei, weitere Matratzen aus dem Hanomag zu holen. Bei ihrem Anblick w\u00e4re Herr Johann vielleicht etwas vorsichtiger gewesen. Obwohl auf sie und auf die beiden Pantomimen der Begriff Gaukler am ehesten zutrifft \u2013 ehrlos aber nicht. Die meisten von uns kommen aus angesehenen Berufen. Der Z\u00fcrcher war bis vor kurzem Redakteur beim Schweizer Fernsehen. Ein Naturwissenschaftler wie Albert genie\u00dft ohnehin ein hohes Ansehen, und sein spezielles Forschungsgebiet innerhalb der Pharmakologie verraten wir nicht jedem. Und eigentlich k\u00f6nnte auch der R\u00fcttenscheider mit seiner akademischen Karriere sehr zu unserem respektablen Ruf beitragen, kl\u00e4ngen die Selbstaussagen zu seiner illustren Vergangenheit nicht allzu oft nach Hochstapelei. Auch jetzt will er wieder mit seinem Wissen gl\u00e4nzen:<\/p>\n<p>Unser lieber Gastgeber, meint R\u00fcttenscheider, habe, wahrscheinlich ohne es selbst geahnt zu haben, genau das richtige Wort gew\u00e4hlt, als er uns als Gaukler bezeichnet habe. Viele Bedeutungen althochdeutscher W\u00f6rter w\u00fcssten wir ja nur durch verschiedene Glossen \u2013 Glossen, nicht in dem Sinne, wie wir es heute meistens verwenden, als kleine humoristische Zeitungstexte, sondern als Randnotizen oder Interlinearglossen, also zwischen den Zeilen Geschriebenes, mit denen mittelalterliche M\u00f6nche die lateinischen Texte kommentiert oder f\u00fcr sich selbst \u00fcbersetzt haben. Und da steht an einer Stelle das Wort <em>gougarari<\/em>. In althochdeutschen W\u00f6rterb\u00fcchern taucht es auch als <em>gougal\u0101ri<\/em> auf und bedeutet Gaukler, Umhertreibender, Zauberer, Possenrei\u00dfer oder Schauspieler, also Personen wie wir. Das w\u00e4re nicht erw\u00e4hnenswert, w\u00fcrde nicht eine dieser Glossen mit dem Wort <em>gougarari<\/em> eine Stelle des Kirchenvaters Hieronymus kommentieren, in der er von unserem Thema, dem F\u00fcrwitz, schreibt, genauer: <em>curiositate non licita<\/em>, also mit unerlaubter Neugier, mit anma\u00dfendem F\u00fcrwitz. Es ist eine Stelle in einer Epistel, in der sich Hieronymus auf den Turmbau zu Babel bezieht. <em>curiositate non licita<\/em>, mit nicht legitimem Vorwitz h\u00e4tten Menschen zu Gottes H\u00f6he vordringen wollen: <em>volentes curiositate non licita in ipsius<\/em> \u2013 gemeint: Gottes \u2013 <em>alta penetrare.<\/em> Genug der W\u00f6rterb\u00fccher, wir haben Gaukler unter uns, und wir Spielen Szenen, die die <em>curiositas<\/em>, den F\u00fcrwitz illustrieren. Also lasst uns unsere beiden Athleten nutzen und den Turm zu Babel nachstellen.<\/p>\n<p>Wenn die sich nutzen lassen, sagt einer der beiden Athleten, die, ohne dass der R\u00fcttenscheider sie bemerkt hatte, hereingekommen sind.<\/p>\n<p>Wart ihr beiden, bevor euer Wanderzirkus bankrottging, nicht die Basism\u00e4nnern akrobatischer Pyramiden aus Menschenk\u00f6rpern, fragt R\u00fcttenscheider rechthaberisch.<\/p>\n<p>Hugo, im Ton diplomatischer, findet die Idee ebenfalls gut. Da k\u00f6nnt ihr endlich mal eure Kr\u00e4fte zeigen, sagt er, man merkt euch doch lange schon an, dass ihr es nicht dabei bewenden lassen wollt, den Hanomag zu steuern.<\/p>\n<p>Wir haben aber nicht darauf gewartet, dass uns ein R\u00fcttenscheider sagt, wann unser Einsatz zu sein hat.<\/p>\n<p>Sein Zwillingsbruder sagt: Kommt, wir bauen einen Turm bis in den Himmel.<\/p>\n<p>Solch eine Menschenpyramide muss gut geplant sein und immer wieder ge\u00fcbt werden. Wir alle sind keine Akrobaten. Hugo und der Z\u00fcrcher flankieren die beiden Basism\u00e4nner rechts und links. F\u00fcr Ipomoea ist es nicht schwierig, auf die Schultern eines der beiden Athleten zu steigen. Wer w\u00e4re der zweite? Soll ich es wagen, neben Ipomoea?<\/p>\n<p>Ich klettere auf die dritte Stufe, sagt Alain.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde an Selbstmord grenzen, h\u00e4lt Hugo ihm entgegen.<\/p>\n<p>Alain wirft Hugo einen missbilligenden Blick zu.<\/p>\n<p>Hugo wei\u00df selbst, dass er \u00fcbertreibt. Einen Sturz aus drei Meter f\u00fcnfzig H\u00f6he w\u00fcrde Alain \u00fcberleben, wenn er nicht ungl\u00fccklich aufschl\u00e4gt. Das Wort Selbstmord hat er absichtsvoll gew\u00e4hlt, um Alains Reaktion zu testen.<\/p>\n<p>Wir haben uns zwar vorgenommen, alles Private und Pers\u00f6nliche au\u00dfen vor zu lassen und uns nur mit unseren jeweiligen Rollen zu besch\u00e4ftigen. Psychologie soll keine Rolle spielen. Trotzdem ger\u00e4t immer wieder jemand in Versuchung, mehr \u00fcber ein anderes Gruppenmitglied herauszufinden. Alain ist jemand, den ich nicht einsch\u00e4tzen kann, schweigsam, r\u00e4tselhaft, und in seinen wenigen \u00c4u\u00dferungen \u00fcberwiegend sarkastisch. Als wir ihn in Digne-les-Bains getroffen hatten, sp\u00e4t abends, war er f\u00fcnfunddrei\u00dfig Kilometer in die Stadt gelaufen, von der abgelegenen Stelle aus, an der ein Germanwings-Pilot seine Maschine mit 150 Insassen absichtlich gegen eine Felswand gesteuert hatte. Hatte Alain eine solche Wallfahrt unternommen, um der Opfer zu gedenken, die von dem geisteskranken Flugzeuglenker in einen viel zu fr\u00fchen Tod mitgerissen wurden, oder hatte er dem verwirrten Selbstm\u00f6rder huldigen wollen? Darauf ist er uns die Antwort schuldig geblieben, er erz\u00e4hlte stattdessen, da er schnell erfasste, dass die meisten von uns aus Deutschland kamen, erst im vorigen Sommer habe er in Berlin den Gedenkstein f\u00fcr Kleist und Henriette Vogel am Kleinen Wannsee besucht. Ipomoia hatte ihn gefragt, ob er bei der Gelegenheit auch auf dem Selbstm\u00f6rderfriedhof Grunewald-Forst war, f\u00fcr sie einer der idyllischsten Friedh\u00f6fe Berlins. Alain sagte, er habe zu sp\u00e4t von dem Friedhof erfahren. Ipomoea hatte ihn daraufhin frei heraus gefragt, ob er ebenfalls suizidale Gedanken hege, und Alain antwortete abermals mit einem Zu-sp\u00e4t. Er habe es leider vers\u00e4umt, rechtzeitig dem Klub 27 beizutreten.<\/p>\n<p>Wollen wir nicht die Matratzen von der Ladefl\u00e4che holen, fragt Adam.<\/p>\n<p>Nein, wir wollen nicht, denn gerade jetzt bilden sich so viele Schaulustige um uns herum wie selten. Vermutlich, weil es schon im Ansatz gef\u00e4hrlich aussieht, was wir da machen.<\/p>\n<p><strong>N<\/strong>achdem Herr Johann uns vor die T\u00fcr gesetzt hat, fr\u00fchst\u00fccken in einem Hotel auf dem Weg zum Julierpass. Wieder zahlt der, dem Zins und Renten zuflie\u00dfen, f\u00fcr uns alle: Hugo. Es wird ein l\u00e4ngeres Arbeitsfr\u00fchst\u00fcck. Alle sammeln auf ihren mobilen Telefonen Zitate, in denen der Vorwitz oder eine seiner historischen Varianten vorkommt. Die Ergebnisse senden wir an das Ger\u00e4t des Z\u00fcrchers, der alle Fundst\u00fccke in einer Datei b\u00fcndelt, dann steht er auf und spricht mit der jungen Frau an der Rezeption. Er verhandelt sehr lange, schafft es aber schlie\u00dflich mit seinem Altherren-Charme, die zun\u00e4chst Misstrauische und \u00c4ngstliche einzuwickeln. Sie verschwindet f\u00fcr ein paar Minuten in einem B\u00fcro hinter der Empfangstheke und kommt mit einem kleinen Stapel Papier zur\u00fcck. Nun m\u00fcssen wir uns nur noch eine Schere ausleihen, um die Zitatsammlung in kleine Zettel zu zerschneiden. Eva ist erstaunt, wie viele Sprichw\u00f6rter und Redensarten es mit dem Wort F\u00fcrwitz gibt. Einige liest sie uns beim Ausschneiden vor:<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz will das Ding wissen und erfahren.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz verursacht Irrthumb.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz bestehet wie Schnee an der Sonn&#8216;.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz brach den Hals.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz drehet das Rad vngebetten.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz hat eine gro\u00dfe Freundschaft.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz hat manch rein Hertz vergifftet.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz hat manchen Helt im Krieg und sonst gefelt.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz hat viel Br\u00fcder und Schwestern.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz macht b\u00f6se Megde.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz macht die Jungfern rar.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz macht die magdt teuwer.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz macht Dina bald zur Concubina.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz macht Gelagsschwester, Fidelelsen, Metzen, Huren und Ammen gar gemein.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz macht Hurerey.<\/p>\n<p>F\u00fcrwitz und vntrew strafft Gott.<\/p>\n<p>Das wollen wir doch nicht unter die Leute bringen, sagt Ipomoea. Die glauben noch, wir meinen das ernst.<\/p>\n<p>Eva liest nicht weiter, starrt auf das Papier. Was soll denn das bedeuten: \u201eDas macht mein F\u00fcrwitz, Da\u00df ich auf dem Igel sitz.\u201c Sie h\u00e4lt inne. Ihr schwant F\u00fcrchterliches. Quelle: Auf einer Schautafel f\u00fcr die Besucher der Burg Leuchtenberg: Wegen ihrer Neugierde wurde die Schlo\u00dffrau zur Strafe des \u201eIgelsitzens\u201c verurteilt.<\/p>\n<p>Eva ist bleich geworden. Dem muss ich nachgehen, stammelt sie.<\/p>\n<p>Ned jetz, sagt Hugo. Ma san scho spat dran, und wer wa\u00df, wia long des Wedda hoidt.<\/p>\n<p>Der Hanomag ist unerl\u00e4sslich, nicht so sehr zu unserem eigenen Weiterkommen als f\u00fcr den Transport der Ausr\u00fcstung. Mit den Matratzen, Decken und Kissen ist die Ladefl\u00e4che fast schon ausgef\u00fcllt; dann passen lediglich noch unsere Rucks\u00e4cke und Taschen darauf sowie die wenigen Requisiten, die wir bei uns f\u00fchren. Drei Personen, eventuell vier, passen ins F\u00fchrerhaus, das ist neben dem Fahrer meistens das \u00e4ltere Ehepaar Adam und Eva. Die anderen wandern oder nehmen das Postauto, wie die gelben Busse in der Schweiz genannt werden. Aber dieses Mal muss auch f\u00fcr mich eine L\u00f6sung gefunden werden, denn ich f\u00fchle mich au\u00dfer Stande zu laufen. An einer Stange \u00fcber der Ladefl\u00e4che, die f\u00fcr die Plane vorgesehen ist, h\u00e4nge ich mich mit den Kniekehlen ein und lasse den Oberk\u00f6rper baumeln. Mir schie\u00dft das Blut in den Kopf, und ich genie\u00dfe das sanfte Pendeln w\u00e4hrend der Fahrt. Nie habe ich mich f\u00fcr einen bedeutenden Luftakrobaten gehalten. Trotzdem m\u00f6chte ich meine Turnstange nicht verlassen. Wie ich hier h\u00e4nge und mich nun auch mit den H\u00e4nden an der Stange festhalte, das d\u00fcrfte nicht elegant aussehen. Als habe das Zweifinger-Faultier \u2013 meine schon seit l\u00e4ngerem erkl\u00e4rte Sehnsuchtsfigur \u2013 endlich von mir Besitz ergriffen. Doch irgendwann muss ich mich in eine andere, entspanntere Lage bringen.<\/p>\n<p><strong>A<\/strong>n der h\u00f6chsten Stelle des Julierpasses hat vor wenigen Jahren noch ein ungew\u00f6hnlicher Theaterbau gestanden. Ein Turm auf dem Grundriss eines zehnstrahligen Sterns mit einer Apsis an jedem Ende der kurzen Strahlen. Manche Reisende f\u00fchlten sich bei dem \u00fcberraschenden Anblick an die Burg des Stauferkaisers Friedrich II. in Apulien erinnert, doch die \u00c4hnlichkeit w\u00e4re sehr oberfl\u00e4chlich. Hinter den Bogenfenstern waren Galerien, die an die Shakespeareb\u00fchne oder das barocke Logentheater anspielten. Auf f\u00fcnf Etagen ragte der Bau dunkelrot \u00fcber die unbebaute Umgebung mit dem kleinen t\u00fcrkisfarbenen Bergsee. Die Einbindung der rauen Bergwelt ins B\u00fchnenbild und bei der Wahl des Programms war das erkl\u00e4rte Ziel des Planers und Intendanten des Musik- und Tanztheaters. Die Zuschauer hat man mit Shuttle-Bussen zu den Auff\u00fchrungen gefahren. Sechs Jahre nach seiner Errichtung wurde der mit einem Architekturpreis ausge\u00adzeich\u00adnete Turm abgerissen, das Holz seiner W\u00e4nde geschreddert. Wenn wir es zwar vers\u00e4umt haben, beim Festivalleiter vorstellig zu werden, solange das Geb\u00e4ude noch den Julierpass schm\u00fcckte, erhoffen wir uns doch eine unterst\u00fctzende Wirkung vom <em>genius loci<\/em>. Der Plafond an der h\u00f6chsten Stelle der Passstra\u00dfe scheint dem Theaterspiel wohlgesonnen.<\/p>\n<p>Heute proben wir einige Szenen zum <em>Faust<\/em>. Das scheint uns passend zum Ort. \u201eBald sticht ihn der F\u00fcrwitz, fordert seinen Geist Mephostophilem, mit dem wollte er ein Gespr\u00e4ch halten\u201c, liest R\u00fcttenscheider von einem Zettel ab. Augustinus erg\u00e4nzt: \u00a0Schon in seiner Vorrede zum Volksbuch von 1587 warnt der Buchdrucker Johann Spies, der F\u00fcrwitz sei \u201eeine gewisse Ursach des Abfalls von Gott.\u201c<\/p>\n<p>Wir kommen zur Rollenverteilung. Noch einmal Adam? Adam und Faust von derselben Person gespielt? J\u00fcnger widerspricht: Als Adam sei Adam entschuldbar gewesen, aber f\u00fcr Faust ben\u00f6tigten wir einen unserer Gelehrten. Wenn wir auch ohne verbale Sprache auskommen wollten, k\u00f6nnten wir doch beim Lateinischen als Lingua franca der mittelalterlichen Welt eine Ausnahme machen, besonders in einer Gegend, in der das R\u00e4toromanische, genauer: das B\u00fcndnerromanische, als Abk\u00f6mmling des Lateinischen Amtssprachen sei. Ein Pharmakologe wie Albert solle den Faust \u00fcbernehmen, notfalls auch er selber, J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Er sei kein Schauspieler, sagt Albert.<\/p>\n<p>Des is umso besser, meint Hugo. Albert is jetz Faust. D\u00e5 mua\u00df ea ned gro\u00df spuin.<\/p>\n<p>Und Mephisto? Alle schauen auf Alain, das Irrlicht. Der will nicht. Muss aber. Selbstm\u00f6rder, Erzengel, Mephistopheles \u2013 die meisten von uns sind \u00fcberzeugt, satanisch wie er gibt sich kein anderer von uns. Helena \u2013 keine Diskussion. Der Famulus? R\u00fcttenscheider, sagt J\u00fcnger. Kommt nicht in Frage, sagt R\u00fcttenscheider, ich w\u00e4re eher ein Faustus.<\/p>\n<p>Als Lehrling muss man immer sechzehn bleiben, sagt J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Eva, die gern spielt, \u00fcbernimmt die Figur des Wagner in einer Hosenrolle.<\/p>\n<p>Auf dem Parkplatz der Passh\u00f6he halten nach und nach einige Autos. Einige der aussteigenden Personen scheinen \u00fcber das unverhoffte Theaterspektakel erfreut und sind neugierig, obwohl sie uns nicht einord\u00adnen k\u00f6nnen. Den anderen sind wir vor dem Bergpanorama nur im Weg f\u00fcr ihre Selfiefotos.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Faust einen Kreis aus mittelgro\u00dfen Steinen auf dem Boden ausgelegt, t\u00e4nzeln die beiden Pantomimen um das Publikum. Ihr Tanz greift den Sternenhimmel des Thales auf und erg\u00e4nzt ihn mit Entdeckungen der modernen Astronomie. Pulsare. Die Pantomimen treten einen Takt, genauer: jeder von ihnen einen Takt unterschiedlicher Frequenz. Mit ihren K\u00f6rpern erzeugen sie Wellen, schnelle kurze Wellen, langsame lange Wellen, und dabei rotieren sie um die eigene Achse. Sehenswert diese Gleichzeitigkeit von Rotation, Puls und Wellen, in verschiedenen Geschwindigkeiten.<\/p>\n<p>Hugo zieht eine Mundharmonika aus der Innentasche seines Sakkos und spielt dazu eine melancholische, d\u00fcnne Melodie, von fern an <em>Spiel mir das Lied vom Tod<\/em> erinnernd, aber doch ganz anders, atonal, aber nicht falsch. Zum ersten Mal h\u00f6ren wir Hugo Mundharmonika spielen. Auf unsere Frage, wie er das bezeichnen w\u00fcrde, was er da spiele, sagt er, das sei Swamp Blues aus Louisiana, nur als Stockhausen und dann siebzig Jahre nach vorne entwickelt.<\/p>\n<p>Was ist der K\u00f6rper im Klang? Ein riesiges biologisches Wesen. Gesichtsfeldaufl\u00f6sung, F\u00fclle der Stille. Den Klang entk\u00f6rperlichen, sagt Hugo, arabische Aromen. Bigband-Sounds aus dem Jenseits, goldene Zeiten in Cordhosen.<\/p>\n<p>Faust hat inzwischen mit Steinen einen Teil der Fl\u00e4che markiert, auf der wir den Standort des ehemaligen Theaterbaus vermuten.<\/p>\n<p>In diesem Kreis soll der beschworene Geist erscheinen. Noch in der Nacht haben die K\u00fcnstlerinnen unter uns, vor allem Eva, einige alchymistische Symbole wie Pentakeln oder das Zeichen f\u00fcr den Planeten Saturn ausgeschnitten und schwarz oder wei\u00df lackiert. Faust platziert sie so, wie er sie braucht. Die hagere Figur hat einen dunklen Gelehrtenmantel \u00fcbergeworfen. In einer unserer gr\u00f6\u00dferen M\u00fcslischalen z\u00fcndet er ein Feuer an und breitet die Arme aus. Woher er auf die Schnelle das Grimoire mit vergilbten Seiten besorgt hat, ist uns ein R\u00e4tsel. Als trage er ein solches Lehrwerk der schwarzen K\u00fcnste seit Jahrhunderten mit sich. Er spricht: <em>Per ignem et aquam, per umbram et lumen! Spiritus obscuri, audite vocem meam!<\/em><\/p>\n<p>Die B\u00e4uerin auf der Stufe vor einer einstmals rot gestrichenen Fl\u00fcgelt\u00fcr mit rostigem Eisenriegel haben wir zun\u00e4chst nicht bemerkt. Die gefalteten H\u00e4nde knetend sitzt sie da, das kantige Gesicht mit einer ausgepr\u00e4gten Nase im Schatten eines hellblau gemusterten Kopftuchs, ein bodenlanger wei\u00dfer Rock und neben ihr auf der Stufe etwas wie ein Napfkuchen. Sie hat uns zugeh\u00f6rt und meint: <em>Mir han zwar kei R\u00f6mer mehr, aber eusi W\u00f6rter sind au Schatz!<\/em><\/p>\n<p>Ipomoea nickt ihr zu.<\/p>\n<p>Mit einem Male liegt einer der Gipfel, der die ganze Zeit noch klar und scharf von dem blauen Himmel abstach, in einer Wolke. Das Bef\u00fcrchtete scheint einzutreten. Haben wir zu lange diskutiert beim Fr\u00fchst\u00fccken, zu lange mit dem Drucken und Zerschneiden der Zettel aufgehalten? Es ist m\u00fc\u00dfig, dar\u00fcber nachzudenken. Da hilft auch keine Wetter-App. Zwei Stunden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter \u2013 das Wetter in den Bergen bleibt unberechenbar. Aber vielleicht ist Alberts schwarze Magie uns dienstbar? Jetzt taucht urpl\u00f6tzlich an anderer Stelle ein spitzer Gipfel auf, sehr \u00e4hnlich dem nun ver\u00adschleierten, oder derselbe, als wollten uns die Berge um uns herum die Orientierung rauben. An verschiedenen Punkten erscheinen Bergspitzen und verschwinden wieder in Wolken. Um uns wird es grauer und grauer. Insgesamt zieht sich der Himmel immer mehr zu.<\/p>\n<p>Komm hervor, Geist der verborgenen K\u00fcnste! Zeig dich mir, wie einst den Weisen Salomonis, ruft Faustus. <em>Per pactum aeternum, exaudi me!<\/em><\/p>\n<p>Er wirft eine Handvoll Pulver in die Schale. Die Flamme z\u00fcngelt gr\u00fcnlich.<\/p>\n<p>Als antwortete der Himmel auf das menschengemachte Feuer, durchzieht ein weitverzweigter Blitz das Grau \u00fcber dem Horizont im Westen.<\/p>\n<p>\u00c4sthetik der Unwetter, sagt J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Ein Grummeln von oben, zuerst denken wir, ein Flugzeug befinde sich in den Wolken auf dem Weg nach Milano, aber es ist Donner, der von mehreren Gipfeln widerhallt. Ein Trommelwirbel. Na bitte, sagt Faust: Donnernder Applaus. Die Elemente spenden Beifall, weil wir nicht weichen.<\/p>\n<p>Erste Tropfen fallen, wir lassen uns nicht unterbrechen, spielen mit heiligem Ernst, als w\u00fcrden wir daf\u00fcr bezahlt. Es ist angenehm k\u00fchl in dieser H\u00f6he. Doch die N\u00e4sse macht die Steine glatt. Fausts flache Stra\u00dfenschuhe sind jetzt von Nachteil. Wanderschuhe, wie Adam und Eva sie tragen, w\u00e4ren geeigneter, aber die Betrachter sollen sich vorstellen, Faust sei in seiner Studierstube.<\/p>\n<p>Im Westen leuchtet der Himmel. Von dort kommt heftiger Wind auf. Blitze \u00e4dern das Grau. Das Gewitter zieht in unsere Richtung. Aus dem flachen Geb\u00e4ude in unserer N\u00e4he ragt eine Antenne, auch andere Masten sind da, die einen Blitz von uns ablenken w\u00fcrden, und eher noch d\u00fcrfte die Hochspannung einen der Felsen spalten.<\/p>\n<p>Sollten wir nicht besser aufh\u00f6ren, fragt Eva.<\/p>\n<p>J\u00fcnger, dem ehemaligen Internatssch\u00fcler, wie er betont, war fr\u00fchzeitig eingetrichtert worden, das einmal Begonnene immer zu einem erfolgreichen Abschluss zu f\u00fchren. Mein Hauptmann h\u00e4tte mich als einen Schlappschwanz bezeichnet und noch verletzendere Worte gefunden bei einer Niederlage kurz vor dem Ende der Szene.<\/p>\n<p>Einige der Zuschauenden, die eben noch um uns herumstanden, haben sich in ihre Fahrzeuge zur\u00fcckgezogen. Den Hanomag hat der Fahrer netterweise so abgestellt, dass ich von meiner Turnstange \u00fcber der Ladefl\u00e4che den Schauplatz im Blick habe. Doch als jetzt ein heftiger Hagelschauer einsetzt, wird es auch f\u00fcr mich ungem\u00fctlich. Golfballgro\u00dfe K\u00f6rner schlagen ein. Die Akteure gehen in Deckung, pressen sich dicht an die Wand des Kiosks \u2013 bis auf Albert und sein Freund J\u00fcnger. Die beiden recken ihre Arme in die H\u00f6he, als h\u00e4tten sie eine Wette abgeschlossen, wer von ihnen zuerst vom Blitz getroffen wird. Den Blitz auf sich lenken. Der menschliche Blitzableiter erinnert an eine Aktion von Timm Ulrichs, \u00fcber die R\u00fcttenscheider vermutlich besser Bescheid wei\u00df, aber niemand von uns will ihn fragen.<\/p>\n<p>Was immer Albert in der Gestalt des Doktor Faustus seinem D\u00e4mon zuruft, die Menschen, geduckt vor einer Wand oder in ihren Autos sitzend, h\u00f6ren es nicht. Jetzt wirft Albert eine Handvoll Zettel mit Vorwitz-Zitaten in die H\u00f6he. Sie werden von einer B\u00f6e erfasst und \u00fcber das Plateau gewirbelt wie ein Schneegest\u00f6ber. Einige der Zettel bleiben kurz an Windschutzscheiben kleben, bevor sie von den Scheibenwischern weggewischt werden. Alles wirbelt. Brocken fliegen, Erde, Dreck, Pflanzenteile. Sturmb\u00f6en zwingen uns, die Augen zu schlie\u00dfen. Schnell sind alle, ganz gleich, was sie anhaben, bis auf die Haut durchn\u00e4sst. Ein K\u00e4lteschauer durchzuckt mich. Ein Muskel im rechten Oberschenkel zittert wie verr\u00fcckt. Ich sollte mich auf die Matratzen fallen lassen, aufstehen und die Plane herablassen. Doch solch klare Handlungsanweisungen an mich selbst sind nichts als Erinnerungen an die Spielregeln meines fr\u00fcheren Lebens. In meinem inneren Jenseits gefangen, gehorchen mir die Beine nicht, wie mir die Stimme nicht gehorcht und mein gesamter K\u00f6rper zum K\u00f6rper eines anderen geworden ist.<\/p>\n<p>Die beiden Athleten stehen mit beiden Beinen im Leben. Blitzschnell erfassen sie, was zu tun ist, rennen durch den Hagel zu ihrem Hanomag, verschn\u00fcren die Plane am Boden der Ladefl\u00e4che. Dass die Matratzen, die Decken und Kissen trocken bleiben, ist wichtiger. Menschen trocknen schneller. Nun ist es dunkel. Ich bin besser gesch\u00fctzt als alle da drau\u00dfen, sehe aber nicht mehr, was passiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>M<\/strong>it dem Postauto f\u00e4hrt unsere Truppe nach Sils Maria. Schon durch die Fensterscheiben des Busses sehen wir \u00fcber dem Ort auf einer Anh\u00f6he im Wald sich einen prachtvollen wei\u00dfen Hotelbau erheben, m\u00e4chtig wie eine Burg.<\/p>\n<p>I mecht jo gern oamoi im Hotel Waldhaus \u00fcberna&#8216;, sagt Hugo. Wer do scho ois gwohnt hat: Hermann Hesse, Thomas Mann, Adorno, Albert Einstein, Visconti, Thomas Bernhard, Max Liebermann \u2026 A Bekannter hod&#8217;s ma verz\u00e4hlt, wias er dort g&#8217;schlafn hot, hot beim Fr\u00fchst\u00fcck ein paar Tische weiter Gerhard Richter gsessn.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte ihn gar nicht erkannt, sagt Adam.<\/p>\n<p>Die Buchung eines Zimmers, f\u00e4hrt Hugo fort, gleiche einem Bewerbungsschreiben, in dem man seine Motivation darlegen m\u00fcsse. Besser noch, man lasse sich von einem der Stammg\u00e4ste empfehlen.<\/p>\n<p>Dort werden wir sicher nicht \u00fcbernachten, auch wenn einzelne von uns es sich leisten k\u00f6nnten. Die gemeinsamen N\u00e4chte in der Matratzenlandschaft sind uns wichtig. Wo wir uns betten k\u00f6nnen, ist noch ungekl\u00e4rt. Manches Mal ergibt es sich aus unserem Spiel, ob und wohin wir eingeladen werden. Seinem Namen verpflichtet, h\u00e4lt das Postauto vor der Post neben dem Hotel <em>Post<\/em>.<\/p>\n<p>Kimm! Jetzt ess ma&#8216; a bisserl wos, sagt Hugo. Ich lade euch alle ins <em>St\u00fcva de la posta<\/em> ei.<\/p>\n<p>Seine noble Absicht scheitert daran, dass wir keine Tische reserviert haben. Der Ort ist voller Besucher. Dann halt wieder K\u00e4sebrote, sagt Adam.<\/p>\n<p>Haben wir Zeit f\u00fcrs Nietzsche-Haus, fragt der R\u00fcttenscheider.<\/p>\n<p>Wir beide schon, sagt Adam etwas beleidigt, f\u00fcr uns gibt es heute ja keine Rollen.<\/p>\n<p>Wir anderen laufen ans Ufer des Silsersees. Ipomoea hat \u00fcbers Internet herausgefunden, dass es dort eine kleine B\u00fchne auf einem Flo\u00df gibt, auf der Halbinsel Chast\u00e8, auf der Nietzsche eine H\u00fctte bauen wollte. Das Flo\u00df sei f\u00fcr die sogenannten Wasserzeichen-Konzerte gebaut worden, aber vielleicht h\u00e4tten wir ja Gl\u00fcck, und dort sei gerade niemand. Sie sendet eine Nachricht an die beiden Athleten, die mit Quirx auf der Ladefl\u00e4che und Eva auf dem Beifahrersitz mit dem Hanomag gekommen sind. Athlet_zwei, wie die von ihm gew\u00e4hlte Adresse lautet, schreibt kurz darauf zur\u00fcck, der Lastwagen habe nicht durch die Einfahrt des zentralen Parkhauses gepasst und er habe nun einen Campingplatz am Seeufer Richtung Maloja angesteuert. Dort k\u00f6nnten wir \u00fcber Nacht bleiben, allerdings nur unter freiem Himmel. Ipo\u00admoea checkt die Wetteraussichten und best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne, wenn auch klein, ist viel zu sch\u00f6n gelegen f\u00fcr die Szene in Fausts dunkler Studierstube. Der Blick \u00fcber den See mit den gepuderten Bergen dahinter weckt andere W\u00fcnsche.<\/p>\n<p>H\u00e4tte der R\u00fcttenscheider nicht ins Museum laufen m\u00fcssen, sagt einer der Pantomimen, k\u00f6nnten wir ihn bitten, aus seinem Zettelkasten ein passendes Zitat von Nietzsche herauszusuchen.<\/p>\n<p>Der ganze Mensch Nietzsche ist ein einziger Vorwitz, sagt J\u00fcnger. Wir k\u00f6nnen fast alles von ihm nehmen.<\/p>\n<p>Besonders <em>Die fr\u00f6hliche Wissenschaft<\/em>, erg\u00e4nzt Albert.<\/p>\n<p>Das ist doch eine einsame Rolle, sagt der zweite Pantomime, nachdem er einen Bissen seines K\u00e4sebrotes heruntergeschluckt hat.<\/p>\n<p>Vorwitz ist einsam, sagt Albert. Egal, ob jemand alchymistische Rezepte ausprobiert oder h\u00f6her fliegende Ambitionen pflegt.<\/p>\n<p>Nun mischt sich ein junger Mann ein, von dem wir bisher kaum etwas wissen. Seinen Vornamen gibt er mit Washington an, Washington Post. Wir m\u00fcssen mehr in die Gesellschaft hineinstrahlen, sagt er. Es bringe doch niemandem etwas, nur zuzusehen, wie einsame M\u00e4nner oder vorwitzige Frauen an ihren Leidenschaften zugrunde gingen. Wir sollten endlich zusammen etwas Aufsehenerregendes in Angriff nehmen.<\/p>\n<p>Albert schaut sich um. Spektakul\u00e4r ist hier vor allem die Landschaft. Was du willst, kannst du besser in Washington realisieren, oder in Moskau, oder Teheran, oder in Budapest, Berlin nicht zu vergessen, Paris auch.<\/p>\n<p>Dem jungen Washington ist seine Ungeduld anzumerken. Wir sind ein gutes Team, sagt der zweite Pantomime. Wir werden etwas finden, wie wir uns alle mit unseren unterschiedlichen Talenten einbringen k\u00f6nnen. Aber nun lasst uns auf diesem angeketteten Flo\u00df unsere w\u00e4hrschaften Brote genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Schon seit dem Rheintal in der N\u00e4he von Thusis begleiten zwei junge Frauen unsere Truppe: Tirili und Tirila. Sie zwitschern, als k\u00f6nnten sie sich in der Sprache der V\u00f6gel unterhalten; Frage und Antwort, Interjektionen und kurze, manchmal sarkastisch klingende Kommentare in schrillen Pfiffen; vor allem aber wirken sie verliebt. Das weckt die Zweige der Zirbelkiefer, und auch der Stamm der Rotfichte beginnt zu atmen. In ihrem fragenden Trillii-triiil, auf das die andere mit freudigem Krrr-krrr-krrr\u2026 Tiu-tiu antwortet, gefl\u00f6tete T\u00f6ne, rhythmische Rufe, begleitet von angedeutetem Fl\u00fcgelschlagen und schnellem Kopfnicken, versinkt der Gesang im Wollgras. Silben wie Fir-witz und fir-wit-zig, ssiu-siiu, sii-u-siui, pfeifend oder schnurrend wie eine Amsel \u2013 wiiiu-wiiiu\u2026 prrrt-prrrt \u2013 legen sich auf den Fieberklee. Dann jagen sie einander, finden sich, trennen sich wieder. Ihre erfundenen Laute mit federspreizenden Tanzbewegungen malen ein faszinierendes, geheimnisreiches Konzert vor die Kulisse des Sees. Sie erzeugen sich in diesem Moment, besingen sich, als wollten sie ihre Gef\u00fchle und Erwartungen erzwitschern. Antworten kommen aus den Baumwipfeln, und sie antworten vom Boden zur\u00fcck. Wir k\u00f6nnen kaum noch unter\u00adschei\u00adden, ob die Liebenden die V\u00f6gel imitieren oder die V\u00f6gel die beiden jungen Frauen. Als ob nun auch im Gestr\u00e4uch die Wasseramsel ihren Schnabel aufrei\u00dft im Verlangen nach dem Liebsten, weil v\u00f6llig au\u00dferhalb der Paarungszeit vor Gl\u00fcck eine pl\u00f6tzliche Lust sie \u00fcberkommt, und das unerwartete Fr\u00fchlingserwachen mitten im Hochsommer sich auf den Tannenh\u00e4her \u00fcbertr\u00e4gt, der nicht verzichten will, alle zusammen sind Teil eines aufbl\u00fchenden Lebens, das Geschenk durchreisender G\u00e4ste.<\/p>\n<p>Der Schatz am Silsersee, sagt Hugo.<\/p>\n<p><strong>I<\/strong>n diesem Moment kommen Adam und der R\u00fcttenscheider aus dem Museum zur\u00fcck. Der Friede ist dahin. Adam strahlt eine leicht gelangweilte Zufriedenheit aus, aber der R\u00fcttenschei\u00adder explodiert vor Mitteilungsdrang: Zettel hin oder her \u2013 das gesamte Werk sei ein einziger Vorwitz. Gerade jetzt lohne es sich, Nietzsche wieder zu lesen. Nie zuvor sei jemand mit solcher Gr\u00fcndlichkeit der Frage nachgegangen, wie Werte und Moralvorstellungen histo\u00adrisch entstanden seien. Aber wenn man denn unbedingt einen Quellennachweis haben wolle, bittesch\u00f6n: In Nietzsches <em>Genealogie der Moral<\/em> werde eine Person mit \u201emein Herr Vorwitz und Wagehals\u201c angeredet. Tausche man in der <em>Genealogie der Moral<\/em> nur ein paar Begriffe aus, das R\u00f6mische Reich etwa gegen die Wirtschaftsimperien unserer Zeit im Westen oder Osten, die aus der Sklavenmoral hervorgehenden Ressentiments gegen die Bezeichnung \u201eWutb\u00fcrgertum\u201c, sei das Werk auch f\u00fcr uns heute aufschlussreich wie kaum ein anderes. Ja, man d\u00fcrfe sich \u00fcber seinen, R\u00fcttenscheiders, Zettelkasten lustig machen, doch letztlich ginge es ihm um weit mehr als eine philologische Studie zur Wortgeschichte eines heute kaum noch verwendeten Begriffs. Sein Zettelkasten sei f\u00fcr ihn die Eintrittskarte in die Welt des Wissens. Der Vorwitz er\u00f6ffne ihm ein Verstehen, was die Menschheit sei je angetrieben habe. Neugier als Motor aller Entwicklung. Gerade die Variante des verbotenen Vorwitzes spiegele die Geschichte der Macht- und Emanzipationsk\u00e4mpfe, den Ungehorsam seit Adam und Eva.<\/p>\n<p>Gut gebr\u00fcllt, sagt J\u00fcnger und hebt eine Augenbraue. Er, der dem akademischen Hei\u00dfsporn schon mehrfach Paroli geboten hat, widerspricht ihm dieses Mal nicht. Statt seiner ist es Washington, der R\u00fcttenscheider attackiert. Nietzsche habe keinen einzigen korrupten Pr\u00e4sidenten abgesetzt und keinen Diktator an den Galgen geh\u00e4ngt. Ihr Philosophen habt uns unser Denken immer nur erkl\u00e4rt; es k\u00f6mmt darauf an, es f\u00fcr die Menschheit nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>An welchen korrupten Diktator denkst du, fragt J\u00fcnger. Niemand von uns gebe sich der Illusion hin, eine Theaterauff\u00fchrung k\u00f6nne die Welt ver\u00e4ndern. Die Frage sei, was passiert im Mikrobereich? Dabei haben wir nicht den Ehrgeiz die Materie millimeterweise nachzuerz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>N<\/strong>icht ewig kann und will ich wie ein Faultier leben. Es wird Zeit, von meiner Stange herunterzusteigen. Die Beine steif, das Gehen funktioniert noch nicht, aber das ist eine Frage der Umgew\u00f6hnung. Ich bin wieder da. Die neuen Freunde haben mir regelm\u00e4\u00dfig etwas zu essen hinge\u00adstellt, Sch\u00fcsseln mit Obst und gekochtem Gem\u00fcse, Nahrung, die ich kaum anger\u00fchrt habe, in meiner Versunkenheit das Essen und Trinken vergessend.<\/p>\n<p>Alles hat mit einem tiefen Fall begonnen. Unaufh\u00f6rlich bin ich in mich hineingest\u00fcrzt, ein nicht endender Sturz in einen tiefschwarzen Schacht. Dabei habe ich nicht einmal den Aufschlag auf einen harten Boden bef\u00fcrchtet. Nur das schwindelerregende ewige Fallen und die Sorge vor einer Ohnmacht, aus der es kein Erwachen mehr gibt. Immer mehr h\u00fcllte mich das Schwarz ein, Schw\u00e4rze um mich und in mir, bis ich verschwunden sein w\u00fcrde. Ich habe Stimmen aus einer anderen Welt geh\u00f6rt, mich zwischen Wesen bewegt, die uns Menschen normalerweise verborgen bleiben. Die fremden Kl\u00e4nge lie\u00dfen mich eine Sprache ahnen, die andere Wesen m\u00f6glicherweise klar verstehen. Ein Chor. Das Wort Harpyien tauchte auf. Wie kam ich auf die Idee, dass es sich um Harpyien handelte, die mich im Sturz unsichtbar umschwebten? Oder waren es Sirenen, deren verf\u00fchrerischer Gesang mich lockte? Weich, nur allzu lieblich, erotisch, todbringend. Auf sie eingehen? Einen sanfteren Tod g\u00e4be es wohl nicht, als mich aufzul\u00f6sen in perfekter Harmonie. Harmonie der Sph\u00e4ren, Ewigkeit, wie nah war ich ihr. H\u00e4tte ich dagegen meine Ohren verstopfen sollen? Sie sangen zu sch\u00f6n, sie begleiteten meinen \u00dcbergang. Wenn ich mich nur h\u00e4tte bewegen k\u00f6nnen. Das waren keine Stimmen aus der Welt, die ich soeben verlie\u00df. Soeben verlie\u00df? Wollte ich das wirklich? Ich schlug die Augen auf. Vor mir stand eine Szene wie aus dem realen Leben. Ich sah einen Rentner, wie er seiner Frau in den Becherverschluss der Thermoskanne Tee eingoss, und die Frau, \u00e4hnlich der, die ich einmal als Eva oder vorher noch als Sophie kennengelernt hatte, aber doch eine andere, vielmehr: in einem anderen Zusammenhang, auch sie und ihr Mann aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen, als Bild, als Gem\u00e4lde eingefroren, in \u00fcbersteigerten Farben. Leuchtend, alles bedeutete noch etwas anderes, Philemon und Baucis, das ewige Paar, ich lachte, und wieder fielen mir die Augen zu, ohne dass ich es h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen, und ich st\u00fcrzte tiefer in mich hinein, sah Muster in allen Graut\u00f6nen, Schichten, die sich \u00fcberlagerten und zu Wolken verdichteten, ein Grauwei\u00df, das zugleich funkelte, als m\u00fcsse die Materie erst noch \u00fcberlegen, als was sie sich materialisieren m\u00f6chte. Die sich rasch ver\u00e4ndernden Wolkengebilde forderten meine Konzentration und Auffassungsgabe heraus. Fasziniert starrte ich auf das Schauspiel der Flecken, die allm\u00e4hlich farbiger und leuchtender wurden, als seien sie jeden Moment bereit, ihren Vorhang f\u00fcr mich zu \u00f6ffnen. Stattdessen schnitten sie mir Grimassen. Einige Stellen verdunkelten sich zu Augen und verschwanden ins Unbestimmte, wenn ich sie ansah. Da musste sich kein Vorhang auftun, das Geschehen spielte sich <em>auf<\/em> dem Vorhang ab, der Vorhang war die Story. Aus den Wolkenschichten tauchten immer mehr Augen auf, ich wurde von allen beobachtet wie ein Eindringling, ein blinder Passagier, ohne irgendeine Berechtigung, das alles sehen zu d\u00fcrfen. Nasen dazwischen formten h\u00e4ssliche Gesichter, Masken, Karikaturen. Einer der K\u00f6pfe in einem energischen Profil trug einen Helm, daran zwei Fl\u00fcgel. Ich erkannte ihn, den Boten, und w\u00e4hrend die Konturen seines Gesichts zerliefen, tauchten die anderen auf. Matronenhaft die G\u00f6ttergattin, daneben ein k\u00fchner Gesichtsausdruck \u00fcber einem silbernen Brustpanzer. Die Fruchtbarkeit. Die Sch\u00f6nheit, und imposant mit seinem Dreizack der ewige Bewohner des Meeresgrunds. Ich kannte sie alle wie gute Nachbarn, die Hundebesitzerin, auf der Wolkendecke mit schlanken kr\u00e4ftigen Jagdhunden. Der Mann mit dem Schmiedehammer reckt seinen Arm, und in der Mitte ein Greis mit rauschendem Bart, die Brauen zu den Seiten gespitzt. Ich erschrak, aber mich traf weder ein Blitz noch eine dreigezackte Harpune. Den Herrschaften war es anscheinend egal, ob ich sie sah oder nicht sah. F\u00fcr sie spielte ich keine Rolle. Jetzt sahen sie mehr nach Comicfiguren aus, von einem genialen Zeichner auf die Wolkenwand hingeworfen. Indem ich blinzelte, konnte ich die Details scharf stellen, sehr scharf, sch\u00e4rfer und detailtreuer, als ich jemals etwas gesehen hatte. Dort, wo eben noch die G\u00f6tterkarikaturen thronten, erschienen nun andere Gesichter, allt\u00e4glichere, wie mir schien, aber wem stand eine solche Einteilung zu? Vielleicht waren sie auf ihre Art genauso schrullig wie griechische G\u00f6tter. Alle sehr eigent\u00fcmlich. Kein bisschen wolkig mehr schwebten sie jetzt vor mir, sondern standen klar und bunt in einem \u00fcberirdischen Licht. In manche der Gesichter hatten sich Narben eingefressen, Kraterlandschaften, Nahaufnahme des Mondes, sehr nah, \u00fcberdeutlich. Eine solche F\u00e4higkeit des Sehens kannte ich nicht bei mir. In jeden Krater h\u00e4tte ich tief hineinzoomen k\u00f6nnen, nur um festzustellen, dass in jeder Pore ein Universum steckte, und jedes einzelne Universum durfte ich erkunden, so lange ich wollte. Es gab keine Zeit. Ich ermahnte mich: Hier, wo ich war, mochte es keine Zeit geben, aber wo ich herkam, gab es sie. Wenn ich mich in diesen vielen Universen verlor, wenn ich weiter ihre Filamente zu entwirren, die Superstrukturen der Materie zu verstehen ver\u00adsuch\u00adte, verpasste ich den Anschluss an die Truppe. Ich zoomte hinaus, sah jetzt andere Figuren. Ein breites Panoramabild, das allm\u00e4hlich in Bewegung geriet. Eine lustige Parade wie ein Wanderzirkus. Ein Koloss von einem Mann, gutm\u00fctig trottend und sich am R\u00fccken kratzend wie Balu, der B\u00e4r, f\u00fchrt an einer Leine ein Gespann aus einer blauschwarzen F\u00fcchsin und einem Dachs; auf dem Dachs reitet ein zweij\u00e4hriges Kind. Ihnen kommt ein Esel entgegen, auf dem ein Affe hockt; der Esel wird von einer Frau gef\u00fchrt, der Affe springt auf den Boden. Die Tiere beschnuppern sich und besteigen einander in allen physisch m\u00f6glichen Kombinationen. Der Kraftprotz und die Frau wollen mit ihren Tieren und dem Kind schnell aneinander vorbei, m\u00fcssen aber die Prozedur abwarten, bis die Tiere ihren Rang geregelt haben. Der starke Mann, in dem ich jetzt einen der beiden Athleten aus unserer Theatertruppe erkenne, muss aufpassen, dass das Kind nicht in den beidseitigen Begattungsanbahnungen vom Dachs f\u00e4llt. Dem Esel mit dem Affen ist ein Pferd gefolgt. Das Pferd k\u00f6nnten wir in unserer Truppe gebrauchen. Die Frau, die den Esel f\u00fchrt, deutet auf das k\u00f6nigliche Wappen, das dem vornehmen Reittier in seiner Flanke eingebrannt ist. Es d\u00fcrfe nur an die Spanische Krone verkauft werden, sagt sie; mit dem Brandmal habe sich der K\u00f6nig das Vorkaufsrecht gesichert. Umso besser. Wir h\u00e4tten es uns ohnehin nicht leisten k\u00f6nnen. Ach ja, es gab sie noch, die Welt mit ihren Alltagssorgen. Warum bauen wir solche Bilder nicht in unsere Spiele ein? Nun bin ich ihm enthoben, dem fr\u00fcheren Leben. Falls es so etwas wie Chronologie je gegeben hat. Enthoben? Welch pathetischer Ausdruck. Anma\u00dfend. Nur, weil ich im Bunde mit D\u00e4monen bin. Guten Geistern? B\u00f6sen Geistern? Wer wei\u00df das schon, und was soll Gut und B\u00f6se bedeuten? Sie sind, wie sie sind, gleichg\u00fcltig, kalt. W\u00e4hrend ich mich mit Geistern und D\u00e4monen aufhalte \u2013 f\u00e4llt mir mit Schrecken ein \u2013 k\u00f6nnten meine Kollegen l\u00e4ngst gestorben sein.<\/p>\n<p>Sie waren noch da. Nur eines Wimpernschlages hatte es bedurft, um die Welt zu wechseln. Eva setzt den Becher mit dem hei\u00dfen Tee an den Mund. Adam wartet, bis sie getrunken hatte und ihm den Becher zur\u00fcckgibt. Sich die gold\u2019nen Becher reichen, woran erinnert mich das? Irgend\u00adet\u00adwas stimmt nicht. Es wird mir wieder einfallen. Ein r\u00fchrendes Paar, Adam und Eva, Philemon und Baucis, Abaelard und Heloisa. Silberne Hochzeit, goldene Hochzeit, eiserne. Was kommt danach? Marmor, Stahlbeton. Auf jeden Fall war schon die unterste Stufe etwas, das ich nie erreicht hatte: Teil eines Paares zu sein. Ich war immer ein Einzelwesen. Sollte ich die beiden beneiden? Ach, was. Neid w\u00e4re ein unangemessenes Denken f\u00fcr das, was ich vor mir sah. Wer wei\u00df, was sie dachten. \u00dcber sich, \u00fcber mich, \u00fcber die anderen. Die anderen, es gab sie noch. Die beiden Studentinnen in ihren Semesterferien, waren sie es, deren Gesang meinen Sturz begleitete? Die Harpyien? Diese bezaubernden Wesen? Ich lachte. Ich liebte sie. Alle beide, und noch andere als nur die beiden. Liebe zu den Menschen f\u00fcllte mich aus. Nie gekanntes Gl\u00fcck durchstr\u00f6mte meinen K\u00f6rper. Ich liebte sie alle, die Menschen. Nun, da ich sie verlassen hatte. Ich liebte Adam und Eva, das traute Rentnerpaar, ich liebte den Z\u00fcrcher, der seine letzten Aufnahmen auf einem viel zu kleinen Bildschirm anschaute, ich liebte den wohlhabenden, spendablen Hugo und den eifrigen Zitatesammler, den R\u00fcttenscheider, aus dem kein Hochschulprofessor geworden war. Ich liebte sie alle, alle auf ihre Art, auch die beiden Athleten, die meiner Liebe nicht bedurften, waren sie doch so viel t\u00fcchtiger als ich. Meine Gesch\u00f6pfe. Nein, das war jetzt \u00fcberheblich von mir, vorwitzig dahingesagt. Ich war einer von ihnen, wenn auch eben noch in der Gesellschaft von Geistern und G\u00f6tterkarikaturen. Hatten sie mich verlassen, die Geister, die Comicfiguren, die Kobolde, Gnomen, Aliens? Ich schloss die Augen, und da waren sie wieder. Aber sie waren zugleich die Bekannten. Als h\u00e4tte jede und jeder aus unserer Gruppe eine zweite Existenz, eine sogenannte reale und eine vielleicht symbolisch zu nennende. Oder weit mehr als nur zwei Existenzen, wer wusste das? Ich sollte mich entscheiden, denn ich konnte nicht ewig gleichzeitig in zwei Welten leben. Warum nicht? Irgendwann w\u00fcrde es schw\u00e4cher werden, die Wirkung w\u00fcrde nachlassen. Und wenn nicht? Ich wusste jetzt, es gab diese geheime Gesellschaft verborgener Wesen. Sie waren kalt, abweisend, \u00fcberlegen. Der W\u00e4rmeaustausch fand bei uns statt, in unserer bizarren Truppe, unserem Matratzenlager.<\/p>\n<p><strong>D<\/strong>er Camper in Jogginghose und T-Shirt geh\u00f6rt nicht zu uns. Barfu\u00df schleicht er nachts um uns herum, zwischen den Matratzen, deckt hier ein St\u00fcck Brust auf, dort ein paar Zentimeter Schenkel. Nicht die komplette Nacktheit ist es, was er sucht, er will jagen, Einblicke, Unterblicke, Perspek\u00adtiven, Positionen. Augen\u00adlust l\u00e4sst ihn sich verrenken. Ich winke mit dem Zeigefinger, fl\u00fcstere vor mich hin \u201edu, du\u201c und denke, was f\u00fcr armselige Gesch\u00f6pfe solche Kerle doch sind. Wie einsam muss er sein in seiner erotischen Not. Eva und Ipo\u00admoea bemerken ihn, etwas belustigt, kaum emp\u00f6rt, schlafen sie weiter. Die M\u00e4nner nehmen entweder keinen Ansto\u00df an den verstohlenen Blicken des unziemlichen Voyeurs oder bemerken ihn nicht. Einzig Shakespeare wacht aus dem Halbschlaf auf und will ihn zur Rede stellen: <em>Unmannerly intruder as thou art<\/em>. Er redet den Eindringling mit \u201eActaeon\u201c an. Actaeon, Aktaion, hatte nicht der R\u00fcttenscheider diesen Namen genannt? Ihn zu fragen, hie\u00dfe, eine lange Belehrung zu riskieren. Alles, was wir wissen m\u00fcssen, finden wir schnell selbst heraus. Der Mythos des J\u00e4gers Aktaion, r\u00f6misch: Actaeon, der unverhofft die Jagdg\u00f6ttin Artemis, die r\u00f6mische Diana, beim Baden erblickt, bildet seit der Ovid-Rezeption des Mittelalters bis weit ins Barock hinein das Urbild des Voyeurs und des neugierigen Menschen schlechthin, des Curiosus\u2018 im Sinne der Kirchenv\u00e4ter und der fr\u00fchen Neuzeit. F\u00fcr Shakespeare liegt es auf der Hand, ihn mit diesem Namen anzusprechen. In mehrere seiner Werke hat er den Ungl\u00fccklichen eingebaut. Nach Dianas Zaubergeste war Aktaion ein Hirschgeweih gewachsen, und seine Hunde haben ihn dann nicht mehr als ihren Herrn erkannt. Shakespeare war unter seinen Zeitgenossen nicht der einzige, dem die von Ovid erz\u00e4hlte Geschichte vertraut war. Im 16. und 17. Jahrhundert galt Aktaion als Synonym f\u00fcr den unstatthaften Voyeur und vorwitzigen Eindringling. Von Shakespeares scharfer Ansprache aufgeschreckt, fl\u00fcchtet der ungebetene Gast aus unserem Matratzenlager.<\/p>\n<p>Tirili zieht die Schultern hoch, als wolle sie den Kopf unter einem ihrer Fl\u00fcgel verstecken. Ihr dabei ausgesto\u00dfenes Tchii-tta-tt, tchii-tta-tt weckt Tirila, deren Arm auf ihrer Taille liegt. Zurr-zurr-krr, zurr-zurr-krr, macht Tirila und nickt mehrfach schnell mit dem Kopf.<\/p>\n<p>\u201eWas ich verborgen hielt, will F\u00fcrwitz doch ergr\u00fcnden\u201c, sagt Ipomoea. Eva meint, der Voyeur sei sicher impotent, und scheint ihn sogar etwas bedauern zu wollen.<\/p>\n<p><strong>Z<\/strong>um Fr\u00fchst\u00fcck l\u00e4dt Hugo uns alle in ein Hotel mit reichhaltigem Fr\u00fchst\u00fccksbuffet ein. Mit seinem mobilen Ger\u00e4t hat unser spendabler G\u00f6nner herausgefunden, woher Ipomoea das Zitat hat, und redet sie an mit \u201emein Abschatz\u201c. Dann liest er uns einige Zeilen aus dem Gedicht vor, das beginnt mit \u201eIch bin das reine Gla\u00df\/ das noch kein Staub befleckt\u201c.<\/p>\n<p>Ein Langgedicht, das sich aus vier Sonetten zusammensetzt. Hans A\u00dfmann von Abschatz der Autor, Zweite Schlesische Schule, so wie Lohenstein oder Hoffmannswaldau. F\u00fcr euch wie f\u00fcr mich, sagt Hugo, w\u00e4re es erm\u00fcdend, nun diese sechsundf\u00fcnfzig Zeilen in G\u00e4nze vorzulesen. Zusammengefasst: Aus der Perspektive einer jungen Frau namens Julinde wird metaphernreich ihre Jungfernschaft zu Grabe getragen. Die ersten vierzehn Zeilen variieren die Eingangszeile mit dem reinen Glas durch zahlreiche Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenreich, \u201eDie Lilje\/ welche noch die Bienen nicht besessen\u201c, aber auch der menschlichen Zivilisation, M\u00fcntzhau\u00df, Festung, sofern man das Kriegswesen zur Zivilisation rechnen muss, und das muss man leider. Um das Thema ganz deutlich zu machen, enden drei der vier Sonette mit dem Wort \u201eJungfrauschafft\u201c. Das zweite Sonett leitet den Wendepunkt mit der Frage ein \u201eWie geht mirs aber nun?\u201c, und man erf\u00e4hrt, dass die edle Jungfrauschaft \u2013 wen wunderts \u2013 bedr\u00e4ngt und best\u00fcrmt wird. \u201eCupido will bey mir den Jungfern-Honig finden\u201c. Es folgt die Zeile, die du, Ipomoea, zitiert hast, \u201eWas ich verborgen hielt\/ will F\u00fcr\u00adwitz doch ergr\u00fcnden\u201c, was sich reimt auf \u201eDie Liebes-Presse sucht aus mir den Safft zu winden\u201c.<\/p>\n<p>Klingt brutal, sagt Tirila, ausgepresst wie eine Zitrone.<\/p>\n<p>Ja, sagt Hugo, symbolisch stirbt Julinde. \u201eDie Knospe platzet auff\/ der Schatz wird mir gestohlen\u201c \u2026 \u201eUnd endlich stirbt dahin die edle Jungfrauschafft\u201c.<\/p>\n<p>Tirila wendet ihren Kopf ab und macht eine flatternde Bewegung mit der rechten Hand.<\/p>\n<p>Man sollte meinen, damit h\u00e4tt\u2019s ein End, sagt Hugo, aber wir sind erst auf der H\u00e4lfte des Gedichts angekommen, denn hinter \u201eJungfrauschafft\u201c steht ein Doppelpunkt. Es folgt ein R\u00e4sonieren im Leid, in dem auch Rache mitschwingt, wieder sehr metaphernges\u00e4ttigt, ihr Blut, des Siegers Schwei\u00df, doch am Ende des dritten Sonetts vergibt sie ihrem M\u00f6rder:<\/p>\n<p>Ist gleich mein Helden-Tod nicht ohn Empfindlichkeit\/<\/p>\n<p>Ich will doch meinen Feind und M\u00f6rder nimmer hassen.<\/p>\n<p>Jetzt ist aber gut, sagt einer der beiden Athleten, wir wollen doch hinaus und endlich anfangen.<\/p>\n<p>Fast, sagt Hugo, fehlt noch der Kn\u00fcller: Julinde sagt sich, dass sie ohnehin irgendwann gestorben w\u00e4re, auch ohne diese Erfahrung und ohne etwas an ihre Mitmenschen weiterzugeben. Das Gedicht, \u201emit steiffem Griffel\u201c geschrieben, endet, in dem Epitaph<\/p>\n<p>In was? fragt der Athlet.<\/p>\n<p>In der Grabinschrift: Hier liegt\/ was m\u00fchens werth\/ Julindens Jungfrauschafft.<\/p>\n<p>Die Frauen schauen genervt oder ver\u00e4rgert, die M\u00e4nner gelangweilt. Tirila st\u00f6hnt ganz unvogelhaft auf: Ich kann die vor Liebesverlangen schmach\u00ad\u00adtenden M\u00e4nner nicht mehr h\u00f6ren. Schon lange nicht mehr.<\/p>\n<p>Eva meint, f\u00fcr <em>die<\/em> Zeit und von einem Mann geschrieben sei das Gedicht doch \u201enicht ohn Empfindlichkeit\u201c. Der Dichter nehme einigerma\u00dfen feinf\u00fchlig die Perspektive von unten ein.<\/p>\n<p>Es ist doch eine Vergewaltigung, sagt Tirili. K\u00f6nnte es sein, fragt Tirila, dass der F\u00fcrwitz nur ein anderes Wort f\u00fcr die \u00dcbergriffigkeit l\u00fcsterner M\u00e4nner ist?<\/p>\n<p>Im Barock, sagt R\u00fcttenscheider, vermehrten sich tats\u00e4chlich die Beispiele \u00e4hnlicher M\u00e4nnerphantasien. Aus meinem Zettelkasten k\u00f6nnte ich euch als Beispiel das folgende Sonett vorlesen, und er beginnt unaufgefordert:<\/p>\n<p><em>ALS ich die Lesbie nechst in der kammer fand \/<\/em><br \/>\n<em>Da sie sich \u00fcberhin und schl\u00e4ffrig angeleget;<\/em><br \/>\n<em>So schaut ich eine brust \/ die sch\u00f6ner \u00e4pffel traget \/ \u2026<\/em><\/p>\n<p>Nein, bitte nicht, ruft Tirili. Ich kann\u2019s nicht h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Passt aber zu gleich zwei unserer Themen, sagt R\u00fcttenscheider. Einmal im Zusammenhang Trieb und F\u00fcrwitz:<\/p>\n<p><em>Die brunst zog meinen geist \/ der f\u00fcrwitz trieb die hand<\/em><\/p>\n<p><em>Zu suchen \/ was sich hier in diesem zirck beweget.<\/em><br \/>\n<em>Und zweitens zu Alberts Frage nach dem Apfel im Garten Eden; und er zitiert noch einmal:<\/em><\/p>\n<p><em>Dieweil ich allzuk\u00fchn und mehr als sichs geb\u00fchret \/<\/em><\/p>\n<p><em>Die mir verbotne frucht der \u00e4pffel anger\u00fchret \/<\/em><\/p>\n<p><em>So st\u00f6\u00dft ein engel mich ietzt aus dem paradie\u00df.<\/em><\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte ihn nicht nur versto\u00dfen, sagt Tirili, krrr-psss, krrr-psss, zirri-zirri-snipp.<\/p>\n<p>zirri-zirri-snipp, antwortet ebenso emp\u00f6rt ihre Freundin. Ich h\u00e4tte ihn verklagt.<\/p>\n<p>Besser als eine Privatklage, meint Ipomoea, sei es, die Sache \u00f6ffentlich zu machen. Ob sich noch einige von uns an den Grapschkasten der Aktionsk\u00fcnstlerin Valie Export erinnerten? Mit den beiden Eingriffsl\u00f6chern vor ihrer Brust. Da seien nicht die Br\u00fcste enth\u00fcllt gewesen. Blo\u00dfgestellt, nackt und ungesch\u00fctzt waren vielmehr die Gesichter der Grapschenden. Das verhaltene Dr\u00e4ngeln m\u00e4nnlicher Passanten, die alle gern mal die Br\u00fcste angefasst h\u00e4tten, sich aber vor der Kamera dann doch nicht so recht trauten. Die Neugier und die Emp\u00f6rung der Zuschauenden, ihre Kommentare seien in den Filmaufnahmen gut eingefangen.<\/p>\n<p>Wenn die Brunst den Geist zieht, wie es in dem Sonett hei\u00dft, sagt Albert, haben wir keine Erkenntnis zu erwarten. Es sei denn, das genau sei die Erkenntnis. Er blickt zu Boden, als h\u00e4nge er noch einem Gedanken nach. Wom\u00f6glich, sagt er, wurde der Apfel am Baum der Erkenntnis nur erfunden, um frivolen Barockpoeten die Gelegenheit zu geben, sich durch die Apfel-Metapher an Frauenbr\u00fcsten zu erregen. Denn biochemisch spreche alles dagegen, dass jemandem vom Verzehr eines Apfels buchst\u00e4blich die Augen aufgehen.<\/p>\n<p>Zu schade, sagt Tirila, ein solch sch\u00f6nes Fr\u00fchst\u00fcck mit solchem Schwei\u00adne\u00ad\u00adkram zu verderben.<\/p>\n<p>Der \u201eSchweinekram\u201c hei\u00dft in der Literaturgeschichte \u201eGalante Poesie\u201c, sagt der R\u00fcttenscheider.<\/p>\n<p>Die Rechtfertigung solcher \u00dcbergriffe f\u00fcllt Bibliotheken, antwortet Hugo, der sich in diesem Moment in einen S\u00e4nger verwandelt und zur Gitarre greift. Hier. Johann Christian G\u00fcnther; er singt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Versch\u00e4mtes Kind, der Vorwitz trieb mich an,<\/em><\/p>\n<p><em>Den losen Arm um deinen Hals zu werfen;<\/em><\/p>\n<p><em>Du aber willst mir das Gesetze sch\u00e4rfen,<\/em><\/p>\n<p><em>Du klagest, da\u00df ich dir zuviel getan.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tirili und Tirila wehren sich mit einem Geschrei, als wolle der Fuchs das Gelege der Singv\u00f6gel pl\u00fcndern, sodass Hugo, immer noch Gentleman, alles Weitere abk\u00fcrzt und nur auf die beiden Schlusszeilen hinweist:<\/p>\n<p><em>So la\u00df mich auch hinfort auf deinen Anmutsgr\u00fcnden<\/em><\/p>\n<p><em>Noch eine Handvoll Gl\u00fcck durch einen Freigriff finden!<\/em><\/p>\n<p>Warum schreiben M\u00e4nner so etwas, fragt Tirili. Als Entschuldigungsbrief oder als Rechtfertigung ihrer Straftat?<\/p>\n<p>Vor einem Tribunal aus Frauen, sagt Hugo.<\/p>\n<p>Aber doch wohl f\u00fcr M\u00e4nner geschrieben, sagt Tirila. Oder gab es auch Frauen in den Dichterzirkeln.<\/p>\n<p>Catharina Regina von Greiffenberg, wei\u00df R\u00fcttenscheider. Ausnahmen.<\/p>\n<p>Zwei gegens\u00e4tzliche Dichter, Christian Hoffmann von Hoffmannswal\u00addau und Johann Christian G\u00fcnther, die sich doch als M\u00e4nner einig sind, sagt J\u00fcnger alias Goethe. Das m\u00fcssen wir dramatisch gestalten: Der Hofpoet und der, aus dem, von Pech und eigenem Verschulden gehindert, kein Hofpoet geworden ist und der nach einem lausigen Vagantenleben hochbegabt mit siebenundzwanzig stirbt. \u201eEr wusste sich nicht zu z\u00e4hmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.\u201c Das sollte doch ein Thema f\u00fcr uns sein, res\u00fcmiert Goethe. Bevor aus mir ein Geheimrat und sp\u00e4ter sogar ein Staatsminister wurde, war ich selbst manchmal der Verwahrlosung bedrohlich nahe. Das feuchtfr\u00f6hliche Studentenleben. Mein Leipzig lob\u2019 ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute, zitiert unser wei\u00dfhaariger Mitspieler, der Ernst J\u00fcnger spielt, der vor\u00fcbergehend die Rolle Goethes \u00fcbernommen hat, der sich selbst zitiert.<\/p>\n<p>Du m\u00f6chtest wirklich nicht, dass wir uns an den Kosten f\u00fcr das \u00fcppige Buffet beteiligen, frage ich Hugo.<\/p>\n<p>Hugo blickt streng: Wenn ich dabei bin, spricht man nicht \u00fcber Geld.<\/p>\n<p><strong>D<\/strong>er Aktaion, der zwischen unseren Matratzen herumgeschlichen ist, hatte es beim Sehen belassen und ist nicht handgreiflich geworden. Getrieben von \u00e4sthetischer Neugier.<\/p>\n<p>Lust der Augen, sagt Augustinus, die ich <em>cupiditas oculorum<\/em> genannt habe.<\/p>\n<p>Nach Shakespeares strenger Ansprache war er verschwunden. In der Ferne haben wir noch seine Hunde bellen h\u00f6ren, die er mitgenommen hatte auf die Jagd. Jetzt aber fehlt uns ein solcher Curiosus f\u00fcr unseren Plan, auch seinen F\u00fcrwitz auf die B\u00fchne zu bringen. Wir sagen immer noch \u201eB\u00fchne\u201c, obwohl klar ist, dass es sich um gew\u00f6hnliche Orte handelt, die erst durch unser Spiel ungew\u00f6hnlich werden. Ernst J\u00fcnger sinniert: Es hei\u00dft, dass dem Aktaion dabei \u201enichts Menschliches als das in solcher Lage Entsetzlichste, die Besinnung, blieb\u201c. H\u00f6chst wunderbar an diesem gro\u00dfen Mythos sei nun die Art, auf die Chiron, Lehrmeis\u00adter auch des Aktaion, die Hunde beruhigt habe. Er habe ein Bild von ihm aufgestellt, um das sie dann friedlich versammelt gewesen seien. Das ber\u00fchre die Aufgabe des K\u00fcnstlers, des musischen Menschen, des Wissenden in Zeiten, in denen die Hunde ledig geworden sind, sagt J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Die Hunde ledig, ihr Herr zerfleischt von ihnen selbst. Sie erkennen ihn nur durch sein Bild. Das Kunstwerk, sagt J\u00fcnger, wirke nicht nur als Schicksalsweisung in die Zukunft \u2013 es deute, s\u00fchne und befriede auch das Vergangene.<\/p>\n<p>Eine Weile sind wir sprachlos, lassen J\u00fcngers Einsicht in uns nachklingen. Bis Eva merkt, dass er etwas eher Simples, etwas Selbstverst\u00e4ndliches gesagt hat: Mit der Kunst m\u00f6chte sich jemand nicht nur unsterblich machen, er m\u00f6chte auch das Vergangene in seinem Sinne zurechtbiegen.<\/p>\n<p>Albert, als h\u00e4tte er sie nicht geh\u00f6rt, sch\u00fcttelt den Kopf. Mit vierundsiebzig noch einmal 0,15 mg. Welcher Wagemut. Synthetische Stoffe, auch nur Bausteine, die wir hin- und herschieben.<\/p>\n<p>Da mischt sich, l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, Sloterdijk ein und extemporiert eine Weile \u00fcber Giordano Bruno. Die Hunde verk\u00f6rperten Aktaions Leidenschaften, von denen er schlie\u00dflich zernagt wird. Sein Antrieb aber sei geistiger Natur. Die Gottheit zu schauen, sie unverh\u00fcllt zu erforschen, sei das spirituelle Verlangen, den Himmel zum Sprechen zu bringen. Die M\u00fchen, die Aktaion auf sich nehme, das Verlassen der bekannten Wege, sich einen Pfad zu suchen durch das Dickicht, das vor ihm nie jemand betreten hat, das seien f\u00fcr Bruno die heroischen Leidenschaften.<\/p>\n<p>Das Buch, in dem Giordano Bruno Aktaion zu einem Helden der Neuzeit erkl\u00e4rt, <em>Degli er\u00f3ici furori<\/em>, finden wir nicht im Netz; eine \u00f6ffentliche Bibliothek liegt nicht in der N\u00e4he, und wenn, warum sollte sie das nicht einmal bekannteste Buch Giordano Brunos in ihrem Bestand haben. So h\u00f6ren wir Sloterdijk zu, wie er so wunderbar geistreich und belesen die Bedeutung der Neugier f\u00fcr die Entwicklung vom sp\u00e4ten Mittelalter zur Aufkl\u00e4rung darlegt und sich oft auf Hans Blumenberg bezieht. Sind wir nun ausreichend ger\u00fcstet, um die Figur Brunos auf den Marktplatz zu tragen und ihn dort anzuz\u00fcnden?<\/p>\n<p><strong>D<\/strong>en Malojapass kann man nicht zu Fu\u00df zur\u00fccklegen. Karawanen von Touristen in beide Richtungen, zwei Wagenschlangen, herauf und hinunter, Reiseverkehr, dazwischen Busse und Lastwagen, die sich in den engen steilen Kurven dicht aneinander vorbeischieben, die im ersten Gang bergauf keuchen, w\u00e4hrend die Entgegenkommenden den Fu\u00df nicht von der Bremse lassen. Keine Gehwege; ein Fu\u00dfg\u00e4nger w\u00fcrde entweder gegen die Steinmauern am Berghang gedr\u00fcckt oder m\u00fcsste in den Abgrund springen. Das sei aber nicht der Ursprung des Begriffs Maloja\u00ad\u00ad-schlange, scherzt Hugo.<\/p>\n<p>Albert lacht. Ein Naturwissenschaftler, dem unsere Gruppe nicht zu kindisch zu sein scheint. Mit dem Wort Malojaschlange kann er etwas anfangen. Wenngleich er kein Chemiker sei und kein Meteorologe, k\u00f6nne er uns das Wetterph\u00e4nomen erkl\u00e4ren. Die sogenannte Maloja\u00adschlan\u00adge sei ein in dieser Gegend spezielles Wolkenph\u00e4nomen. Es entstehe durch die schnellere Erw\u00e4rmung der steilen Bergh\u00e4nge am Morgen, w\u00e4hrend die wesentlich k\u00e4ltere Luft im tief eingeschnittenen Tal des Bergell nach oben steigt. Dieser Wind sei stark genug, um auf dem Malojapass den niedrigen Talabschluss zwischen Bergell und Engadin zu \u00fcberwinden und im Oberengadiner Tal weiter zu wehen. Die Wolken kr\u00f6chen als dichter Nebel \u00fcber den Pass, w\u00e4hrend dar\u00fcber meistens die Sonne scheine.<\/p>\n<p>Ich habe mal den Film <em>Die Wolken von Sils Maria<\/em> gesehen, sagt der Z\u00fcrcher. Der Film handele von Textproben zu einem Theaterst\u00fcck, hier in den Bergen von Sils Maria. Das St\u00fcck, das geprobt wird, hei\u00dft <em>Maloja-schlange<\/em>. Wir sind also nicht die ersten, die hier Theater spielen.<\/p>\n<p>Er wendet sich an Hugo: Gedreht wurde unter anderem in Hotel Waldhaus. Zu den von dir genannten G\u00e4sten k\u00f6nnen wir hinzuf\u00fcgen Juliette Binoche, Kristen Stewart, Angela Winkler, Hanns Zischler, und ich kann sie gar nicht alle aufz\u00e4hlen. An Hugo gewandt, sagt er, der Film zeige \u00fcbrigens auch Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm <em>Das Wolkenph\u00e4nomen von Maloja<\/em> von Arnold Fanck aus dem Jahr 1924.<\/p>\n<p>Der Z\u00fcrcher ist ungl\u00fccklich, weil die Truppe durchs Bergell mit dem Bus fahren und sich dort nicht aufhalten m\u00f6chte. Der Ort Stampa, durch den wir bald nach den Serpentinen k\u00e4men, sei die Heimat der K\u00fcnstlerfamilie Giacometti. Ja, man solle sich nicht t\u00e4uschen lassen, wenn einem in einem Schweizer Museum, das wisse er aus Z\u00fcrich nur zu gut, eine im post-impressionistischen Stil gemalte Berglandschaft begegne, die so gar nicht zu den leptosomen, drahtigen Figuren des Bildhauers Alberto Giaco\u00admet\u00adti zu passen scheine. Solche Landschaftsbilder seien von seinem Vater, Giovanni. In Giovannis Wohnhaus und Atelier in Stampa h\u00e4tten die vier Kinder den besten N\u00e4hrboden f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Entwicklung gefunden. Ihm selbst sei es leider nicht verg\u00f6nnt gewesen, Alberto, den \u00e4ltesten Sohn und bekanntesten K\u00fcnstler aus der illustren Familie, rechtzeitig zu besuchen und f\u00fcr ein Interview im Schweizer Fernsehen zu gewinnen, bevor er 1966 starb. Damals sei er, der Z\u00fcrcher Filmemacher, noch nicht vom Fernsehen mit solch ehrenvollen Auftr\u00e4gen bedacht worden. Sp\u00e4ter habe er mehrfach versucht, den zweit\u00e4ltesten Sohn, Diego Giacometti, Atelierpartner und wertvoller Helfer seines \u00e4lteren Bruders, vor die Kamera zu bekommen. Aber bald nach Albertos Tod sei Diego aus dem Schatten seines ber\u00fchmten Bruders getreten und mit Auftr\u00e4gen \u00fcbersch\u00fcttet worden. Er besitze eine Post\u00adkar\u00adte von Diego, auf der er sich damit entschuldigt, Farah Diba, die Persische Kaiserin, bestelle unaufh\u00f6rlich bei ihm M\u00f6bel f\u00fcr ihren neuen Kaiserpalast in Teheran, und er habe nicht eine Minute Zeit f\u00fcr ein Interview. Zwar \u00fcberlebte Diego seinen Bruder Alberto um neunzehn Jahre, aber die Gelegenheit zu einem Filmportr\u00e4t habe sich nie ergeben. Er bitte daher um Verst\u00e4ndnis, dass er in Stampa aussteigen werde, um das Stammhaus der Giacomettis und die Umgebung, in der Vater Giovanni wie auch seine talentierten Kinder gemalt h\u00e4tten, ausf\u00fchrlich zu betrachten. Er werde in Lugano, Ascona oder andernorts sicher wieder auf uns treffen.<\/p>\n<p><strong>N<\/strong>och jemand verabschiedet sich: Hugo. Er vermisse seine Brieftasche. Zuletzt in der Hand gehabt hatte er sie in dem Hotel vor dem Julierpass, wo wir uns so lange mit den Zetteln zum Verteilen aufgehalten haben. Aufs Bezahlen-K\u00f6nnen wirke sich der Verlust nicht aus. Bargeld trage er immer \u2013 Stichwort Risikostreuung \u2013 auf drei Taschen verteilt bei sich, und f\u00fcr alle F\u00e4lle befinde sich auch immer eine Kreditkarte in der rechten Innentasche seines Sakkos. Aber hinter dem Malojapass f\u00fchre die Strecke ja ein St\u00fcck weit durch Italien, und man wisse nie. Die Schweiz als Nicht-EU-Land k\u00e4me vielleicht ausgerechnet dieses Mal und ausgerechnet bei ihm auf die Idee, den Ausweis sehen zu wollen, und damit k\u00f6nne er im Moment nicht dienen. Er werde also lieber die letzte Strecke zur\u00fcckfahren und \u00fcberall nach seiner Brieftasche fragen. In Lugano wolle er wieder zu uns sto\u00dfen, denn er habe uns in sein Herz geschlossen, es sei eine solch erfrischend andere Welt als die Finanzbranche. Wenn er tats\u00e4chlich bis hinter den Julierpass zur\u00fcckm\u00fcsse, k\u00f6nne er auch gleich die Strecke durchs Rheintal, Thusis, Via\u00admala und durch den San Bernardino-Tunnel nehmen. Dann sei er gar nicht sp\u00e4ter als wir in Lugano.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu unseren unverbr\u00fcchlichen Regeln, uns gegenseitig keine privaten Fragen zu stellen, und selbstverst\u00e4ndlich reden wir auch nicht \u00fcber Abwesende, schon gar nicht negativ. Aber kaum ist Hugo weg, legt Eva los. Sie bilde sich ja ein, sich mit Dialekten und Mundarten gut auszukennen. Normalerweise k\u00f6nne sie bei jeder Variante des Deutschen auf drei\u00dfig Kilometer genau bestimmen, woher der Mensch komme. Was Hugo aber spreche, da sei alles M\u00f6gliche drin. Oberbayrisch, Nieder\u00f6sterreichisch, Wienerisch, Alemannisch, Bodensee-Schw\u00e4bisch und noch mehr. Sie gehe jede Wette ein, was Hugo da zusammenmische, das sei nicht das, was er von Klein auf gelernt hat. Das klinge irgendwie zusammengebastelt, k\u00fcnstlich.<\/p>\n<p>Mag sein, sagt J\u00fcnger. Hugo sei immerhin ein in der Welt bedeutend Herumgekommener und zuletzt nur unbedeutend Heruntergekommener. Wenn man sich die vergilbten R\u00e4nder der Manschetten und die zu oft geb\u00fcgelten Kr\u00e4gen seiner Hemden anschaue. Anzug und Mann h\u00e4tten bessere Zeiten gesehen.<\/p>\n<p>Eva will noch etwas anderes ausf\u00fchren, aber der ankommende Bus hindert sie daran.<\/p>\n<p><strong>S<\/strong>o gesund und beweglich ich in die Welt der Lebenden zur\u00fcckgelangt bin, entf\u00e4llt meine Berechtigung, auf der Ladefl\u00e4che des Hanomag mitzureisen. Die Erinnerung, dass es sie gibt, die andere Welt, mit der ich weiterhin verbunden bin, unausl\u00f6schlich, auch wenn ich mich nun wie ein fast schon wieder normaler Mensch zu den anderen in den Bus setze. Der <em>Palm-Express<\/em> f\u00e4hrt ein gutes St\u00fcck durch Italien, bevor er kurz vor Lugano auf Schweizer Gebiet zur\u00fcckkehrt. Er h\u00e4lt seltener als die Schweizer Postautos, besonders hinter dem Malojapass auf der italienischen Seite. Wir suchen auf der Strecke einen Ort, an dem wir den Hanomag mit den beiden Athleten und Eva wiedertreffen wollen. Die gr\u00f6\u00dferen oder von Touristen \u00fcberlaufenen Orte filtern wir aus und entscheiden uns, bevor der Comer See seine ganze Pracht entfalten kann, f\u00fcr den \u00fcberschaubaren Ort Sorico.<\/p>\n<p>Wir hatten fr\u00fch genug reserviert und k\u00f6nnen als Gruppe im Bus mehr oder weniger beisammensitzen, die beiden Silberlocken J\u00fcnger und Albert, der Z\u00fcrcher neben dem R\u00fcttenscheider, die beiden Vogelstimmen-Imitatorinnen nebeneinander, ebenso die bleichen Pantomimen, Adam ist neben Alain zu sitzen gekommen, Ipomoea m\u00f6chte einen Platz am Gang und l\u00e4sst mich durchrutschen ans Fenster. Washington sitzt weiter vorn, allein.<\/p>\n<p>Nach den steilen, be\u00e4ngstigenden Kurven des Malojapasses f\u00fchrt uns der Bus in das sonnenlose enge Tal des Bergell.<\/p>\n<p>Beim Aussteigen in Stampa winkt uns der Z\u00fcrcher und ruft \u201eso long\u201c.<\/p>\n<p>Wer\u2019s glaubt. Ich kann es ihm nicht verdenken, wenn er das Interesse an und verloren h\u00e4tte \u2013 falls er \u00fcberhaupt jemals vorgehabt hatte, aus seinen Aufnahmen einen Dokumentarfilm \u00fcber unsere Grup\u00adpe zusammenzuschneiden.<\/p>\n<p>Von dem ber\u00fchmten Wolkenph\u00e4nomen keine Spur; das Licht in der H\u00f6he blendet, einzelne gezackte Gipfel leuchten \u00fcber dem dunklen Tal. Links der schmalen Stra\u00dfe ein Gebirgsbach oder kleiner Fluss, die Mera, die sich an manchen Stellen im T\u00fcrkis des Gletscherwassers zu kleinen Seen anstaut. Die H\u00e4user sehen nun schon italienischer aus, ohne dass ich sagen k\u00f6nnte, woran ich diesen Eindruck festmache. Villa di Chiavenna lese ich auf einem Ortsschild; von der Grenze nach Italien habe ich nichts mitbekommen. Bald darauf Santa Croce und dann das richtige Chiavenna, wo der Fahrer vor dem Endbahnhof der italienischen Staatsbahn eine kurze Pause ank\u00fcndigt. Viele Passagiere nutzen den Halt, um kurz auszusteigen und etwas zu trinken zu holen. Wir bleiben auf unseren Pl\u00e4tzen, bis zu unserem Ziel in Sorico ist es nur noch eine halbe Stunde.<\/p>\n<p>Das Tal weitet sich. Ich denke schon, der Comer See, aber dann verengt sich der See wieder zu einem Fluss, der Mera. Wenig sp\u00e4ter sind wir in Sorico und steigen an der Piazza Cesare Battisti aus. Erst einmal durchatmen. Der H\u00f6henunterschied zwischen dem hochgelegenen Engadin und der Weite der Talseen macht sich bemerkbar wie ein sich aufl\u00f6sender H\u00f6henrausch; das Luftholen nach einer Landung. Mit sicherem Gesp\u00fcr, wo die Athleten den Hanomag abgestellt haben k\u00f6nnten, vermutlich nicht hundertprozentig legal, finden wir den Rest unserer Truppe sofort.<\/p>\n<p>Na, Angst gehabt in den Kurven, fragt Adam seine Frau.<\/p>\n<p>Doch nicht zwischen zwei so starken M\u00e4nnern. Ich habe mich an ihren Schenkeln festgeklammert.<\/p>\n<p>Entlang eines kleinen Kanals, der uns nahe an die Stelle f\u00fchrt, an der die Mera in den Comer See m\u00fcndet, erreichen wir das Ufer mit einer kleinen Bar. Wir setzen uns auf die Terrasse. Nur ein paar d\u00fcnne Wolken.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen haben wir uns an Hugos Spendierfreudigkeit gew\u00f6hnt. Hugo, der uns oft nach unseren W\u00fcnschen fragte und dann hineinging, um die Bestellung aufzugeben. Nun dauert alles viel l\u00e4nger. Die Pantomimen, die Athleten, die beiden Studentinnen reichen sich die Getr\u00e4nkekarte hin und her, bl\u00e4ttern darin, vergleichen Preise und zaudern, obwohl hier in Italien alles l\u00e4ngst nicht so teuer wie in der Schweiz ist.<\/p>\n<p>Nicht nur, was die Getr\u00e4nkebestellung angeht, sind wir seit dem Silsersee in einer Phase des Br\u00fctens. Immer empf\u00e4nglich f\u00fcr Beute. Nicht um zu plagiieren, sondern als Nahrung f\u00fcr das Entstehende. Eine Mur\u00e4ne in ihrer H\u00f6hle, eine getarnte Echse, bewegungslos, bereit, hervorzuschnellen, wenn sich Verwertbares n\u00e4hert, ein scheinbar interesselos vagierender Tiger, in seiner Ruhe hellwach f\u00fcr alles, was sich bewegt. In der Leere w\u00e4chst etwas heran; wir wissen nicht was. Die Werkstatt w\u00e4hlten wir als Lebensform. Produkte z\u00e4hlen nicht, Prozess ist alles.<\/p>\n<p>Washington zerst\u00f6rt die Stille: Als ihr in dem Hotel in Sils so ausf\u00fchrlich die Barockpoeten zitiert habt, wollte ich mich schon verabschieden. Aber dann ist etwas passiert, was mir eine Idee gab, wie ich mich in eure Gruppe einbringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und das w\u00e4re, fragt Adam.<\/p>\n<p>Ich will noch nicht zu viel behaupten, aber ich glaube, auf einer Spur zu sein. \u00dcberhaupt sollten wir den politischen Anteil des F\u00fcrwitz\u2018 nicht zu kurz kommen lassen. Der Whistleblower muss eine wichtige Figur unserer Arbeit werden. Vorwitz und investigativer Journalismus, das ist untrennbar.<\/p>\n<p>Wieder einmal mischt sich der R\u00fcttenscheider neunmalklug ein: Das habe schon Francis Bacon, nicht der Maler aus dem zwanzigsten Jahrhundert, sondern der Philosoph aus dem sechzehnten\/siebzehnten Jahrhundert festgestellt. <em>Actaeon, sive Pentheus<\/em> hei\u00dfe das Kapitel in seinem Buch <em>De Sapientia Veterum<\/em><em>, \u201eVon der Weisheit der Alten\u201c. Darin sei <\/em><em>Actaeon<\/em> der Curiosus, der am Hof die Geheimnisse des F\u00fcrsten aussp\u00e4ht, basierend auf einem historischen Fall.<\/p>\n<p>Wir brauchen keine Philosophen aus der fr\u00fchen Neuzeit, sagt Washington. Die Gegenwart sei voller quirliger Journalisten, die den Herrschenden am Zeug flicken wollen. Wir k\u00f6nnten zum Beispiel mit Watergate beginnen.<\/p>\n<p>Dazu hast du dir den passenden Namen ausgesucht, sagt Adam. \u201eDie Presse soll den Regierten dienen, nicht den Regierenden\u201c, urteilten sogar die Richter im Prozess gegen die Washington Post und die New York Times.<\/p>\n<p>Zumindest in Spielbergs Film, sagt Ipomoea.<\/p>\n<p>Halten wir fest, sagt Washington: Der F\u00fcrwitz ist bei den Beherrschten und richtet sich gegen die Herrschenden.<\/p>\n<p>Und die r\u00e4chen sich, sagt der R\u00fcttenscheider. Es gebe in der Literatur weitaus mehr Beispiele daf\u00fcr, dass der Vorwitz bestraft wird.<\/p>\n<p>So gibt das nichts, denke ich und muss meinen Dissens wohl laut ausgesprochen haben. Alle sehen mich an. Ich gebe mich als Einar Schleef zu erkennen.<\/p>\n<p>Wir haben gesagt, keine Theaterregisseure in unserer Truppe, mahnt J\u00fcnger an.<\/p>\n<p>Auf diesen Einwand war ich vorbereitet. Ich verk\u00f6rpere Einar Schleef nicht als Regisseur, sondern als Autor, der er ja auch war, sage ich, und habe von ihm ein Zitat zur Hand, das ihn f\u00fcr unser Thema legiti\u00admiert. \u201eKeckern ist vorwitzig sein. Kecker ist ein Finkenhahn.\u201c Das steht in seinem Arbeitsjournal.<\/p>\n<p>Murrend geben sich die anderen geschlagen. Nur der R\u00fcttenscheider begehrt auf: Dann bin ich Antonin Artaud, der bei seiner Film- und Theaterarbeit ja auch ein herausragender Schriftsteller war, ich vertrete sein Theater der Grausamkeit.<\/p>\n<p>Einige von R\u00fcttenscheiders Vorlieben teile ich: Den Surrealismus, das Absurde Theater, die Aktionskunst, Fluxus, Happenings, und auch Artauds Schriften zum Theater der Grausamkeit oder die Situationistische Internatio\u00adnale haben mich gepr\u00e4gt, wenn auch zeitversetzt. 1990 w\u00e4re auch ich gern nach Hamburg gefahren, um Robert Wilsons <em>The Black Rider<\/em> mit der Musik von Tom Waits zu erleben, aber im Alter von dreizehn \u2013 zweiundzwanzig Jahre j\u00fcnger als der R\u00fcttenscheider \u2013 war ich noch nicht so weit. Auch w\u00e4re ich f\u00fcr Patrice Ch\u00e9reau nach Nanterre gereist oder \u2026, ach, was bringt es, dar\u00fcber nachzudenken. F\u00fcr seine Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Generation kann ein Mensch nichts, die ist schicksalshaft. Vom Rentenalter bin ich noch einige Jahre entfernt. Durch eine einschneidende K\u00fcrzung im Kulturetat wurde das Landestheater aufgel\u00f6st und wir, die festangestellten Schauspieler, mit einem Betrag abgefunden, der es uns erlaubt, einige Zeit zu \u00fcberbr\u00fccken. Die unsch\u00f6ne Entwicklung der Politik betrachte ich als einen Ansto\u00df, endlich zu machen, was ich mein Leben lang am liebsten gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Albert, J\u00fcnger und der R\u00fcttenscheider wollen immer nur diskutieren und dabei das ultimative Theaterst\u00fcck entwickeln. Die beiden Singv\u00f6gel werden uns sp\u00e4testens zum Semesterbeginn leider wieder verlassen. Ob wir den Z\u00fcrcher wiedersehen werden, ist ungewiss. Mit Hugo rechnet schon keiner mehr. Bleiben die beiden Athleten, stark genug, das Fundament eines Turmbaus zu Babel aus menschlichen K\u00f6rpern zu bilden, aber au\u00dfer Ipo\u00admoea und mit Einschr\u00e4nkungen auch mir, w\u00e4re niemand da, sich auf ihre Schultern zu stellen. Kurz: Wir alle haben unsere Rolle noch nicht gefunden, au\u00dfer vielleicht Washington, er aber weniger als Schauspieler denn als Aktivist, wof\u00fcr ihm aber die geeigneten Mitspieler zu fehlen scheinen.<\/p>\n<p>Ich blicke \u00fcber die drei quadratischen Tische, die wir zusammengeschoben haben, und die Personen, denen soeben von der Kellnerin Cappuc\u00adcino, Vanilleeis und gepuderte Apfeltorte hingestellt wird. Mit diesen Leuten Theater machen?<\/p>\n<p>Kost\u00fcme, Masken, Requisiten, sage ich. Selbst die politischen Theater in deiner Jugend, wende ich mich an R\u00fcttenscheider, das <em>Living Theatre<\/em> von Julian Beck und Judith Malina oder das <em>Bread and Puppet Theater<\/em>, das dich damals so beindruckt hat, kamen nicht ohne Kost\u00fcme aus, Gro\u00dfpuppen, Stabfiguren.<\/p>\n<p>Albert stimmt mir zu: Wir m\u00fcssen mehr auffallen, das schleckt keine Gei\u00df weg.<\/p>\n<p>Du meinst, da f\u00e4hrt die Eisenbahn dr\u00fcber, fragt einer der Athleten.<\/p>\n<p>Oder, variiert R\u00fcttenscheider: Da bei\u00dft die Maus keinen Faden ab.<\/p>\n<p>Gei\u00df, Maus oder Eisenbahn, sagt Albert, jedenfalls sollten wir an unserem \u00c4u\u00dferen arbeiten. Ich glaube, du, Eva, wirst in n\u00e4chster Zeit etwas mehr gefordert sein, als K\u00fcnstlerin mit praktischer Begabung.<\/p>\n<p>\u00dcber die Wirkung meiner knappen Ansage war ich in den n\u00e4chsten Tagen selbst erstaunt. Die Athleten hatten klargemacht, dass wir auf einem nahen Campingplatz am Ufer der Mera den Hanomag legal abstellen und unsere Matratzen ausbreiten durften. Noch immer schenkte uns das Wetter eine \u00dcbernachtung unterm Sternenzelt.<\/p>\n<p><strong>W<\/strong>ir nehmen an, dass es Eva war, die in der folgenden Nacht damit begann, Farben auf uns Schlafende aufzutragen, unsere K\u00f6rper als Leinw\u00e4nde zu gebrauchen. Ob wir gerade schliefen oder nicht, wir lie\u00dfen sie machen. Niemand beeilte sich am n\u00e4chsten Morgen, vor den \u00dcbungen die Farbe abzureiben, vielmehr bewegten wir uns so, dass wir ein Kunstwerk von eigener \u00c4sthetik schufen. Bevor die Haut nicht mehr atmen konnte, gingen wir dazu \u00fcber, Stoffe \u00fcber uns, die schlummernden oder ruhelosen Nachtakteure, zu legen, Laken und Frottiert\u00fccher. Anstelle der teuren Lacke, die schnell verbraucht waren, griff Eva, bei dieser Aktion nun schon nicht mehr allein, zu anderen Materialien, rohen Eiern, Bandnudeln, Reisk\u00f6rnern. Kinder und Jugendliche, auch einige der Eltern aus anderen Campingbussen oder gr\u00f6\u00dferen Wohnzelten, halfen mit, schossen Gummiringe auf die sich w\u00e4lzenden K\u00f6rper, spr\u00fchten Sahne, bearbeiteten das Werk mit Pinseln, B\u00fcrsten und Besen, schnitten L\u00f6cher, studierten die Bewegungen unter den Badet\u00fcchern und Planen, bespritzt mit Acryl und Puder\u00adzuc\u00adker. Die so in der Nacht gef\u00e4rbten Stoffe benutzten wir f\u00fcr die \u00dcbungen am Tag, sie waren noch deutlicher der Luft verbunden als unsere Nacktheit. Die Fortsetzung der n\u00e4chtlichen Kreation, und jede Nacht eine Fortsetzung der Tagesspiele. Im Lichte erscheint die Form, im Dunkel die zeugende Kraft, sagte J\u00fcnger.<\/p>\n<p><strong>W<\/strong>ir h\u00e4tten uns umbenennen k\u00f6nnen. Nicht mehr \u201eDas Entstehende\u201c, sondern \u201eDie Befleckten\u201c. So sahen wir aus. Hosen, Hemden, Sakkos nicht nur mit unpassenden Farben bespr\u00fcht und gesprenkelt, sondern auch mit Lebensmitteln, die es langfristig darauf anzulegen schienen, den Schimmelbildern eines Dieter Roth nachzueifern. Dass der Busfahrer uns in diesem Aufzug einsteigen lie\u00df, zeugt von seiner Toleranz, eher als von gro\u00dfem Kunstverst\u00e4ndnis. Die Reisenden in unserer Nachbarschaft reckten ihre Nasen und schnupperten demonstrativ. Fahrg\u00e4ste rechts des Mittelgangs mussten sich in unsere Richtung beugen, wenn sie den Blick \u00fcber den Comer See, der sich hinter der linken Fensterfront erstreckte, genie\u00dfen wollten, ein Genuss, der durch unseren Anblick und Geruch getr\u00fcbt wurde. Ihre non-verbalen Reaktionen best\u00e4rkten uns in unserem Spiel. Die ungeziemende Kost\u00fcmierung half uns, uns in jeder Situation als Tr\u00e4ger einer Rolle zu f\u00fchlen. Wir sprachen auch anders, gezierter, donnernder, gestelzter, kr\u00e4chzender.<\/p>\n<p>Das Animalische oder das G\u00f6ttliche, nur nicht das Menschliche, ruft Alain durch den Bus. Er ruft es gleich in drei Sprachen, Franz\u00f6sisch, Italienisch und Deutsch.<\/p>\n<p>Warum nicht das Menschliche, fragt Adam.<\/p>\n<p>Menschen haben mich nur entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Tiere nicht?<\/p>\n<p>Doch, aber sie k\u00f6nnen nichts dazu.<\/p>\n<p>Und die G\u00f6tter?<\/p>\n<p>G\u00f6tter entt\u00e4uschen mich regelm\u00e4\u00dfig, aber bei ihnen denke ich, sie haben Recht, und ich bin es wohl, der falschliegt.<\/p>\n<p>Bei Menaggio verlie\u00dfen wir den Comer See, fuhren westlich durch D\u00f6rfer und kleine St\u00e4dte, durch dichten Nebel, der ebenso pl\u00f6tzlich verschwand und den Blick auf einen anderen See freigab, links von uns, den Luganersee. Ein Tunnel, eine Burg, ein Albergo, ein St\u00fcck Seepromenade mit Platanen, und dann, fast unbemerkt, der Wiedereintritt in die Schweiz, ins Tessin.<\/p>\n<p>Am Bahnhof von Lugano sind wir mit den Athleten und Eva verabredet. Einen Platz f\u00fcr den Hanomag und f\u00fcr unsere Matratzen haben sie etwas au\u00dferhalb des Ortes gefunden.<\/p>\n<p>Nicht ins Stadtzentrum laufen wir, nicht an die Seepromenade und auch nicht nach Paradiso, sondern nach Montagnola.<\/p>\n<p>[Nach der Ankunft in Lugano direkt nach Montagnola; Auff\u00fchrung von \u201eDas Salzburger Gro\u00dfe Welttheater\u201c vor der Kirche Sant\u2019Abbondio am Friedhof, auf dem Hermann Hesse und Hugo Ball begraben sind.<\/p>\n<p>w\u00e4hrend unsere Prozession in gro\u00dfen Schritten, aber langsam, nach einem Schritt eine Sekunde Pause, theatralisch bergauf schreitet<\/p>\n<p>Wiedertreffen mit Hugo am Grab von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings<\/p>\n<p>Zwar Hesse nicht, aber eine seiner wirkungsm\u00e4chtigsten Romanfiguren, der Steppenwolf, hat sich den Suizid f\u00fcr seien f\u00fcnfzigsten Geburtstag zumindest vorgenommen, bevor ihm das Magische Theater, seine Variante eines LSD-Trips \u2013 sagte Alain mit einem Seitenblick auf Albert \u2013 dazwischenkam.<\/p>\n<p>Zum Stichwort \u201ewirkungsm\u00e4chtig\u201c begannen die beiden Vogelfrauen unisono die Melodie von <em>Born to Be Wild<\/em> zu pfeifen.<\/p>\n<p>M\u00f6chtest du deinen Sohn einmal Abundius nennen, fragt die eine der zwitschernden Studentinnen ihre Freundin.<\/p>\n<p>Warum nicht gleich Abundus?<\/p>\n<p>Montagnola; Auftritt im Hermann-Hesse-Museum<\/p>\n<p>\u201efreien Paraphrasen zu den Formen der Erscheinungswelt\u201c<\/p>\n<p>Unser Wahn ist nicht das Tastende, nicht die Verwerfungen, die Zweifel, die Zerst\u00f6rung. Der Wahn droht in der Sicherheit, der Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der wir manches ausf\u00fchren. Freilich gibt es R\u00fcckf\u00e4lle, aber wir arbeiten an uns, an der Verfeinerung der Sinne, an der Erweiterung der Wahrnehmung, an der Sprache, ein ungeeignet scheinendes Vehikel zur Kommunikation; wir setzen Laute ein zur Beschw\u00f6rung des Geistes von Dingen und unsichtbaren Wesen. Alles l\u00e4sst sich trainieren, wie die Muskeln so das Hirn, so auch der Geruchssinn, das Geh\u00f6r, die Toleranz f\u00fcr Dissonanzen, das Unterscheidungsverm\u00f6gen. Als wir vor dem L\u00f6wenbrunnen probten, gegen\u00fcber der barocken Markthalle in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, begleitete ein Trompeter unser Spiel. Niemand sah, wie er sich n\u00e4herte. Wir h\u00f6rten seine Kl\u00e4nge aus der Ferne, verhallt; mehr Echo als Melodie, war er lange, bevor wir ihn sahen, Teil unseres Spiels. Als er neben mir stand, dachte ich: Ein Irrer. Ich ertappte mich, wie mein K\u00f6rper ausf\u00fchrte, was seine T\u00f6ne mir vorzudenken schienen, denn normalerweise ist es nicht so, dass unsere Gesten die Gedanken illustrieren, eher so, dass ein Gedanke aus den Bewegungen entsteht. Als strebten die Finger in die Unendlichkeit, aus der seine T\u00f6ne zum ersten Mal, kaum wahrnehmbar, auftauchten. Ich wusste sofort, er geh\u00f6rt zu uns \u2013 sofern irgendjemand irgendwohin geh\u00f6rt, denn wir haben kein Zuhause, sind von der Gunst alimentiert. Wir auf dem Julierpass. Die Geb\u00e4rde, eine Momentaufnahme der Seele auf ihrer Reise.<\/p>\n<p>Albert: Die wirkliche Wissenschaft ist Grundlagenforschung. Sobald sich ein Wissenschaftler fragt, wozu seine Arbeit gebraucht werden k\u00f6nnte, ist sie schon von anderen Interessen als denen der wissenschaftlichen Neugier korrumpiert.<\/p>\n<p>[wird fortgesetzt]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entstehender Roman; Stand: 04.06.2026 Beginn: Wolfgang Cziesla: &#8222;Das Entstehende&#8220; f\u00fchrt den F\u00fcrwitz auf (Alternativ: Das Entstehende bringt den \u201eFirwitz\u201c) &nbsp; Neben mir sagt eine unbekannte Frau: Der Tag mit seinen Spielen und Reden ist vorbei, jetzt kannst du. Nie wei\u00df ich, ob Frauen es so meinen, wie ich sie gern verstehen w\u00fcrde. 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