{"id":486,"date":"2014-09-26T00:31:55","date_gmt":"2014-09-25T22:31:55","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=486"},"modified":"2014-09-26T00:31:55","modified_gmt":"2014-09-25T22:31:55","slug":"076-ablehnung-der-firwitz-buehne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=486","title":{"rendered":"076 &#8211; Ablehnung der Firwitz-B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 76. Teilabriss<\/p>\n<h1>Ablehnung der Firwitz-B\u00fchne<\/h1>\n<p>Mit vier Buchstaben, aus einem Firmennamen geschnitten und in eine Collage montiert, begann das, was sich nach und nach zu drei Merz-Bauten auswuchs \u2013 das in jedem Lebensabschnitt, jedem Exil, neu aufgegriffene und fortgef\u00fchrte Lebenswerk \u2013, die Vermerzung der Welt, die Gr\u00fcndung des Merzverlags, in dem die Zeitschrift MERZ erschien, und nicht zuletzt die Merzb\u00fchne. Im Oktober 1976 hatte ich das Vergn\u00fcgen, Kurt Schwitters\u2018 \u201eZusammensto\u00df\u201c in der aufr\u00fcttelnden Inszenierung im T\u00fcbinger Zimmertheater zu erleben.<\/p>\n<p>Schwitters\u2019 Hinwendung zu Theater und Kabarett erzwingt von mir eine Antwort auf die Frage, muss sich auch der Firwitz, um ein vollst\u00e4ndiges Gesamtkunstwerk zu werden, dem Theater zuwenden?<\/p>\n<p>Das lebenslange Werkeln an einer sich st\u00e4ndig erweiternden Idee, die Gr\u00fcndung eines Verlags, die Einbeziehung verschiedenster K\u00fcnste in ein Gesamtwerk, ist \u2013 bei allen Unterschieden zu Kurt Schwitters \u2013 unbestreitbar auch mir eigent\u00fcmlich. Dennoch muss ich die Gr\u00fcndung einer Firwitz-B\u00fchne ablehnen. Der Grund: Die Firwitz-B\u00fchne ist die Welt.<\/p>\n<p>Als Freund der Ununterscheidbarkeit von allem und jedem haben mich schon sehr fr\u00fch solche Beispiele von Theater interessiert, die nicht ohne weiteres als Theaterspiel zu erkennen sind. Theater ohne eine dahinter stehende Institution, ohne ein eigens daf\u00fcr geschaffenes Schauspielhaus. Ein Stra\u00dfentheater wie das Living Theatre, von dem ich einige Akteure im Sommer 1976 auf einer K\u00fcnstlerfete in einer Wiener Wohnung kennenlernte und das zuvor mit dem damals legend\u00e4ren Improvisation- und Interaktionsst\u00fcck \u201eParadise Now\u201c tournierte, entwickelte Ans\u00e4tze, die Nachahmer fanden. Doch war mir das alles immer noch viel zu sehr als Theater erkennbar. Schlie\u00dflich wollten die Leute vom Living Theater ja auch Geld verdienen.<\/p>\n<p>Auch der Clown in der D\u00fcsseldorfer Altstadt, der das Verhalten von Passanten und Stra\u00dfencaf\u00e9besuchern aufgreift, geht mir nicht weit genug. W\u00e4re er nicht durch seine kugelrunde rote Plastiknase identifizierbar, er w\u00fcrde nicht das Lachen der Menge, er w\u00fcrde Klagen wegen Bel\u00e4stigung auf sich ziehen.<\/p>\n<p>Man stelle sich vor, mitten auf der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ziele jemand mit der Armbrust auf einen Apfel, der auf dem Kopf eines kleinen Jungen ruht, oder eine in schwarzem Satin gekleidete Dame, die behauptet, K\u00f6nigin von Schottland zu sein, w\u00fcrde in Ketten zu einem Scharfrichter gef\u00fchrt, der sie mit langer Axt erwartet. Wenn nicht die Passanten eingreifen, dann sp\u00e4testens die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eintreffenden Ordnungskr\u00e4fte. Die Gesellschaft verbannt solche Szenen in einen gesch\u00fctzten Raum, wo sie zwar als anerkannte Klassiker den Applaus des Publikums ernten, wo im Vergleich zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone aber alles Erschreckende und Emp\u00f6rende abget\u00f6tet ist.<\/p>\n<p>In \u201eKaffeetrinken in Cabutima\u201c habe ich in der Demo vor dem Gerichtsgeb\u00e4ude eine gespielte Aktion beschrieben, die, wenn auch vom Kontext eingegrenzt, in etwa meine Vorstellung vom nicht angek\u00fcndigten Schauspiel veranschaulicht.<\/p>\n<p>Bedeuten die Bretter die Welt, ist das Leben ein fortw\u00e4hrendes Theaterimitat. Als Sympathisant der \u2013 wenn nicht Gleichsetzung, so doch \u2013 verunsichernden \u00dcberg\u00e4nge zwischen Leben und Theater spiele ich aus den verschiedensten Alltagssituationen heraus meine Rollen und verstehe meine B\u00fcrokleidung als Maske, so wie f\u00fcr den Clown Grock die \u00fcbergro\u00dfen Schlabberschuhe, die weite Hose, das Ringelhemd und die rote Kugelnase \u00fcber die Jahrzehnte hinweg seine B\u00fchnenidentit\u00e4t bestimmten. Allerdings kann ich das St\u00fcck, das t\u00e4glich im B\u00fcro und au\u00dferhalb aufgef\u00fchrt wird, nur zu einem verschwindend geringen Teil mitbestimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[15. September 2013]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 76. 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