{"id":443,"date":"2014-09-25T23:21:36","date_gmt":"2014-09-25T21:21:36","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=443"},"modified":"2026-06-05T20:12:00","modified_gmt":"2026-06-05T18:12:00","slug":"094-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=443","title":{"rendered":"094 &#8211; Patagonische Aufzeichnungen"},"content":{"rendered":"<p>[Texte vom alten PC und Handschriften &#8211; m\u00fcssen noch eingegeben werden] W. Cz. 25.09.2014<\/p>\n<p>Von mehreren Aufzeichnungen ist mir zurzeit nur das folgende Tagebuch leicht zug\u00e4nglich:<\/p>\n<h1>S\u00fcdchile<\/h1>\n<p><strong>Im Zug von Santiago nach Puerto Varas<\/strong>,<\/p>\n<p><strong>Donnerstag, 14. Januar 1995<\/strong>, nach 18.15 Uhr:<\/p>\n<p>Bis zum Moment der Abreise herrscht wildeste Hektik, danach eine entspannte Gleichg\u00fcltigkeit. Nicht nur die Angelegenheiten, von denen man wei\u00df, da\u00df man sie zu bew\u00e4ltigen haben w\u00fcrde &#8211; die sechs oder acht Briefe, die vor der Reise noch unbedingt hinausm\u00fcssen, und die Besorgungen f\u00fcr die lange Fahrt -, vor allem das Unvorhergesehene &#8211; Faxe und Anrufe, auf die noch schnell zu reagie\u00adren ist &#8211; halten mich bis zum letzten Moment in Atem. Rasende Eink\u00e4ufe bei mehr als 30 Grad Hitze, den schweren Koffer mit den Wintersachen &#8211; ich werde sie im extremen S\u00fcden trotz des Hochsommers brau\u00adchen &#8211; in die Metro wuchten und wieder hinaus, die 62 Stufen hoch zur Stra\u00dfe und von dort auf den Bahn\u00adsteig des S\u00fcdexpress.<\/p>\n<p>Ein Abteil f\u00fcr mich, und was f\u00fcr eins! Die Waggons sind 50 oder 60 Jahre alt, die Schlafwagenabteils in\u00adnen holzverkleidet, jedes mit eigenem Waschbecken, Wasserh\u00e4hnen aus Messing und Lampen mit ge\u00adschwungenen Milchglasscheiben wie vom Pariser Flohmarkt. Unterm Waschbecken ist Raum f\u00fcr meinen gro\u00dfen Koffer. Auf drei breiten Polstersitzen aus gr\u00fcngoldnem Pl\u00fcsch &#8211; einer neben dem Waschbecken, zwei gegen\u00fcber &#8211; kann ich mich erst einmal ausstrecken.<\/p>\n<p>F\u00fcr 45.000 Pesos &#8211; keine 180 Mark &#8211; kann man hier \u00fcber eine Strecke von 1.200 Kilometern das teuerste Schlafwagenabteil f\u00fcr sich alleine mieten (oder eine ganze Familie unterbringen), wof\u00fcr man in Deutsch\u00adland bestenfalls einen reservierten Sitzplatz im Gro\u00dfraumwagen vom Ruhrgebiet nach Frankfurt (ein Vier\u00adtel der Entfernung Santiago &#8211; Puerto Montt) bek\u00e4me.<\/p>\n<p>Ich strecke alle Viere von mir, als sogleich ein Zeitschriftenverk\u00e4ufer mit den verbreitetsten chilenischen Gesellschafts- und Modeheften hineinschaut. Wenn sich der Zug mit mehreren Rucks &#8211; p\u00fcnktlich! &#8211; in Be\u00adwegung setzt, steigt er wieder aus und \u00fcberl\u00e4\u00dft den weiteren Service dem Schlafwagenpersonal, das nach und nach die Handt\u00fccher und die Seife bringt, den Ventilator anstellt, das Funktionieren der Lichtschalter demonstriert und die Fahrkarten kontrolliert.<\/p>\n<p>Als der Zug sich einmal einige Meter \u00fcber dem Level der Stra\u00dfe befindet, schlie\u00dfe ich die Abteilt\u00fcr, wechsle mein Hemd und mache vom flie\u00dfenden Wasser Gebrauch. Wieviel Platz man doch hat, im Ver\u00adgleich zum Flugzeug oder Reisebus!<\/p>\n<p>Ausgetrocknet, wie ich bin, suche ich den Speisewagen und genie\u00dfe auf dem Weg dorthin einige Anblicke, die das Herz eines jeden Eisenbahnliebhabers (der ich bisher noch niemals war) h\u00f6her schlagen lassen: ge\u00adr\u00e4umige Badezimmer mit Duschen; Salonwagen, ebenfalls holzvert\u00e4felt und mit viel Pl\u00fcsch; mehrfach un\u00adterteilte Fenster wie ein Mondrianbild; schwenkbare Messingkleiderhaken \u00fcber jedem Sitz und \u00fcberall diese Pariser Flohmarktslampen in den verschiedensten Rundungen. Der Zugang zum Speisewagen erfolgt durch einen schmalen Gang mit gew\u00f6lbter Holzdecke, dessen Eingang bildet eine Schwingt\u00fcr aus Holz und Glas, ebenfalls mit einem Rundbogen. Dahinter \u00f6ffnet sich ein breiter Raum: der Salon. Rechts erhebt sich \u00fcber einer sattblauen Tischdecke ein Buffet mit Fr\u00fcchten (Melonen, Pfirsichen, Maraschinos, die in Chile \u201eGuindas\u201c hei\u00dfen), verschieden geformten Weinflaschen (haupts\u00e4chlich Rotweine), plastikblauen Trink\u00adhalmen in einem Wasserglas (farblich auf die Tischdecke abgestimmt &#8211; Zufall?), Mayonaise, Ketchup, Aj\u00ed chileno (die klassischen Drei). Sp\u00e4ter, denke ich, zum Essen, werde ich eine dieser Bocksbeutelflaschen von Undurraga bestellen. Aber zun\u00e4chst gilt es, den durchs Kofferschleppen entstandenen Fl\u00fcssigkeits\u00adverlust aufzuf\u00fcllen. Der Zug wackelt so, da\u00df die Pepsi Cola quer im Hals stecken bleibt. Die Gleise sind in schlechtem Zustand. Fast \u00fcberall in Lateinamerika sind die von Europ\u00e4ern gebauten Eisenbahnen l\u00e4ngst von den Reisebussen verdr\u00e4ngt worden. Eine Busgesellschaft zu betreiben ist weitaus weniger kostenauf\u00adwendig als das Streckennetz einer Eisenbahn zu unterhalten. Und die s\u00fcd- und mittelamerikanischen Staa\u00adten sind zu bankrott, um so etwas subventionieren zu k\u00f6nnen. Oft bin ich diese Strecke in den S\u00fcden mit dem Auto gefahren. Hinterm Zugfenster aber tun sich ganz andere Perspektiven auf: auf versteckte Land\u00adh\u00e4user tief hinten auf ihrem Fundo, die von der Stra\u00dfe aus verdeckt sind, auf die vielen Weing\u00e4rten, auf badende Kinder in den steinigen, flachen Fl\u00fcssen, die wir \u00fcberqueren. Und vor allem tut es wohl, diesmal nicht auf den aggressiven Auto-, Bus- und Lastwagenverkehr achtgeben zu m\u00fcssen. Auf diesem Gleis ist der Zug konkurrenzlos.<\/p>\n<p>Das Wackeln freilich behindert das Schreiben, und allein aus diesem Grund bleibt w\u00e4hrend der Fahrt in der Abendsonne manches Sch\u00f6ne unnotiert. Aber beim Autofahren h\u00e4tte ich noch viel weniger schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Abteil: Der Ventilator wendet seinen Kopf unaufh\u00f6rlich von links nach rechts und zur\u00fcck, ruckartig, wie ein um sich blickender Truthahn. Eine massive Metallstange spannt das Abteil von einer Trennwand zur anderen. Daran schlenkert an einem Samtband in der Farbe der Sitze ein wuchtiger Kleiderb\u00fcgel aus festem Holz. Drei Haken in der Form verbogener Hufeisen ragen in den Raum. Auf jedem steckt eine ke\u00adgelf\u00f6rmige Spitze mit einem breiten Knauf, wie eine schlanke Dame auf einem Schachbrett &#8211; f\u00fcr den Hut. Alles ist Holz und Samt und Messing. Messing die Umrandung der Lichtschalter, das Waschbecken, der Schwenkhebel, mit dem die T\u00e4tigkeit der Heizung mehr aus- und eingekippt als -geschaltet wird. Samt die ausziehbaren Sitze mit ihren gebogenen Armst\u00fctzen und die schweren Vorh\u00e4nge. Holz in einem Palisan\u00adderton alle W\u00e4nde, die T\u00fcr, der Waschtisch, die viertelwalzenf\u00f6rmige Unterseite des in einer Schiene her\u00adunterkippbaren Etagenbetts, das an einer mechanischen Kettenkonstruktion h\u00e4ngt, welche, \u00fcber eine Rolle laufend, hinter einer Metallsch\u00fcssel verschwindet, die ihr als Verbr\u00e4mung dient. Das r\u00f6tliche Holz des Fensterbretts buchtet sich an einer Stelle aus, geeignet, dort ein Weinglas abzustellen. Das Fenster ist in seiner Breite dreigeteilt. Rechts und links befindet sich jeweils eine Scheibe im Ton naturtr\u00fcben Birnen\u00adsafts. Das Mittelfeld teilt sich horizontal in zwei Teile, wovon sich der obere herunterschieben l\u00e4\u00dft. Hinter ihrer Schnittfl\u00e4che erscheint die Landschaft wie durch eine gelbget\u00f6nte Brille. Darin erstrahlt gegen 20.30 Uhr der im S\u00fcdwesten hinter den H\u00fcgeln verschwindende Sonnenball.<\/p>\n<p>Das Kippen eines Schalters, und in einer kleinen Nische am Kopfende des Bettes leuchtet hinter tr\u00fcbem Glas eine schwache Gl\u00fchbirne auf. Das Kreuz der Deckenbeleuchtung mit seinen vier sch\u00fcsself\u00f6rmigen Lampenschalen, die paarweise an- und auszuschalten sind, blickt ins Abteil hinab. \u00dcber der T\u00fcr eine Ge\u00adp\u00e4ckablage.<\/p>\n<p>Ein Erlebnis ist das Badezimmer. Man schwenkt den Metallriegel herum und hat ein Reich f\u00fcr sich. Die Toilette ist aus schwerer wei\u00dfer Keramik, Klobrille und -deckel aus einem edlen Holz. Die Konstruktion der Rohre, die zu den H\u00e4hnen f\u00fcr hei\u00dfes und kaltes Wasser hinf\u00fchren, ist vielfach verzweigt und fachm\u00e4n\u00adnisch, aber sichtbar zusammengeschwei\u00dft. Auch hier sind die W\u00e4nde aus einem r\u00f6tlichen Holz, dem die Feuchtigkeit offenbar nichts anhaben kann.<\/p>\n<p>Rasieren will ich gar nicht erst ausprobieren. Im Waschbecken schwappt das Wasser von einer Seite auf die andere und \u00fcber den Rand.<\/p>\n<p>Schwer hat es am n\u00e4chsten Morgen auch im Speisewagen der Kellner, hei\u00dfes Wasser auf den Teebeutel oder den Nescaf\u00e9 in den Tassen zu gie\u00dfen. Einiges geht daneben. Beim ersten Blick aus dem Fenster sind wir schon auf der H\u00f6he von Valdivia. Antilhue hei\u00dft der kleine Umsteigebahnhof, an dem der Zug h\u00e4lt. Landleben schl\u00e4gt einem entgegen und ein ruhigerer Rhythmus. Die Fahrt verl\u00e4uft durch das Flu\u00dftal des Calle Calle. Weizenfelder, Kartoffelanbau, Bombeerhecken, orangeleuchtende kelchartige Bl\u00fcten, die hier <em>Orqu\u00eddeas silvestres<\/em> genannt werden. Dahinter Wiesen mit weidenden schwarzbunten Holsteinern, die sich gerne unter einem Rauli-Baum gruppieren.<\/p>\n<p><strong>Puerto Montt, 13. Jan.,<\/strong><\/p>\n<p>ein Freitag.<\/p>\n<p>Ich kenne die Stadt und hatte auf meinen vorigen Besuchen nicht den besten Eindruck von ihr. Aber heute ist sie trotz des leichten Regens sch\u00f6ner. Auch sauberer. Ich bekomme auf Anhieb alles was ich will: Das richtige Medikament gegen meine aufgekratzte Hautallergie, die mich in der letzten Nacht wieder beson\u00adders qu\u00e4lte; Filme f\u00fcr Farbabz\u00fcge und Dias; eine Gymnastikhose f\u00fcr den Sport an Bord; eine Kassette mit Mapuche-Musik; einen Obelisken aus Lapislazuli, den mein Vater sich schon lange gew\u00fcnscht hat und den ich nie zuvor in Chile sah. Beim Abendspaziergang leuchtet ein Streifen gr\u00fcngelbes Feld hell auf, und pl\u00f6tzlich steht das gesamte Stadtpanorama im orangenen Abendlicht: die gr\u00fcnen H\u00fcgel mit den bunten Holzh\u00e4usern. Dann wandert die Sonne von ihnen ab und f\u00e4rbt nur das graue, ruhige Wasser der Bucht an einer Stelle silbern. Au\u00dferhalb, in Angelmo, sehe ich mein Schiff. Die \u201ePuerto Ed\u00e9n\u201c ruht in der Ebbe, auf beiden Seiten der Bucht vert\u00e4ut. Ein Tau spannt sich quer \u00fcbers Wasser. Kleine Jungen in Booten rudern stehend hindurch, indem sie ihre Holzruder nach vorne dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Erst um 10 Uhr abends ist es dunkel &#8211; eine Stunde sp\u00e4ter als im 1.200 Kilometer n\u00f6rdlicher gelegenen Santiago.<\/p>\n<p><strong>An Bord der <em>Puerto Ed\u00e9n<\/em>, 14. &#8211;\u00a017. Januar &#8217;95<\/strong><\/p>\n<p>Meine Kaj\u00fcte \u201eArmadores\u201c nennt sich \u201eSuite\u201c und ist auch eine \u2013 die einzig mietbare mit Blick nach vorn. \u00dcber mir die Kommandobr\u00fccke, links neben mir die Offiziersmesse und in der rechten Ecke die Wohnung des Kapit\u00e4ns. Meine Suite in der linken Ecke der Br\u00fccke hat f\u00fcnf Fenster, von denen sich drei mittels dic\u00adker Schrauben \u00f6ffnen lassen; drei der f\u00fcnf (rechteckigen) Fenster blicken nach vorn, zwei zur linken Seite. Vor den Fenstern, durch die man in Fahrtrichtung blickt, steht mein Schreibtisch, aus zwei Holzarten, fest im Boden verschraubt; ein \u00fcberstehender Rand h\u00e4lt die Glasplatte und verhindert das Hinabgleiten von Ge\u00adgenst\u00e4nden bei Schieflagen des Schiffs. Sofort baue ich meine Bordbibliothek auf: Alberto Maria De Ago\u00adstini: <em>Zehn Jahre im Feuerland<\/em>, E. Lucas Bridges: <em>Uttermost Part of the Earth<\/em>, Gunther Pl\u00fcschow: <em>Silber\u00adkondor \u00fcber Feuerland<\/em>, W. H. Hudson: <em>Idle Days in Patagonia<\/em>, Siegfried Martin Winter: <em>S\u00fcdamerikani\u00adsche Wanderjahre<\/em>. <em>Fahrten durch Patagonien und den wilden Westen Argentiniens<\/em>, Hugo Weber: <em>Als Pelzj\u00e4ger im Feuerland<\/em>, Francisco Coloane: <em>El t\u00e9mpano de Kanasaka<\/em> (Sammlung), R.E. Latcham: <em>Die Kriegskunst der Araucanos<\/em>, Evelyn Waugh: <em>Gilbert Pinfolds H\u00f6llenfahrt<\/em>, Bruce Chatwin: <em>In Patagonien<\/em>, Rae Natalie Prosser Goodall: <em>Tierra del Fuego<\/em>. Nun kann die Fahrt losgehen! Nicht alles ist f\u00fcr die Reise mit diesem Schiff gedacht; ich habe ja noch eine zweite Schiffsreise und einige Wartezeit dazwischen vor mir. Das ist nat\u00fcrlich keine ersch\u00f6pfende Feuerland\/Patagonien-Bibliothek, aber vieles habe ich auf mei\u00adnen vorigen Landfahrten durch Patagonien und Feuerland bereits gelesen (Darwin, Pigafetta, Otto Schrei\u00adber, Max Junge, A. F. Tschiffely) oder zur Vorbereitung auf diese Reise.<\/p>\n<p>In der Kaj\u00fcte stehen drei Betten, ein normales, in dem ich schlafe, und ein Etagenbett, von dessen oberem Teil ich tags\u00fcber im Liegen besser durch die Fenster aufs Wasser und die Landschaft blicken kann. Toi\u00adlette mit Waschbecken und eine andere Kabine mit einer perfekten Dusche (sowohl die St\u00e4rke des Wasser\u00adstrahls als auch die Temperatur ist regelbar &#8211; in Chile mu\u00df das erw\u00e4hnt werden!), eine f\u00fcnfteilige Polster\u00adsitzecke vor einem Fernseh- und Videoger\u00e4t, zu dem sechs Video-Cassetten mit Informationen \u00fcber die Eisfelder des S\u00fcdens, die (ausgerotteten) Einheimischen, die Flora und Fauna Patagoniens und Feuerlands, den Torres del Paine-Nationalpark, das Kap Hoorn und andere Kurzvideos bereitgestellt sind. Ein Kleider\u00adschrank, ein K\u00fchlschrank, von dem ich keinen Gebrauch mache, eine Ablage f\u00fcr meinen Koffer, funktio\u00adnierende Nachttisch- und Deckenbeleuchtung, zwei St\u00fchle aus hellem Holz und sch\u00f6nen Polsterbez\u00fcgen, Vorh\u00e4nge und an allen Innenw\u00e4nden Holzvert\u00e4felung (die Reihenfolge der Aufz\u00e4hlung gibt Auskunft \u00fcber die Wich\u00ad\u00adtig\u00adkeit, die ich den Gegenst\u00e4nden beimesse).<\/p>\n<p>Au\u00dfer den Aufenthalten in der Kaj\u00fcte ist das Flanieren auf den verschiedensten Decks ein Erlebnis, beson\u00adders, da immer wieder die Sonne durch die Wolken scheint. Selbst in Puerto Montt bei der Abfahrt hatten wir das Gl\u00fcck. Alle Passagiere waren auf den Decks versammelt. Als ein Zeichen des Aufbruchs erschien es, als beim Auslaufen aus dem Hafen die Schiffssirene durchdringend t\u00f6nte. Dreimal. Dreimal wurde ihr von einem kleineren Schiff geantwortet: der M\/S Evangelista, ebenfalls zur orange-wei\u00dfen Flotte von Na\u00advimag geh\u00f6rend, die wenige Stunden sp\u00e4ter, in der ersten Etappe auf gleichem Kurs, zur Laguna San Rafael ablegen wird &#8211; dem n\u00f6rdlichsten der patagonischen Binnengletscher. Nochmals dr\u00f6hnte unsere Si\u00adrene, einmal. Einmal, aber leiser und schw\u00e4cher, wie ein kleines Tier einem gro\u00dfen, erwiderte die Evan\u00adgelista dieses Signal.<\/p>\n<p>Die Inselwelt zwischen der gro\u00dfen Insel Chiloe und dem Festland beherrschte den ersten Tag. Die Mahl\u00adzeiten waren gut. Die Lekt\u00fcre von S. M. Winter, der \u00fcber die patagonische Pampa schreibt, unterbreche ich und lese Evelyn Waughs Roman The Ordeal of Gilbert Pinfold nach sechseinhalb Jahren zum zweiten Mal (auf deutsch), aber erstmals lese ich diese, eine Schiffsreise erz\u00e4hlende Geschichte auf einem Schiff.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen beim Aufwachen befindet sich das Schiff im Moraleda-Kanal, auf der H\u00f6he von Puyuhuapi, und wird vor dem Meer von der Gruppe der Chonos-Inseln gesch\u00fctzt. Zur Kommandobr\u00fccke haben die Passagiere in den meisten Teilen der Strecke Zugang und k\u00f6nnen die Position genau erfragen. Zwei der delphin\u00e4hnlichen Toninas verfolgen den Bug des Schiffes ein St\u00fcck weit. Sp\u00e4ter, beim Einbiegen in den Kanal Pulluche, dem offenen Meer entgegen, entdecke ich auch Seel\u00f6wen im Wasser. Der Dampfer laviert zwischen den Kan\u00e4len um enge Kurven herum, die nahen Berge sind bewaldet, steil und eindrucks\u00advoll, das Inlandeis aber ist in eine Wolkendecke geh\u00fcllt. Die Wellen werden h\u00f6her. Es ist sieben Uhr abends, am Ausgang zum Meer wird der Seegang unangenehm sp\u00fcrbar. Ich bin vor dem Golfo de Penas gewarnt, esse nicht zu Abend und trinke wenig. Francisco Coloanes gleichnamige Kurzgeschichte \u00fcber diesen Golf habe ich tags\u00fcber gelesen und mich in meiner Lekt\u00fcre wieder der patagonischen Pampa zuge\u00adwandt, aber noch vor acht Uhr abends schwankt das Schiff bereits so stark, da\u00df ich das Buch beiseitelege und alle Vorbereitungen treffe, ins Bett zu gehen. Vorbereitungen, das hei\u00dft heute auch: alle Gegenst\u00e4nde, die umfallen k\u00f6nnten, absichern. Ich liege mit geschlossenen Augen und lasse mich schaukeln. Der See\u00adgang ist wirklich enorm, aber, wenn man liegt, ertr\u00e4glich. Ich werde jedenfalls nicht seekrank. Ich schlafe hinreichend, wenn auch mit Phasen des schaukelnden Wachliegens. Gegen Morgen\u00a0 ist der Golf \u00fcberwun\u00adden: wir sind im Canal Mesier. Auf diesem Breitengrad beginnt schon das riesige Feld des s\u00fcdlichen In\u00adlandeises. Der sch\u00f6nste Teil dieser Strecke ist das s-f\u00f6rmige Lavieren um die Insel, welche die Angostura Inglesa bildet. Nach einer Stunde links pl\u00f6tzlich ein Holzsteg, seit vielen hundert Kilometern das erste Zei\u00adchen von Zivilisation, ein Holzschuppen, an dem wei\u00df \u201eEd\u00e9n\u201c geschrieben steht, und rechts da\u00adneben eine Baracke. Der Ort Puerto Ed\u00e9n aber liegt auf der anderen, der rechten Seite des Kanals (wenn man s\u00fcdlich f\u00e4hrt). Viele kleine gr\u00fcne Inseln liegen in der Bucht. Puerto Ed\u00e9n hat eine eigene Friedhofsinsel, verf\u00fcgt \u00fcber zwei Satellitenantennen (kann also vermutlich die Deutsche Welle empfangen), eine graue Giebel\u00addachkirche aus Holz mit einer kleinen H\u00fctte, die vom Schiff aus wie eine Hundeh\u00fctte aussieht, aber wahr\u00adscheinlich eine Marienstatue beherbergt; vom Schiff aus habe ich 71 Holzh\u00e4user und -schuppen gez\u00e4hlt, vier Bootsstege aus Holz (den auf der anderen Wasserseite mitgerechnet), aber vermutlich sind es viel mehr. Ich \u00e4rgere mich, gerade in diese Moment nicht Coloanes Erz\u00e4hlung <em>Rumbo a Puerto Ed\u00e9n<\/em> zur Hand zu haben (konzentrierte mich wohl beim Packen nur auf <em>Golfo de Penas<\/em>). Das Schiff ankert einige hundert Meter vor dem Ort, mehrere gelbe Holzboote rudern oder brausen mit Motor schnell herbei. Waren wer\u00adden ausgetauscht, vom Schiff in die Boote und umgekehrt. Ausgeladen werden Leuchtstoffr\u00f6hren (f\u00fcr das Kreuz der Kirche?, das vermutlich wegen des Winds nicht auf dem Dach der Kirche, sondern davor auf dem Boden aufgebaut ist), Wassermelonen (Sand\u00edas), Orangen gegen Skorbut und viele Kisten und Ge\u00adp\u00e4ckst\u00fccke, deren Inhalt nicht sichtbar wird. Aufs Schiff geladen werden andere Kisten und mehrere Ruck\u00ads\u00e4cke. Passagiere, klein und dunkel, steigen ein, andere steigen aus. Von nun an gibt es drei Klassen von Passagieren auf dem Schiff. Bisher gab es neben der Cabin Class, die einen ger\u00e4umigen Speise- und Auf\u00adenthaltssaal hat, nur die Economy Class im Rumpf des Schiffes, ohne Fenster, 48 Personen in zwei R\u00e4u\u00admen mit jeweils acht eisernen Drei-Etagenbetten. Nun ist eine neue kleine Gruppe von Parias dazugesto\u00ad\u00dfen, Bewohner des abgeschiedenen Puerto Ed\u00e9n, die nach Puerto Natales wohl nicht zum Vergn\u00fcgen rei\u00adsen. Wir haben eine Nacht vor uns. Wo werden sie schlafen? Die Economy-Class ist restlos belegt. Sie se\u00adhen zwar nicht danach aus, an Bequemlichkeiten gewohnt zu sein. Trotzdem w\u00fcrde ich gern wissen, was sie f\u00fcr ihr Ticket bezahlen mu\u00dften und welche Ecke des Schiffs man ihnen zuweisen wird. Das Schiff, das den Namen ihres Ortes tr\u00e4gt, scheint ihre Hauptverbindung mit der fernen Welt zu sein &#8211; Puerto Natales, Puerto Montt gar.<\/p>\n<p>Die Fahrt geht durch den Canal Wide, der sich zum Canal Concepci\u00f3n hin weitet. Wir fahren durch vor\u00adnehmlich graue Landschaft. Tiefe wei\u00dfgraue Wolken, das Wasser, das zuvor stellenweise die t\u00fcrkisfarbene Gletschert\u00f6nung angenommen hatte, ist nun silbrig grau. Dunkelgrau in allen Nuancen die Felsw\u00e4nde rechts und links der Fahrstra\u00dfe. Tiefe Sicht in die Fjorde hinein, deren Transparenz mit der Entfernung zunimmt, wo die H\u00fcgel St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in einem immer helleren Grau erscheinen. Links liegt \u00fcber der Einm\u00fcndung eines Wasserarms ein tiefer Nebel, aus dem Eisschollen hinaustreiben in den Kanal &#8211; nicht die durchsichtig-hellblauen Eisberge, sondern kleine wei\u00dfe Schollen, fast Schaum. \u00dcberall st\u00fcrzen Wasserf\u00e4lle herab. Gegen sechs Uhr nachmittags werden wir deswegen von einer Ansage an Deck gerufen. \u201ePaso del Abismo\u201c hie\u00df dieses St\u00fcck, das durch fast senkrechte, enge Felsw\u00e4nde hindurchf\u00fchrte. Die Schneegrenze ist hier nur wenige hundert Meter hoch. Von dort bilden sich \u00fcberall Rinnsale, die, vielfach ver\u00e4stelt, sich ihre Fallschneise durch Fels und niedriger gr\u00fcner Vegetation gebildet haben. Die Farbe ist verschwunden, als st\u00fcnde die Nacht unmittelbar bevor. Aber es ist erst Viertel nach acht &#8211; in diesen Breiten im Januar mindestens noch zwei Stunden helle Gr\u00e4ue (oder graue Helle).<\/p>\n<p><strong>17. Januar<\/strong><\/p>\n<p>Beim Aufwachen im Estrecho Esteban oder schon im Estrecho Smith? Auf der Br\u00fccke liegen heute keine Seekarten aus, und ich mag nicht fragen. Die Haarnadelkurve, mit der das Schiff in den Canal Kirke einschwenkt, entgeht mir nicht. Mittags sind alle Passagiere mit ihren Kameras auf den Decks ver\u00adsammelt, wenn es durch das Nadel\u00f6hr geht, das \u201ePaso Kirke\u201c hei\u00dft und das ich erstmals bei Pl\u00fcschow be\u00adschrieben fand (Segelfahrt ins Wunderland).<\/p>\n<p>Am Vormittag die patagonische Pampa des Siegfried Martin Winter noch einmal zur\u00fcckgeschoben. Jeder Schauplatz fordert seine eigene Lekt\u00fcre. In alle B\u00fccher hineingelesen und dann bei Hugo Weber h\u00e4ngen\u00adgeblieben: Pelzj\u00e4ger im Feuerland. Im Feuerland sind wir zwar noch lange nicht, aber das Buch beginnt in Punta Arenas, und das ist nach Puerto Natales meine n\u00e4chste Station, falls sich der Upsala-Gletscher im n\u00f6rdlichen Arm des Lago Argentino nicht in den dreieinhalb Tagen bis zur Abfahrt meines n\u00e4chsten Schiffs besichtigen l\u00e4\u00dft. 800 Kilometer, Hin- und R\u00fcckweg zusammengerechnet, das wird knapp, wenn ich Samstag mittag in Punta Arenas sein mu\u00df.<\/p>\n<p><strong>El Calafate, 18. Januar<\/strong><\/p>\n<p>Die Organisation funktionierte bis jetzt vorz\u00fcglich, aber das Wagnis bringt auch die Sorge mit sich, da\u00df auch weiterhin keine zeitlichen Verz\u00f6gerungen eintreten, sonst sind 3.000 Dollar und die vorerst einmalige Gelegenheit, den De Agostini-Fjord und den westlichen Beagle-Kanal zu sehen, verloren.<\/p>\n<p>Zwar war gestern, wie angek\u00fcndigt, der Hafen von Puerto Natales um vier Uhr nachmittags zum Greifen nahe, doch konnten wir durch das langwierige Einparken und die nicht minder langen Polizeikontrollen das Schiff erst nach sechs Uhr verlassen. Angesichts der sp\u00e4ten Uhrzeit war es fast ein Wunder (und viel Gl\u00fcck), was dann noch alles organisatorisch gelang. Seit das internationale Schiedsurteil hinsichtlich der Laguna del Desierto zugunsten Argentiniens ausgefallen ist, gibt es keine regelm\u00e4\u00dfige Verkehrsverbindung mehr zwischen dem chilenischen Puerto Natales und dem argentinische El Calafate. Wochenlang las ich in den Zeitungen von den Protesten konservativer Politiker, die auf eine Revision des Urteilsspruchs dr\u00e4ng\u00adten. W\u00e4hrend dies zun\u00e4chst nicht fruchtete, sannen chilenische Beh\u00f6rden nach anderen M\u00f6glichkeiten, ih\u00adren Protest zum Ausdruck zu bringen. Staatlicherseits gibt es nun aus Santiago eine Verf\u00fcgung, die den Tourismus in Patagonien extrem behindert: Es sollen an den Grenzstationen dieser Region nicht mehr Ar\u00adgentinier nach Chile hineingelassen werden, als Chilenen nach Argentinien reisen. Wegen des wirtschaftli\u00adchen Ungleichgewichts gab es im chilenischen Torres del Paine-Nationalpark immer weitaus mehr argenti\u00adnische Touristen als umgekehrt Chilenen am argentinischen Perito Moreno-Gletscher oder am Fitz Roy. Der Linien-Busverkehr kam dadurch zum Erliegen. Nach vielem Herumfragen fand ich eine Agentur mit einer Sonderkondition, die in Zusammenarbeit mit einem argentinischen Counterpart jeweils mit einem Bus an die Grenze f\u00e4hrt, wo der Kollege des Nachbarlands wartet und die Passagiere \u00fcbernimmt. Allerdings nur an drei Tagen in der Woche. Das Gl\u00fcck wollte es, da\u00df mittwochs vormittags ein solcher Kleinbus (es waren 7 Fahrg\u00e4ste) in Puetro Natales abf\u00e4hrt und freitags morgens von El Calafate aus die R\u00fcckfahrt m\u00f6g\u00adlich ist. Au\u00dferdem konnte ich \u00fcber die gleiche Agentur (der einzigen von zahlreichen Reiseanbietern in dem kleinen Ort) f\u00fcr den Donnerstag eine Schiffstour zum Upsala-Gletscher reservieren. Anschlie\u00dfend be\u00adsorgte ich mir f\u00fcr den Freitag nachmittag ein Busticket nach Punta Arenas, wo Samstag die \u201eTerra Austra\u00adlis\u201c ablegt.<\/p>\n<p>Die erste Panne passierte in El Calafate, als mein Name nicht auf der Busliste f\u00fcr meine R\u00fcckfahrt am Freitag morgen stand und der Bus voll war. Man setzte meinen Namen hinzu, als ich auf jenen Anruf aus Puerto Natales verwies (an den sich niemand erinnern konnte) und meinte, ich solle mich nicht beunruhi\u00adgen. Aber behaglich f\u00fchlte ich mich dabei nicht. Au\u00dferdem konnte die Schiffspassage f\u00fcr den Lago Argen\u00adtino noch nicht ausgestellt werden, da das entsprechende Reiseb\u00fcro zu der Zeit geschlossen hatte.<\/p>\n<p>Nun, immerhin sitze ich beim gem\u00fctlichen Sp\u00e4tnachmittagskaffee, der nicht mit Instantpulver, sondern mit der Espressomaschine bereitet ist, in einem Stra\u00dfencaf\u00e9, habe ein gutes Hotel und ein argentinisches Steak am Abend zu gew\u00e4rtigen. Das Wetter ist traumhaft. Schon bei der Abfahrt in Puerto Natales stand nicht nur der 2.000 Meter hohe Balmaceda klar sichtbar auf der anderen Seite der Bucht, sogar der gro\u00dfe Paine im fernen Nationalpark zeigte sich in ganzer Sch\u00f6nheit &#8211; selten liegt sein Gipfel frei. Auf dem Weg, der im ersten St\u00fcck mit der Schotterstra\u00dfe zum Nationalpark identisch ist, entdeckte ich bald auch seine Nach\u00adbarn, rechts den Almirante Nieto und dazwischen einige scharfe T\u00fcrme, die aber nicht die ber\u00fchmten Tor\u00adres sind, sondern drei \u201eCuernos\u201c (H\u00f6rner). Die drei Torres wurden von der argentischen Seite aus sicht\u00adbar, als wir von Norden her auf das Painemassiv blickten. Andere gezackte und gezinnte Berge tauchten weiter n\u00f6rdlich auf. Einw\u00e4rts ging die Fahrt dann in die Pampa, die Kordillere im R\u00fccken, halbwegs bis R\u00edo Gallegos an der Atlantikk\u00fcste, wo der Erdweg bei der Estancia La Esperanza in die Asphaltstra\u00dfe ein\u00adbiegt, die El Calafate und R\u00edo Gallegos verbindet. Mehr als f\u00fcnfzig Kilometer vor El Calafate waren die Berge wieder deutlich zu sehen: der Gebirgszug, aus dem der Perito Moreno-Gletscher hervorgeht, und viel weiter n\u00f6rdlich, schon hinter dem Lago Viedma, ragt einsam die steile Spitze des Monte Fitz Roy \u00fcber den Horizont.<\/p>\n<p><strong>20. Januar, nachmittags<\/strong><\/p>\n<p>Wieder in Puerto Natales. Ich sitze an der Uferpromenade und blicke auf Schwarzhalsschw\u00e4ne und badende Kinder. Ein warmer Sommertag. Wer sich an einem solchen Tag von der Pampa aus der Ultima Esperanza-Bucht n\u00e4hert, kann die Probleme nicht verstehen, die Gunther Pl\u00fc\u00adschow hatte, diese Strecke zu fliegen. Der gro\u00dfe Paine zeigt nicht nur f\u00fcr wenige Sekunden sein sch\u00f6nes Haupt, sondern entbl\u00f6\u00dft schon seit Stunden seinen gesamten grauwei\u00dfen K\u00f6rper. Rechts die endlose Fl\u00e4\u00adche des s\u00fcdlichen Kontinentaleises. Bei der Abfahrt in El Calafate wie bei der Ann\u00e4herung an Puerto Na\u00adtales ist ein riesiges St\u00fcck der hohen Kordillere zu sehen, jeder Gipfel deutlich zu unterscheiden, vom Fitz Roy bis zum Eingang der Bucht Ultima Esperanza. Mir gegen\u00fcber steht der gewaltige Balmaceda mit sei\u00adnen zwei Gletschern, und ein zehntel Kreisbogen weiter links schauen am Horizont die Eisspitzen der Cor\u00addillera Sarmiento hervor, gigantische, schroffe wei\u00dfe Bl\u00f6cke. K\u00f6nnte doch nur das Objektiv meines Foto\u00adapparats sie so nah heranholen, wie ich sie durch mein kleines Fernrohr sehe! Oder auch nur, ohne alle Hilfsmittel, in natura! Alles, was ich hier sehe und zeichne ist noch gar nichts im Vergleich zu der Sicht, die man heute von der Anh\u00f6he aus hat, wenn man Puerto Natales Richtung S\u00fcden verl\u00e4\u00dft. Die Spitzen der Cordillera Sarmiento wachsen hoch \u00fcber den dunkleren Vordergrund hinaus, weitere Gipfel werden sicht\u00adbar: das gro\u00dfe Festlandeis &#8211; ich blicke ihm nach, bis es nach einem weiteren H\u00fcgel aus der Sicht ver\u00adschwindet und der Bus nun beschleunigt auf Punta Arenas zuf\u00e4hrt, hinein in die chilenische Pampa. Die Erz\u00e4hlung \u201eCabeza del Mar\u201c von Coloane hatte ich kurz vor meiner Abfahrt in Santiago gelesen. Nun streift die Stra\u00dfe diese tiefblaue Bucht in der rotbr\u00e4unlichen Pampasteppe. Das alles im Abendlicht. Gegen halb zehn erreicht der Bus die Stadt noch im Hellen. Hell ist es auch noch, wenn ich eine Stunde sp\u00e4ter, nachdem ich mich im Hotel \u201eTierra del Fuego\u201c einquartiert habe, ins Restaurant gehe. Ein Hotel \u201eC\u00f3ndor de Plata\u201c existiert auch (als Reminiszenz an Pl\u00fcschow?). Ich \u00fcberlege, ob ich nur wegen des sch\u00f6nen Na\u00admens auf Bequemlichkeit verzichten will, und entscheide mich f\u00fcr den Komfort des \u201eTierra del Fuego\u201c. Lammbraten in mehreren Variationen ist die Spezialit\u00e4t des Restaurants \u201eMes\u00f3n del Calvo\u201c. Da ich aber bereits mittags in Puerto Natales Lamm gegessen habe, frage ich nach Meeresfr\u00fcchten. Die Jakobsmu\u00adscheln (ostiones) sind frisch. Statt der \u00fcblichen Zubereitung, mit K\u00e4se \u00fcberbacken, was man hier \u201ea la parmesana\u201c nennt, aber wenig mit Parmeggiano zu tun hat, bestelle ich nur eine einfache Cilantro- (Korianderbl\u00e4tter-)Tunke. K\u00f6stlich! Und zuvor eine Knoblauchsuppe, ebenfalls gut, wenn auch &#8211; wie mei\u00adstens &#8211; kr\u00e4ftig nachgesalzen und gepfeffert werden mu\u00df (\u201eDie chilenische K\u00fcche neigt dazu, den Dingen ihren Eigengeschmack zu belassen\u201c). Brot mit \u201eChancho en piedra\u201c dazu (Tomaten, Zwiebeln, Cilantro, \u00d6l) macht das Mahl perfekt. \u00dcberhaupt kann ich mich auf dieser Reise \u00fcber die chilenischen Restaurants nicht beklagen (was ich sonst seit viereinhalb Jahren bei fast jeder Gelegenheit tue). Sogar meine Argenti\u00adnienerfahrungen fielen diesmal in kulinarischer Hinsicht dagegen etwas ab; aber El Calafate ist ein Pro\u00advinznest, und immerhin gab es, anders als auf der gro\u00dfen \u201ePuerto Ed\u00e9n\u201c, sogar auf dem kleinen Katamaran zum Upsala- und Spegazzinigletscher Kaffee aus der Espressomaschine und Br\u00f6tchen mit rohem Schinken. Ich kann es nicht lassen, die beiden L\u00e4nder permanent miteinander zu vergleichen, weil das eine mein ge\u00adwolltes Leben ist und das andere mein gelebtes.<\/p>\n<p><strong>Punta Arenas, 21. Januar<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe meine Bordkarte f\u00fcr die \u201eTerra Australis\u201c, habe meinen Flug nach Santiago f\u00fcr den 29sten r\u00fcck\u00adbest\u00e4tigt, mit J\u00f6rg und meinen Eltern telefoniert und sitze wieder einmal im Caf\u00e9 Garogha. Die Tageszei\u00adtungen aus Santiago treffen erst um 15 Uhr ein. Der Himmel ist bew\u00f6lkt. Kaum merklich regnet es gele\u00adgentlich ein paar Tropfen. Ich w\u00fcnsche mir sch\u00f6nes Wetter f\u00fcr den De Agostini-Fjord, jetzt und hier darf das Wetter sein, wie es will. Pl\u00fcschows \u201eSilberkondor\u201c habe ich beendet und von neuem begonnen, denn das erste Mal las ich mich erst um Seite 140 hinein, vor der argentinischen K\u00fcste.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Friedhof kaufe ich einen Blumenstrau\u00df, den ich auf dem Grab des unbekannten Ona-In\u00addianers mit einer tiefen Verbeugung niederlege. Dunkelrot, wie das vergossene Blut, und wei\u00df ist mein Strau\u00df. Beim and\u00e4chtigen Vorbeigehen an anderen Gr\u00e4bern f\u00e4llt mir die sch\u00f6ne Bepflanzung oder auch Wildwuchs auf, teilweise mit niegesehenen Blumen. Einmal entdecke ich die \u201eOrqu\u00eddea silvestre\u201c, die seit Weihnachten auch im Blumenkasten vor meinem E\u00dfzimmer prunkt. Mit solchen Blumen einst auf meinem Grab &#8211; stelle ich mir vor &#8211; w\u00fcrde ich doppelt so gerne verfaulen.<\/p>\n<p><strong>Abendspaziergang Puerto Williams,\u00a0<\/strong>Navarino, 22.30 Uhr<\/p>\n<p>Spielende Kinder. Teilweise sind Yaghan-Einfl\u00fcsse in ihren Gesichtern zu erkennen. Das einzig blonde M\u00e4dchenspricht mich an: \u201e<em>Vienes de la terra<\/em>?\u201c Ob ich von der Erde komme? Ich denke, sie meint damit das Festland oder die gro\u00dfe Insel Feuerland. In jedem Fall bejahe ich. Wir unterhalten uns \u00fcber ihre Schule, \u00fcber die Langeweile auf Navarino und was es zu sehen gibt. Erst sp\u00e4ter f\u00e4llt mir auf, da\u00df <em>terra<\/em> wahrscheinlich ihre Kurzform f\u00fcr \u201eTerra Australis\u201c ist, das Schiff, dessen Passagier ich bin.<\/p>\n<p>Die Wirbelknochen eines Wals geben ein sch\u00f6nes Sitzm\u00f6beldesign ab und laden zum Verweilen ein. Vor dem Museum Martin Gusindes. Friedliche Abendstimmung. Aber die Bucht ruht voller Kriegsschiffe. Das Spielzeug ist l\u00e4ngst am Ende der Welt, war es schon bei seiner Entdeckung.<\/p>\n<p>22.50 Uhr. Eine \u201eVirgen\u201c, mitten in der Einsamkeit der Insel Navarino am Ende der Welt, nachts, von unten mit Kerzen beleuchtet. B\u00e4urische kurzgliedrige Indioh\u00e4nde halten einen Rosenkranz, das einzige Detail, das nicht aus bemaltem Gips ist. Die andere Hand st\u00fctzt unter einem wei\u00dfen Kleidchen einen Jesus, der eine K\u00f6nigskrone tr\u00e4gt. Auf dem Boden stehen bemalte Tonfiguren: ein gefesselter Jesus und eine komplette (kleinere) Krippenausstattung. Eine winzige Ton-Madonna ist der gro\u00dfen Gipsstatue gewidmet, sowie ein Jesuskopf mit einer Dornenkrone, der an der Holzwand hinter der gro\u00dfen blau\u00e4ugigen Statue aufgeh\u00e4ngt ist. Acht der Opferkerzen brennen noch zwischen den Massen von heruntergelaufenem Wachs. Stoffblumen stecken in Porzelan-Blumenvasen oder Trinkgl\u00e4sern. Auch ein Mayonnaisenglas steht dazwi\u00adschen, Marke \u201eHellmanns\u201c. H\u00e4tte der Spender nicht aus Piet\u00e4t das Etikett abl\u00f6sen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Res\u00fcmee der Reise mit der \u201eTerra Australis\u201c: Ich gelangte mit dem Schiff s\u00fcdlich bis Puerto Toro auf der Navarino-Insel und mit dem Flugzeug von Puerto Williams aus bis hinter das Kap Hoorn. Die Bodensicht war klar, Cabo Deceit (das \u201efalsche Kap Hoorn\u201c), die L&#8217;Hermit-Insel und nat\u00fcrlich das Kap Hoorn selbst, an dem die Maschine bis dicht \u00fcber die Meereswellen hinunterging, waren deutlich unter und vor mir. Was mir im vorigen Jahr nicht verg\u00f6nnt war, gelang nun auf Anhieb. Gunther Pl\u00fcschow wird sich an dieser Stelle noch ganz anders gef\u00fchlt haben. Doch unabh\u00e4ngig aller Rekorde, die \u00e4u\u00dfersten Zipfel Land zu se\u00adhen, beeindruckte die Sch\u00f6nheit von so vielem, was auf der Strecke lag: Z. B. der De Agostini-Fjord bis in einen seiner Ausl\u00e4ufer hinein: den Seno Hyatt mit dem Videla-Gletscher. Ein Landgang dort am Sonntag, w\u00e4hrend riesige Eismassen ins Wasser brachen. Vorbei am Monte Sarmiento, an dem eine kleine Gruppe von Passagieren, zu denen ich geh\u00f6rte, mit Ferngl\u00e4sern und Kameras die Erregung des Voyeurs versp\u00fcr\u00adten; auf das Weitertreiben der Gipfelwolken mu\u00dften wir ungeduldig warten, w\u00e4hrend das Schiff beharrlich seinen Kurs verfolgte, der uns immer weiter von diesem sch\u00f6nen Berg entfernte. Montag das Kap Hoorn mit dem Flugzeug, abends das kleine Puerto Williams auf Navarino. Dienstag zum zweiten Mal Ushuaia, wieder mit traumhaftem Wetter. Im Museum Fin del Mundo lie\u00df ich mir die Pl\u00fcschow-Akte bringen und sah erstmals Fotos von seinem und Ernst Dreblows Leichnam und den Tr\u00fcmmern des Flugzeugs im Lago Argentino. Mittwochs nochmals Harberton und bis ans Ostende des Beagle-Kanals, wo die Inseln Picton, Lennox und Nueva liegen. Donnerstag der Garibaldi-Gletscher aus der N\u00e4he und Landgang \u00fcber die Insel Pirincho. Alle Gletscher des Beagle-Kanals und das Ende der Welt, und doch ersetzte es nicht die Fahrt mit dem Katamaran durch den Nordarm des Lago Argentino, wo an der M\u00fcndung des Upsala-Gletschers solche Eisberge schwammen, da\u00df ich mich bereits in der Antarktis glaubte &#8211; Brocken von \u00fcber hundert Metern (allein \u00fcber der Oberfl\u00e4che). Heute die Pinguinkolonie auf der Magdalenen-Insel und fast schon wieder in Punta Arenas. Urspr\u00fcnglich hatte ich diese Reise f\u00fcr meinen vierzigsten Geburtstag vorgesehen. Da aber war schon alles ausgebucht, und ich feiere ihn illegalerweise heute &#8211; genau eine Woche zu fr\u00fch. Die Pinguine wahrten vollkommen die Etikette. Aber eine Feier war jeder Tag. Vorgestern abend, noch einmal an Ushuaia vorbeifahrend, warf ich auf dem Heck mein halbleeres Whiskyglas \u00fcber Schulter und Reling ins Wasser und w\u00fcnschte mir wiederzukommen.<\/p>\n<p><strong>Punta Arenas, 28. Januar<\/strong><\/p>\n<p>Wiederkommen &#8211; da w\u00e4re noch die Geschichte der Calafatebeere. Auf meinen Spazierg\u00e4ngen in argentini\u00adschen \u201eEl Calafate\u201c und auf dem Weg dorthin, in der Pampa, hielt ich diesmal vergebens nach dem gelb\u00adbl\u00fchenden, stacheligen Strauch mit den violettblauen Beeren Ausschau. Ebenso beim Kraxeln am Videla-Gletscher, auf der Insel Pirincho im Garibaldi-Fjord oder in der N\u00e4he von Puerto Williams auf Navarino. Die Harberton-Farm hatte zwar einen einsamen Strauch dieser Art vorzuweisen, aber der trug keine Bee\u00adren. In diesem Jahr nicht von der Calafate naschen?<\/p>\n<p>Zur Abrundung der Reise heute im \u201eMes\u00f3n del Calvo\u201c in Punta Arenas bestellte ich einen patagonischen Lammbraten. Die So\u00dfe? Knoblauch schlug der Kellner vor. Aber den hatte ich schon in der Suppe. Ros\u00admarin? Aber der w\u00e4chst ja bei mir zuhause auch &#8211; im Blumenkasten. Und dann unverhofft: Calafate. Eine So\u00dfe aus den Beeren? zum ersten Mal nach viereinhalb Jahren auf diesem Kontinent ist mir das angeboten worden. Ich griff sofort zu. Die Wiederkehr ist gesichert.<\/p>\n<p>[Weitere Reise nach drei Tagen Santiago zwischendurch, um mein Postfach zu leeren und sieben Briefe zu schreiben:]<\/p>\n<p><strong>Puerto Varas, 2. Februar &#8217;95<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6gen die Varmontt-Busse die bequemsten sein, die Chile zu bieten hat &#8211; an den Komfort eines Zuges rei\u00adchen sie bei weitem nicht heran. Bei einundzwanzig Personen in einer Kabine ist es unm\u00f6glich, da\u00df nicht ein Schnarcher dabei ist. Wieviel Hosen nimmt man auf eine Reise mit? Zwei? Drei? Eine Nacht in einem Bus in seiner Kleidung gen\u00e4chtigt, und ein Hemd und eine Hose sind hin\u00fcber, zerknautscht, f\u00fcr die restli\u00adche Reise unbrauchbar. Dann kam das Absurdeste: Der Bordkellner legte ein Kissen auf den Scho\u00df eines jeden Passagiers, legt ein Deckchen dar\u00fcber und darauf ein hei\u00dfes Plastiktablett mit mittelm\u00e4\u00dfigem Essen. Wer sich bei dieser wackligen Angelegenheit beim Zerlegen des knorpeligen H\u00fchnchens nicht das Hemd mit Fett bespritzt, ist ein erfahrener Busreisender. Mir fehlt bei jeder Speise in Chile die W\u00fcrze, speziell der Pfeffer. Erwartungsgem\u00e4\u00df war in dem Plastikt\u00fctchen mit Messer, Gabel, \u00fcbergro\u00dfem L\u00f6ffel (wozu, wenn&#8217;s keine Suppe gibt? &#8211; nicht geben kann bei dem Gewackel) zwar ein Papierserviettchen und Salz mi\u00adtabgepackt, aber kein Pfeffer. Vorsorglich halte ich ein kleines Portionsp\u00e4ckchen davon griffbereit in mei\u00adner Tasche.<\/p>\n<p>Beim Schneiden mu\u00df man die Ellbogen nah an seinen K\u00f6rper halten, links ist die Fensterscheibe, und rechts l\u00e4uft der Kellner unentwegt im Gang hin und her. Doch ist beim Essen die Freiheit noch gro\u00df im Vergleich zum anschlie\u00dfenden Z\u00e4hneputzen in einem Kabuff, in dem man sich nicht umdrehen kann. Das Waschbecken hat die Gr\u00f6\u00dfe einer Tafel Schokolade, und der Wasserstrahl spritzt nur aus dem R\u00f6hrchen, solange man mit einer Hand einen Knopf runterdr\u00fcckt. Einhandwaschen in Temuco. Papierhandt\u00fccher, die sich zwischen den Bartstoppeln aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Mein Zugabteil letztens, auf der gleichen Strecke, war kaum mehr als doppelt so teuer, bot aber ein Vielfa\u00adches an Bequemlichkeit. Ich wollte auch dieses Mal wieder mit der Bahn fahren, dort aber waren alle Ein\u00adzelabteils schon auf Tage ausgebucht. Um meinen 40. Geburtstag nicht in Santiago verbringen zu m\u00fcssen, blieb mir nur der Bus, und Varmontt, sagte man mir, sei Spitzenklasse.<\/p>\n<p>Es geht mir aber auf einer solchen Reise nichts \u00fcber ein abschlie\u00dfbares Zugabteil, das ich f\u00fcr mich allein habe, auch wenn es noch so sehr wackelt. Man kann seinen Schlafanzug anziehen oder auch nicht anzie\u00adhen, hat ein Waschbecken f\u00fcr sich, das in einer breiten Konsole eingelassen ist, zwei ger\u00e4umige Samtpol\u00adster-Sitzb\u00e4nke und ein gemachtes Bett. Das Zugrestaurant ist nicht nur sch\u00f6n, es gibt auch Auswahl, und \u00fcberdies steht auf jedem Tisch ein Gestell mit \u00d6l und Essig, Salz und &#8211; Pfeffer! Da f\u00e4ngt der Urlaub schon an der Zentralstation in Santiago an, und morgens beim Fr\u00fchst\u00fcck zwischen Osorno und dem Llanquihue-See bin ich bereits erholt. Das Fr\u00fchst\u00fcck im Bus habe ich glattweg abgelehnt, als ich die Tabletts auf den Sch\u00f6\u00dfen meiner Mitreisenden sah: die Br\u00f6tchen wirkten wie feuchte Pappe (obwohl ein Mikrowellenherd zur Busausstattung geh\u00f6rt), der Kaffee wird, wie fast \u00fcberall in Chile, aus einem T\u00fctchen mit Pulver auf\u00adgebr\u00fcht. Um sieben Uhr bereits ri\u00df der Kellner mit einem Ruck die Vorh\u00e4nge auf. Das Licht der tiefste\u00adhenden Sonne bi\u00df grell in die beschlagenen Fensterscheiben und schmerzte selbst noch durch die geschlos\u00adsenen Augenlider. Acht Uhr Osorno (deshalb mu\u00dften die anderen so fr\u00fch fr\u00fchst\u00fccken). Im Zug dagegen schlief ich bis neun, und es war noch immer reichlich Zeit bis zur Ankunft in Puerto Varas. Im Zug kann man (schwankend) spazierengehen und wartet nicht darauf, da\u00df der Vordermann endlich seine Sitzlehne hochklappt.<\/p>\n<p>Ich bin kein Eisenbahnfanatiker, war es jedenfalls in Europa nie. Aber ich denke, bestimmte Institutionen &#8211; \u00f6ffentliche Bibliotheken, staatliche Universit\u00e4ten, st\u00e4dtische Theater oder ein landesweites Eisenbahnnetz &#8211; sollten mit Steuergeldern subventioniert werden, um ein gewisses Lebensniveau zu halten. Kurz: Es geht um die \u00dcberlegenheit der sozialen Marktwirtschaft gegen\u00fcber der freien.<\/p>\n<p><strong>Petrohu\u00e9, 2. Februar<\/strong><\/p>\n<p>Spaziergang auf den Osorno zu. Der Wald, der den Vulkan s\u00e4umt, ist undurchdringlich. Wo sich aber die abschmelzenden Schneemassen ihren Weg gebahnt haben, ist der Boden schwarz und por\u00f6s-steinig. Ich stiefle \u00fcber Schutt und Asche. Wo es geht, weiche ich auf den Moosteppich aus, der st\u00fcckweise die R\u00e4nder des Gletscherabflusses begleitet.<\/p>\n<p>Der Osorno ist wolkenfrei und steht wei\u00df, schwarz und gr\u00fcn in aller Pracht vor mir. Wenn ich zur\u00fcck\u00adblicke, liegt dort t\u00fcrkisfarben der Todos-Los-Santos-See mit der Margariten-Insel, dahinter eine Felswand, und links vom See ragt die zerknautschte Spitze des Puntiagudo steil auf.<\/p>\n<p>Da es abzusehen ist, da\u00df ich an diesem Nachmittag ohnehin auf keine repr\u00e4sentative H\u00f6he mehr gelangen kann, \u00e4ndere ich nach einer Stunde meine Richtung. Nun gilt es, ein breites Feld aus anthrazitfarbenem Lavager\u00f6ll zu \u00fcberqueren, das gar kein Ende nehmen will. Pl\u00f6tzlich steht mitten in dieser Mondlandschaft ein einzelner kahler Baumstamm, den der Strom nicht hat entwurzeln und mit sich rei\u00dfen, wohl aber ent\u00adlauben k\u00f6nnen. Wie ein Wunder ragt sein heller, glatter Stamm \u00fcber dem schattigen Steinfeld auf, ein Re\u00adlikt des Lebens. Ich laufe auf die bewaldete Bergwand zu, vor der ich die Petrohu\u00e9-Wasserf\u00e4lle vermute. Ein abzweigendes Lavafeld scheint einen Zugang zu der Stra\u00dfe zu bahnen, die am Petrohu\u00e9flu\u00df entlang\u00adf\u00fchrt. Ich folge ihm. Und stehe wenig sp\u00e4ter in undurchdringlichem Wald. Der L\u00e4rm der Wasserf\u00e4lle ist gut lokalisierbar, aber das trockene Flu\u00dfbett, auf dem ich bis hierher gefunden habe, f\u00fchrt nicht weit ge\u00adnug ins Tal hinab. Ich mu\u00df zur\u00fccklaufen und probiere einen abzweigenden, breiteren Lavaschuttweg aus, der tiefer in den Wald hineinf\u00fchrt. Aber auch er versiegt im Geb\u00fcsch. Ich gehe weit zur\u00fcck und w\u00e4hle jetzt den Hauptstrom. Tief hat er sich eingefressen. Die Erdw\u00e4nde rechts und links, auf denen der Wald steht, steigen an. Aber mein jetziger Weg f\u00fchrt weit hinab und verspricht, auf die Stra\u00dfe zu f\u00fchren und \u00fcber sie hinweg bis zum Petrohu\u00e9flu\u00df. Der Osorno, den ich zuletzt im R\u00fccken hatte, verschwindet hinter einer Bie\u00adgung. Wie mag sich jemand f\u00fchlen, der vom Flu\u00dflauf, von der Stra\u00dfe kommend, in umgekehrter Richtung wandert und die wei\u00dfe Majest\u00e4t nach einer Biegung unvermittelt vor sich stehen sieht? Den Wasserfall h\u00f6re ich nun ganz nahe. Dort unten mu\u00df die Stra\u00dfe liegen. Und das tut sie! Aber sie liegt sehr tief unten. Mein Flu\u00dfbett f\u00fchrt nicht nur zu ihr hin &#8211; es f\u00e4llt auf sie hinab. Senkrecht. Man sieht die Wirbel, die der rei\u00dfende Strom in den Stein gefressen hat. Glattgeschliffen ist der Fels, wo sich das Wasser durch die Enge gepre\u00dft hat, um im Bogen auf die Stra\u00dfe zu st\u00fcrzen. So blankgeputzt die Steine, da\u00df ich auf dem Hosenbo\u00adden durch diese H\u00f6hlung hinabrutschen k\u00f6nnte, in meinen Tod. Durch den hohen Wald beiderseits der Schlucht ist kein Ausweichen. Notgedrungen belasse ich es diesmal beim blo\u00dfen H\u00f6ren der Wasserf\u00e4lle und steige das schwarze Aschental wieder an, um \u00fcber ein immens weites Lavaschuttfeld im rechten Win\u00adkel abzusteigen in Richtung des Sees und des Hotels.<\/p>\n<p><strong>3. Februar<\/strong><\/p>\n<p>Mein vierzigster Geburtstag. Um Mitternacht lasse ich mir einen Eisk\u00fcbel mit einer Sektflasche auf mein Zimmer bringen, schiebe eine Sakamoto-Cassette (\u201eSweet Revenge\u201c) in mein kleines Diktaphon, \u00f6ffne das Fenster, hinter dem sich, nachdem der Stromgenerator des Hauses abgestellt worden ist, eine dunkle Nacht mit einem leuchtenden Sternenhimmel breitmacht, lasse den Korken knallen und proste meinen Lieben in allen Teilen der Welt zu. Immer mehr Menschen kommen mir in den Sinn, die ich im Laufe meiner ersten vierzig Jahre kennengelernt habe und die ich, ohne ihr Wissen, an meiner Feier teilnehmen lasse. Ich tanze und segne die Luft und das Vordach des Hotels mit den Sektresten der nicht leergetrunkenen Gl\u00e4ser.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen die Fahrt mit dem Dampfer \u00fcber den Todos-Los-Santos-See, Pause auf der anderen Seite beim Hotel Peulla, dann ein St\u00fcckchen Busfahrt. Wo der dichte Urwald einen Ausblick freigibt tau\u00adchen die Gipfelgletscher des m\u00e4chtigen Tronador auf. In Puerto Fr\u00edas endlich die argentinische Grenze. Ich atme auf. Ich bin am Ziel. Eine gro\u00dfe Gelassenheit erf\u00fcllt mich. Alles Weitere ist paradiesisch: ein Spa\u00adziergang vorbei an dickst\u00e4mmigen Urwaldriesen und dicht wuchernder Colihue, eine Bootsfahrt \u00fcber den Lago Fr\u00edas mit seinen senkrechten Felsw\u00e4nden, die nach einer Biegung den Gipfel des Tronador verstec\u00adken. Wieder ein St\u00fcckchen Landweg in einem sehr alten, gem\u00fctlichen Bus von Puerto Alegre am Nordende des Sees bis Puerto Blest am Lago Nahuel Huapi und wieder eine Fahrt im Katamaran, \u00e4hnlich dem auf dem Lago Argentino, Kaffee aus der Espressomaschine, Gl\u00fcck. Das Zauberberghotel Llao Llao ist mein Geburtstagshotel auf argentinischer Seite. Ich genie\u00dfe den Swimmingpool, den Fitne\u00dfraum und eine Mas\u00adsage, bevor ich mich zum Abendessen ins Restaurant begebe. Ein gutes Fleisch mit einer frischen Pilzso\u00dfe, was will man mehr! Als ich kurz vor Mitternacht in mein Zimmer zur\u00fcckkehre, hat der aufmerksame Ho\u00adtelmanager f\u00fcr mich eine Flasche Champagner und eine kleine Geburtstagstorte auf die Konsole stellen las\u00adsen. So mu\u00df ich denn wohl den Tag ebenso beenden, wie er begonnen hat, nur besser. Ich \u00f6ffne das Fen\u00adster zum Nahuel-Huapi-See, denke noch einmal trinkend an alle meine Lieben und schleudere die Cham\u00adpagnerreste in Richtung des Sees.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Vormittag eine Kanufahrt vom hoteleigenen Bootssteg auf dem Lago Moreno. Nachmittags ein ausgedehnter Spaziergang \u00fcber die Halbinsel. Ein rundum sch\u00f6ner Tag: Ein gut gepflegter Wanderweg f\u00fchrt durch wildesten Urwald. Baumriesen mit St\u00e4mmen von drei Metern Durchmessern liegen \u00fcber dem Weg, in manche hat die Naturparkverwaltung Stufen hineingeschlagen, Die dichte, bambus\u00e4hnliche Coli\u00adhue bildete einen lindgr\u00fcnen, schattigen Tunnel. Ein Hain mit den blanken, r\u00f6tlich-glatten St\u00e4mmen des Array\u00e1n, eine Myrtenart: Ich habe noch nie solch einen Wald gesehen. Auf dem Weg zum Lago Escondido und zur\u00fcck versp\u00fcre ich stark den Wunsch, lange zu verweilen, mich vielleicht sogar einmal endg\u00fcltig in der Gegend des Nahuel Huapi niederzulassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Texte vom alten PC und Handschriften &#8211; m\u00fcssen noch eingegeben werden] W. Cz. 25.09.2014 Von mehreren Aufzeichnungen ist mir zurzeit nur das folgende Tagebuch leicht zug\u00e4nglich: S\u00fcdchile Im Zug von Santiago nach Puerto Varas, Donnerstag, 14. Januar 1995, nach 18.15 Uhr: Bis zum Moment der Abreise herrscht wildeste Hektik, danach eine entspannte Gleichg\u00fcltigkeit. Nicht nur &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=443\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;094 &#8211; Patagonische Aufzeichnungen&rsquo; &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/443"}],"collection":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=443"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1582,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions\/1582"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}