{"id":392,"date":"2014-09-24T23:49:01","date_gmt":"2014-09-24T21:49:01","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=392"},"modified":"2019-06-01T15:30:34","modified_gmt":"2019-06-01T13:30:34","slug":"118-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=392","title":{"rendered":"118 &#8211; Produktion ohne Produkte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ, 118. Teilabriss<\/p>\n<p>\u00a0<strong>PRODUKTION OHNE PRODUKTE<\/strong><\/p>\n<p>Eine Produktion ohne Produkte. Es fehlt der Mensch, der meinen Schaffensprozess portioniert. Aber im Grunde fehlt er nicht. Wir brauchen nicht noch mehr Gegenst\u00e4nde. Bewusstsein statt Materie. Qualia.<\/p>\n<p>Die Kunst von uns Au\u00dfenseitern kennt keinen Anfang und kein Ende.<\/p>\n<p>Wir verwenden kaum Zeit auf die Organisation von Arbeitsmaterial, nehmen, was da ist. Fehlt es an einer Leinwand, wird der Schrank bemalt; sind alle vier Seiten randvoll mit Zeichen, wird er umgekippt und die Oberseite bemalt. Dann die Unterseite.<\/p>\n<p>Uns ist egal, wer das sehen soll; wir wissen von unsichtbaren Augen, die unser Tun verfolgen.<\/p>\n<p>Alles h\u00e4ngt zusammen, ohne Hierarchien, ohne Filter, das Heilige neben Details aus dem Alltag.<\/p>\n<p>Dem Kunstwerk fehlen die R\u00e4nder, nur der Gegenstand h\u00f6rt irgendwo auf. Vielmehr, sie fehlen nicht, die R\u00e4nder, sie machen deutlich, dass alles Zentrum ist.<\/p>\n<p>Es gibt Zirkulation von Themen und Motiven, keinen Aufbau.<\/p>\n<p>Gigantisch und minuzi\u00f6s, bedeutungs\u00fcberladen und banal, wer kann werten?<\/p>\n<p>Es ist eine Produktion abseits der M\u00e4rkte, auch wenn sich der Markt auf einen von uns st\u00fcrzen sollte. Verk\u00e4uflichkeit war nicht der erste Gedanke des K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>Gibt es einen Galeristen, muss er uns das Werk unter den H\u00e4nden wegrei\u00dfen. Wir wissen nicht, wann ein Werk fertig ist, es ist nie fertig.<\/p>\n<p>Produkte kennt der Markt, f\u00fcr den K\u00fcnstler gibt es nur das Produzieren. Auswahl w\u00e4re willk\u00fcrlich, vielleicht zerst\u00f6rerisch.<\/p>\n<p>Wir zeichnen uns in unsere Werke mit ein; Bilderraub w\u00e4re Seelenraub.<\/p>\n<p>Wir Au\u00dfenseiter-K\u00fcnstler wissen fast immer, warum sich in einem Kunstwerk etwas (ein Motiv, ein Zeichen, eine Farbe, ein Gegenstand \u2026.) an einer bestimmten Stelle befindet, k\u00f6nnen es meistens aber nicht verst\u00e4ndlich erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb des Wettbewerbs ist das Schaffen ein Ritual. Es versucht Ausgleich herzustellen, w\u00e4hrend der Wettbewerb Ungleichheit schafft.<\/p>\n<p>Der Au\u00dfenseiter ist keine marginale Existenz. Er ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr den Zusammenhalt der Welt. W\u00e4hrend die, die man jetzt im Zentrum glaubt, die Welt auseinanderfallen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erster Satz: Ich bin der wichtigste Mensch. Zweiter Satz: Wenn 7,6 Milliarden Menschen (der Z\u00e4hler l\u00e4uft mit) diese Aussage f\u00fcr sich ebenfalls in Anspruch nehmen \u2013 nichts dagegen. Sie alle haben Recht.<\/p>\n<p>W\u00e4re die Welt ein Filmfestival, liefe mein Film au\u00dferhalb des Wettbewerbs. Das hindert mich nicht, von meiner gigantischen Bedeutung auszugehen, und von meiner ratzekahlen Unbedeutsamkeit, was aufs selbe hinausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>30. April: F\u00fcr heute habe ich mir vorgenommen, Geld an das Finanzamt zur\u00fcckzuzahlen. Das wird eine magische, eine rituelle, Handlung werden, die Ausgleich herstellt. F\u00fcnf Jahre lang hat das Amt misstrauisch be\u00e4ugt, ob mit meiner Art des Wirtschaftens es meine Absicht kann, Gewinne zu erzielen, und ist nun zu dem Schluss gekommen: Es kann es nicht. Daher muss ich alle Steuererstattungen von f\u00fcnf Jahren zur\u00fcckzahlen. Das ist gerecht.<\/p>\n<p>Dennoch ersch\u00fcttert mich das Urteil in meiner Existenz. Nicht, dass ich nun beginnen w\u00fcrde zu sparen. Nein, auch auf der n\u00e4chsten Reise werde ich leben wie der gro\u00dfe Gatsby. Aber 5.900 Euro sind auch f\u00fcr mich nicht bedeutungslos. Die zahle ich nicht mal so nebenbei, ohne nachzudenken. Die Feststellung der fehlenden Gewinnerzielungsabsicht betrifft meine Identit\u00e4t, ist geeignet, meiner Arbeit ein neues Konzept zu geben. Nicht das der Liebhaberei, wie die Beh\u00f6rde es sehen m\u00f6chte. Sondern eine intensive Produktion abseits der M\u00e4rkte. F\u00fcr die fast sechstausend Euro, die ich zahle, m\u00f6chte ich auch etwas zur\u00fcckbekommen. Das ist nur gerecht. Ein neues Selbstverst\u00e4ndnis, eine Revolution zumindest. Gr\u00fcnder einer Bewegung der Nicht-Marktkonformen. Ein Wirtschaften, das an Marcel Mauss\u2018 und Georges Batailles Arbeiten ankn\u00fcpfen k\u00f6nnte, das aber eigentlich noch viel weiter gehen muss. Ein Aufstand der Verr\u00fcckten, nicht kleckerweise hier und da mal ein Akti\u00f6nchen, ein die Sehgewohnheiten irritierender Film oder ein weiteres bel\u00e4cheltes Manifest. Nein, eine geballte Ladung Verr\u00fccktheit in die Welt, anders als der Unsinn, den wir kennen und der die Welt zerst\u00f6rt. Ein Wirtschaften vielmehr, das die Welt rettet. Die Selbstaufgabe.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine gute Gesch\u00e4ftsbeziehung ist es elementar, dem anderen nichts verkaufen zu wollen, so wie es in einer Freundschaft selbstverst\u00e4ndlich ist, den Freund um nichts zu bitten, oder wie es f\u00fcr das gute Betriebsklima wichtig ist, dem Kollegen keine Arbeit aufzub\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[aus dem Notizbuch Nr. 68]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ, 118. 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