{"id":328,"date":"2014-09-24T22:15:22","date_gmt":"2014-09-24T20:15:22","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=328"},"modified":"2014-09-24T22:15:22","modified_gmt":"2014-09-24T20:15:22","slug":"148-qualia-oder-das-muss-man-erlebt-haben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=328","title":{"rendered":"148 &#8211; QUALIA, oder: \u201eDas muss man erlebt haben\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 148. Teilabriss [wenn \u00fcberhaupt]<\/p>\n<h1><strong>QUALIA, oder: \u201eDas muss man erlebt haben\u201c<\/strong><\/h1>\n<p>Bei der Frage, wie sich Qualia ins Werk einbringen lassen, muss ich an eine Situation in der Literaturwerkstatt denken, die ich an der Volkshochschule Essen geleitet habe.<\/p>\n<p>Eine neue Teilnehmerin las uns zum ersten Mal einen selbstgeschriebenen Text vor. Darin ging es um einen Zirkusartisten \u2013 Trapezk\u00fcnstler oder Seilt\u00e4nzer \u2013, der abst\u00fcrzte und, ich wei\u00df nicht mehr genau, entweder auf der Stelle tot war oder zun\u00e4chst gel\u00e4hmt und sp\u00e4ter gestorben, oder er lebte noch, aber verkr\u00fcppelt. W\u00e4hrend die Jungautorin las, verdrehte ich innerlich die Augen, denn so konnte man die Geschichte nicht erz\u00e4hlen. Den anderen Kursteilnehmenden schien es \u00e4hnlich zu gehen. Nachdem wir die Geschichte zu Ende geh\u00f6rt hatten, begannen alle nach einem Moment der Ratlosigkeit, den Text auseinanderzunehmen. Der Autorin kamen die Tr\u00e4nen. Man sp\u00fcrte, dass die Geschichte des Trapezk\u00fcnstlers (oder Seilt\u00e4nzers) sie sehr bewegte, aber der Text hatte bei uns nicht mehr Anteilnahme ausgel\u00f6st als eine Kurzmeldung in der Lokalzeitung: Zirkusartist abgest\u00fcrzt. Bedauerlich, ja.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die erfahreneren Mitglieder der Literaturwerkstatt Ideen entwickelten, wie sich der Text verbessern lie\u00dfe, sagte die Autorin immer wieder, \u201eAber so war es nicht\u201c, und sprach \u00fcber ihre Erlebnisse mit dem Akrobaten, der ihr Freund und Geliebter war. Wir sagten, was sie da erz\u00e4hle, das m\u00fcsse in den Text hinein, sonst verstehe man das nicht. Doch das war ihr zu intim, und sie begann uns unsere mangelnde Sensibilit\u00e4t vorzuwerfen.<\/p>\n<p>Als sie den einzigartigen Humor des Verungl\u00fcckten erw\u00e4hnte, meinte ein Teilnehmer: \u201eVon Humor habe ich in der Geschichte gar nichts bemerkt.\u201c Darauf sie: \u201eDen kann man auch nicht beschreiben, den muss man erlebt haben.\u201c<\/p>\n<p>Sie benennt damit ein Problem, mit dem sich wohl die meisten Autoren herumschlagen: Wie einen Menschen, dem man im Leben begegnet ist, seine Besonderheit, seinen Humor, der oft ohne die Situation, die ihn hervorbrachte, so gar nicht komisch ist, wie das in gute Literatur verwandeln? Daf\u00fcr gibt es exzellente Beispiele \u2013 bei Proust, bei Nabokov und vielen anderen. Mit viel M\u00fche und besonderem Talent lie\u00dfe sich diesem Anspruch nahekommen. Nicht minder talentierte Autoren versuchen erst gar nicht, Erlebtes nachzubilden; sie erfinden sich ihre Figuren (Georg Klein w\u00e4re in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur daf\u00fcr ein gutes Beispiel).<\/p>\n<p>Im Erfinden bin ich nicht besonders phantasievoll. Das Festhalten von Erlebtem, auch das Andenken an Personen wachhalten, geh\u00f6rt zu meinen bevorzugten Schreibanl\u00e4ssen. Ein Satz wie \u201eDas muss man erlebt haben\u201c kommt einer Kapitulation gleich. Und doch beschreibt er recht zutreffend, was die Qualia in meinem Werk sein k\u00f6nnten. Meine Skepsis der Vermittelbarkeit von Bewusstseinsinhalten und gelebtem Leben. Mein Leben muss man gelebt haben. (Problematisch wird es, wenn ich es selbst nicht gelebt habe.)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 [Notizbuch vom 24.08.2014, letzter Eintrag]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 148. Teilabriss [wenn \u00fcberhaupt] QUALIA, oder: \u201eDas muss man erlebt haben\u201c Bei der Frage, wie sich Qualia ins Werk einbringen lassen, muss ich an eine Situation in der Literaturwerkstatt denken, die ich an der Volkshochschule Essen geleitet habe. 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