{"id":284,"date":"2014-09-24T20:57:50","date_gmt":"2014-09-24T18:57:50","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=284"},"modified":"2019-05-01T17:31:39","modified_gmt":"2019-05-01T15:31:39","slug":"158-nachts-auf-dem-schoeppinger-berg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=284","title":{"rendered":"158 &#8211; Nachts auf dem Sch\u00f6ppinger Berg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ, 158. Teilabriss<\/p>\n<p>[Dieser im Sommer 2005 entstandene Text existiert als Fragment von ca. 3 Seiten auf der Festplatte meines PCs; das Ende ist noch nicht ausgef\u00fchrt; die Ver\u00f6ffentlichung an dieser Stelle erfolgt nach l\u00e4ngerem Zaudern am 1. Mai 2019; W. Cz.]<\/p>\n<h1>NACHTS AUF DEM SCH\u00d6PPINGER BERG<\/h1>\n<p>Ich habe ein St\u00fcck aus mir herausgerissen. Ein Tier flog mich an. Ein Brummer. Aber ich h\u00f6rte nichts. Ein dickes lautloses Insekt oder eine Eichel, die aus einer Baumkrone herabfiel. Oder eine Buchecker oder ein herabfallender Zweig. Ein Schlag traf mich an der Schulter. Er hatte zugleich etwas Elektrisches, etwas Muskul\u00e4res. Als ob eine sich entladende Spannung sich mit einem Stechen unter meine Haut bohrte. Oder etwas geplatzt sei, eine Faser gerissen. Ich fasste mit der Hand an die Stelle auf meinem Hemd. Da war etwas dickes Rundes unter dem Stoff, als sei ein Tier unter meinen Kragen geflogen. Ich tastete mit den Fingern unter dem Hemd danach und hatte es schon in der Hand. Etwas Weiches, Kugelf\u00f6rmiges, Warmes, keine Frucht eines Baumes und kein Pflanzenteil. Ich hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger und hatte augenblicklich den Verdacht, dass es eine Zecke war. Meine Angst vor Zecken war enorm. Sie konnten Hirnhautentz\u00fcndung hervorrufen. Ich f\u00fcrchtete sie mehr, als ich W\u00fcrgeschlangen im brasilianischen Urwald gef\u00fcrchtet hatte. Ich merkte, dass sich das K\u00fcgelchen von meiner Haut abl\u00f6sen lie\u00df. Die Zecke war wohl noch dabei, sich in das Gewebe meiner Schulter einzugraben. Sie klammerte sich bereits fest, aber noch hatte ich die Chance, sie daran zu hindern. Mit einer leichten Drehung riss ich sie heraus und hatte sie zwischen meinen Fingern. In der D\u00e4mmerung konnte ich nicht erkennen, was es war, und wollte es auch nicht. In der Angst, die Zecke k\u00f6nne sich in meinem Finger festbei\u00dfen, schleuderte ich sie in den Graben. Jetzt fiel mir ein, dass ich auf der Schulter seit drei\u00dfig Jahren einen Auswuchs hatte, eine etwa erbsengro\u00dfe Ausst\u00fclpung \u00fcber der Haut, wei\u00df und vermutlich mit Eiter gef\u00fcllt, aber kein Pickel, der sich ausdr\u00fccken lie\u00dfe. Ich bin kein Mediziner und wei\u00df nicht, wie so etwas korrekt hei\u00dft \u2013 Warze, Furunkel, Abszess, Eitergeschw\u00fcr? Ich liebe das Wort Schankerbeule, das ich irgendwo in Seefahrergeschichten fr\u00fcherer Jahrhunderte entdeckt haben muss. Aber eine Schankerbeule war die wei\u00df gl\u00e4nzende Knospe auf meiner Schulter sicher nicht. Wenn ich mich gelegentlich beim Rasieren im Badezimmerspiegel betrachtete, habe ich schon manchmal \u00fcberlegt, ob ich sie entfernen lassen sollte. Ein Freund hatte sich einmal eine Warze wegoperieren lassen, war deswegen ambulant im Krankenhaus und lief einige Tage mit einem gro\u00dfen Pflaster herum. Mir war der Aufwand zu hoch, ich konnte mit meiner Schankerbeule leben. Aber lie\u00df sich solch eine Hautausbuchtung, f\u00fcr die \u00c4rzte das Messer ansetzten, einfach so mit einer Bewegung aus der Haut herausrei\u00dfen? Ich kam mir wie einer der Wunderheiler vor, dessen H\u00e4nde durch die Bauchdecke eines Patienten fahren und dessen Organe herausnehmen konnten. M\u00f6glicherweise hatte die schwere Reistasche, die ich tags\u00fcber am Schulterriemen getragen hatte, Vorarbeit geleistet, um jetzt die Eiterbeule mit einer kleinen elektrischen Entladung der Gewebefasern platzen zu lassen. Die Schw\u00fcle der Luft und meine Anstrengung beim Gehen bergauf mochten beg\u00fcnstigend hinzukommen \u2013 ein Schwei\u00dffilm lag auf meiner Haut. Mir kamen mir Zweifel, ob sich die kugelf\u00f6rmige Ausst\u00fclpung \u00fcberhaupt auf dieser oder auf der anderen Schulter befunden hatte. Ich tastete beide Schultern und den Brustkorb unter meinem Hemd ab, konnte aber nichts entdecken. Es war ziemlich sicher die Stelle, die ich mir herausgerissen hatte. W\u00e4hrend es mir wie ein Wunder erschien, dass ich einen \u2013 wenn auch kleinen \u2013 Teil meines K\u00f6rpers, den ich seit mehr als drei\u00dfig Jahren mit mir herumgetragen hatte, mit einem Handgriff von mir abtrennen konnte, kamen mir Bedenken, ob das aus medizinischer Sicht gut war. Ich hatte vage in Erinnerung, dass man kanzer\u00f6se Geschw\u00fclste nicht aufstechen oder aufbrechen sollte, damit die Krebszellen nicht in die Blutbahn gerieten. Wom\u00f6glich hatte ich soeben meinen Sterbeprozess eingeleitet. Meine medizinische Halbbildung f\u00fchrte zu abstrusen Phantasien. Die Vorstellungen, die sich ein Mensch \u00fcber seine vermeintlichen Krankheiten macht, sind f\u00fcr einen Schreibenden allemal spannender als die Gewissheit von Gewebeproben im Labor.<\/p>\n<p>Noch immer war ich mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht doch eine Zecke aus meiner Haut gerissen hatte, die soeben dabei war, ihr menengitis-erzeugendes Gift in meinem K\u00f6rper abzuladen. Oder einen anderen Blutsauger. Ob man die Stelle desinfizieren m\u00fcsse, das Gift aussaugen &#8230; Ich hatte es eilig, ins Helle zu kommen, an meinen Badezimmerspiegel, befand mich aber mitten im Wald. Ich war zu dem Spaziergang \u00fcber den Sch\u00f6ppinger Berg aufgebrochen, weil ich herausfinden wollte, ob es einen Rundweg gab, ohne die Stra\u00dfe entlang laufen zu m\u00fcssen. Beim vorigen Mal war ich auf dem R\u00fcckweg an der Einm\u00fcndung eines Wanderwegs vorbeigekommen, hatte aber auf der anderen Seite des Waldes nicht entdecken k\u00f6nnen, wo der Weg begann. Diesmal ging ich den Weg in umgekehrter Richtung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Waldrand entlang,<\/p>\n<p>Sumpf<\/p>\n<p>Hohes feuchtes Gras<\/p>\n<p>Zecken<\/p>\n<p>Kletten<\/p>\n<p>Nasse Schuhe<\/p>\n<p>Ufo, Traktor<\/p>\n<p>Begegnung mit den Bewohnern des K\u00fcnstlerdorfs, die mich vorbeihasten sehen, blutend, schmutzig, schwei\u00df\u00fcberstr\u00f6mt, als h\u00e4tte ich im Wald einen Mord begangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ, 158. Teilabriss [Dieser im Sommer 2005 entstandene Text existiert als Fragment von ca. 3 Seiten auf der Festplatte meines PCs; das Ende ist noch nicht ausgef\u00fchrt; die Ver\u00f6ffentlichung an dieser Stelle erfolgt nach l\u00e4ngerem Zaudern am 1. Mai 2019; W. Cz.] NACHTS AUF DEM SCH\u00d6PPINGER BERG Ich habe ein St\u00fcck aus &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=284\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;158 &#8211; Nachts auf dem Sch\u00f6ppinger Berg&rsquo; &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/284"}],"collection":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=284"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/284\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1434,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/284\/revisions\/1434"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=284"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=284"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}