{"id":248,"date":"2014-09-24T00:05:17","date_gmt":"2014-09-23T22:05:17","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=248"},"modified":"2014-09-24T00:05:17","modified_gmt":"2014-09-23T22:05:17","slug":"172-depression","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=248","title":{"rendered":"172 &#8211; Depression"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 172. Teilabriss<\/p>\n<h1>Depression<\/h1>\n<p>Von einem Nationaltorh\u00fcter namens Robert Enke erfuhr ich erstmals, als er sich das Leben genommen hatte. Ich muss ihm dankbar sein. Der Freitod eines Leistungssportlers lenkt viel st\u00e4rker die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf die Volkskrankheit Depression, als wenn sich im Laufe eines Jahres zweihundert schwerm\u00fctige Schriftsteller umbringen.<\/p>\n<p>Eine Stelle aus meinem Roman \u201eSportreport\u201c, erz\u00e4hlt aus der Perspektive des Sportreporters Arnold Schwedt, der vom freiberuflichen Kulturjournalisten Justin Stoyke zu einem Fu\u00dfballspiel begleitet wird:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Als die Partie in der zweiten Halbzeit durchhing, kam Stoyke auf einen Kinofilm zu sprechen. \u00dcber eine Geisha. Dort gebe es eine Szene, in der sich die junge Geisha \u2013 noch in ihrer Ausbildung \u2013 im Publikum eines Sumo-Ringkampfes befinde. Sie bittet einen erfahrenen Herrn, ihr die Besonderheit dieses Sports zu erkl\u00e4ren. Er antwortet: \u201eDrei Dinge im Leben sind wichtig: Sumo, Business und Krieg. Wer das eine begriffen hat, kennt sie alle.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Ich hatte den Film nicht gesehen und verstand nicht, was an dieser Aussage so au\u00dfergew\u00f6hnlich sein sollte. H\u00e4tte auch von mir stammen k\u00f6nnen \u2013 wenn man das Sumo-Ringen auf die westlichen Sportarten ausweitet.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Stoyke r\u00e4umte freim\u00fctig ein: \u201eIch habe bis heute alles drei nicht be\u00adgriffen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Stoyke bin ich. Thema Krieg: War schon meine bei der Gesinnungspr\u00fcfung vor dem Wehrdienstverweigerungsausschuss vorgebrachte Haltung die Frucht meiner Depression? Das Lebensgef\u00fchl, nicht eingreifen zu k\u00f6nnen oder zu wollen. Nicht, dass ich pl\u00f6tzlich mit 54 Jahren dem Krieg das Wort reden m\u00f6chte. Aber ich beginne, meine Geschichte als eine gelebte Depression zu begreifen.<\/p>\n<p>Depression \u2013 das Menetekel der Wirtschaft und anderer mir fremden Denkweisen. Krieg, Business, Sport. Wettk\u00e4mpfe, Rivalit\u00e4ten, Rankings.<\/p>\n<p>Wie mir dagegen als Siebzehnj\u00e4hriger Samuel Beckett mit seinem ersten Satz aus \u201eMurphy\u201c aus dem Herzen sprach! <em>The sun shone, having no alternative. On the nothing new. <\/em><\/p>\n<p>Es war die Zeit des \u201eFremden\u201c, die Zeit Camus\u2019 und Sartres.<\/p>\n<p>\u00dcber die Musik, die ich mochte und mag, sagen mir Andere \u2013 Freunde wie Rezensenten \u2013, sie sei d\u00fcster. Gegen mein musikalisches Verst\u00e4ndnis wurde ich einmal in einem Plattenladen auf die Dark-Wave-Ecke verwiesen. Zugleich gilt auch, dass der Depressive gegen \u00e4u\u00dfere Aufheiterungsversuche resistent ist. Karneval kann mich in die Flucht jagen, und keine Stimmungskanone der Spa\u00dfgesellschaft heitert mich mehr auf als Komponisten sogenannter dunkler Musik. Von ihnen f\u00fchle ich mich besser verstanden, und schlie\u00dflich sucht jeder sich selbst.<\/p>\n<p>Aber die Depression entscheidet nicht nur die \u00e4sthetischen Vorlieben, sie hat mir meine Biographie geschrieben.<\/p>\n<p>Zu meinem Tagesablauf geh\u00f6rt das Morgentief, die L\u00e4hmung aller Glieder und Gedanken bis in den sp\u00e4ten Vormittag hinein. Gelesene S\u00e4tze muss ich wiederk\u00e4uen, als lernte ich erst m\u00fchsam die Sprache. Ideenflucht, wildes Assoziieren, mangelnde Konzentration, Anst\u00f6\u00dfe und \u00dcberforderung \u2013 f\u00fcnf oder sechs gleichzeitig ge\u00f6ffnete Browser beim Surfen im Internet spiegeln nur ann\u00e4hernd wider, was alles durch meinen Kopf rauscht.<\/p>\n<p>Ein Morgentief bei der Klausur um neun Uhr schw\u00e4chte mir das \u201eSumma cum laude\u201c zum \u201eMagna cum laude\u201c ab. Ich wusste alles; ich konnte nichts zu Papier bringen.<\/p>\n<p>Ob ein besseres Pr\u00e4dikat auf der Promotionsurkunde mir eine andere berufliche Biographie beschert h\u00e4tte? Unerheblich. Denn die Auswirkungen der Uhrzeit auf meine Aufnahmef\u00e4higkeit begannen viel fr\u00fcher. Auf der Realschule (vormittags) war ich ein mittelm\u00e4\u00dfiger Sch\u00fcler, einmal sogar versetzungsgef\u00e4hrdet. Da wurden vermutlich die Weichen gestellt, sp\u00e4ter nicht auf Lehramt, sondern auf Magister zu studieren. Auf dem Abendgymnasium war ich Klassenbester. Das war meine Uhrzeit. Wenn ich wei\u00df, der Tag ist gelaufen, jetzt kann nicht mehr viel schief gehen, lebe ich auf. Schlafenszeit? Nein, noch nicht. Ich habe doch noch gar nichts geschafft und noch so viel zu tun.<\/p>\n<p>Bereits nachmittags k\u00fcndigt sich der zu erwartende Abendfriede an.<\/p>\n<p>Meine Bewerbungsgespr\u00e4che beim DAAD: vormittags, und ich kam nicht nach Shanghai. Nachmittags: Ich kam nach Brasilien. Nachmittags: Ich kriegte die Stelle als Fachbereichsleiter, von der ich regelm\u00e4\u00dfig vormittags \u00fcberfordert bin \u2013 Anrufe, Besuche, E-Mails hageln zu schnell auf mein verlangsamtes Reaktionsverm\u00f6gen ein. Am Feierabend dann der Schreibrausch.<\/p>\n<p>Trotzdem verspr\u00fchen auch die im Rausch runtergeschriebenen Texte mein depressives Selbstverst\u00e4ndnis. Leser lehnen sie mehrheitlich ab. Ihre Haltung passt eher in die Nachkriegsdepression als zu dem seit den Achtzigerjahren siegreichen Erfolgsdenken, das auch durch die gegenw\u00e4rtige Wirtschaftskrise nicht ersch\u00fcttert wird. Im Gegenteil: Es scheint, als sei der Zweifel an allem und jedem ein Luxus der Wohl\u00adstands\u00adgesellschaft gewesen.<\/p>\n<p>Und wie sieht es mit dem verminderten Selbstwertgef\u00fchl aus, das den depressiven Menschen kennzeichnet? Ich rette mich gern in Pauschalierung: Wer wei\u00df, ob nicht die gesamte Menschheitsgeschichte nur eine Episode in der Ewigkeit des Kosmos ist? Das entlastet mich unbedeutendes Einzel-Individuum.<\/p>\n<p>Die Depressionsforschung hat verschiedene Thesen aufgestellt. Nicht ausreichende positive Verst\u00e4rkung im Sozialleben, Ersch\u00f6pfungsdepression, aber auch genetische Ursachen, bakterielle Erkrankungen und allgemein die im K\u00f6rper sich abspielenden chemischen Prozesse schreiben unsere Biographien.<\/p>\n<p>Ist es daher nicht bezeichnend, wenn gerade die Einnahme einer chemischen Substanz mir das Mittel gegen Antriebsl\u00e4hmung und Interessenverlust aufzeigte: den F\u00fcrwitz?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 172. Teilabriss Depression Von einem Nationaltorh\u00fcter namens Robert Enke erfuhr ich erstmals, als er sich das Leben genommen hatte. Ich muss ihm dankbar sein. 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