{"id":225,"date":"2014-09-23T23:17:13","date_gmt":"2014-09-23T21:17:13","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=225"},"modified":"2022-02-20T15:06:24","modified_gmt":"2022-02-20T13:06:24","slug":"182-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=225","title":{"rendered":"182 &#8211; Der stoische Roman"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ \u2013 182. Teilabriss<\/p>\n<h1>DER STOISCHE ROMAN<\/h1>\n<\/div>\n<ol>\n<li>Nichts passiert<\/li>\n<li>Die Figuren ver\u00e4ndern sich nicht<\/li>\n<li>Der stoische Roman ist weder plot-driven noch character-driven, es ist kein psychologischer Roman<\/li>\n<li>Die Situation am Ende des Romans ist die gleiche wie am Anfang. Er ist so geschrieben, wie Mr. Endon in Becketts Roman <em>Murphy<\/em> Schach spielt: Nach 43 Spielz\u00fcgen stehen seine Figuren wieder so, als h\u00e4tte er lediglich zwei Bauern ein Feld nach vorn geschoben (e7\u2013e6 und d7\u2013d6) \u2013 das Minimum, um das Spiel in Gang zu halten. Den Rest erledigt der Gegner \/ der Leser<\/li>\n<li>Es gibt einen \u2013 meist m\u00e4nnlichen \u2013 Protagonisten (jedoch von einer m\u00f6glichst wenig ausgepr\u00e4gten M\u00e4nnlichkeit)<\/li>\n<li>Auf innere Monologe wird ebenso verzichtet wie auf personales Erz\u00e4hlen<\/li>\n<li>Es werden keine gro\u00dfen Emotionen beschrieben<\/li>\n<li>Der Protagonist reagiert auf alles gelassen, oder er reagiert gar nicht; er neigt zu Faulheit<\/li>\n<li>Der stoische Roman ist nicht langweilig, daf\u00fcr sorgen die besondere Sprache, die ungew\u00f6hnlichen \u00dcberlegungen und die herausfordernde \u00e4u\u00dfere Situation<\/li>\n<li>Der stoische Roman behandelt weder \u00e4u\u00dfere noch innere Konflikte; er ist nicht spannend<\/li>\n<li>Der stoische Roman variiert altbekannte Themen so, dass man sie neu kennenlernt<\/li>\n<li>Es d\u00fcrfen Elemente vorkommen, die im Leben der meisten Menschen als unrealistisch oder als phantastisch angesehen w\u00fcrden, ohne dass sich der Roman zu sehr an Genres wie Fantasy, M\u00e4rchen, Science-Fiction oder bekannte Formen der Phantastik ann\u00e4hern sollte<\/li>\n<li>Unerkl\u00e4rliches geh\u00f6rt dazu; es werden keine gro\u00dfen Anstrengungen unternommen, das Unerkl\u00e4rliche zu erkl\u00e4ren. Gelegentliches Sich-Wundern geh\u00f6rt zu den legitimen Emotionen des Protagonisten<\/li>\n<li>Der stoische Roman ist im Wesentlichen eine Zustandsbeschreibung, wobei er gew\u00f6hnlich solche Grundsituationen menschlichen Daseins aufgreift, welche die Menschheit immer schon gekannt hat, wie zum Beispiel: eine Mutter haben, einen Vater, Kinder haben oder keine Kinder haben, eventuell Geschwister, Geld verdienen m\u00fcssen, einen Chef oder eine Chefin haben, verkannt werden, neben einem Nachbarn oder einer Nachbarin leben, die gro\u00dfe Weltpolitik nicht beeinflussen k\u00f6nnen, \u00e4lter werden, krank sein, warten, den Tod der anderen beobachten, wenn reisen, dann eher als Dauerzustand denn als neues Erleben, und so weiter. M\u00f6glicherweise befindet sich der stoische Roman auch in einer N\u00e4he zur Allegorie; zwar werden hier nicht unbedingt abstrakte Begriffe (wie \u201eLiebe\u201c, \u201eGerechtigkeit\u201c u. s. w.) personifiziert, aber doch bestimmte, die Zeiten \u00fcberdauernde, Eigenschaften wie z. B. \u201eder Sohn einer Mutter \/ eines Vaters sein\u201c ausgef\u00fchrt<\/li>\n<li>Der Protagonist des stoischen Romans sucht die Best\u00e4ndigkeit. Justus Lipsius\u2018 <em>De Constantia Libri Duo<\/em> k\u00f6nnten als Paten der Gattung gelten, wenngleich sie als dialogische Abhandlung verfasst sind. M\u00f6glicherweise handelt es bei stoischen Romanen um in Romanform geschriebene Essays oder Consolations-B\u00fcchlein<\/li>\n<li>Der Protagonist widersteht dem immensen Reizangebot unserer Zeit. Er l\u00e4sst sich nicht mitrei\u00dfen. Der stoische Roman wendet sich keineswegs nur an ein \u00e4lteres Lesepublikum. In deutlicher Erinnerung daran, wie ich mich in meiner Jugend f\u00fcr die Romane und Theaterst\u00fccke Samuel Becketts begeistern konnte, auf die viele der vorangegangenen Beschreibungen zutreffen \u2013 und mit meiner Begeisterung war ich nicht allein \u2013, denke ich, dass die Energielosigkeit \u00e4lterer Menschen und die nat\u00fcrliche Tr\u00e4gheit von Heranwachsenden korrespondieren und gemeinsam einen Gegenpol zu den Leistungszw\u00e4ngen einer auf Gewinnstreben und Konsum ausgerichteten Gesellschaft bilden. Alles andere sind Fragen des Temperaments.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: right;\">[17. Februar 2022]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ \u2013 182. Teilabriss DER STOISCHE ROMAN Nichts passiert Die Figuren ver\u00e4ndern sich nicht Der stoische Roman ist weder plot-driven noch character-driven, es ist kein psychologischer Roman Die Situation am Ende des Romans ist die gleiche wie am Anfang. 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