{"id":211,"date":"2014-09-23T22:26:22","date_gmt":"2014-09-23T20:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=211"},"modified":"2014-09-23T22:26:22","modified_gmt":"2014-09-23T20:26:22","slug":"188-budapester-tagebuchnotizen-april-2005","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=211","title":{"rendered":"188 &#8211; Budapester Tagebuchnotizen, April 2005"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 188. Teilabriss<\/p>\n<h1>Budapester Tagebuchnotizen, April 2005:<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum ich weder den Papst noch einen Guru ben\u00f6tige<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe zwei gro\u00dfe Verb\u00fcndete. Sie sind zugleich auch meine Feinde, wie alle Verb\u00fcndeten. Sie werden mich verschlingen. Aber so lange ich sie auf meine Seite bringe, kann mir nichts passieren. Nicht das Geringste. Es handelt sich um das Universum und um den Tod. Das mag sich gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig anh\u00f6ren. Ich behaupte auch gar nicht, dass die beiden allein <em>meine<\/em> Verb\u00fcndeten sind. Aber solange man das Universum und den Tod auf seiner Seite wei\u00df, ist man unangreifbar. Jeder kann das. Das Wichtigste ist, zwei Selbstverst\u00e4ndlichkeiten niemals aus den Augen zu verlieren. Eine, die uns r\u00e4umlich, und eine, die uns zeitlich zurechtweist. Es ist nichts Neues, man darf es nur keinen Tag vergessen: Wir leben auf einem winzigen Planeten in einem kleinen Sonnensystem an einer unscheinbaren Stelle einer Galaxis, die nur eine von sehr vielen in einem gro\u00dfen Universum ist, von dem niemand wei\u00df, ob es das einzige ist. Die Dauer unseres Planeten ist nichts im Vergleich zum Ursprung unseres Universums; die Existenz der Menschheit ist nur der allerkleinste Teil der Existenz von Leben auf diesem Planeten, und das Leben eines einzelnen Menschen ist kurz angesichts der Existenz der Menschheit. Jeder Lebende kann jeden Tag sterben, durch einen Herzinfarkt, Unfall oder sonst wie. Das gibt mir meine Sicherheit, die Bescheidenheit und \u00dcberheblichkeit zugleich ist. Der m\u00e4chtigste Herrscher wird nicht vom Tod verschont, und der Reichste kann seine G\u00fcter nicht mit ins Grab nehmen. So weit, so bekannt.<\/p>\n<p>Wieso aber sind Universum und Tod mein Verb\u00fcndeten? Der Tod ist der gro\u00dfe Wertgeber. Er gibt uns Liebe, W\u00fcnsche, Wichtigkeit und \u00fcberhaupt alles. Stellen wir uns vor, es g\u00e4be keinen Tod \u2013 und konsequent weiter gedacht: keine Krankheiten, die langsam oder schnell zum Tod f\u00fchren, keine gef\u00e4hrlichen Unf\u00e4lle &#8230; Welches Elternpaar w\u00fcrde sich um seine Kinder sorgen, wenn es w\u00fcsste, den Kindern kann nichts Schlimmes passieren und sie werden ewig leben? Vom ersten Mal, dass ich erlebt habe, wie einer meiner Jugendfreunde den Tod seiner Mutter betrauern musste, habe ich seine Worte deutlich in Erinnerung: Wenn ich gewusst h\u00e4tte, dass es so schnell geht, h\u00e4tte ich mich mehr um sie gek\u00fcmmert, weniger mit ihr gestritten, ihr mehr zugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wird also die Liebe nicht erst durch das Wissen um die Endlichkeit geboren? Warum sollte ich in Deutschland leben, im Hause meiner Eltern, wenn ich die Gewissheit h\u00e4tte, ihr Leben ginge noch Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende bei gleichbleibender Gesundheit weiter? Und wie k\u00e4me der Wunsch zustande, die Welt kennen lernen zu wollen, w\u00e4re da nicht der Zeitdruck angesichts der wenigen Jahre, die mir zur Verf\u00fcgung stehen? Der Tod gibt den Dingen ihre Wichtigkeit, ihre Dringlichkeit, und ist der Grund, sich morgens aus dem Bett zu erheben. Der Tod ist der Aufwerter der sonst bedeutungslosen Materie, der Stachel unserer Liebe. Wir brauchen in wie einen guten Freund.<\/p>\n<p>Und das Universum? Das ben\u00f6tigen wir, um die Wichtigkeit zu relativieren, die der Tod den Dingen gibt. Sonnen und ganze Galaxien sterben.<\/p>\n<p>Auch das nichts Neues. Aber die t\u00e4gliche, st\u00fcndliche Erinnerung dieser beiden Selbst\u00adver\u00adst\u00e4nd\u00adlichkeiten \u2013 unserer Kleinheit im Kosmos und unserer Kurzlebigkeit \u2013 hilft uns im Umgang mit denen, die sich aufspielen und in ihrer Wichtigkeit sonnen.<\/p>\n<p>Mit F\u00fcnfzehn las ich in Hermann Hesses \u201eSiddharta\u201c den Satz, von jeder Wahrheit sei ihr Gegenteil ebenso wahr. Mehr bedarf ich nicht, um alle Gewissheiten f\u00fcr immer zu zerst\u00f6ren und die Nase \u00fcber alle Sterblichen zu r\u00fcmpfen, die mir Gewissheit anbieten wollen. Ich bin gegen Lehren immun. Schwache Menschen, die Ungewissheit nicht ertragen. Der Agnostizismus, f\u00fcr den ich eine ebenso gro\u00dfe Schw\u00e4che hege wie f\u00fcr den Relativismus, geh\u00f6rt gleichfalls in den p\u00e4pstlichen Katalog der Feinde des Christentums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die neuen Fans von Papa Ratzi<\/strong><\/p>\n<p>Schwache Menschen, die einen anderen Schwachen suchen. Einen Menschen, der wie sie die Ungewissheit, das Relative nicht ertr\u00e4gt und im Glauben die Gewissheit sucht, die er in der Welt nicht findet.<\/p>\n<p>Der Papst ist schlie\u00dflich nicht die vielen W\u00f6rter wert, und auch nicht sein Glaube, oder gar die katholische Kirche, dieser Anachronismus, sondern die Tatsache, dass sich um Papa Ratzi weltweit eine junge Fangemeinde gruppiert, die pl\u00f6tzlich wieder nach Werten sucht, die ich f\u00fcr endg\u00fcltig vernichtet hielt.<\/p>\n<p>Die Zwanzigj\u00e4hrige im ARD-Kurzinterview \u2013 wenn das meine Tochter w\u00e4re, ich w\u00fcrde sie zur Rede stellen, ob wir, die wir uns in der Nachfolge von 1968 so viel M\u00fche gegeben haben, alle Werte zu hinterfragen, zu relativieren und zu vernichten, es verdient h\u00e4tten, dass unsere gr\u00fcndliche Wertevernichtung von der nachkommenden Generation nun mit F\u00fc\u00dfen getreten wird. Sie soll zu mir kommen. In meinem Relativismus bin ich p\u00e4pstlicher als der Papst.<\/p>\n<p>Aber was die Sache schlimmer macht: Sie kann nicht meine Tochter sein, da ich noch gar keine Frau gefunden habe und eine Frau, um mit ihr eine Tochter zu zeugen, zuletzt in der Generation der Frauen zu finden hoffte, die meine T\u00f6chter sein k\u00f6nnten. Nach wessen Werten oder nach wessen Werterelativismus sollten wir unsere Kinder erziehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gott, ich, der K\u00f6nig von Swaziland und ein Scheich<\/strong><\/p>\n<p>Der Christengott kann mein Vorbild nicht sein. Ebenso wenig wie ich hat er es verstanden, eine Frau zu finden. Dabei hatte er wegen seiner Allmacht die besten Voraussetzungen. Um seinen Sohn zur Welt zu bringen, ben\u00f6tigte er eine Leihmutter, wovon Josef zun\u00e4chst gar nicht begeistert war.<\/p>\n<p>W\u00e4re ich allm\u00e4chtig, ich h\u00e4tte Frauen ohne Zahl und Kinder so viele kommen wollen. Da w\u00e4hle ich mir eher den K\u00f6nig von Swaziland zum Vorbild. Der hat f\u00fcnfhundert Kinder von zweihundert verschiedenen Frauen (oder etwas in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung), und wer wei\u00df, wie viele Versuche zu keinem Nachwuchs gef\u00fchrt haben! Er hat jedenfalls den in der m\u00e4nnlichen DNS angelegten Auftrag zur Fortpflanzung gut erf\u00fcllt. Ob seine Frauen alle meinem Geschmack entsprochen h\u00e4tten? Vielleicht w\u00e4re ein \u00d6lscheich oder der Sohn eines arabischen Gewaltherrschers, der sich zu seinem Vergn\u00fcgen f\u00fcr viele Millionen Dollar die sch\u00f6nsten Supermodels aus allen Teilen der Welt einfliegen lassen konnte, doch n\u00e4her an der Allmacht \u2013 zumindest an dem f\u00fcr mich interessantesten Aspekt von Macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p>\n<p>Beim Nachdenken \u00fcber die Wirkung des Papstes auf die Jugend \u2013 heute am Tag seiner Inauguration, die in alle L\u00e4nder der Welt \u00fcbertragen wurde \u2013 will ich die gute Wirkung der Wolldecken nicht vergessen, die in Budapest an die G\u00e4ste der Stra\u00dfenrestaurants am Franz-Liszt-Platz verteilt werden und dadurch das Schreiben dieser Notizen \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 188. 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