{"id":209,"date":"2014-09-23T22:21:42","date_gmt":"2014-09-23T20:21:42","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=209"},"modified":"2014-09-23T22:21:42","modified_gmt":"2014-09-23T20:21:42","slug":"189-nationalstolz-und-relativismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=209","title":{"rendered":"189 &#8211; Nationalstolz und Relativismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 189. Teilabriss<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0Budapest 24.04.2005<\/p>\n<h1><strong>Nationalstolz und Relativismus<\/strong><\/h1>\n<p>Vor einigen Jahren war der deutsche Bundespr\u00e4sident b\u00f6se angeeckt, als er den Satz \u201eIch bin stolz, ein Deutscher zu sein\u201c mit den Worten kommentierte, Stolzsein habe etwas mit Leistung zu tun, w\u00e4hrend die deutsche Nationalit\u00e4t in den meisten F\u00e4llen kein Verdienst sei.<\/p>\n<p>Er sprach mir aus der Seele, denn ich beobachtete den nach 1989 erstarkenden Nationalstolz mit gro\u00dfer Sorge. Stolz auf ihre deutsche Nationalit\u00e4t konnten meiner Ansicht nach vor allem Zugewanderte sein, die sich ihre deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft durch m\u00fchsames Erlernen der Sprache, durch langes Wohnen in Deutschland und umst\u00e4ndliche Rechtsverfahren erk\u00e4mpft hatten. Aber auch den in Deutschland Eingeheirateten wollte ich ihr Recht auf einen gewissen Stolz angesichts ihrer gl\u00fccklichen Hand bei der Partnerwahl nicht absprechen. Bei den Deutschen von Geburt dagegen gab es allenfalls mit fortschreitendem Alter Grund zum Gratulieren, dass sie es so lange in Deutschland ausgehalten haben. Ich selbst geh\u00f6re nicht zu der Gruppe, die in dieser Hinsicht Anerkennung verdient. Ich bin wiederholt und ausdauernd vor der deutschen Mentalit\u00e4t gefl\u00fcchtet. Dabei kommt es mir nicht darauf an, die einzelnen L\u00e4nder vergleichend gegeneinander auszuspielen. In keinem Land, das ich n\u00e4her kennen lernte, h\u00e4tte ich den Rest meiner Erdentage verbringen m\u00f6gen. Ich sehe in der Relativierung der Kulturen und Lebensformen, die ein Landeswechsel mit sich bringt, den haupts\u00e4chlichen Erfolg meines Nomadentums. Viele Menschen \u2013 besonders in Deutschland \u2013 streben nach Sicherheit und suchen best\u00e4ndige Werte. Ich schreibe diese Aufzeichnungen, kurz nachdem ich Teile der Live-\u00dcbertragung der Inauguration von Papst Benedikt XVI im Fernsehen gesehen habe. Petersplatz und Stra\u00dfen Roms gedr\u00e4ngt voller Menschen, gro\u00dfenteils Jugendliche. In die Kamera der ARD sagte eine 20-j\u00e4hrige Hamburgerin, die zurzeit ein Au-pair-Jahr in Rom verbringt, den Satz: \u201eIch bin stolz, dass der Papst ein Deutscher ist\u201c. Eine Frau, in die ich mich unter anderen Umst\u00e4nden h\u00e4tte verlieben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte den Papst in seiner Ansprache eine Weile zu und versuchte zu verstehen, worin die Faszination f\u00fcr die jungen Leute bestehen k\u00f6nnte. Erkl\u00e4rbar wird das Ph\u00e4nomen nur durch die Zeit der Verunsicherung und Sehnsucht nach F\u00fchrung. Die politische Kaste hat ihre Glaubw\u00fcrdigkeit verloren. Bestand politisches Engagement einmal in dem Wunsch, \u00dcberzeugungen gesellschaftlich umzusetzen, so haben sich die Aktivit\u00e4ten in Machterhalt und in die Bereitschaft verkehrt, den Ergebnissen demoskopischer Umfragen bis zur Selbstaufgabe zu folgen. Der gegenw\u00e4rtige Erfolg der Erzkonservativen liegt bereits in ihrer Unirritierbarkeit. Die Werte sind zweitrangig, wenngleich die Botschaften (Liebe ist st\u00e4rker als Gewalt. Du bist nicht allein &#8230;) wunderbar in die Gegenwart passen. Der Auftritt vor den Massen ohne sp\u00fcrbares Lampenfieber, ohne dass die Stimme versagt h\u00e4tte, der gleicherma\u00dfen bescheiden wie megalomanisch vorgetragene Anspruch, nicht von 115 Kardin\u00e4len, sondern durch den Heiligen Geist von der h\u00f6chsten Himmelsmacht selbst erw\u00e4hlt worden zu sein, und \u2013 was sich kein Popstar je getraut h\u00e4tte \u2013 unschuldig und zugleich absolut selbstsicher von der Fangemeinde zu fordern, f\u00fcr ihn zu beten, damit er seine Sache gut mache \u2013 das alles n\u00f6tigt ihm Respekt als K\u00fcnstler und F\u00fchrungskraft ab. Der Rest, die Erkl\u00e4rung der Zeremonie, war saubere Bibelexegese, solides Handwerk.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Papst geh\u00f6rt Relativismus zu den gro\u00dfen Gefahren f\u00fcr die Menschheit. G\u00e4be es wie im Mittelalter einen neuen Lasterkatalog \u2013 der Relativismus geh\u00f6rte zu den Tods\u00fcnden unserer Tage. Ich wollte stets die Relativit\u00e4t der Werte erfahren, die Grenzen ihrer G\u00fcltigkeit erkunden. Weniger das Leiden an Deutschland als der Wunsch, das Sichergeglaubte in Frage zu stellen, war es, der mich in die Welt hinaustrieb. Die Vermutung, dass das lebenslange Sicheinrichten an ein und demselben Ort \u2013 ganz gleich in welchem Land \u2013 eine Einengung bedeutet. Die Erfahrung, dass auch ohne deutsche Tugenden wie Perfektionismus und ohne das in Deutschland besonders ausgepr\u00e4gte Sicherheitsstreben ein lebenswertes Leben m\u00f6glich ist, wollte ich in st\u00e4ndiger Improvisation und unter erh\u00f6htem Todesrisiko in Brasilien machen. Einige in der Grundschule gelernte Regeln der Geophysik (z.B., dass mittags die Sonne im S\u00fcden steht, oder wie die Sichel des zunehmenden und des abnehmenden Mondes aussieht) wollte ich auf der S\u00fcdhalbkugel auf ihre r\u00e4umlich begrenzte G\u00fcltigkeit zur\u00fcckgef\u00fchrt sehen. F\u00fcr alles, was hilfreich war, meine Identit\u00e4t und die mich umgebenden gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen, war ich dankbar. Dieses Verlangen pr\u00e4gte meine Auswahl an Literatur, meinen Gebrauch von Drogen wie LSD und nicht zuletzt meine Reisen und wechselnden Aufenthaltsorte. Nationalstolz begegnete mir in allen anderen L\u00e4ndern, in denen ich lebte, viel ausgepr\u00e4gter als in dem Deutschland, das mich in den 60er- und fr\u00fchen 70er-Jahren gepr\u00e4gt hat. Ich habe das nie als einen Mangel empfunden, sondern im Gegenteil als die Chance, das bei uns schuldigen Kriegsverlierern gr\u00fcndlich zerst\u00f6rte Nationalbewusstsein k\u00f6nne die Basis eines internationalen, kosmospolitischen Selbstverst\u00e4ndnisses sein. F\u00fcr mich war die Zeit der Nationalstaaten das 19. Jahrhundert, das sp\u00e4testens mit dem Kahlschlag von 1945 an sein historisches Ende gekommen war.<\/p>\n<p>Stolz, Deutscher zu sein, deutsche Flaggen auf Fu\u00dfballpl\u00e4tzen, das Mitsingen der Nationalhymne und zuletzt der Stolz, dass der Weltkirche ein Papst deutschen Ursprungs vorsteht \u2013 die Sorge k\u00f6nnte allenfalls durch den Satz gemildert werden, den die junge Hamburgerin im ARD-Kurzinterview gleich hinterherschickte: Sie hoffe, dass sich w\u00e4hrend der Papstschaft von Ratzinger auch der Dialog mit L\u00e4ndern in S\u00fcdamerika und Afrika verbessern werde. Wenn der Dialog zur Relativierung und nicht erneut zur Missionierung f\u00fchrt, kann ich die Hoffnung der jungen Frau guthei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachtrag beim Abtippen am 15.05.05 in Sch\u00f6ppingen:<\/p>\n<p>Wenn es f\u00fcr meine Generation \u2013 zumindest f\u00fcr den kleinen Teil, der damals einzig f\u00fcr mich z\u00e4hlte, die Speerspitze des Progressiven \u2013 eine gemeinsame Arbeitshypothese zu geben schien, so lie\u00dfe sie sich vielleicht am besten in dem Satz zusammenfassen: \u201eWas besteht, ist veraltet.\u201c Das war die Basis, von der aus wir das Leben neu erfinden wollten, und unsere endlosen Debatten f\u00fchrten zur Demontage alles Sichergeglaubten. Der Auftritt des Papstes f\u00fchrt mir nun vor meine geschockten Augen: Das Veraltete besteht \u2013 und es wird wohl noch eine ganze Weile bestehen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was schlimmer ist: Der Gedanke, die junge Frau, die sich gleicherma\u00dfen affirmativ zum Deutsch- wie zum Papsttum bekannte, h\u00e4tte meine Tochter sein k\u00f6nnen. Oder die Vorstellung, ihresgleichen k\u00f6nnte demn\u00e4chst die Mutter meiner Tochter werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 189. Teilabriss \u00a0Budapest 24.04.2005 Nationalstolz und Relativismus Vor einigen Jahren war der deutsche Bundespr\u00e4sident b\u00f6se angeeckt, als er den Satz \u201eIch bin stolz, ein Deutscher zu sein\u201c mit den Worten kommentierte, Stolzsein habe etwas mit Leistung zu tun, w\u00e4hrend die deutsche Nationalit\u00e4t in den meisten F\u00e4llen kein Verdienst sei. 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