{"id":196,"date":"2014-09-23T21:46:05","date_gmt":"2014-09-23T19:46:05","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=196"},"modified":"2026-06-05T21:50:02","modified_gmt":"2026-06-05T19:50:02","slug":"195-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=196","title":{"rendered":"195 &#8211; Zirkus Salimba (Erz\u00e4hlung)"},"content":{"rendered":"<h1>Zirkus Salimba (Erz\u00e4hlung)<\/h1>\n<p>ver\u00f6ffentlicht in der Schweizer Literaturzeitschrift <strong>orte, No. 218, <\/strong>Themenheft. Zirkus<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/orte-Cover-Zirkus-o8583022991-produkt-01-722x1024-1.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1595\" src=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/orte-Cover-Zirkus-o8583022991-produkt-01-722x1024-1-212x300.png\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/orte-Cover-Zirkus-o8583022991-produkt-01-722x1024-1-212x300.png 212w, http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/orte-Cover-Zirkus-o8583022991-produkt-01-722x1024-1.png 722w\" sizes=\"(max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p>[Der eingesandte Text (ohne die redaktionelle Bearbeitung):]<\/p>\n<p><strong>Zirkus Salimba<\/strong><\/p>\n<p>Was machen denn deine beiden Liebhaber, der alte und der junge, frage ich meine Mutter.<\/p>\n<p>Och, die habe ich auf Schwung gebracht, die fetzen sich richtig, sagt sie. Das sind aber schon mehr als zwei. Sie beginnt vom Umstellen der M\u00f6bel zu reden. Rollst\u00fchle mussten aus dem Weg ger\u00e4umt werden, aus der Schmuddelecke. Da habe der Opa mit der Warze auch mitgeholfen.<\/p>\n<p>Ist dir dein J\u00fcngster denn weiterhin treu? Der hat doch hier so viel Auswahl.<\/p>\n<p>Sie lacht und blickt vertr\u00e4umt: Wir haben uns verschmust. Wie soll ich sagen, nicht ver\u2026 ver\u2026 (sie ballt die H\u00e4nde zu einem Kn\u00e4uel, findet das richtige Wort nicht), eben verschmust. Wir lieben uns.<\/p>\n<p>Dann ist sie wieder beim Umstellen der M\u00f6bel in der Sitzecke im Aufenthaltsraum, beim Opa mit der gro\u00dfen Warze, dem \u00e4lteren ihrer \u201eLiebhaber\u201c, der sicher nicht \u00e4lter ist als sie, und bei einer Frau, die immerzu popelt. Die wollten wir alle nicht haben. Und die haben wir jetzt praktisch eingebaut. Die Popelige, du wirst die alle noch kennenlernen, sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Warum mussten die M\u00f6bel umgestellt werden?<\/p>\n<p>Sie wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Der Zirkus Salimba war da, ruft uns ein Pfleger im Vorbeigehen zu.<\/p>\n<p>Der Zirkus war da, frage ich meine Mutter.<\/p>\n<p>Ach, der war sch\u00f6n, sagt sie mit strahlendem Gesicht. Dann wird sie nachdenklich, l\u00e4chelt unsicher.<\/p>\n<p>Die Zimmerdecke hat die \u00fcbliche H\u00f6he eines Betonbaus aus der Nachkriegszeit. Unter den Neonr\u00f6hren k\u00f6nnen Trapezartisten nicht ausschwingen; ebenso wenig lie\u00dfe sich hier ein Hochseil spannen. Allenfalls eine Slackline dicht \u00fcber dem Boden, ein vorget\u00e4uschter Abgrund rechts, ein Abgrund links, ein Clown mit Regenschirm, der erst so tut, als ginge es ihm auf dem Seil nicht viel anders als manchen Heimbewohnern, wenn sie auf dem Weg zum Speisesaal mal kurz ihre Gehhilfe loslassen, der dann aber pl\u00f6tzlich auf dem Seil eine Rolle vorw\u00e4rts und eine r\u00fcckw\u00e4rts macht und den Regenschirm dabei sch\u00f6n oben h\u00e4lt.<\/p>\n<p>War denn auch ein Clown dabei, mit ausgebeulten Hosentaschen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, sagt sie mit einem entz\u00fcckten L\u00e4cheln. Den Clown Grock, den habe ich ja noch in Frankfurt gesehen, in den Ferien bei den Gro\u00dfeltern.<\/p>\n<p>Nit m\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6glich! Aber der hier im Altenheim war doch sicher auch lustig. Was hat der denn f\u00fcr Sp\u00e4\u00dfe gemacht?<\/p>\n<p>Der Clown, der hier war, wiederholte sie nachdenklich. Ja, was hat der gemacht? So im Einzelnen, wei\u00dft du \u2026 Sie redet nicht weiter.<\/p>\n<p>Und Tiere frage ich. Haben die Zirkusleute auch Tiere mitgebracht?<\/p>\n<p>Auf dem Linoleumboden mit dem Schwei\u00dfgeruch alter Schuhe eine Manege voller S\u00e4gesp\u00e4ne und eine junge Prinzessin im Tutu, die auf dem R\u00fccken eines im Kreis laufenden Ponys voltigiert und dem Publikum eine Kusshand zuwirft.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich, sagt meine Mutter in einem etwas indignierten Tonfall. Ein Zirkus ohne Tiere, das geht ja gar nicht.<\/p>\n<p>Ein dressierter B\u00e4r in Offiziersuniform, der die Trommel schl\u00e4gt? Oder stand ein aufblasbares Wasserbecken in der Mitte, in dem sich junge Seehunde die B\u00e4lle mit ihren Schnauzen zuspielten? Mutter, lach doch mal! Was f\u00fcr Tiere haben euch denn besucht?<\/p>\n<p>Sie versinkt in Gedanken. Hunde. Nach einer Weile f\u00fcgt sie hinzu: keine Raubtiere.<\/p>\n<p>Hunde. An der Glast\u00fcr des Eingangs klebt ein Schild, das Hunde im Altenheim verbietet. Aber f\u00fcr den Zirkus Salimba wurde sicher eine Ausnahme gemacht.<\/p>\n<p>Was machten die Hunde denn so f\u00fcr Kunstst\u00fccke?<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegt, l\u00e4chelt unsicher. Ach eigentlich, wei\u00dft du \u2026<\/p>\n<p>Sind sie durch einen Reifen gesprungen? Hat der Pudel auf dem Hocker einen Handstand gemacht?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht. Die Petra, wei\u00dft du, die bringt ja auch manchmal ihr H\u00fcndchen mit. An dem haben wir viel Freude.<\/p>\n<p>Prima, welche Petra?<\/p>\n<p>Die Petra, die kennst du doch. Die, die auch Bauchtanz macht.<\/p>\n<p>Oh, l\u00e0, l\u00e0, die w\u00e4re mir doch aufgefallen. Eine Pflegerin?<\/p>\n<p>Meine Mutter denkt nach. Nicht in <em>dem<\/em> Sinne. Nicht direkt Pflegerin. Aber \u2026 na ja, du wirst die alle noch erleben.<\/p>\n<p>War die Petra denn auch beim Zirkus dabei mit ihrem Bauchtanz?<\/p>\n<p>Nein, das macht sie doch schon lange nicht mehr. Meine Mutter wirkt entt\u00e4uscht, weil ich so etwas nicht wei\u00df. In Frankfurt, sagt sie, da waren auch L\u00f6wen.<\/p>\n<p>Klar, in Frankfurt, sage ich, da gab es auch den Elefanten, der mit einem Bein auf dem Brustkorb seines Dompteurs balancierte und mit dem Dampf aus seinem R\u00fcssel einen bunten Wasserball in der Schwebe hielt.<\/p>\n<p>Sie sieht mich b\u00f6se an. Mach dich nur lustig \u00fcber mich.<\/p>\n<p>Aber nein, ich versuche mir nur vorzustellen, wie ein Zirkus in diesem Raum ausgesehen haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zwischen den Betonw\u00e4nden mit ihrem unausl\u00f6schlichen Untergeruch nach Harninkontinenz; mit einer Glasfront zu der stark befahrenen T\u00f6pferstra\u00dfe, auf der auch jede halbe Stunde ein Bus h\u00e4lt. Jongleure k\u00f6nnen ihre B\u00e4lle und Kegel in dem Aufenthaltsraum nicht halb so hoch werfen wie ihre Kollegen hinter der roten Ampel an der Einfallstra\u00dfe zur Stadt. Was ist der Zirkus Salimba? Ein Familienbetrieb, ein Gewichtheber mit grimmigem Gesicht, der dann doch nur Schaumstoff stemmt. Sind es einstmals in der Zirkuswelt gefragte, nun aber verbrauchte Artisten, die ihre Biegsamkeit vor den noch weitaus morscheren Knochen der Altenheimbewohner beweisen d\u00fcrfen? Bemalte M\u00fcnder, abplatzende Theaterschminke auf welken Wangen und ausgeblichene Handschuhe. Oder im Gegenteil: Nicht der traurige Endpunkt einer Karriere, sondern ihr Anfang. Die Gelegenheit f\u00fcr Nachwuchskr\u00e4fte, \u00f6ffentlichen Proben vor dankbaren Zuschauern abzuhalten, deren schwache Augen \u00fcber manchen Sch\u00f6nheitsfehler hinwegsehen? Mit einer begabten Bodenturnerin, die ein Rad schl\u00e4gt, den Flickflack sauber ausf\u00fchrt und ihre Show vor den geschwollenen Fu\u00dfgelenken der Patientinnen in der ersten Sitzreihe mit einem schreckenerregenden Schraubensalto abschlie\u00dft? K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die alles geben, als ginge es um weit mehr, als den alten Herrschaften die Wartezeit auf die n\u00e4chste Mahlzeit zu verk\u00fcrzen. So wie sich der K\u00f6nig einen Hofnarren h\u00e4lt als Remedium f\u00fcr Melancholie und Raserei. Wie auch ich Woche f\u00fcr Woche herkomme im guten Vorsatz, meine Mutter aufzuheitern, und oftmals selbst der Aufheiterung bedarf. M\u00fchselige Arbeit an der guten Laune. Also weiter. Meistens funktioniert Musik.<\/p>\n<p>Hatten die denn auch ein kleines Orchester dabei, frage ich, das jeden H\u00f6hepunkt mit einem Trommelwirbel vorbereitete und nach bravour\u00f6ser Vollendung einen Tusch spielte?<\/p>\n<p>Da kommt das Leuchten in ihre Augen zur\u00fcck. Ja, das Orchester, das sch\u00f6nste Orchester, das ich je geh\u00f6rt habe. Und ich habe mitgespielt.<\/p>\n<p>Du hast mitgespielt?<\/p>\n<p>Und wie!<\/p>\n<p>Sie schl\u00e4gt mit der Hand gegen die Fl\u00e4che ihrer anderen Hand. Immer immer, ach mir f\u00e4llt wieder nicht ein, wie es hei\u00dft.<\/p>\n<p>Tamburin, frage ich. Hast du das Tamburin gespielt? Ich teile ihre Begeisterung. Haben deine Kolleginnen und der Opa mit der Warze auch in dem Orchester mitgespielt?<\/p>\n<p>Ja \u2026 sagt sie nach einer Weile. Aber nicht so sch\u00f6n wie ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zirkus Salimba (Erz\u00e4hlung) ver\u00f6ffentlicht in der Schweizer Literaturzeitschrift orte, No. 218, Themenheft. Zirkus [Der eingesandte Text (ohne die redaktionelle Bearbeitung):] Zirkus Salimba Was machen denn deine beiden Liebhaber, der alte und der junge, frage ich meine Mutter. Och, die habe ich auf Schwung gebracht, die fetzen sich richtig, sagt sie. 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