{"id":159,"date":"2014-09-22T23:42:32","date_gmt":"2014-09-22T21:42:32","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=159"},"modified":"2022-02-20T15:32:32","modified_gmt":"2022-02-20T13:32:32","slug":"211-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=159","title":{"rendered":"211 \u2013\u00a0Heimlich wirkende Reparateure"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ \u2013 211. Teilabriss<\/p>\n<h1 class=\"entry-title\">HEIMLICH WIRKENDE REPARATEURE<\/h1>\n<\/div>\n<p>Es mag noch nicht \u00fcber siebzig Jahre sein, dass in der Stadt, in die ich ungefragt geboren wurde, die \u201eheimlichwirkenden Reparierer\u201c ihr abenteuerliches Wesen trieben. Frauen und M\u00e4nner aus unterschiedlichen Berufen d\u00fcrften es gewesen sein, dabei auch Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler und, wie es hei\u00dft, weniger Studenten und Akademiker als Handwerker, Rentner, Arbeitslose. Niemand hat sie jemals anders bemerkt als durch das unerwartete Fertigsein von irgendetwas, dessen unvollkommener Zustand zuvor kaum jemandem aufgefallen war. Dass sie allesamt besonders kleinw\u00fcchsige Kreaturen gewesen sein sollen, d\u00fcrfte in den Bereich der Fabel geh\u00f6ren und ist ebenso unbewiesen wie ihre gesamte Existenz.<\/p>\n<p>Die Stadt, von der ich spreche, und ihre dicht anr\u00fcckenden Nachbarst\u00e4dte waren und sind durch ein unterirdisches Kanal- und Stollensystem verbunden. Zuerst durch ungeordneten Raubbau entstanden, wurden die verborgenen G\u00e4nge im folgenden Jahrhundert mehr und mehr kartografisch erfasst; der wilde, nunmehr illegale Abbau des schwarzen Goldes und verschiedener Mineralien wurde bei hohen Strafen untersagt und f\u00fcr die kontrollierte Ausbeutung der schatzreichen Unterwelt teure Lizenzen vergeben. So machte sich der Reichtum unter der Erde bald auch auf deren Oberfl\u00e4che bemerkbar, besonders bei einzelnen fr\u00fchzeitig aufgewachten Kaufleuten und Fabrikanten. War ein Teil des Erdreichs, in das immer professioneller abgesicherte Sch\u00e4chte f\u00fchrten, so weit ausgepresst, dass sich weitere M\u00fche nicht lohnte, wurde es von ihren Eignern aufgegeben und die Zug\u00e4nge versiegelt. Oftmals rutschten die sich dar\u00fcber befindenden H\u00e4user und Fahrzeuge tief in den Boden hinein. Die verl\u00e4sslicheren Hohlr\u00e4ume jedoch wurden der Erz\u00e4hlung nach von unsichtbaren Reparateuren bewohnt, die gleicherma\u00dfen f\u00fcr die eigene Sicherheit und Wohnlichkeit als auch f\u00fcr das Leben \u00fcber der Erde stabilisierende Ma\u00dfnahmen ergriffen. Sie schafften nicht nur Durchg\u00e4nge von einem Tunnelsystem zu einem anderen, sondern verf\u00fcllten anderswo auch Stollen, damit auf der Erde kein Schaden entstehe. Hatten sie unterirdisch f\u00fcr alles Lebensnotwendige gesorgt, eine K\u00fcche sowie eine gut ausgestattete Cocktailbar und einen Kinosaal eingerichtet, mit einer bemerkenswerten Anzahl an Filmrollen \u2013 m\u00f6glicherweise geh\u00f6rte auch der Betreiber eines Verleihs zu den eingeschworenen Mitgliedern ihres geheimen Bundes \u2013, begannen sie sich zu langweilen und \u00fcberlegten, wie sie ihre F\u00e4higkeiten und Begabungen zum Wohle der nichts ahnenden Stadtbev\u00f6lkerung weiterhin nutzbar machen konnten.<\/p>\n<p>Das alles erfuhr ich erst nach zeitaufw\u00e4ndiger Befragung \u00e4lterer Einwohner. Ich vertraute auf das Langzeitged\u00e4chtnis, das gegen Ende des Lebens an Deutlichkeit zunimmt. Selbst schlimme Demenzpatienten, die am Nachmittag nicht mehr wussten, was sie mittags gegessen hatten und ob \u00fcberhaupt, konnten mit unbeirrbarer Klarheit \u00fcber ein Ereignis zum Beispiel sagen: Das war am 24. Februar 1949. Es war gar nicht leicht, als Nicht-Angeh\u00f6riger in eines der Heime zu gelangen. Auch die freiwillig, unentgeltlich von mir angebotene Besch\u00e4ftigung mit dem einen oder der anderen einsamen Bewohnerin, mit der ich meinen Informationsgewinn erkaufen wollte, stie\u00df auf unerwartet br\u00fcske Ablehnung. Ich gab mich, gar nicht einmal zu Unrecht, als ein Hobby-Historiker aus, der im Lauf der Jahre ein bemerkenswertes Archiv aufgebaut hat und der nun die letzten Zeitzeugen nach ihren Erlebnissen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges befragen wollte. Ich solle die Menschen in Ruhe lassen, hie\u00df es. Sie wollten die schlimmen Erfahrungen vergessen. Auch nach achtzig Jahren noch schrien manche Patienten nachts auf, ihr Zittern sei gar nicht mehr zu beruhigen, wenn sie sich an das Durchgemachte erinnerten.<\/p>\n<p>Ich variierte meine Strategie und gab mich beim n\u00e4chsten Heim als ein begeisterter Cineast aus, der die Geschichte der gro\u00dfen Anzahl nicht mehr vorhandener Kinos schreiben und die \u00e4lteren Herrschaften nach ihren fr\u00fchen Kinoerlebnissen, nach unvergessenen Filmen, befragen wollte. Das schien beim Pflegepersonal auf etwas mehr Wohlwollen zu sto\u00dfen, als wenn ich die Bewohnerinnen und Bewohner zu ihren Erinnerungen an Bombardements und N\u00e4chten in Luftschutzkellern ausgefragt h\u00e4tte. Jedoch gleich beim zweiten Heim stand mir eine Pflegerin gegen\u00fcber, die aussah, als k\u00f6nne sie ohne anschlie\u00dfende Kreuzschmerzen nicht nur abgemagerte Patienten aus ihren Rollst\u00fchlen und Krankenbetten heben und auf den Plastikschemeln unter der Dusche platzieren. \u201eJa, ja, und dann geben Sie sich als ihr Enkel aus und nehmen ihnen ihr Verm\u00f6gen ab\u201c, das testamentarisch wahrscheinlich bereits dem Tr\u00e4ger der Pflegeeinrichtung \u00fcbereignet werden soll, dachte ich im traurigen Weggehen.<\/p>\n<p>Es war wohl eine Tatsache, dass in Pflegeheimen viel gestohlen wird. Ein offizielles Ehrenamt w\u00e4re opportun, als Tarnung, um mich in den noch weitaus besser getarnten Geheimbund ehemals gro\u00dfer Reparateure einzuschleichen. Ich wurde Mitglied im Arbeiter-Samariter-Bund. Warum aus der Vielzahl an Wohlfahrtverb\u00e4nden gerade der? Vielleicht r\u00fchrte mich der Name, vielleicht auch, weil mir diese Einrichtung etwas im Schatten anderer gro\u00dfer Verb\u00e4nde in kirchlicher, gewerkschaftlicher oder staatlicher Tr\u00e4gerschaft zu stehen schien.<\/p>\n<p>Zuweilen kam ich mir vor wie jemand, der den Grund eines Ozeans absuchte in der Hoffnung, eine Perle zu finden. Was ich schlie\u00dflich herausfand: W\u00e4hrend mindestens zweier Jahrzehnte nach Kriegsende, vielleicht sogar bis gegen Ende der 1970er-Jahre tauchten in mehreren St\u00e4dten der Region immer wieder unverst\u00e4ndliche Zeichen an Laternenpf\u00e4hlen oder st\u00e4dtischen Abfallbeh\u00e4ltern auf, in denen die Buchstaben IhR vorkamen, anfangs mit einem gro\u00dfen I und gro\u00dfem R und einem kleinen h in der Mitte, manchmal auch nur mit Gro\u00dfbuchstaben, dann wiederum in konsequenter Kleinschreibung, bis sich, offenbar zur besseren Tarnung, das normale Personalpronomen der zweiten Person Plural \u2013 \u201eihr\u201c \u2013 durchgesetzt hat. Dann konnte solch eine verschl\u00fcsselte Botschaft an einem Umspannh\u00e4uschen beispielsweise lauten \u201eIhr kommt zentral zusammen am 12. Februar, 12 Uhr\u201c. Dem Charakter ihrer T\u00e4tigkeit nach d\u00fcrfte zw\u00f6lf Uhr nachts, also Mitternacht, gemeint gewesen sein. Die urspr\u00fcngliche Schreibweise mit gro\u00dfem I und gro\u00dfen R leitete sich unmittelbarer von der immer wieder behaupteten Abk\u00fcrzung ab: Ideenreich heimlichwirkende Reparierer. Kam es \u2013 leider zu selten \u2013 vor, dass jemand der Befragten sich zu erinnern meinte, dem Namen der klandestinen Gruppierung irgendwann in ferner Vergangenheit begegnet zu sein, verwirrte mich in manchen Aussagen der abweichende Artikel. Mal hie\u00df es, <em>die<\/em> IhR, dann <em>das<\/em> IhR. Bis mich ein gutgelaunter Rentner, der von seinen Mitbewohnern mit Gunther angeredet wurde, aufkl\u00e4rte. Ganz einfach: <em>die<\/em> ideenreich heimlichwirkenden Reparierer schaffen <em>das<\/em> Ideenreich heimlichwirkender Reparierer, unterirdisch versteht sich, manchmal aber auch hoch \u00fcber den K\u00f6pfen, ein Reich nicht ganz von dieser Welt, jedoch zum Vorteil zumindest einer Region dieser Welt. Geh\u00f6rte dieser Gunther dazu? Es war nichts weiter aus ihm herauszubekommen.<\/p>\n<p>Die Anspielung des \u00fcber Neunzigj\u00e4hrigen mit seinen spitzb\u00fcbisch nach oben zeigenden Mundwinkeln, die Gruppe sei auch \u00fcber den K\u00f6pfen der Stadtbewohner t\u00e4tig geworden, d\u00fcrfte sich auf den stattlichen Eckturm des neugotischen Rathauses bezogen haben, der dem Londoner Big Ben nachempfunden schien. Der schmucke vierkantige Turmhelm mit vier Eckt\u00fcrmchen war zwar im Krieg besch\u00e4digt worden, doch stand die Hauptmasse des Turmes fest auf dem Boden und erhielt nach dem Wiederaufbau lediglich eine flachere Abdeckung. Die synchronisierten Turmuhren, die die genaue Zeit in vier Himmelsrichtungen anzeigten, hatten den Bombenangriffen standgehalten. Im Sommer 1945 funktionierten die Uhren, als k\u00f6nnte nichts sie ersch\u00fcttern. Wenn sie irgendwann in den 1950er-Jahren pl\u00f6tzlich stehenblieben, wird dahinter eine Sparma\u00dfnahme der Stadtverwaltung angenommen. Ein Hausmeister im einfachen Dienst hatte angesichts der wachsenden Aufgaben in der sich st\u00e4ndig vergr\u00f6\u00dfernden Stadt mehrfach vergeblich eine Zulage aufgrund von Mehrarbeit gefordert, was regel\u00adm\u00e4\u00dfig abgelehnt wurde. Neben seiner gleichzeitig erw\u00fcnschten Pr\u00e4senz im West-, S\u00fcd-, Ost- und Nordfl\u00fcgel des Rathauses wurde von ihm erwartet, t\u00e4glich auf den Turm zu steigen, um die Uhr aufzuziehen. \u00dcberfordert von der Schwere seiner Dienstpflichten \u2013 so wird vermutet \u2013, lockerte er einige Metallteile des Uhrwerkes derart, dass sie sich im R\u00e4derwerk verklemmten und irreparablen Schaden anrichteten. Irreparabel f\u00fcr die Stadt und alle Handwerksfirmen, die ein realistisches Gutachten einreichten. Jedoch eine allzu lohnenswerte Herausforderung f\u00fcr die \u201eheimlichwirkenden Reparierer\u201c.<\/p>\n<p>Nacht f\u00fcr Nacht schlichen sie sich ins Rathaus ein, vorsichtig durch das Foyer mit seinem Wandmosaik, das Zechen, Eisenbr\u00fccken und Strommasten zeigte, sie kannten die Rundg\u00e4nge des Nachtw\u00e4chters genau, schleppten allerhand Material, das sie f\u00fcr ihr gutes Werk ben\u00f6tigten in den Turm, richteten sich wohnlich ein, indem sie zum Beispiel umklappbare bequeme Sessel in plumpen Kisten aus unbearbeitetem Holz versteckten, die sie zur Tarnung mit Abk\u00fcrzungen beschrifteten, wie St.A. 39-2. Sie wechselten \u2013 so wird kolportiert \u2013 auch das Schloss zu ihrer Turmstube aus, sodass nur sie den Schl\u00fcssel besa\u00dfen und kein zuf\u00e4lliger Aufpasser versehentlich auf Spuren ihres n\u00e4chtlichen Treibens stie\u00df. Im zw\u00f6lf Monaten Arbeit reparierten sie die von den offiziell Verantwortlichen l\u00e4ngst aufgegebene Uhr. Sie taten dies nicht nur ehrenamtlich und klandestin, dem Gesetze nach kriminell; die vermeintlich Kriminellen und sich als B\u00fcrger der Stadt tats\u00e4chlich verantwortlich F\u00fchlenden zahlten die Reparatur selbst. Aus eigener Tasche steuerten sie \u2013 unbest\u00e4tigten Zahlen zufolge \u2013 Material im Wert einer vierstelligen H\u00f6he bei.<\/p>\n<p>Kurz nachdem den ersten staunenden B\u00fcrgern auffiel, dass die Rathausuhr wieder die korrekte Zeit in vier Richtungen auswarf, verkaufte die Stadt ihr Rathaus. 15 Millionen Deutsche Mark zahlte eine Warenhauskette f\u00fcr das begehrte Grundst\u00fcck in zentraler Lage der Einkaufsstadt. Das darauf stehende historische Rathaus nahm sie kostenlos dazu. Am 2.\u00a0November wurden die Rathausschl\u00fcssel an eine Abrissfirma \u00fcbergeben, im M\u00e4rz des folgenden Jahres stand kein Stein des historischen Bauwerks mehr auf dem anderen, und ein Jahr sp\u00e4ter nahm ein Warenhaus seinen Platz ein, das nur acht Jahre Bestand hatte, bevor die Warenhauskette von einer anderen geschluckt wurde, die ihrerseits bald darauf Konkurs anmelden musste, um von einem international t\u00e4tigen Investor zerschlagen zu werden. Ein Standort f\u00fcr ein neues Rathaus war zu dieser Zeit lange nicht in Sicht, erst recht waren noch keine finanziellen Mittel f\u00fcr ein Bauwerk bewilligt.<\/p>\n<p>Am Tag nach dem Verkauf des Rathauses wollte der Wagen des Oberstadtdirektors nicht anspringen. Obwohl er gut verschlossen in einer Garage gestanden hatte. Der Oberstadtdirektor musste einen Fahrer rufen und seinen Dienstwagen abschleppen lassen, der aber kurz nach der Reparatur erneut seinen Dienst verweigerte, ebenso wie mehrere andere schwarze Limousinen des st\u00e4dtischen Fuhrparks. Merkw\u00fcrdig. Als der hohe Herr eines Morgens nun schon bei dem x-ten Ersatzfahrzeug ergebnislos den Z\u00fcnder des Motors w\u00fcrgte, fand er auf dem Beifahrersitz einen Zettel mit aufgeklebten Buchstaben: \u201eSie h\u00e4tten unser sch\u00f6nes Rathaus niemals verkaufen d\u00fcrfen. Die B\u00fcrger der Stadt\u201c. Der Oberstadtdirektor, der sich erneut von einem Fahrer hatte abholen lassen und ungew\u00f6hnlich lange auf ihn hatte warten m\u00fcssen, beriet sich mit seinem Stellvertreter und zog einige Ratsherren ins Vertrauen, die von \u00e4hnlichen Erfahrungen berichteten. Das Ergebnis dieser Unterredungen: Die Fahrzeuge noch besser absichern, Augen offenhalten, aber darauf verzichten, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten; die Geschichten sollten nicht an die \u00d6ffentlichkeit gelangen, zu viel Sympathie f\u00fcr die hinterh\u00e4ltigen Verbrecher war seitens der Bev\u00f6lkerung zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Die Saboteure besa\u00dfen anscheinend einen Generalschl\u00fcssel f\u00fcr alle Sicherheitsschl\u00f6sser des Reviers. M\u00f6glicherweise befand sich ein begabter Schlossermeister in ihren Reihen. Das war nun aber bereits wesentlich mehr an Informationen, als sich aus dem redlichen Zeitzeugen Gunther herauslocken lie\u00df. Ich musste weitere Quellen finden, was mir oft nur \u00fcber l\u00e4ngere Umwege und viel vertane Zeit gelang. Eine Altenheimbewohnerin namens Henrike schien damals nahe an dem Geschehen gewesen zu sein, dessen Spuren ich verfolgte. Jedoch neigte sie schrecklich zur Gedankenflucht. Sie sprach von einem H\u00fcndchen, das sie, wenn ich recht verstand, als Kind einmal besessen hat und das man ihr abgenommen hatte oder das gestorben war, aber dann war aus dem Hund pl\u00f6tzlich ein Kind geworden, sie erw\u00e4hnte mehrfach das \u201eLandjahr\u201c und die M\u00e4dchen, die sie st\u00e4ndig irgendwomit aufzogen, oder meinte sie ihre Mitbewohnerinnen im Altenheim? Ich wollte, um einigerma\u00dfen folgen zu k\u00f6nnen, kurz dazwischenfragen, von welcher Zeit sie jetzt eigentlich rede, hatte gerade ein \u201eWann\u201c hervorgebracht, da schrie sie mich an, ich soll sie nicht andauernd unterbrechen oder ich solle doch gleich selbst die Geschichte weitererz\u00e4hlen, aber dann w\u00fcrde sie mir nicht zuh\u00f6ren. \u201eMein ganzes Leben lang habe ich dir zugeh\u00f6rt, jetzt bin ich auch mal dran.\u201c Sie verwechselte mich, denn ich hatte gerade mal ein Wort gesagt, und wir hatten uns auch nicht geduzt. \u201eWo war ich?\u201c \u201eBei den M\u00e4dchen im Landjahr.\u201c \u201eJetzt unterbrechen Sie mich ja schon wieder. Habe ich Sie darum gebeten, mich anzuh\u00f6ren? Nein, Sie haben sich mir aufgedr\u00e4ngt, und nun lassen Sie mich nicht ausreden.\u201c Sie rang nach Worten, knetete ihre H\u00e4nde, wollte ihr Zittern verhindern. \u201eUnd das war so ein s\u00fc\u00dfes H\u00fcndchen, und das war so ein liebes M\u00e4dchen, aber die Lotte, ach, wissen Sie was, fragen Sie doch die Schwarze Lene\u201c, schrie sie mich jetzt an und zeigte dabei mit einem Finger merkw\u00fcrdig schr\u00e4g nach oben.<\/p>\n<p>Ich stand auf, verlie\u00df mit einem Abschiedswort das Zimmer und sah mich unvermittelt auf dem Gang einer ganzen Sitzreihe alter Menschen gegen\u00fcber, denen die Tiraden drinnen im Raum nicht entgangen sein d\u00fcrften. Ich war perplex. Schwarze Lene, so hie\u00df w\u00e4hrend meiner Kindheit ein beliebtes Ausflugslokal auf einem H\u00fcgel, von wo aus man einen wundersch\u00f6nen Panoramablick \u00fcber den Stausee genie\u00dfen konnte. Nach diesem nahen Erholungsort war auch eines der Bimmelb\u00e4hnchen benannt, das zur Freude der Kinder durch den Park fuhr, der damals anl\u00e4sslich einer Gartenbauausstellung, einem Vorl\u00e4ufer der Bundesgartenschau, angelegt worden war. Jetzt wies nur noch der Name des Weges, der zu dem einstmals popul\u00e4ren Ausflugslokal f\u00fchrte, auf vergangene Zeiten hin. Trotzdem hatte der Name Schwarze Lene f\u00fcr mich als Kind etwas Be\u00e4ngstigendes. \u201eGibt es hier im Heim auch eine Lene\u201c, fragte ich in die Gesichter, die mich ansahen, als sei ich ein Pausenclown, entsandt, sie zu unterhalten. \u201eDie schwarze Lene\u201c, sagte eine Frau mit einer d\u00fcnnen Stimme, \u201edie ist hundert Jahre alt. Ich bin auch schon hundert Jahre alt. Aber die Lene, die hat hundert Jahre lang nur gelesen und Kulturfilme im Fernsehen gesehen. Die wei\u00df alles.\u201c \u2013 \u201eDie wei\u00df vielleicht nicht alles, aber sehr viel\u201c, widersprach ihre Sitznachbarin.<\/p>\n<p>\u201eEine Etage h\u00f6her\u201c, half mir ein schm\u00e4chtiger Mann weiter, der auf seinem Rollator sa\u00df. \u201eDa musst du nur hier die Treppe raufgehen, Arnold.\u201c Ich bedankte mich. Wie kam er auf Arnold?<\/p>\n<p>Eine Etage h\u00f6her bot sich mir ein \u00e4hnlicher Anblick wie in der unteren Etage. In einer langen Reihe sa\u00dfen die Menschen auf den St\u00fchlen, die sie aus ihren Zimmern auf den Gang gestellt hatten, oder auf den Abstellfl\u00e4chen ihrer Rollatoren, alle schienen darauf zu warten, endlich in den Speisesaal gelassen zu werden. \u201eHei\u00dft jemand von Ihnen Lene?\u201c, fragte ich.<\/p>\n<p>Ein Raunen ging durch die Reihe. Was hat er gefragt? Ob du Lene hei\u00dft. Lene, ich, nein. Die Lene, das ist doch die, die nie rauskommt aus ihrem Zimmer. Ach, die Schwarze Lene! Erneut h\u00f6rte man anerkennendes Gemurmel. \u201eEr fragt nach der Schwarzen Lene.\u201c \u2013 \u201eDie Schwarze Lene, die ist schon hundert Jahre alt\u201c, sagte eine Frau direkt zu mir. Ihr Nachbar korrigierte: Das war sie vor zwei Jahren doch auch schon.\u201c \u2013 \u201eDann ist sie jetzt, ach, gehen Sie doch einfach hinein.\u201c<\/p>\n<p>Welche Zimmernummer, das wusste niemand, aber drei meiner Informantinnen zeigten auf eine T\u00fcr, dessen Schild das Apartment 216 auswies. Ich klopfte vorsichtig an. In Unkenntnis ihres Familiennamens wollte ich sie respektvoll als Frau Helene ansprechen. Ich h\u00f6rte, wie sich drinnen jemand im Rollstuhl auf die T\u00fcr zu bewegte. Mit der Kr\u00fccke ihres Stocks \u00f6ffnete mir ein verhutzeltes Pers\u00f6nchen unbestimmten Geschlechts, das in einem zu gro\u00dfen Rollstuhl versank. Weder das Haar noch die Kleidung waren schwarz, sondern die gesamte Gestalt blendete mich in strahlendem Wei\u00df. Auf meine sch\u00fcchterne Frage, ob ich sie etwas \u00fcber die \u201eheimlichwirkenden Reparierer\u201c fragen d\u00fcrfe, l\u00e4chelte sie s\u00fcffisant, sagte \u201eNeugierig war des Schneiders Weib\u201c, drehte mir mitsamt ihrem Rollstuhl den R\u00fccken zu und gab hinterr\u00fccks mit dem Stock der T\u00fcr einen Sto\u00df, dass sie vor mir zufiel. Drinnen h\u00f6rte ich sie lachen. \u201eWei\u00df nicht, dass ich <em>Magda<\/em>lena hei\u00dfe, Anna Magdalena\u201c, rief sie mir triumphierend nach. Schade, falsche Ansprache. Ich habe es verdorben.<\/p>\n<p>Noch gab ich nicht auf. Viel wurde erz\u00e4hlt von allerhand Taten; doch niemals hatte jemand einen der untergrundigen Reparateure gesehen. Eine unverhoffte Einsicht kam mir eines Tages in K\u00f6ln. Bis zur Abfahrt meines Zuges hatte ich noch Zeit, spazierte \u00fcber die Domplatte und war bald in der Altstadt. Vor einem der \u00e4ltesten Brauh\u00e4user fiel mir eine sch\u00f6ne und junge Frau auf, an der Spitze eines Brunnens stand sie, in Stein gehauen, gewiss keine Heilige, eine B\u00fcrgersfrau. Zu ihren F\u00fc\u00dfen purzelten in bizarren Verrenkungen zwergenhafte M\u00e4nnchen eine geschwungene Treppe hinunter. \u00dcber einem Wappen verlief ein Spruchband. Die Schrift war verwittert, und bei der schwachen Beleuchtung am Abend kaum zu entziffern. Weib, las ich am rechten Ende des Bandes. Dass dieser Ausdruck dort noch so stehen darf, nicht \u00fcbermalt oder beklebt von politisch korrekten Zeitgenossinnen. Das Wort dar\u00fcber endete mit \u2026ders. Noch erschloss sich mir kein Sinn. Auf der linken Seite, symmetrisch zu \u201eWeib\u201c, das hie\u00df wohl \u201eNeugierig\u201c. Jetzt war alles klar. Neugierig war des Schneiders Weib. Was die \u201eSchwarze Lene\u201c zu mir gesagt hatte. Besser nicht nachforschen. Sonst vertreibt der wissenwollende Vorwitz nur die dienstbaren Geister. Das war es, was mir die alte Frau hatte sagen wollen. Sch\u00f6n und gut, doch wie, wenn nicht durch Forschung, lie\u00dfe es sich erkl\u00e4ren, wenn Kaputtes pl\u00f6tzlich ohne sichtbares Einwirken durch Menschenhand wieder funktioniert? Um das zu verstehen, bedarf es \u2013 wie es ein bekannter Sammler volkst\u00fcmlicher Legenden einmal formuliert hatte \u2013 einer \u201eunschuldigen Einfalt, strengen Treue und milden Freundlichkeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[18. Februar 2022]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ \u2013 211. Teilabriss HEIMLICH WIRKENDE REPARATEURE Es mag noch nicht \u00fcber siebzig Jahre sein, dass in der Stadt, in die ich ungefragt geboren wurde, die \u201eheimlichwirkenden Reparierer\u201c ihr abenteuerliches Wesen trieben. 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