{"id":121,"date":"2014-09-22T14:37:21","date_gmt":"2014-09-22T12:37:21","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=121"},"modified":"2014-09-22T14:37:21","modified_gmt":"2014-09-22T12:37:21","slug":"228-versuch-ueber-den-wunsch-nicht-so-schnell-fertig-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=121","title":{"rendered":"228 &#8211; Versuch \u00fcber den Wunsch, nicht so schnell fertig zu werden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 228. Teilabriss<\/p>\n<h1>Versuch \u00fcber den Wunsch, nicht so schnell fertig zu werden<\/h1>\n<p>Meine Mitarbeiterin ist super. Schnell, gr\u00fcndlich, gewissenhaft, eine vorbildliche Arbeitnehmerin. Noch zwei Minuten vor ihrem Feierabend haut sie in die Tasten, um auch die letzte unbeantwortete, eben erst eingetroffene E-Mail zu erledigen. Auf ihrem Schreibtisch bleibt nichts liegen.<\/p>\n<p>Wenn ich mich mit ihr vergleiche, frage ich mich, warum werde ich mit meinem Pensum nie fertig? Liegt das an der zunehmenden Langsamkeit des \u00c4lterwerdenden? Haben mich die zehn Jahre in S\u00fcdamerika verdorben, die Ma\u00f1ana-Mentalit\u00e4t? Pathologische Aufschieberitis? Obwohl ich am sp\u00e4ten Freitagnachmittag in der langen Reihe der B\u00fcros der einzige bin, der immer noch das Liegengebliebene abarbeiten muss, reicht die Woche nicht aus.<\/p>\n<p>Ist meine Kollegin einmal fr\u00fcher mit ihrer Arbeit fertig, beginnt sie sich zu langweilen und sucht unruhig nach neuen Aufgaben. Die Wochenenden sind ihr, wie sie mir montags erz\u00e4hlt, nicht \u2013 wie die meinen \u2013 immer viel zu kurz, sondern erscheinen ihr unertr\u00e4glich lang.<\/p>\n<p>Wie anders verh\u00e4lt es sich in meinem Leben. Auch wenn ich morgens bereits wach bin, m\u00f6chte ich im Bett bleiben, das neben mir liegende Buch greifen und an der Stelle weiterlesen, wo mir am Abend zuvor die Augen zugefallen sind. Oder es dr\u00e4ngt mich, die ersten Geistesblitze des neuen Tages sofort zu notieren, vielleicht auch die bizarren Tr\u00e4ume festzuhalten, soweit ich mich an sie erinnere. Es hilft nichts \u2013 ich muss aufstehen.<\/p>\n<p>Gern putze ich mir ausf\u00fchrlich die Z\u00e4hne, in Gedanken woanders. Zunge schaben, Gurgeltiraden mit allen Vokalen. Noch mehr Sorgfalt verwende ich auf die Nassrasur bei selbstverliebtem Grimassieren, mit geschlossenen Augen und tastendem Finger, bis die letzte Bartstoppel weggesch\u00e4lt ist. Ich genie\u00dfe auf meinen Schultern den harten warmen Strahl der Dusche, unter der ich gar nicht wieder hervorkommen m\u00f6chte. Wer einmal eine Wohnung mit mir teilen musste, wei\u00df ein Lied davon zu singen, wie lange ich morgens das Bad blockiere.<\/p>\n<p>Bed\u00e4chtiges Ausw\u00e4hlen beim Ankleiden, nichts geht schnell. An meinen B\u00fcrotagen verzichte ich auf das Fr\u00fchst\u00fcck zu Hause. Allein die Zubereitung des Fr\u00fcchtem\u00fcslis w\u00fcrde jedes von einem Arbeitgeber tolerierte Zeitma\u00df sprengen, und s\u00e4\u00dfe ich erst einmal beim Fr\u00fchst\u00fcck, fr\u00fcher mit drei oder vier Tageszeitungen, heute im Labyrinth der Online-Nachrichten versunken, w\u00e4re an ein Weiterkommen vor dem Nachmittag nicht zu denken.<\/p>\n<p>Die Zugfahrt, drei\u00dfig Minuten im Regionalexpress oder alternativ f\u00fcnfundvierzig in der S-Bahn, geht viel zu schnell vor\u00fcber. Kaum Zeit f\u00fcr Lekt\u00fcre oder zum Notieren dessen, was mich umtreibt. Denn im Zug kann ich mich meistens, selbst wenn Mitreisende lautstark telefonieren, wunderbar konzentrieren; am liebsten w\u00fcrde ich durchfahren bis Italien.<\/p>\n<p>Bis hierher k\u00f6nnte der Eindruck entstanden sein, ich wolle der Pflicht, dem leidigen Brotberuf, ausweichen. Doch auch im B\u00fcro gilt: Einmal in Schwung gekommen, gibt es kein Aufh\u00f6ren mehr. Bis neben mir der Hausmeister demonstrativ mit dem Schl\u00fcsselbund klimpert oder mich ohne Warnung probeweise einsperrt.<\/p>\n<p>Zu Hause erwartet mich die pflegebed\u00fcrftige Mutter. Auch die Zeit mit ihr lie\u00dfe sich effizienter organisieren, zumindest die Grundversorgung in k\u00fcrzerer Zeit erledigen. Aber sind M\u00fctter ohnehin mit der Begabung ausgestattet, ihre Kinder lange bei sich zu halten, so versteht sich die meine ganz besonders auf diese Kunst.<\/p>\n<p>In meiner Wohnung angekommen, liegen E-Mails von Freunden vor, denen ich mich, ein langsamer, bed\u00e4chtiger Schreiber, selbst bei Kurzmitteilungen entweder bis sp\u00e4t nachts hingebe, oder sie bleiben wochen-, monatelang unbeantwortet. Gegen Mitternacht geht es erst richtig los. Die Arbeit ist geschafft, ich gebe mir frei, lasse mich vom Internet verf\u00fchren; es gilt tiefe Informations- und Wissenskl\u00fcfte zu f\u00fcllen. Danach Lekt\u00fcre im Bett, bis ich wegsacke.<\/p>\n<p>Res\u00fcmiere ich meinen \u00fcblichen Tagesablauf, k\u00f6nnte ich mir einreden, dass ich mich wohlf\u00fchle, womit auch immer ich mich gerade besch\u00e4ftige. Jede T\u00e4tigkeit m\u00f6chte ich l\u00e4nger fortf\u00fchren; nichts soll enden. Ich muss ein gl\u00fccklicher Mensch sein. Die Dinge will ich nicht hinter mich bringen, nicht alles so schnell wie m\u00f6glich erledigen. Denn was w\u00e4re, sollte ich wirklich einmal mit allem fertig sein?<\/p>\n<p>Wenn mein Leben insgesamt so abl\u00e4uft wie die Mehrzahl meiner Tage \u2013 und ein langsamer Start, eine vertr\u00f6delte Jugend, sp\u00e4tes Erwachsenwerden (wenn \u00fcberhaupt) k\u00f6nnten als Zeichen in diese Richtung weisen \u2013, w\u00e4re ich mit meinem Schicksal einverstanden. Ein nicht enden wollender Ausklang, das Sch\u00f6nste, das Entscheidende gleichsam in der Nachspielzeit, bis mir sp\u00e4t, sehr sp\u00e4t in der Nacht, vor Ersch\u00f6pfung die Augen zufallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[8. September 2013]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 228. Teilabriss Versuch \u00fcber den Wunsch, nicht so schnell fertig zu werden Meine Mitarbeiterin ist super. Schnell, gr\u00fcndlich, gewissenhaft, eine vorbildliche Arbeitnehmerin. Noch zwei Minuten vor ihrem Feierabend haut sie in die Tasten, um auch die letzte unbeantwortete, eben erst eingetroffene E-Mail zu erledigen. Auf ihrem Schreibtisch bleibt nichts liegen. &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=121\" class=\"more-link\">Continue reading &lsquo;228 &#8211; Versuch \u00fcber den Wunsch, nicht so schnell fertig zu werden&rsquo; &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121"}],"collection":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=121"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/121\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}