{"id":119,"date":"2014-09-22T14:33:27","date_gmt":"2014-09-22T12:33:27","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=119"},"modified":"2014-09-22T14:33:27","modified_gmt":"2014-09-22T12:33:27","slug":"229-ueber-das-nicht-koennen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=119","title":{"rendered":"229 &#8211; \u00dcber das Nicht-K\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 229. Teilabriss<\/p>\n<h1>\u00dcber das Nicht-K\u00f6nnen<\/h1>\n<h1>als Fragment zu:<\/h1>\n<h1>Das dem Markt sich verweigernde Werk<\/h1>\n<p>Menschen vermarkten das, was sie k\u00f6nnen. Das ist legitim und \u2013 denken wir etwa an das Handwerk \u2013 auch sinnvoll. Rufe ich etwa einen Heizungsmechaniker zu mir, m\u00f6chte ich nicht, dass jemand kommt, der erkl\u00e4rt, er habe das noch nie gemacht, sehe es aber als eine pers\u00f6nliche Herausforderung an, in seinem Leben auch einmal eine Heizung zu reparieren, und der sich umzuschauen beginnt, welches Werkzeug er wohl dazu ben\u00f6tigen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Genau so verhalte ich mich aber, was mein Schreiben, Sprachenlernen, Unterrichten usw. betrifft. Was ich kann, langweilt mich. Mich reizt das, was ich nicht kann. Ich dilettiere gern. Ebenso wie mich das am meisten interessiert, was ich nicht besitze. \u00dcberhaupt scheine ich mich mehr \u00fcber das Nicht als \u00fcber das Etwas zu definieren. Freilich lie\u00dfe sich Etwas besser verkaufen als Nichts. So ist es folgerichtig und ganz im Einklang mit der mir sympathischen \u00d6konomie der Verausgabung, dass ich nichts verkaufe.<\/p>\n<p>Beim Schreiben aber will ich nur das N\u00f6tigste. Mich verausgabend am N\u00f6tigsten arbeiten. \u201eDas N\u00f6tigste\u201c mag paradox klingen f\u00fcr jemanden, der die Notwendigkeit der Menschheit und ihres Planeten im kosmischen Ma\u00dfstab relativiert. Doch da beginnt die Frage interessant zu werden. Warum muss jemand schreiben, malen, komponieren oder sonst etwas schaffen, der von der Wichtigkeit seines Tuns nicht \u00fcberzeugt ist? Warum kann er es nicht lassen?<\/p>\n<p>Ich mag keine Literatur, bei der ein Autor die L\u00f6sung der R\u00e4tsel in seinem Werk kennt und mit den Lesenden sein Spiel treibt. Schreiben hei\u00dft f\u00fcr mich, auf der gleichen Basis wie die Lesenden den Geheimnissen nachzusp\u00fcren. Das aber stellt die Professionalit\u00e4t eines Autors in Frage. Warum jemanden f\u00fcr etwas ehren, warum jemanden bezahlen, der zugibt, \u00fcber die in Frage stehenden Themen nicht kompetent Auskunft geben zu k\u00f6nnen? Zumal ein Gro\u00dfer es bereits vor mir vorbildlich geschafft hat, mit Nichts Karriere zu machen. Samuel Beckett, der Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger, hat von seinen fr\u00fchen Briefen bis ins Sp\u00e4twerk in verschiedenen Varianten \u00fcber sich gesagt, er k\u00f6nne nicht schreiben, hat an der optimalen Formulierung dieser Aussagen freilich als Besessener gearbeitet. Das war kein Fishing for compliments \u2013 Aber nicht doch, Sam, du kannst wunderbar schreiben. Versuch\u2019s noch einmal! \u2013 er hatte Recht. Mit der Rezension seiner Briefe 1929\u20131940 besch\u00e4ftigt, werde ich in einer gro\u00dfen Buchhandlung auf die Frage, wo die Romane Samuel Becketts stehen, zum Regal mit Simon Beckett gef\u00fchrt und glaube bereits im Umfang von dessen Werken eine Best\u00e4tigung meiner Vermutung sehen zu d\u00fcrfen, dass nach Samuel Beckett l\u00e4ngst nicht jeder Autor die M\u00f6glichkeit des Schreibens von Romanen derart gr\u00fcndlich zunichte gedacht hat. Nicht mehr schreiben zu k\u00f6nnen mag in einer \u00f6konomisch furchtsamen Welt nicht dem Zeitgeschmack entsprechen. Moden \u00e4ndern sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">[Auxerre, 22. August 2013]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 229. Teilabriss \u00dcber das Nicht-K\u00f6nnen als Fragment zu: Das dem Markt sich verweigernde Werk Menschen vermarkten das, was sie k\u00f6nnen. Das ist legitim und \u2013 denken wir etwa an das Handwerk \u2013 auch sinnvoll. 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