{"id":100,"date":"2014-09-22T14:08:08","date_gmt":"2014-09-22T12:08:08","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?p=100"},"modified":"2014-11-02T22:40:36","modified_gmt":"2014-11-02T20:40:36","slug":"237-nummer-noch-nicht-vergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?p=100","title":{"rendered":"237 &#8211; Welt ohne K\u00f6rper"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 237. Teilabriss<\/p>\n<h1><strong><strong>Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine k\u00f6rperlose Welt?<\/strong><br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p>In einer Welt ohne K\u00f6rper g\u00e4be es keine H\u00e4morrhoiden und kein Colonkarzinom, und die Aufz\u00e4hlung, was es sonst alles nicht g\u00e4be, w\u00e4re unendlich. Freilich auch keinen Sex, man h\u00e4tte sich eine Menge Arbeit und Sorgen erspart. Zwar leider auch kein gutes Essen, daf\u00fcr aber zum Gl\u00fcck auch kein schlechtes, und vor allem w\u00e4re man von den Prozessen der Verdauung und Ausscheidung endg\u00fcltig befreit.<\/p>\n<p>In meiner Jugend war es angesagt, Karl Marx zu lesen oder zumindest bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von ihm zu reden. Als ich den Namen zum ersten Mal h\u00f6rte, war ich zugleich entt\u00e4uscht zu erfahren, dass er einen historischen und dialektischen <em>Materialismus<\/em> vertrat. Ein Philosoph eines radikalen Idealismus w\u00e4re mir als allgemeines Jugendideal willkommener gewesen. Max Stirner war keine wirkliche Alternative. Er besch\u00e4ftigte sich noch zu viel mit Religionskritik, ein Thema, mit dem ich als Zwanzigj\u00e4hriger bereits fertig war, und \u00fcberhaupt klang \u201eDer Einzige und sein Eigentum\u201c etwas angestaubt.<\/p>\n<p>Eine Gesellschaft, wie ich sie wollte, war mit der existierenden Menschheit nicht zu machen. Solange so viele Idioten haupts\u00e4chlich an ihre eigene materielle Bereicherung dachten, erschien alles hoffnungslos. Eine Welt, in der allen alles geh\u00f6rte, eine kommunistische Utopie, war aber andererseits auch nicht die Richtung, in die ich weiter denken wollte. Denn mir lag weniger daran, den Besitz geringzusch\u00e4tzen, als vielmehr die Dinge in ihrer Materialit\u00e4t. Ihre traurige Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p>K\u00f6rperlose Ideen \u2013 konnte es sie geben? Ben\u00f6tigten nicht auch die Gedanken einer Verankerung im Universum der Materie? Ein denkendes Hirn wollte ich gelten lassen. Mein eigenes. Mit nichts drum herum. Aber auch das Hirn, die Basis meines Ichs, war dem Verfall ausgesetzt. Wie die Gedanken in ein reines, k\u00f6rperloses Reich der Ideen \u00fcberf\u00fchren?<\/p>\n<p>Ich wollte, und will noch immer, das Unm\u00f6gliche. Nicht um Unm\u00f6gliches zu verwirklichen, sondern um ihm seinen abgehobenen Status der Unm\u00f6glichkeit zu belassen. Ich sp\u00fcre eine warme, erf\u00fcllte Liebe zur Unm\u00f6glichkeit in der S-Bahn Linie 1, kurz hinter Angermund, eine Liebe, die in der materiellen Welt bis weit hinter Derendorf anh\u00e4lt. Beim Aussteigen am D\u00fcsseldorfer Hauptbahnhof aber werde ich mich wieder fast ganz durch die Welt der K\u00f6rperlichkeiten bewegen. Hoffentlich sind sch\u00f6ne K\u00f6rper darunter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 540px;\">[aus dem Notizbuch Nr. 56, Eintrag vom 24.07.2012, auf dem Weg zur Arbeit]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Cziesla: DER FIRWITZ &#8211; 237. Teilabriss Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine k\u00f6rperlose Welt? In einer Welt ohne K\u00f6rper g\u00e4be es keine H\u00e4morrhoiden und kein Colonkarzinom, und die Aufz\u00e4hlung, was es sonst alles nicht g\u00e4be, w\u00e4re unendlich. Freilich auch keinen Sex, man h\u00e4tte sich eine Menge Arbeit und Sorgen erspart. 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