{"id":17,"date":"2014-09-21T19:11:04","date_gmt":"2014-09-21T17:11:04","guid":{"rendered":"http:\/\/newsic.net\/firwitz\/?page_id=17"},"modified":"2015-05-15T22:19:13","modified_gmt":"2015-05-15T20:19:13","slug":"einfuehrung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/firwitz-verlag.de\/werk\/?page_id=17","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<h1>DIE GEBURT DES FIRWITZ&#8216;<\/h1>\n<p>In der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 1977, wenige Stunden nach der Einnahme von etwa 50\u201380 Mikrogramm, stand mir klar vor Augen, was ich zu tun hatte. Ich meine, f\u00fcr den Rest meiner Tage zu tun haben w\u00fcrde. Das Wort \u201eFirwitz\u201c tauchte unvermittelt auf. Ob in meinem Kopf oder durch einen \u00e4u\u00dferen Reiz hervorgerufen, wei\u00df ich nicht. Ebenso wenig, ob ich es in einem akustischen Sinne \u201eh\u00f6rte\u201c (woher kommen Eingebungen?). So ungef\u00e4hr stellte ich mir telepathische Kommunikation vor. Aber Telepathie mit wem? Es war niemand im Raum, oder doch? Das Wort war augenblicklich da, als Antwort auf mein Experiment. \u201eFirwitz\u201c war mir so noch nicht begegnet, doch ich wusste, dass ich die Variante in der Schreibweise F-i-r-w-i-t-z in den mir daheim zur Verf\u00fcgung stehenden W\u00f6rterb\u00fcchern nicht zu suchen brauchte. Stattdessen w\u00fcrde ich das Gesuchte unter \u201eF\u00fcrwitz\u201c oder \u201eVorwitz\u201c finden.<\/p>\n<p>Das Grimmsche W\u00f6rterbuch verzeichnete unter beiden Schlagworten veritable Begriffsgeschichten, die buchst\u00e4blich bei Adam und Eva beginnen: \u201esi folget ir bosen furwitz und t\u00ebt dar in einen biz\u201c \u2013 n\u00e4mlich Eva in die Frucht vom Baum der Erkenntnis (so in der Millst\u00e4tter Genesis). F\u00fcrwitz war es auch, was Doktor Fausten antrieb, seinen Geist Mephostophilem herbeizurufen (so im Volksbuch von 1587), der Drang nach Erkenntnis mit unerlaubten Mitteln. Vorwitz brachte Renaissance-Helden zur Erkundung des Erdkreises weit \u00fcber den theologisch vorgegebenen Rahmen hinaus. Astronomie war die vorwitzigste aller Besch\u00e4ftigungen, das Eindringen in einen Bereich, der einer Gottheit vorbehalten war. Das konnten auch G\u00f6ttinnen sein, die \u00fcber den Erdball wandelten und in Quellen badeten, Diana, von einem f\u00fcrwitzigen J\u00e4ger belauscht.<\/p>\n<p>Beim Voyeurismus blieb es nicht. \u201eVersch\u00e4mtes Kind, der Vorwitz trieb mich an, \/ Den losen Arm um deinen Hals zu werfen\u201c, dichtete Johann Christian G\u00fcnther, und sein barocker Kollege Hoffmann von Hoffmannswaldau: \u201eDie brunst zog meinen geist \/ der f\u00fcrwitz trieb die hand \/\/ Zu suchen \/ was sich hier in diesem zirck beweget.\u201c (Der \u201ezirck\u201c ist in diesem Fall die weibliche Brust. In einer sp\u00e4teren Hofmannswaldau-Ausgabe gibt es einen h\u00fcbschen Druckfehler. Dort hei\u00dft es: \u201eDie Brust zog meinen Geist\u201c.) In seiner Geschichte vom \u201eUnzeitigen F\u00fcrwitz\u201c l\u00e4sst Miguel de Cervantes einen jungen Adligen mit Hilfe seines besten Freundes die Treue seiner Ehefrau testen, mit dem voraussehbar negativen Ausgang. Solcher F\u00fcrwitz zerst\u00f6rt Ehe und Freundschaft. Diese und hundert weitere Entdeckungen, die sich mir nach und nach auftaten, steckten in dem Augenblick der Eingebung im Dezember 1977, als mir klar wurde, dass ich dem Firwitz nicht nur geschichtlich nachzusp\u00fcren, dass ich ihn zu leben, ihn wieder in die Welt zu bringen hatte.<\/p>\n<p>Sechs Jahre sp\u00e4ter schlug ich meinem Chef an der Universit\u00e4t Essen und ausersehenen Doktorvater das Thema f\u00fcr die Dissertation vor. Eine philologische Studie lehnte der Vergleichende Literaturwissenschaftler ab und war auch f\u00fcr meinen Versuch, es zu einer motivgeschichtlichen Forschung \u00fcber den \u201ebestraften Vorwitz\u201c abzuwandeln, nicht zu begeistern. Er wollte, dass ich mich mit der galanten Dichtung des Barock besch\u00e4ftigte. Wie ich bald entdeckte, hatte Giambattista Marino einen \u201eAtteone\u201c, einen Akt\u00e4on, erdichtet, und \u00fcber diesen curiosus war ich wieder mitten in meinem Thema angelangt.<\/p>\n<p>In der Nacht vom 1. zum 2. Dezember \u201eden Firwitz konstruiert\u201c, steht in meinem Tagebucheintrag, und das galt keineswegs blo\u00df f\u00fcr die begriffs- oder motivgeschichtliche Studie. Der Untertitel meines Werks, \u201eEin Abriss in 256 Teilabrissen\u201c, war mir noch in gleicher Nacht mitgegeben. Das kalauernde Spiel mit der Zahl vier im Firwitz tobte bereits in seiner Geburtsminute. Aus 256, vier hoch vier, Teilabrissen musste sich der \u201eAbriss\u201c zusammensetzen, ein Abriss der Welt im doppelten Sinne. Die kurze, pr\u00e4gnante Darstellung ebenso wie der alles in Frage stellende Kahlschlag. Dabei war auch klar, dass die Grenzen der Literatur gesprengt werden mussten. Die 256 Teilabrisse konnten nicht nur Texte sein. Wo die W\u00f6rter nicht hinreichten, kamen Graphiken, Zeichnungen, Fotos zum Einsatz.<\/p>\n<p>Doch nicht alle Dinge lassen sich angemessen durch W\u00f6rter oder Abbildungen repr\u00e4sentieren. Daher habe ich fr\u00fchzeitig Objekte in das Werk einbezogen, die in verschiedenen Teilabrissen als \u201eParaphernalien\u201c auftauchen. Der Begriff bezeichnete urspr\u00fcnglich den zur Aussteuer hinzukommenden pers\u00f6nlichen Besitz der Braut (der meistens vom Ehemann verwaltet wurde). Die \u00dcbertragung des Worts auf Grabbeigaben lag nicht fern, und im Mausoleum Firwitz, welches das zur Schrift gewordene Fleisch aufnimmt, sind Paraphernalien plausibel. Kleine und flache Gegenst\u00e4nde wie meinen ersten Leseausweis der Stadtteilbibliothek Essen-R\u00fcttenscheid, der mich unter \u201eBeruf\u201c als \u201eKind\u201c ausweist, oder der \u201eReisende\u201c aus der Serie \u201eMenschen am Bahnsteig\u201c, das einzig \u00fcbriggebliebene Requisit einer Modelleisenbahn, die ich nicht besessen habe, nur die kleinen Menschlein an einem selbstgebauten oder erdachten Bahnsteig, an dem kein Zug fuhr und dessen letzten \u00dcberlebenden ich sp\u00e4ter einsam in eine Kunstlandschaft einsetzte, solch kleine Dinge lie\u00dfen sich in ein Unikat bleibendes Werk einbauen. Wie aber der echte Chevrolet Impala aus dem Jahr 1959, den ich in Chile fuhr und f\u00fcr dessen Gr\u00f6\u00dfe mir in Deutschland kein Raum zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, selbst wenn er noch nicht verschrottet w\u00e4re? Seinesgleichen erweitert die Dingwelt um die nicht mehr wiederbeschaffbaren Objekte und verdeutlicht die Unm\u00f6glichkeit meines Werks. Aber selbst wenn mein sch\u00f6ner Amischlitten noch existierte, selbst wenn ich ihn hertransportieren k\u00f6nnte und meinem Kunstwerk ein gen\u00fcgend gro\u00dfer Raum gegeben w\u00e4re, um ihn aufzunehmen, was w\u00e4re gewonnen? W\u00fcrde der Gegenstand einem Betrachter etwas dar\u00fcber verraten, wie es war, das gutgefederte Fahrzeug durch die Schlagl\u00f6cher Santiaguiner Vorstadtstra\u00dfen zu steuern, das schwebende Wippen, das Ger\u00e4usch beim Zuschlagen der massiven Eisent\u00fcr nach dem Einparken und Aussteigen, das \u00d6ffnen des riesigen Kofferraums, die vielen Details am Wagen und in seinem Inneren und meinen spontanen Kauf, weil mich der Anblick an eines meiner verlorenen Spielzeugautos erinnerte \u2013 das New Yorker Yellow Cab der Marke Corgi Toys? Die pers\u00f6nliche Beziehung w\u00fcrde sich nicht \u00fcbertragen, und daher mussten Qualia ins Werk.<\/p>\n<p>Qualia geh\u00f6ren zu den zentralen Herausforderungen der Philosophie des Geistes, eben weil sich die subjektiven Erlebnisgehalte eines mentalen Zustands bisher nicht mit den Mitteln der Neuro- und Kognitionswissenschaften erkl\u00e4ren lassen. \u201eWhat is it like\u201c (Thomas Nagel) \u2026 to be in a certain state of mind? Oder die in letzter Zeit oft geh\u00f6rte deutsche Quasi-\u00dcbersetzung: Wie f\u00fchlt sich das f\u00fcr dich an? David Hume stellte bereits 1739 in seinem \u201eTreatise on Human Nature\u201c fest: Wir k\u00f6nnen uns keinen Begriff vom Geschmack einer Ananas bilden, ohne diese tats\u00e4chlich gekostet zu haben.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte ich allein mit literarischen M\u00f6glichkeiten vermitteln, was es f\u00fcr ein Gef\u00fchl war, 1996 im offenen Cabrio zur Musik der damals noch recht neuen Formation \u201eAir\u201c oder zu den Beats von Dimitri of Paris die K\u00fcstenstra\u00dfe zwischen Cannes und Saint-Rapha\u00ebl entlang zu fahren, in Fr\u00e9jus-Plage in einer Disco mit Terrasse zum Meer zu tanzen, umgeben von den bestaussehenden jeunes filles en fleurs? F\u00fcr bestimmte Philosophen sind Qualia g\u00e4nzlich unbrauchbare Begriffe, und es hat sich eine Str\u00f6mung des Qualiaeliminativismus herausgebildet. F\u00fcr den Philosophen Daniel Dennett beispielsweise k\u00f6nnen Qualia im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts abgeschafft werden, \u00e4hnlich den Begriffen Hexe oder Phlogiston. F\u00fcr Literaten hingegen sind und waren Qualia seit jeher das Kerngesch\u00e4ft von Poesie und Prosa. Qualiabasiertes Schreiben beschw\u00f6rt nicht erst seit Marcel Prousts Madeleine den Geschmack der Kindheit anhand der sich zugleich einstellenden Erinnerungen an die konkreten \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde. Der Firwitz aber will \u00fcber ein qualiaorientiertes Schreiben hinaus zu den Qualia selbst vordringen. Das Skizzieren einer Idee, die Aufforderung zu einer Handlung, Concept Art standen von Jugend an Pate f\u00fcr mein Schaffen. Fahren Sie aber bitte nicht im Rover-Cabrio meine Tour von 1996 mit den genannten Musik-Samples nach. Als Verfechter subjektiven Erlebens m\u00f6chte ich Sie zum Wagnis selbstgewonnener Erlebnisgehalte ermuntern. Das gew\u00e4hrt einen ganz eigenen Genuss.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Firwitz Qualia in Reinform aufgenommen hat, kommen Hexen in ihm nicht vor (diejenigen, denen ich begegnet bin, sind es nicht wert). Das Phlogiston m\u00f6glicherweise, unmittelbar neben dem Paraliproptikon (von dem ebenfalls niemand wei\u00df, was es sein soll). Hexen nicht, andere Frauen schon. Wie in vielen Gesamtkunstwerken, Junggesellenmaschinen und Merz-Bauten wurden auch meine Frauen in den Nischen meiner Kathedrale des erotischen Elends eingemauert. Literarisch \u00fcberformt ruhen sie im Firwitz-Bau, jede Frau eine Mappe. Meine beiden Urgro\u00dffreundinnen, meine Gro\u00dfgeliebte. Vor physischer Pr\u00e4senz fl\u00fcchtend, den ihrerseits fluchtfreudigen, fast materiefreien Gespenstern jedoch nachjagend, verehrte auch ich wie Breton eine \u201eNadja\u201c (die anders hie\u00df und mir keine langen Briefe schrieb), mit der jede ungeplante Begegnung begl\u00fcckend verlief, Verabredungen aber grunds\u00e4tzlich scheiterten; falls sie nach zwei oder drei Stunden doch noch auftauchte, meinte sie, auf die Versp\u00e4tung angesprochen, heiter l\u00e4chelnd: \u201eStimmt, ich habe getr\u00f6delt.\u201c Solche Gl\u00fccksgesch\u00f6pfe muss man einfach f\u00fcr schlechtere Zeiten archivieren, ebenso wie die ansehnliche Galerie der Beinahe-Geliebten, der Vierprozent-Ehen, Um-ein-Haar-Abenteuer, amori minori, Poussagen und Kr\u00f6sken.<\/p>\n<p>Das Archiv ist \u00fcberlebenswichtig. Schlie\u00dflich lebt man nicht, um am Ende zu sterben. Diese Pointe aus dem unergr\u00fcndlichen Humor meines Sch\u00f6pfers hat mich nie erheitern k\u00f6nnen. Ich lebe, um zu bleiben. Das Fleisch wird Wort, genauer gesagt, Schrift. Doch Schrift allein gen\u00fcgt nicht. Das haben alle Erfinder von Gesamtkunstwerken begriffen. Zu Lebzeiten k\u00f6nnen noch vorwitzige Handlungen den Charakter bestimmen. Wie Kurt Schwitters, der im Zuge der Vermerzung der Welt auch eine Merz-B\u00fchne schuf, habe ich mich gefragt, ob ich eine Firwitz-B\u00fchne ins Leben rufen muss, den Ansatz aber wieder verworfen. Die Firwitz-B\u00fchne ist die Welt.<\/p>\n<p>Nicht alles funktioniert. Manches kann gar nicht funktionieren, und doch geh\u00f6rt es dazu. Der \u201eFirwitz\u201c ist seit seiner Konzeption im Dezember 1977 auch ein unm\u00f6gliches Werk, und zwar eines, welches das Unm\u00f6gliche als solches respektiert und nicht zu erm\u00f6glichen versucht. Kein falscher Heroismus. Wie ich Gespenster liebe, so hoffe ich auch, mich meinerseits einmal in eines zu verwandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>[Erstver\u00f6ffentlicht in: <em>Sinn und Form<\/em>. Beitr\u00e4ge zur Literatur. Herausgegeben von der Akademie der K\u00fcnste (Berlin). 67. Jahr \/ 2015 \/ 2. Heft (M\u00e4rz\/April), Seiten 278\u2013281; erster m\u00fcndlicher Vortrag am 18. September 2014 im Theatermuseum D\u00fcsseldorf in der Reihe \u201eDie Inspiration des Augenblicks\u201c]<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE GEBURT DES FIRWITZ&#8216; In der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember 1977, wenige Stunden nach der Einnahme von etwa 50\u201380 Mikrogramm, stand mir klar vor Augen, was ich zu tun hatte. Ich meine, f\u00fcr den Rest meiner Tage zu tun haben w\u00fcrde. Das Wort \u201eFirwitz\u201c tauchte unvermittelt auf. 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